Ehemaliger Bild-Chefredakteur im Podcast „ungeskriptet“

„Der deutsche Gehorsam wird uns alle umbringen“ – Julian Reichelt rechnet mit Politik, Medien und Machtstrukturen ab

In einem mehr als dreistündigen Gespräch mit Podcaster Ben Berndt erhebt Julian Reichelt schwere Vorwürfe gegen die politische und mediale Führung Deutschlands. Der ehemalige Bild-Chefredakteur spricht über die Corona-Jahre, die Energiewende, politischen Konformitätsdruck und seine Erfahrungen im Axel-Springer-Verlag. Im Mittelpunkt steht seine These, dass viele Verantwortliche öffentlich Positionen vertreten, von denen sie privat nicht überzeugt seien.

Von Frank Deutschländer 5 Min. Lesezeit

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Julian Reichelt (rechts), ehemaliger Chefredakteur der Bild-Zeitung und heutiger NIUS-Chefredakteur, im Gespräch mit Podcast-Moderator Ben Berndt (links). In der Sendung „ungeskriptet“ diskutieren beide über politischen Anpassungsdruck, Meinungsfreiheit, Medien und gesellschaftliche Machtstrukturen
Julian Reichelt (rechts), ehemaliger Chefredakteur der Bild-Zeitung und heutiger NIUS-Chefredakteur, im Gespräch mit Podcast-Moderator Ben Berndt (links). In der Sendung „ungeskriptet“ diskutieren beide über politischen Anpassungsdruck, Meinungsfreiheit, Medien und gesellschaftliche Machtstrukturen Foto: Ben Berndt

Berlin. Der frühere Bild-Chefredakteur und heutige NIUS-Medienmanager Julian Reichelt hat in einem ausführlichen Gespräch mit dem Podcast-Moderator Ben Berndt grundsätzliche Kritik an den politischen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen in Deutschland geübt. Die unter dem Titel „Der deutsche Gehorsam wird uns alle umbringen“ veröffentlichte Folge des Formats „ungeskriptet“ dauert rund drei Stunden und 25 Minuten. Das Gespräch wurde am 30. September 2026 aufgezeichnet.

Reichelt beschreibt darin eine politische Kultur, in der nach seiner Auffassung Karrieren, gesellschaftliche Anerkennung und institutionelle Abhängigkeiten eine offene Debatte erschweren. Seine Kritik richtet sich gegen führende Politiker, etablierte Medienhäuser und wirtschaftliche Entscheidungsträger.

Dabei berichtet der frühere Chefredakteur sowohl von eigenen Erfahrungen als auch von Gesprächen, die er nach eigenen Angaben mit hochrangigen Politikern geführt hat. Mehrere seiner weitreichenden Behauptungen lassen sich allerdings nicht unabhängig überprüfen.

Schwere Vorwürfe gegen Friedrich Merz und die Energiewende

Besonders deutlich äußert sich Reichelt über die deutsche Energiepolitik. Er behauptet, führende Politiker würden öffentlich an der Energiewende festhalten, obwohl sie privat von deren wirtschaftlichen Folgen nicht überzeugt seien.

Ausdrücklich nennt er dabei Bundeskanzler Friedrich Merz. Reichelt erklärt, er habe mit Merz zahlreiche persönliche Gespräche geführt und kenne dessen tatsächliche Einschätzung der Energiepolitik.

Nach seiner Darstellung gebe es innerhalb der politischen Führung erhebliche Zweifel an der wirtschaftlichen Tragfähigkeit des eingeschlagenen Kurses. Die Beteiligten würden diese Zweifel jedoch nicht öffentlich aussprechen.

Für diese Behauptung legt Reichelt in dem veröffentlichten Begleitmaterial keine unabhängig überprüfbaren Belege vor. Insbesondere ist nicht nachgewiesen, dass Merz die Energiewende grundsätzlich für gescheitert hält oder bewusst entgegen seiner persönlichen Überzeugung handelt.

Die wirtschaftlichen Herausforderungen der Energiewende sind gleichwohl Gegenstand einer anhaltenden politischen Debatte. Industrieunternehmen verweisen auf hohe Energiepreise, notwendige Investitionen in Stromnetze und die Schwierigkeiten bei der Umstellung besonders energieintensiver Produktionsverfahren.

Gleichzeitig ist der Ausbau erneuerbarer Energien bereits ein wesentlicher Bestandteil der deutschen Stromversorgung. Nach Angaben der Bundesnetzagentur stammten 2025 rund 59 Prozent der in Deutschland tatsächlich erzeugten und ins öffentliche Netz eingespeisten Strommenge aus erneuerbaren Quellen.

Die grundsätzliche Frage, wie Industrieunternehmen künftig zuverlässig und zu wettbewerbsfähigen Preisen mit Energie versorgt werden können, bleibt davon unberührt.

Corona-Zeit als Bruch mit dem bisherigen Mediensystem

Einen großen Teil des Gesprächs widmet Reichelt der Corona-Pandemie und seiner damaligen Tätigkeit beim Axel-Springer-Verlag.

Er berichtet, dass er während der Pandemie zunehmend in Konflikt mit den Erwartungen innerhalb seines Medienhauses geraten sei. Nach seiner Darstellung habe die Verlagsspitze schriftlich von ihm verlangt, die damalige Bundesregierung und ihre Corona-Politik zu unterstützen.

Reichelt schildert diese Zeit als tiefgreifende persönliche Erfahrung. Journalisten, Führungskräfte und politische Entscheidungsträger hätten seiner Ansicht nach häufig darauf verzichtet, öffentlich abweichende Positionen zu vertreten.

Dabei kritisiert er insbesondere den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen, die staatliche Corona-Maßnahmen infrage stellten.

Zu unterscheiden ist allerdings zwischen seiner persönlichen Schilderung und den dokumentierten Umständen seines Ausscheidens bei Bild.

Der Axel-Springer-Verlag entband Reichelt am 18. Oktober 2021 von seinen Aufgaben. In seiner damaligen offiziellen Erklärung begründete das Unternehmen die Entscheidung mit Erkenntnissen aus einem Compliance-Verfahren und dem Umgang Reichelts mit privaten und beruflichen Beziehungen.

Dass Reichelt wegen seiner Kritik an der Corona-Politik entlassen worden sei, ist durch diese Erklärung nicht belegt.

Seine heutige Darstellung eröffnet dennoch eine weitergehende Diskussion darüber, wie unabhängig journalistische Entscheidungen innerhalb großer Medienunternehmen getroffen werden und welchen Einfluss Verlagsinteressen auf die redaktionelle Arbeit haben können.

Warum Reichelt vor einer Kultur des Gehorsams warnt

Im Mittelpunkt des Gesprächs steht Reichelts Überzeugung, dass gesellschaftliche Systeme weniger durch ausdrückliche Anordnungen als durch Anpassungsdruck funktionieren.

Menschen würden sich nach seiner Auffassung an die Erwartungen ihrer beruflichen und gesellschaftlichen Umgebung anpassen, weil sie den Verlust von Einfluss, Einkommen oder Anerkennung fürchteten.

Besonders deutlich werde dies bei Personen, die über Jahre innerhalb einflussreicher Institutionen aufgestiegen seien.

Reichelt beschreibt ein Milieu, in dem Zugehörigkeit und persönliche Beziehungen einen hohen Stellenwert hätten. Wer grundlegende Positionen infrage stelle, riskiere aus seiner Sicht nicht nur seinen Arbeitsplatz, sondern auch sein gesellschaftliches Umfeld.

Diese Einschätzung verbindet er mit einer grundsätzlichen Kritik an der deutschen politischen Kultur.

Die zugespitzte Überschrift des Podcasts steht für seine Warnung vor einer Gesellschaft, in der aus seiner Sicht zu wenige Menschen bereit seien, Autoritäten offen zu widersprechen.

Die Behauptung eines einheitlich handelnden politischen oder medialen Machtapparates wird damit allerdings nicht bewiesen. Politische Institutionen, Medienunternehmen und gesellschaftliche Organisationen verfolgen unterschiedliche Interessen und stehen vielfach miteinander im Wettbewerb.

CDU, AfD und die Zukunft der politischen Ordnung

Auch die Zukunft des deutschen Parteiensystems nimmt in dem Gespräch breiten Raum ein.

Reichelt beschäftigt sich mit dem Zustand der CDU unter Friedrich Merz, dem politischen Einfluss der AfD und den Perspektiven der FDP.

Dabei kritisiert er insbesondere die Fähigkeit der etablierten Parteien, grundlegende politische Veränderungen durchzusetzen.

Seiner Auffassung nach könnten parteipolitische Bindungen, institutionelle Interessen und persönliche Karriereüberlegungen dazu führen, dass selbst erkannte Probleme nicht entschieden angegangen würden.

In diesem Zusammenhang diskutieren Reichelt und Berndt auch die Frage, welche Rolle neue Medienangebote und unabhängige Gesprächsformate künftig in der politischen Öffentlichkeit spielen können.

Reichelt sieht in digitalen Plattformen eine Möglichkeit, politische und gesellschaftliche Themen außerhalb klassischer Redaktionsstrukturen zu behandeln.

Allerdings unterliegen auch alternative Medien wirtschaftlichen Interessen, redaktionellen Entscheidungen und journalistischen Sorgfaltspflichten. Eine größere Unabhängigkeit lässt sich deshalb nicht allein aus der Abgrenzung gegenüber traditionellen Medienhäusern ableiten.

Meinungsfreiheit und Vertrauen stehen im Mittelpunkt

Neben der deutschen Innenpolitik sprechen Reichelt und Berndt über Islamismus, Israel, gesellschaftliche Konflikte und die Erfahrungen des früheren Kriegsreporters in Syrien.

Reichelt berichtet dabei auch von seinen Einsätzen in Krisengebieten und den Gefahren, denen Journalisten in autoritär regierten Staaten und Kriegsgebieten ausgesetzt sein können.

Seine Erfahrungen nutzt er, um über die Unterschiede zwischen demokratischen und autoritären Gesellschaften zu sprechen.

Für die deutsche Debatte stellt sich damit die Frage, wie offen politische Meinungsverschiedenheiten ausgetragen werden und welche Bedingungen eine unabhängige Berichterstattung benötigt.

Die Meinungs- und Pressefreiheit sind in Artikel 5 des Grundgesetzes ausdrücklich geschützt. Zugleich sind journalistische und politische Äußerungen nicht von öffentlicher Kritik ausgenommen.

Das Gespräch zwischen Reichelt und Berndt zeigt, wie unterschiedlich die gegenwärtige politische und mediale Kultur in Deutschland bewertet wird.

Reichelt zeichnet das Bild eines Landes, in dem institutionelle Abhängigkeiten und gesellschaftlicher Anpassungsdruck notwendige Veränderungen behindern. Seine Kritiker können dem entgegenhalten, dass politische Kontroversen, öffentliche Gegenrede und redaktionelle Entscheidungen nicht automatisch Belege für eine gezielte Unterdrückung abweichender Meinungen sind.

Die grundsätzliche Frage bleibt dennoch relevant: Wie kann eine demokratische Gesellschaft sicherstellen, dass politische Entscheidungen kritisch überprüft werden und auch unbequeme Auffassungen öffentlich Gehör finden?

Themen: MedienkritikFriedrich MerzEnergiewendeCorona-PolitikMeinungsfreiheitJulian ReicheltBen BerndtUngeskriptetNIUS

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