Internationale Auszeichnung für Spitzenforschung an der Universität Rostock

Rostocker Chemiker Christopher Rüger gehört zu den 40 weltweit ausgezeichneten Nachwuchsforschern

Große Anerkennung für die Universität Rostock: Der Chemiker Dr. Christopher Rüger wurde in die internationale „Top 40 Under 40 Power List 2026“ aufgenommen. Seine Forschung hilft, komplexe Stoffgemische auf molekularer Ebene zu entschlüsseln – mit möglichen Anwendungen für Kunststoffrecycling, Energiewende und Umweltschutz. Auch künstliche Intelligenz spielt dabei eine wichtige Rolle.

Von Frank Deutschländer 5 Min. Lesezeit

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Dr. Christoper Rüger
Dr. Christoper Rüger Foto: © Fabian Etscheidt/ Universität Rostock

Rostock. Der Chemiker Dr. Christopher Rüger von der Universität Rostock gehört zu den 40 international ausgezeichneten Nachwuchswissenschaftlern der analytischen Chemie unter 40 Jahren. Eine unabhängige Fachjury nahm den Leiter der Forschungsgruppe Hochauflösende Massenspektrometrie in die „Top 40 Under 40 Power List 2026“ auf und würdigte damit seine Arbeiten zur Untersuchung hochkomplexer Stoffgemische, die insbesondere für die Energiewende, das Recycling und die Umweltforschung von Bedeutung sind.

Für den Wissenschaftsstandort Mecklenburg-Vorpommern bedeutet die Auszeichnung internationale Aufmerksamkeit. Rüger forscht am Institut für Chemie der Universität Rostock im Forschungsgebäude Life, Light & Matter. Seine Arbeitsgruppe entwickelt Verfahren, mit denen sich die chemische Zusammensetzung von Materialien untersuchen lässt, deren Bestandteile mit herkömmlichen Methoden nur schwer vollständig zu erfassen sind.

Rostocker Forschung soll komplexe Stoffe entschlüsseln

Was steckt tatsächlich in einem Kunststoff, einem Recyclingprodukt oder einem Öl, das aus der thermischen Zersetzung von Materialien gewonnen wurde?

Diese Frage ist oft schwieriger zu beantworten, als es zunächst erscheint. Viele technische und natürliche Stoffgemische enthalten Tausende unterschiedliche chemische Verbindungen, deren Eigenschaften sich teilweise erheblich voneinander unterscheiden.

Genau hier setzt die Forschung von Christopher Rüger an.

Seine Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit der hochauflösenden Massenspektrometrie. Bei diesem Analyseverfahren werden Moleküle beziehungsweise ihre Bestandteile in elektrisch geladene Teilchen umgewandelt und anhand ihres Masse-zu-Ladung-Verhältnisses untersucht.

Moderne Messgeräte können dabei selbst geringste Unterschiede zwischen chemischen Verbindungen erfassen. Das ermöglicht Einblicke in die molekulare Zusammensetzung besonders komplexer Proben.

Rüger untersucht unter anderem Pyrolyseöle, Kunststoffe, Recyclingströme und kohlenstoffhaltige Aerosole.

Die Ergebnisse können dazu beitragen, chemische Prozesse besser zu verstehen und technische Verfahren gezielter weiterzuentwickeln.

Besonders bei der Wiederverwertung von Kunststoffen und der Nutzung alternativer Rohstoffe ist eine möglichst genaue Kenntnis der enthaltenen Substanzen von Bedeutung.

Neue Messtechnik gemeinsam mit Industriepartnern entwickelt

Ein Beispiel für die Forschungsarbeit aus Rostock ist die Entwicklung eines neuartigen massenspektrometrischen Messsystems.

Gemeinsam mit den Unternehmen Spectroswiss, Photonion und Thermo Fisher Scientific veränderte Rügers Forschungsgruppe einen hochauflösenden Orbitrap-Massenanalysator.

Die Wissenschaftler integrierten eine laserbasierte Photoionisation im Vakuum. Dabei werden Moleküle mithilfe von Licht ionisiert, sodass sie anschließend massenspektrometrisch untersucht werden können.

Die Kombination eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, chemisch anspruchsvolle Stoffgemische zu analysieren.

An einen besonderen Moment bei der Entwicklung erinnert sich der Rostocker Wissenschaftler bis heute.

„Mich begeistert am meisten, wenn eine neue Technologie zum Leben erwacht“, erklärt Rüger.

Gemeinsam mit einem Doktoranden hatte er den Prototyp im Labor fertiggestellt. Nach der abschließenden Justierung der optischen Komponenten zeigte das Gerät erstmals ein verwertbares Massenspektrum.

Untersucht wurde zunächst Toluol, eine vergleichsweise einfache chemische Verbindung.

Für die Wissenschaftler war das unspektakulär wirkende Messergebnis dennoch ein entscheidender Erfolg: Es zeigte, dass die neu zusammengestellte Technik grundsätzlich funktionierte.

Künstliche Intelligenz könnte Forschung grundlegend verändern

Neben neuen Messverfahren beschäftigt sich Christopher Rüger intensiv mit der Frage, welche Rolle künstliche Intelligenz künftig in der chemischen Analytik spielen könnte.

Schon heute entstehen bei wissenschaftlichen Messungen enorme Datenmengen. Moderne Instrumente liefern innerhalb kurzer Zeit Informationen über Tausende chemische Signale.

Die eigentliche Herausforderung besteht allerdings darin, aus diesen Daten verlässliche wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen.

Rüger sieht darin eines der größten Probleme der modernen analytischen Forschung: Die Fähigkeit, Daten zu erzeugen, entwickelt sich schneller als die Möglichkeiten, sämtliche Informationen umfassend zu verstehen.

Künstliche Intelligenz könnte nach seiner Einschätzung künftig an mehreren Stellen helfen.

So könnten intelligente Systeme bereits bei der Konstruktion neuer Messgeräte eingesetzt werden. Auch die Planung wissenschaftlicher Experimente ließe sich teilweise automatisieren.

Besonders interessant ist die Vorstellung, dass ein Messgerät während eines laufenden Experiments selbst erkennt, welche Bestandteile einer Probe genauer untersucht werden sollten.

Es könnte daraufhin beispielsweise bestimmte Messparameter verändern oder zusätzliche Analysen durchführen.

Allerdings sieht Rüger auch Grenzen. Wissenschaftliche Neugier und eigenständiges Denken sollten durch künstliche Intelligenz nicht ersetzt werden.

Vielmehr müsse die Technologie Forschenden ermöglichen, neue Ideen zu verfolgen und Experimente durchzuführen, die bislang zu aufwendig oder technisch kaum realisierbar waren.

Zugleich warnt er davor, automatisierte Auswertungen ungeprüft zu übernehmen. Auch eine überzeugend erscheinende Interpretation sei wissenschaftlich wertlos, wenn die zugrunde liegenden Messdaten keine ausreichenden Belege lieferten.

Von Rostock in internationale Forschungsnetzwerke

Christopher Rüger hat seine wissenschaftliche Ausbildung an der Universität Rostock absolviert. Dort erwarb er 2011 seinen Bachelorabschluss und 2013 seinen Masterabschluss in Chemie.

Nach seiner Promotion Ende 2017 setzte er seine Forschungsarbeit in internationalen Kooperationen fort.

Eine zunächst gescheiterte Bewerbung um eine Forschungsförderung erwies sich rückblickend als wichtiger Wendepunkt seiner Karriere.

Über Kontakte auf wissenschaftlichen Konferenzen erhielt er die Möglichkeit, neue Verfahren der Ionenmobilitätsspektrometrie in Zusammenarbeit mit internationalen Forschungspartnern und Geräteherstellern zu erproben.

Daraus entwickelten sich Forschungsaufenthalte und langfristige Kooperationen.

Heute arbeitet seine Gruppe unter anderem mit dem internationalen Forschungsnetzwerk zur molekularen Charakterisierung komplexer Stoffgemische zusammen.

Noch im März 2026 untersuchte Rüger gemeinsam mit zwei Nachwuchswissenschaftlern Proben an einem besonders leistungsfähigen Massenspektrometer im französischen Rouen.

Die Zusammenarbeit zeigt, wie eng die Rostocker Forschung inzwischen mit internationalen Wissenschaftseinrichtungen vernetzt ist.

Auszeichnung für eine Schlüsseltechnologie der Zukunft

Die „Top 40 Under 40 Power List“ stellt jährlich 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor, die durch ihre Forschung und ihre technischen Entwicklungen zur Zukunft der analytischen Wissenschaften beitragen.

Die Auswahl ist keine Rangliste der weltweit besten Chemiker. Sie würdigt vielmehr eine Gruppe herausragender Nachwuchsforscher, deren Arbeit neue wissenschaftliche Möglichkeiten eröffnet.

Für Christopher Rüger steht dabei weniger die Auszeichnung selbst als die Weiterentwicklung neuer Technologien im Mittelpunkt.

Seine Forschungsarbeit verbindet Grundlagenwissenschaft mit konkreten technischen Herausforderungen. Denn ob neue Recyclingverfahren, alternative Energieträger oder die Untersuchung von Schadstoffen: Wer komplexe Materialien gezielt verändern oder ihre Auswirkungen verstehen will, muss zunächst wissen, woraus sie bestehen.

Die Aufnahme in die internationale Auswahlliste unterstreicht damit auch die Bedeutung der analytischen Chemie an der Universität Rostock.

Sie zeigt, dass wissenschaftliche Entwicklungen aus Mecklenburg-Vorpommern auf internationaler Ebene Beachtung finden und zur Lösung technologischer und ökologischer Herausforderungen beitragen können.

Themen: Mecklenburg-VorpommernKünstliche IntelligenzEnergiewendeForschungUniversität RostockRecyclingChemieChristopher RügerMassenspektrometrieTop 40 Under 40

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