Graichens Atomkraft-Eingeständnis: Deutschland schaltete günstigen Strom ab – die Industrie zahlt den Preis
Der frühere Wirtschaftsstaatssekretär Patrick Graichen bestätigt, dass ein Weiterbetrieb deutscher Kernkraftwerke zusätzlichen Strom zu vergleichsweise niedrigen Kosten ermöglicht hätte. Interne Unterlagen zeigen, dass entsprechende Vorteile bereits 2022 im Wirtschaftsministerium bekannt waren. Währenddessen ist die Produktion energieintensiver Industrien seit 2021 um fast 18 Prozent eingebrochen. Der Fall wirft neue Fragen nach der politischen Verantwortung für Deutschlands Energiepolitik auf.
Berlin. Deutschland steckt seit Jahren in einer schweren industriellen Strukturkrise. Unternehmen kämpfen mit hohen Energiekosten, Investitionen bleiben aus und wichtige Industriezweige haben erheblich an Produktion verloren. Ausgerechnet einer der früheren Architekten der deutschen Energiepolitik hat nun einen wirtschaftlichen Vorteil eingeräumt, der während der Energiekrise 2022 für die damalige Bundesregierung von erheblicher Bedeutung war.
Patrick Graichen, ehemaliger Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium unter Robert Habeck (Grüne), bestätigte auf einer Veranstaltung der Denkfabrik R21 in Berlin, dass der Weiterbetrieb der letzten deutschen Kernkraftwerke zusätzlich Strom zu vergleichsweise niedrigen Grenzkosten geliefert hätte.
Die Aussage ist bemerkenswert, weil Graichen 2022 zu den wichtigsten Entscheidungsträgern im Wirtschaftsministerium gehörte. Damals musste Deutschland den Ausfall großer russischer Gaslieferungen bewältigen, während Unternehmen und private Haushalte unter stark steigenden Energiepreisen litten.
Neue Brisanz erhält seine Äußerung durch interne Unterlagen aus der damaligen Bundesregierung. Demnach waren die möglichen Vorteile eines Weiterbetriebs der Kernkraftwerke bereits innerhalb des Ministeriums bekannt.
Graichen bestätigt wirtschaftlichen Vorteil der Kernkraft
Bei der Berliner Veranstaltung wurde Graichen nach seiner heutigen Bewertung des deutschen Atomausstiegs gefragt.
Ein ausdrückliches Eingeständnis, dass die Entscheidung falsch gewesen sei, verweigerte der frühere Staatssekretär.
Allerdings bestätigte er einen wesentlichen wirtschaftlichen Zusammenhang: Mit den letzten drei Kernkraftwerken hätte Deutschland nach April 2023 zusätzlichen Strom zu vergleichsweise geringen laufenden Erzeugungskosten produzieren können.
Dabei handelt es sich keineswegs um eine nebensächliche Feststellung.
An der Strombörse beeinflusst die jeweils zur Deckung der Nachfrage benötigte Kraftwerksleistung den Marktpreis. Zusätzliche Erzeugung aus vorhandenen Anlagen kann dazu beitragen, teurere Kraftwerke aus dem Markt zu verdrängen und damit die Großhandelspreise zu senken.
Wie groß der tatsächliche Preisvorteil eines längeren Kernkraftbetriebs gewesen wäre, hängt allerdings von der jeweiligen Marktsituation, der verfügbaren Kraftwerksleistung, den Brennstoffkosten und weiteren Faktoren ab.
Niedrige Grenzkosten sind außerdem nicht mit niedrigen Gesamtkosten gleichzusetzen. Sicherheitsprüfungen, notwendige Investitionen und der weitere Betrieb hätten ebenfalls Kosten verursacht.
Graichen bleibt trotz seiner Aussage bei seiner Ablehnung der Kernenergie. Er verweist insbesondere auf die Risiken eines schweren Atomunfalls.
Der entscheidende Punkt seiner Äußerung ist deshalb nicht, dass er den gesamten Atomausstieg für falsch erklärt hätte. Das hat er ausdrücklich nicht getan. Entscheidend ist vielmehr, dass er einen wirtschaftlichen Vorteil bestätigt, der bei der damaligen politischen Abwägung eine Rolle spielte.
Interne Unterlagen: Ministerium kannte die Vorteile bereits 2022
Besonders schwer wiegt ein interner E-Mail-Wechsel aus dem Jahr 2022, über den die Bild-Zeitung am 7. November 2026 berichtet.
Darin wird eine fachliche Einschätzung aus dem Bundeswirtschaftsministerium wiedergegeben. Sie benennt drei mögliche Vorteile eines Weiterbetriebs der Kernkraftwerke: eine geringere Gasverstromung, niedrigere Strompreise und einen sichereren Netzbetrieb.
Die Einschätzung stammte nach dem Bericht aus der zuständigen Fachabteilung Strom im Wirtschaftsministerium.
Damit steht fest, dass entsprechende wirtschaftliche und technische Argumente innerhalb der damaligen Verwaltung bekannt waren.
Die Frage ist nun, wie diese Erkenntnisse in die politischen Entscheidungen eingeflossen sind und wie umfassend die Öffentlichkeit darüber informiert wurde.
Robert Habeck und seine Staatssekretäre hatten während der Energiekrise wiederholt erklärt, dass Entscheidungen über den Weiterbetrieb der Kernkraftwerke unter Berücksichtigung der Versorgungssicherheit und der technischen Voraussetzungen getroffen würden.
Die inzwischen bekannt gewordenen Unterlagen lassen jedoch Zweifel daran aufkommen, ob die wirtschaftlichen Chancen einer längeren Laufzeit mit derselben Intensität untersucht wurden wie die damit verbundenen Risiken.
Ein Nachweis, dass Graichen oder Habeck die Öffentlichkeit persönlich und vorsätzlich getäuscht haben, ergibt sich aus der nun veröffentlichten Aussage allein nicht. Dennoch bleibt die Frage nach dem Umgang mit den fachlichen Erkenntnissen politisch erheblich.
Industrieproduktion um fast 18 Prozent eingebrochen
Während die politische Auseinandersetzung über den Atomausstieg anhält, zeigen amtliche Zahlen, wie stark die industrielle Basis Deutschlands unter Druck geraten ist.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag die Produktion der energieintensiven Industriezweige im Jahr 2025 kalenderbereinigt 17,8 Prozent unter dem Niveau von 2021.
Besonders betroffen sind Wirtschaftszweige, die große Mengen Strom oder Gas benötigen. Dazu gehören Teile der Chemieindustrie, die Metallproduktion, die Glasindustrie sowie Hersteller von Papier und anderen energieintensiven Produkten.
Die Entwicklung ist Teil einer längeren wirtschaftlichen Schwächephase.
Nach zwei Jahren rückläufiger Wirtschaftsleistung in den Jahren 2023 und 2024 wuchs das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2025 nur um 0,2 Prozent.
Auch im Verarbeitenden Gewerbe setzte sich die Schwäche fort. Seine preisbereinigte Bruttowertschöpfung sank 2025 um weitere 1,3 Prozent.
Diese Zahlen widerlegen die Vorstellung, die industriellen Folgen der Energiekrise seien längst überwunden.
Deutschland verfügt weiterhin über eine bedeutende industrielle Basis. Doch deren Wettbewerbsfähigkeit steht insbesondere dort unter Druck, wo Energie einen hohen Anteil an den Produktionskosten ausmacht.
Die Ursachen reichen über den Atomausstieg hinaus. Der Verlust günstiger russischer Gaslieferungen, internationale Konkurrenz, schwache Investitionen, hohe Bürokratiekosten und strukturelle Probleme der Automobilindustrie belasten den Standort ebenfalls.
Dennoch bleibt die Energiepolitik ein wesentlicher Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie.
Untersuchungsausschuss kritisierte den Umgang mit der Kernkraft
Die Entscheidungen der damaligen Bundesregierung waren bereits Gegenstand eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses.
Der Bundestag untersuchte, unter welchen Umständen die letzten deutschen Kernkraftwerke abgeschaltet wurden und welche Erkenntnisse den beteiligten Ministerien vorlagen.
Der Abschlussbericht wurde im Februar 2025 vorgelegt.
CDU/CSU und FDP erhoben dabei erhebliche Vorwürfe gegen die damalige Bundesregierung.
Nach Auffassung der Union wurde ein längerer Betrieb der Kernkraftwerke nicht ausreichend ergebnisoffen geprüft. Die FDP kritisierte, dass Argumente aus den Fachabteilungen zugunsten einer Laufzeitverlängerung im politischen Entscheidungsprozess verändert oder nicht angemessen berücksichtigt worden seien.
SPD und Grüne kamen dagegen zu anderen Bewertungen. Sie verteidigten die damalige Entscheidung mit Blick auf Sicherheitsfragen, technische Voraussetzungen und die Versorgungslage.
Der Untersuchungsausschuss führte damit nicht zu einer einheitlichen politischen Bewertung.
Die jetzt bekannt gewordenen Äußerungen Graichens verleihen den damaligen Auseinandersetzungen allerdings neue Aktualität.
Denn die Frage lautet inzwischen nicht mehr nur, ob zusätzliche Kernkraftleistung technisch möglich gewesen wäre. Zu klären ist auch, welchen wirtschaftlichen Nutzen ihre Fortführung hätte haben können und wie dieser gegen die Risiken abgewogen wurde.
Was der Atomausstieg Deutschland tatsächlich gekostet hat
Die letzten drei deutschen Kernkraftwerke Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 wurden am 15. April 2023 endgültig abgeschaltet.
Deutschland verzichtete damit auf drei bereits errichtete Anlagen, die zuvor zuverlässig erhebliche Mengen Strom produziert hatten.
Gleichzeitig musste das Energiesystem weiter umgebaut werden. Erneuerbare Energien wurden ausgebaut, zusätzliche Netzkapazitäten benötigt und Möglichkeiten geschaffen, Zeiten geringer Wind- und Solarstromerzeugung zu überbrücken.
Allerdings wäre es falsch, sämtliche Kosten dieses Umbaus dem Atomausstieg zuzuschreiben. Auch ein Stromsystem mit Kernkraftwerken benötigt Netze, Reservekapazitäten und Investitionen. Der Ausbau erneuerbarer Energien verfolgt zudem eigenständige klimapolitische Ziele.
Gleichwohl hätte ein längerer Betrieb der bestehenden Kernkraftwerke zusätzliche gesicherte Erzeugungsleistung bereitgestellt. Er hätte damit zumindest zeitweise die Notwendigkeit verringern können, andere Kraftwerke zur Deckung der Nachfrage einzusetzen.
Für Unternehmen zählt letztlich, zu welchem Preis und mit welcher Verlässlichkeit Energie zur Verfügung steht.
Nach dem Monitoringbericht 2025 von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt lag der durchschnittliche Haushaltsstrompreis im April 2025 bei 40,1 Cent je Kilowattstunde.
Eine Expertenkommission zum Energiewende-Monitoring benannte im Dezember 2025 weiteren erheblichen Handlungsbedarf bei der Versorgungssicherheit, dem Stromnetzausbau und der wirtschaftlichen Umsetzung der Energiewende.
Dabei ist eine Entwicklung besonders problematisch: Der Ausbau der Stromerzeugung, der Netzinfrastruktur und der industriellen Nachfrage nach klimafreundlicher Energie verläuft nicht automatisch im gleichen Tempo.
Werden diese Bereiche nicht ausreichend aufeinander abgestimmt, können zusätzliche Kosten und wirtschaftliche Belastungen entstehen.
Die wirtschaftspolitische Verantwortung endet deshalb nicht bei der Entscheidung zur Abschaltung der Kernkraftwerke. Sie umfasst ebenso die Frage, ob die Bundesregierung rechtzeitig für ausreichend bezahlbare, verlässliche Alternativen gesorgt hat.
Für die ostdeutschen Industriestandorte in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern ist diese Frage von besonderer Bedeutung. Chemie, Metallverarbeitung und andere energieintensive Betriebe benötigen langfristig kalkulierbare Energiepreise, um Investitionen und Arbeitsplätze am Standort zu sichern.
Eine exakte Summe der wirtschaftlichen Schäden, die allein auf das Abschalten der letzten drei Kernkraftwerke zurückzuführen sind, lässt sich aus den vorliegenden Zahlen nicht seriös bestimmen. Auch die Behauptung, der gesamte deutsche Strom wäre bei einem Weiterbetrieb heute um ein Drittel günstiger, ist damit nicht belegt.
Die politische Verantwortung bleibt trotzdem bestehen.
Die Bundesregierung wusste 2022, dass die Energieversorgung zu einem entscheidenden Faktor für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands geworden war. Sie wusste nach den nun bekannt gewordenen Unterlagen auch, dass ein längerer Kernkraftbetrieb Vorteile bei Strompreisen und Netzbetrieb bieten konnte.
Dennoch endete die Stromproduktion der letzten deutschen Kernkraftwerke im April 2023.
Vier Jahre später kämpft Deutschlands Industrie weiterhin mit erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Patrick Graichens neue Aussagen liefern keinen Beweis dafür, dass der Atomausstieg diese Krise allein verursacht hat. Sie bestätigen jedoch, dass Deutschland während einer außergewöhnlichen Energiekrise bewusst auf eine zusätzliche Stromquelle mit vergleichsweise niedrigen laufenden Erzeugungskosten verzichtete.
Die Bundesregierung muss sich deshalb an einer konkreten Frage messen lassen: Wurden beim Atomausstieg sämtliche wirtschaftlichen Folgen ausreichend berücksichtigt – oder erhielt die Durchsetzung eines langfristig festgelegten politischen Ziels Vorrang vor kurzfristigen Interessen der Industrie und der Stromverbraucher?
Diese Frage ist angesichts der Entwicklung des Industriestandorts Deutschland keineswegs erledigt.