Dresden. Steuerformulare, Datenschutz, Arbeitsrecht, Umweltauflagen und immer neue Nachweispflichten: Für Unternehmen wird die Erfüllung staatlicher Vorgaben zunehmend zu einem erheblichen Kostenfaktor.
Wie stark die Belastung inzwischen ausfällt, zeigt eine aktuelle Untersuchung der Deutschen Bundesbank. Danach stiegen die durchschnittlichen Bürokratiekosten deutscher Unternehmen zwischen 2022 und 2024 von rund fünf auf etwa sieben Prozent des Jahresumsatzes. Grundlage ist eine Unternehmensbefragung mit rund 7.000 Betrieben.
Über die wirtschaftlichen Folgen und die besondere Situation Sachsens haben sich nun Jörg Scheibe, 3. Vizepräsident des Sächsischen Landtags, und Guido Müller, Präsident der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Sachsen und Thüringen, ausgetauscht.
Im Mittelpunkt des Gesprächs standen die wirtschaftliche Entwicklung, die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und die zunehmenden Kosten durch staatliche Regulierung.
Kleine Unternehmen besonders stark belastet
Die Bundesbank kommt zu dem Ergebnis, dass kleinere Unternehmen von Bürokratie besonders stark getroffen werden.
Der Grund liegt auf der Hand: Ein großer Konzern kann eigene Rechts-, Steuer- und Compliance-Abteilungen unterhalten. In einem Handwerksbetrieb oder einem Unternehmen mit wenigen Beschäftigten müssen dieselben Aufgaben häufig von Mitarbeitern erledigt werden, die eigentlich für Produktion, Kunden oder Aufträge gebraucht werden.
Die Bundesbank spricht deshalb von einem besonders ungünstigen Verhältnis zwischen Bürokratiekosten und Umsatz bei kleinen Unternehmen. Arbeitszeit werde gebunden, die andernfalls für produktive Tätigkeiten zur Verfügung stünde.
Für Sachsen besitzt das besondere Bedeutung. Der Freistaat ist stark von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägt. Gerade dort kann zusätzliche Verwaltungsarbeit unmittelbar auf Investitionen, Personal und Wettbewerbsfähigkeit durchschlagen.
Von fünf auf sieben Prozent des Umsatzes
Die Entwicklung innerhalb von nur zwei Jahren fällt deutlich aus.
2022 entsprachen die durch regulatorische Vorgaben verursachten Kosten nach der Bundesbank-Erhebung durchschnittlich etwa fünf Prozent des Jahresumsatzes.
2024 waren es bereits ungefähr sieben Prozent.
Das entspricht einem Anstieg um fast die Hälfte.
Zu den Bereichen mit besonders hohem Aufwand gehören nach den im Gespräch aufgegriffenen Ergebnissen unter anderem:
• Steuer- und Finanzberichterstattung, • Datenschutz, • Arbeitsrecht, • Umweltrecht, • Dokumentations- und Nachweispflichten.
Damit geht es längst nicht nur um die Zahl einzelner Formulare. Unternehmen müssen Arbeitszeit, externe Berater, Software und interne Prozesse einsetzen, um staatliche Anforderungen zu erfüllen.
Bundesbank sieht Folgen für Produktivität
Die Untersuchung geht noch einen Schritt weiter.
Nach ökonometrischen Berechnungen der Bundesbank könnte der Anstieg der Bürokratielasten das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum in Deutschland zwischen 2022 und 2024 um rund 0,5 Prozentpunkte gedämpft haben.
Damit wird Bürokratie zu mehr als einem Ärgernis für einzelne Firmen.
Wenn Unternehmen mehr Arbeitszeit und Kapital für administrative Aufgaben benötigen, fehlen diese Ressourcen für Investitionen, Innovationen oder Produktion.
Gerade vor dem Hintergrund schwacher wirtschaftlicher Entwicklung und zunehmenden internationalen Wettbewerbs gewinnt dieser Faktor an Bedeutung.
Sachsen steht zusätzlich unter Kostendruck
Die Bürokratie ist dabei nur eine von mehreren Belastungen.
Nach aktuellen Bundesbank-Daten berichteten im zweiten Quartal 2026 80 Prozent der befragten Unternehmen von gestiegenen Energiekosten innerhalb der vergangenen zwölf Monate. 24 Prozent meldeten zudem einen schlechteren Zugang zu Vorleistungen und Vorprodukten.
Für Sachsen treffen damit mehrere Probleme gleichzeitig aufeinander:
hohe Energiepreise, internationaler Wettbewerbsdruck, Fachkräftemangel und zunehmende Verwaltungskosten.
Davon betroffen sind sowohl große Industriestandorte als auch Mittelständler, Handwerksbetriebe und kleinere Unternehmen im ländlichen Raum.
Scheibe und Müller sprechen über strukturelle Reformen
Nach Angaben der BSW-Fraktion waren sich Scheibe und Müller darin einig, dass Bürokratieabbau zu einem wichtigen Standortfaktor geworden ist.
Dabei gehe es nicht allein darum, einzelne Vorschriften zu streichen.
Auch digitale Verwaltungsverfahren, einfachere Abläufe und grundlegende strukturelle Reformen könnten Unternehmen entlasten.
Scheibe brachte dabei seine Perspektive aus dem Sächsischen Landtag ein. Neben seinem Amt als 3. Vizepräsident gehört er dem Ausschuss für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Klimaschutz sowie dem Ausschuss für Wissenschaft, Hochschule, Medien, Kultur und Tourismus an.
Digitalisierung allein reicht nicht
Ein entscheidender Unterschied besteht zwischen Digitalisierung und Vereinfachung.
Ein komplizierter Antrag wird nicht automatisch weniger aufwendig, nur weil er statt auf Papier am Bildschirm ausgefüllt wird.
Für Unternehmen ist deshalb entscheidend, ob Meldepflichten tatsächlich reduziert, Daten nur einmal erfasst und Verwaltungsverfahren schneller abgeschlossen werden.
Auch die Bundesbank verweist darauf, dass der Anstieg der Bürokratiekosten nicht auf eine einzelne Vorschrift zurückzuführen ist, sondern aus einer Vielzahl regulatorischer Anforderungen entsteht.
Bürokratie wird zur Standortfrage
Die Diskussion betrifft deshalb unmittelbar die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts.
Ein Unternehmen entscheidet über Investitionen nicht nur anhand von Löhnen oder Energiepreisen. Auch Genehmigungsdauer, Berichtspflichten und Verwaltungsaufwand beeinflussen die Kosten.
Für Sachsen ist das besonders relevant, weil der Freistaat zugleich um neue Industrieinvestitionen wirbt und bestehende Unternehmen im Land halten will.
Die Bundesbank-Zahlen liefern dafür eine deutliche Größenordnung:
Wenn im Durchschnitt rund sieben Prozent des Umsatzes für die Erfüllung regulatorischer Vorgaben aufgewendet werden, ist Bürokratie selbst zu einem messbaren Kostenblock geworden.
Die Frage für Politik und Verwaltung lautet deshalb nicht mehr, ob Bürokratie Unternehmen belastet.
Die entscheidende Frage ist, welche Regeln tatsächlich notwendig sind – und welche Verfahren schneller, einfacher oder überflüssig gemacht werden können.