Rund 230 Rekrutinnen und Rekruten haben am 20. Juli 2026 im Berliner Bendlerblock ihr feierliches Gelöbnis abgelegt. Besonders die Ansprache des Schriftstellers Navid Kermani sorgt auch Tage später für Aufmerksamkeit: In kurzen Videoausschnitten verbreiten sich seine Aussagen über Gewissen, Widerstand und die Grenzen militärischen Gehorsams in den sozialen Netzwerken.

Gelöbnis am historischen Ort

Das Gelöbnis fand am 82. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler statt. Der Bendlerblock war am 20. Juli 1944 ein zentraler Ort des Umsturzversuchs um Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Mehrere Beteiligte wurden noch in derselben Nacht dort erschossen.

Die Bundeswehr verbindet ihr Gelöbnis an diesem Datum bewusst mit dem militärischen Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur. Nach Angaben der Bundeswehr nahmen rund 230 Soldatinnen und Soldaten teil. In der vorherigen Ankündigung des Verteidigungsministeriums war von rund 240 Rekruten die Rede.

Kermani spricht über die „Tugend des Neinsagens“

Ehrengast der Veranstaltung war der Schriftsteller, Publizist und Wissenschaftler Navid Kermani. Seine Rede unterschied sich deutlich von einer klassischen Festansprache.

Kermani stellte nicht allein Pflicht, Disziplin und Gehorsam in den Mittelpunkt. Stattdessen erinnerte er die jungen Soldaten daran, dass eine demokratische Armee auch das Gewissen des Einzelnen brauche.

„Das Grundgesetz steht über jedem Befehl.“

Kermani bezeichnete den 20. Juli als einen Tag, der Soldaten lehre, Nein zu sagen. Widerstand werde dann zur Pflicht, wenn Diensterfüllung in ein Verbrechen umschlage. Zugleich betonte er die Bedeutung der Menschenwürde – auch gegenüber einem militärischen Gegner.

„Nur wenn Sie die Würde auch Ihres Feindes achten“

Besondere Aufmerksamkeit erhält eine Passage, in der Kermani Artikel 1 des Grundgesetzes auf den militärischen Dienst bezieht.

„Nur wenn Sie die Würde auch Ihres Feindes achten, werden Sie dem Gelöbnis gerecht, das Sie heute ablegen.“

Damit machte er deutlich, dass das Gelöbnis nicht einer einzelnen Person oder Regierung gilt. Soldaten verpflichten sich gegenüber der Bundesrepublik Deutschland und ihrer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Die vollständige Rede und das gesamte Gelöbnis wurden von Phoenix übertragen und sind weiterhin in der ARD- und ZDF-Mediathek abrufbar.

Videos werden Tage später weiter verbreitet

Kurze Ausschnitte der Rede werden auf Instagram, YouTube und weiteren Plattformen geteilt. Besonders häufig verbreitet werden die Aussagen über das Grundgesetz, die Menschenwürde und die Pflicht zum Widerspruch.

Dass die Ansprache mehr als eine Woche nach dem Gelöbnis erneut Aufmerksamkeit erhält, dürfte auch mit der Veröffentlichung des vollständigen Redetextes und neuer Videoausschnitte zusammenhängen. Eine belastbare Gesamtzahl der Aufrufe über alle Plattformen liegt allerdings nicht vor. Die Rede ist daher erkennbar stark im Umlauf, ohne dass sich ihre Reichweite seriös auf eine konkrete Zahl beziffern lässt.

Pistorius wirbt für Verantwortung und Wehrdienst

Verteidigungsminister Boris Pistorius stellte in seiner Ansprache den neuen Wehrdienst und die Verantwortung der Soldaten für die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands heraus.

Nach seiner Darstellung stärkt der Dienst nicht nur die Bundeswehr, sondern auch die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft. Wer Verantwortung selbst erlebt und getragen habe, trage langfristig stärker zum Gemeinwesen bei.

Nach dem aktiven Dienst sollen die Soldaten Teil der Reserve werden. Die Bundesregierung verbindet damit das Ziel, die personelle Stärke und Abschreckungsfähigkeit der Bundeswehr langfristig zu verbessern.

Ein Gelöbnis, das nicht zum blinden Gehorsam aufruft

Das Besondere an der Veranstaltung liegt in ihrem historischen Widerspruch: Eine Armee übt Gehorsam und Disziplin ein – erinnert ihre Rekruten aber zugleich an Soldaten, die sich einem verbrecherischen Regime widersetzten.

Kermani machte daraus den Kern seiner Ansprache. Der 20. Juli stehe nicht für die bedingungslose Ausführung eines Befehls, sondern für die Verantwortung des Einzelnen.

Gerade deshalb entfaltet die Rede über den militärischen Anlass hinaus Wirkung. Sie berührt eine grundsätzliche Frage demokratischer Gesellschaften: Wann wird Gehorsam zur Pflicht – und wann wird Widerspruch zur Verantwortung?

Die wichtigsten Fakten

  • Datum: 20. Juli 2026
  • Ort: Bendlerblock in Berlin
  • Anlass: Feierliches Gelöbnis und Gedenken an den Widerstand vom 20. Juli 1944
  • Teilnehmer: rund 230 Rekrutinnen und Rekruten
  • Verteidigungsminister: Boris Pistorius
  • Ehrengast: Navid Kermani
  • Zentrale Aussage: Das Grundgesetz steht über jedem Befehl
  • Schwerpunkt der Rede: Gewissen, Menschenwürde und Grenzen militärischen Gehorsams

Quellen und Datenbasis

  • Bundeswehr: Rückblick auf das Gelöbnis und das Gedenken an den 20. Juli 1944.
  • Bundesministerium der Verteidigung: Ankündigung des feierlichen Gelöbnisses.
  • Veröffentlichter Redetext und aktuelle Berichterstattung zur Ansprache Kermanis.