Nach der schweren Wahlniederlage der CDU in Sachsen-Anhalt wächst der Druck auf Bundeskanzler und Parteichef Friedrich Merz. Alle 13 sächsischen CDU-Kreisvorsitzenden verlangen eine schnelle Aufarbeitung, einen politischen Neustart und eine vorgezogene Konferenz der Parteibasis. Die anstehenden Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern werden damit zu einer weiteren Bewährungsprobe.
Die Kritik aus Sachsen richtet sich an Merz und CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann. Die Kreisvorsitzenden sehen das Vertrauen in die Bundesregierung und die Union in einem dramatischen Umfang beschädigt.
Sachsens CDU-Kreischefs fordern einen Neustart
Die Verfasser verlangen eine „schonungslose Analyse und einen neuen Aufbruch ohne weiteres Zögern“. Die ursprünglich für November geplante Konferenz der CDU-Kreisvorsitzenden soll deutlich früher stattfinden.
Bei diesem Treffen soll beraten werden, wie die Union wieder an Zustimmung gewinnt und Vertrauen zurückgewinnt. Außerdem wollen die sächsischen CDU-Vertreter über eine klare politische und wirtschaftliche Perspektive für Deutschland sprechen.
Angesichts bundesweiter Zustimmungswerte von etwa 20 Prozent stellen sie die Frage, ob die CDU künftig noch als Volkspartei gelten könne. Eine ausdrückliche Rücktrittsforderung an Merz enthält das Schreiben nicht.
Der Brief ist dennoch ein deutliches Signal. Die Kritik kommt geschlossen aus einem ostdeutschen Landesverband und damit aus einer Region, in der die CDU zuletzt erheblich an Unterstützung verloren hat.
Wahldebakel in Sachsen-Anhalt belastet Merz
Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erreichte die AfD nach dem vorläufigen Ergebnis 43,8 Prozent. Die CDU kam nur noch auf 17,2 Prozent.
Damit erzielte die Union ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt seit der Wiedervereinigung. Sie verlor 25 Mandate und ist im neuen Landtag nur noch mit 15 Abgeordneten vertreten.
Das Ergebnis belastet auch die Bundespartei. Merz war im Wahlkampf persönlich für die CDU aufgetreten. Der erhoffte Rückhalt für den CDU-Spitzenkandidaten blieb jedoch aus.
Der Absturz lässt sich nicht allein mit landespolitischen Problemen erklären. Die sächsischen Kreisvorsitzenden sehen einen unmittelbaren Zusammenhang mit der Arbeit der Bundesregierung und dem Kurs der Bundes-CDU.
Mecklenburg-Vorpommern wird zum nächsten Risiko
Die nächste schwierige Wahl steht am 20. September in Mecklenburg-Vorpommern bevor. In der aktuellen ARD-Vorwahlumfrage erreicht die CDU dort lediglich sieben Prozent. Bei der Landtagswahl 2021 waren es noch 13,3 Prozent.
Ein Ergebnis in dieser Größenordnung wäre ein weiterer schwerer Rückschlag für Merz. Sollte die Partei sogar an die Fünfprozenthürde geraten, dürfte die Führungsdebatte weiter an Schärfe gewinnen.
Auch in Berlin wird am 20. September gewählt. Die bisherige Koalition aus CDU und SPD besitzt nach aktuellen Umfragen keine Mehrheit mehr. Linke und CDU kämpfen um den ersten Platz. Grüne und AfD liegen ebenfalls im zweistelligen Bereich.
Die beiden Wahlergebnisse werden deshalb darüber entscheiden, ob Merz die Partei stabilisieren kann oder ob weitere CDU-Verbände einen Kurswechsel verlangen.
Christina Stumpp verlässt die CDU-Führung
Parallel zur politischen Krise verändert Merz die Parteiführung. Die stellvertretende CDU-Generalsekretärin Christina Stumpp wird ihr Amt am 21. September niederlegen. Das ist einen Tag nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern.
Stumpp hatte Berichte über ihren bevorstehenden Abgang zunächst zurückgewiesen. Am Freitag bestätigte die CDU jedoch die Entscheidung.
Merz will den Thüringer Bundestagsabgeordneten Michael Hose als kommissarischen Nachfolger vorschlagen. Nach Angaben des Parteivorsitzenden soll die CDU damit Ost- und Westdeutschland personell stärker abbilden.
Hose ist 41 Jahre alt und stammt aus Thüringen. Die Neubesetzung unmittelbar nach der Niederlage in Sachsen-Anhalt zeigt, dass Merz auf die schwache Stellung der Union im Osten reagieren muss.
Ob der Personalwechsel ausreicht, ist offen. Die Forderungen aus Sachsen betreffen nicht nur einzelne Ämter, sondern den gesamten politischen Kurs der CDU.
Eine Ablösung des Kanzlers ist bisher nicht vorbereitet
Medienberichte sprechen bereits von einem möglichen Machtkampf um die Führung der Union. Für eine bevorstehende Ablösung von Friedrich Merz gibt es bislang jedoch keine belastbaren Belege.
Ein Wechsel an der CDU-Spitze würde auch nicht automatisch zu einem neuen Bundeskanzler führen. Partei- und Regierungsamt sind rechtlich voneinander getrennt.
Der Bundestag kann einem Kanzler nur das Misstrauen aussprechen, wenn er gleichzeitig mit der Mehrheit seiner Mitglieder einen Nachfolger wählt. Einen entsprechenden Antrag gibt es derzeit nicht. Auch ein Gegenkandidat wurde nicht öffentlich benannt.
Die Überschrift, am Kanzler werde bereits „gesägt“, geht deshalb über den belegten Stand hinaus. Richtig ist: Merz verliert innerhalb der CDU an Rückhalt, die ostdeutsche Parteibasis fordert Konsequenzen und die kommenden Landtagswahlen können seine Position weiter schwächen.
Quelle: Gemeinsames Schreiben der 13 sächsischen CDU-Kreisvorsitzenden vom 11. September 2026; CDU Deutschlands, Mitteilung zum Wechsel im Amt des stellvertretenden Generalsekretärs vom 11. September 2026; Landeswahlleitung Sachsen-Anhalt, vorläufiges Ergebnis der Landtagswahl vom 6. September 2026; Infratest dimap, ARD-Vorwahlumfrage Mecklenburg-Vorpommern vom 10. September 2026; Forschungsgruppe Wahlen, Politbarometer-Extra vom 11. September 2026; Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Artikel 67