Claudia Roth beklagt Druck durch Zentralrat der Juden – heftige Kritik an ihren Aussagen
Die frühere Kulturstaatsministerin Claudia Roth sorgt mit Äußerungen über den Zentralrat der Juden und den Umgang mit Deutschlands historischer Schuld für eine politische Kontroverse. Die Grünen-Politikerin spricht von massivem Druck während ihrer Amtszeit und bezeichnet frühere Aussagen über Israel als Fehler. Der Zentralrat reagiert mit scharfer Kritik.
Berlin. Die frühere Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) hat mit Aussagen über den Zentralrat der Juden und die deutsche Erinnerungskultur eine kontroverse Debatte ausgelöst. In einem ausführlichen Gespräch erklärte die Bundestagsabgeordnete, sie habe während ihrer Amtszeit erheblichen öffentlichen Druck erlebt und frühere Positionen zum israelisch-palästinensischen Konflikt auch deshalb vertreten, weil sie sich damals überfordert gefühlt habe.
Besonders ihre Äußerungen über den Zentralrat der Juden und eine mögliche Neubewertung des persönlichen Umgangs mit Deutschlands historischer Schuld haben Kritik hervorgerufen. Inzwischen hat Roth den Vorwurf zurückgewiesen, sie wolle die Verantwortung Deutschlands für die nationalsozialistischen Verbrechen relativieren.
Roth spricht von massivem Druck während ihrer Amtszeit
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen die documenta 2022 und die Berlinale 2024. Beide Kulturveranstaltungen hatten während Roths Amtszeit Debatten über Antisemitismus, Israelkritik und die Verantwortung öffentlich geförderter Kultureinrichtungen ausgelöst.
Roth schilderte rückblickend, dass insbesondere die Diskussionen nach der Berlinale 2024 für sie eine enorme persönliche Belastung gewesen seien.
Damals hatten Filmschaffende Israel schwere Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Krieg im Gazastreifen und der Situation in den palästinensischen Gebieten gemacht. Roth hatte sich anschließend kritisch gegenüber der Verwendung der Begriffe Genozid und Apartheid geäußert.
Diese damalige Haltung bewertet sie inzwischen anders. Ihre Reaktion sei ein Fehler gewesen, erklärte sie und verwies auf ihre damalige Überforderung.
Dabei sprach Roth ausdrücklich von einem „unfassbaren Druck vom Zentralrat“ und weiteren gesellschaftlichen Kreisen.
Sie beschrieb die Auseinandersetzungen als eine der schwierigsten Phasen ihres politischen Lebens. Neben der Kritik an ihren Positionen habe sie besonders belastet, dass ihr langjähriges Engagement gegen Antisemitismus und Rassismus infrage gestellt worden sei.
Aussagen über Deutschlands historische Schuld lösen Kritik aus
Besondere Aufmerksamkeit erhielten Roths Schilderungen über Gespräche mit ausländischen Freunden.
Diese hätten sie gefragt, wann sie sich von der historischen Schuld Deutschlands befreie beziehungsweise wann sie einen anderen persönlichen Umgang damit finden könne.
Roth berichtete, damals nicht in der Lage gewesen zu sein, eine solche Veränderung ihrer Haltung vorzunehmen.
Ihre Äußerungen berühren eine grundlegende Frage der deutschen Erinnerungskultur: Wie beeinflusst die Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen die gegenwärtige politische Haltung Deutschlands gegenüber Israel?
Die Bundesrepublik leitet aus dem Holocaust eine besondere Verantwortung für jüdisches Leben und die Sicherheit Israels ab. Zugleich ist die Frage, wie diese historische Verantwortung mit Kritik an Entscheidungen israelischer Regierungen vereinbar ist, Gegenstand einer intensiven politischen Diskussion.
Roth selbst hat inzwischen ausdrücklich bestritten, die historische Verantwortung Deutschlands infrage stellen zu wollen. Die Aussagen ihrer ausländischen Freunde habe sie lediglich wiedergegeben und sich nicht zu eigen gemacht.
Die Aufarbeitung der deutschen Geschichte und die daraus erwachsende dauerhafte Verantwortung gehörten weiterhin zu ihren zentralen politischen Überzeugungen, erklärte die Grünen-Politikerin am 6. November.
Zentralrat der Juden reagiert mit scharfer Kritik
Die Äußerungen haben beim Zentralrat der Juden erhebliche Kritik ausgelöst.
Aus dessen Umfeld wurde Roth vorgeworfen, den Einfluss jüdischer Organisationen auf politische Entscheidungen in einer Weise darzustellen, die problematische Vorstellungen über jüdische Macht und Einflussnahme begünstigen könne.
Die Kritik richtet sich insbesondere gegen Roths Darstellung, ihre damaligen politischen Äußerungen seien auch durch Druck des Zentralrats zustande gekommen.
Auch Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und selbst Mitglied der Grünen, widersprach Roth entschieden. Er sieht in ihren Aussagen Muster einer Abwehr historischer deutscher Schuld.
Damit ist der Konflikt längst nicht mehr auf Roths persönliche Bewertung ihrer früheren Amtsführung begrenzt. Im Mittelpunkt steht inzwischen auch die Frage, welche Verantwortung politische Entscheidungsträger für ihre öffentlichen Aussagen tragen und wie Kritik an jüdischen Organisationen formuliert werden kann, ohne antisemitische Deutungsmuster zu bedienen.
Roths Darstellung eines empfundenen politischen Drucks ist dabei von der Frage zu unterscheiden, ob der Zentralrat tatsächlich unzulässigen Einfluss ausgeübt hat. Ein entsprechender Nachweis ergibt sich aus ihren Schilderungen allein nicht.
Kritik an Israel und Antisemitismus: Wo verläuft die Grenze?
Ein weiterer Streitpunkt betrifft die Abgrenzung zwischen legitimer Kritik an der israelischen Regierung und antisemitischen Äußerungen.
Roth kritisierte rückblickend, dass diese Unterscheidung in politischen und kulturellen Debatten aus ihrer Sicht nicht immer ausreichend vorgenommen worden sei.
Die frühere Kulturstaatsministerin sprach von einer Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs. Zugleich betonte sie, dass Antisemitismus in Deutschland eine reale und ernst zu nehmende Bedrohung darstelle.
Tatsächlich lassen sich Kritik an israelischen Regierungsentscheidungen und antisemitische Positionen nicht grundsätzlich gleichsetzen. Entscheidend sind unter anderem Inhalt, Kontext und die verwendeten Argumentationsmuster. Antisemitisch können Äußerungen etwa dann sein, wenn sie Juden kollektiv für Handlungen des israelischen Staates verantwortlich machen oder auf antisemitische Stereotype zurückgreifen.
Im Zusammenhang mit dem Krieg im Gazastreifen bleibt zudem die völkerrechtliche Bewertung einzelner Handlungen umstritten. Besonders der Vorwurf eines Völkermordes ist Gegenstand internationaler rechtlicher Auseinandersetzungen und darf nicht mit einer bereits rechtskräftig festgestellten Tatsache gleichgesetzt werden.
Roth weist Vorwurf der Schuldrelativierung zurück
Nach der öffentlichen Kritik hat Claudia Roth ihre Position am Freitag, 6. November 2026, noch einmal erläutert.
Sie widersprach entschieden der Interpretation, sie wolle sich von der deutschen Verantwortung für den Holocaust lösen.
Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus sei für sie während ihres gesamten politischen Lebens von grundlegender Bedeutung gewesen. Daran werde sich nichts ändern.
Damit stehen zwei unterschiedliche Bewertungen ihrer ursprünglichen Aussagen gegenüber: Roth versteht ihre Schilderungen als persönliche Rückschau auf eine außergewöhnlich belastende politische Situation. Ihre Kritiker sehen darin eine problematische Verschiebung der Verantwortung für eigene Entscheidungen auf den Zentralrat der Juden.
Der Konflikt zeigt, wie sensibel die Verbindung zwischen deutscher Erinnerungskultur, dem Schutz jüdischen Lebens und der Bewertung israelischer Politik weiterhin ist.
Offen bleibt, welche politischen Folgen die Auseinandersetzung für Roth haben wird. Ihre nachträgliche Klarstellung hat die grundsätzliche Kontroverse über ihre ursprünglichen Äußerungen jedenfalls nicht beendet.