Multimillionär will Frankreich nach links führen: Wer ist Matthieu Pigasse?
Er ist Multimillionär, Investmentbanker und Eigentümer mehrerer französischer Medien. Gleichzeitig fordert Matthieu Pigasse höhere Mindestlöhne, eine stärkere Besteuerung großer Vermögen und einen grundlegenden politischen Kurswechsel. Vor der Präsidentschaftswahl 2027 bringt sich der 58-Jährige als möglicher Kandidat der französischen Linken ins Gespräch.
Paris. Matthieu Pigasse gehört zu den ungewöhnlichen Persönlichkeiten, die sich vor der französischen Präsidentschaftswahl 2027 politisch in Stellung bringen. Der 58-jährige Investmentbanker verfügt über ein großes Privatvermögen, arbeitet in der internationalen Finanzwelt und kontrolliert mehrere einflussreiche Medien. Gleichzeitig fordert er eine deutlich linkere Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Nun lässt er öffentlich erkennen, dass er unter bestimmten Bedingungen auch selbst für das Präsidentenamt kandidieren würde.
Pigasse ist bislang weder Mitglied einer Parteiführung noch Inhaber eines politischen Mandats. Seine wirtschaftlichen Verbindungen, seine Medienunternehmen und seine Kontakte zu führenden Vertretern der französischen Linken verschaffen ihm dennoch Aufmerksamkeit.
Vom Investmentbanker zum politischen Hoffnungsträger?
Matthieu Pigasse wurde am 25. Mai 1968 in Clichy bei Paris geboren. Er studierte am Institut d’études politiques de Paris und absolvierte anschließend die französische Verwaltungshochschule ENA, aus der zahlreiche Spitzenpolitiker und hohe Beamte hervorgegangen sind.
Seine berufliche Laufbahn begann er in der staatlichen Verwaltung.
Während der sozialistischen Regierung unter Premierminister Lionel Jospin arbeitete er unter anderem im Umfeld der Finanzminister Dominique Strauss-Kahn und Laurent Fabius.
Später wechselte er in die internationale Finanzbranche und machte bei der Investmentbank Lazard Karriere.
Seit 2020 arbeitet Pigasse bei der amerikanischen Investmentbank Centerview Partners und leitet deren Pariser Geschäft.
Er gilt als vermögender Finanzmanager mit weitreichenden internationalen Kontakten.
Ausgerechnet dieser Vertreter der Finanzelite tritt inzwischen für eine grundlegende Veränderung der französischen Wirtschaftspolitik ein.
Pigasse argumentiert, dass die traditionelle Sozialdemokratie nicht mehr ausreiche, um die sozialen und wirtschaftlichen Probleme Frankreichs zu lösen.
Stattdessen fordert er ein deutlich weitreichenderes Reformprogramm.
Mindestlohn soll um 20 Prozent steigen
Zu den bekanntesten Vorschlägen des Unternehmers gehört eine erhebliche Anhebung des französischen Mindestlohns.
Pigasse fordert eine Steigerung um 20 Prozent. Nach seinen im Juni veröffentlichten Berechnungen würde dies einem monatlichen Nettomindestlohn von rund 1.773 Euro entsprechen.
Zugleich spricht er sich für eine stärkere Besteuerung großer Vermögen aus.
Unter anderem unterstützt er die sogenannte Zucman-Steuer, die besonders hohe Privatvermögen stärker belasten soll.
Die Debatte über diese Vermögensteuer ist in Frankreich seit Monaten ein wichtiger Bestandteil der politischen Auseinandersetzung.
Pigasse selbst hat eingeräumt, dass sein Vermögen so groß ist, dass er von einer entsprechenden Besteuerung betroffen wäre.
Seine wirtschaftspolitischen Vorschläge richten sich gegen den bisherigen Kurs von Präsident Emmanuel Macron.
Pigasse kritisiert insbesondere die starke Ausrichtung auf steuerliche und wirtschaftliche Entlastungen für Unternehmen.
Seiner Auffassung nach müsse die Politik stärker auf die Kaufkraft der Beschäftigten, soziale Ungleichheit und öffentliche Dienstleistungen ausgerichtet werden.
Wie ein umfassendes Regierungsprogramm finanziert werden könnte, hat der Unternehmer bislang nicht abschließend dargelegt.
Eigene Medien als Teil einer politischen Auseinandersetzung
Besondere Aufmerksamkeit erhält Pigasse wegen seiner umfangreichen Medienbeteiligungen.
Über seine Unternehmensgruppe Combat besitzt er unter anderem den französischen Radiosender Radio Nova und das Kulturmagazin Les Inrockuptibles.
Darüber hinaus ist er an dem internationalen Fernsehproduktionsunternehmen Mediawan beteiligt.
Pigasse gehörte außerdem zu den Investoren, die 2010 gemeinsam mit Xavier Niel und Pierre Bergé die finanziell angeschlagene Zeitungsgruppe Le Monde übernahmen.
Seine Beteiligungen an dieser Gruppe hat er später abgegeben. Seit 2023 hält er keine Kapitalanteile mehr an der Le-Monde-Gruppe, besitzt jedoch weiterhin eine Beteiligung an der französischen Ausgabe der Huffington Post.
Seine gegenwärtige Medienstrategie beschreibt Pigasse ausdrücklich als kulturelle Auseinandersetzung mit der politischen Rechten.
Er möchte mit journalistischen, kulturellen und unterhaltenden Angeboten Menschen erreichen, die sich von traditionellen Medien nicht ausreichend angesprochen fühlen.
Radio Nova hat seine Hörerschaft in den vergangenen Jahren erheblich vergrößert.
Nach Angaben der Zeitung Le Monde hat sich die Reichweite innerhalb von zwei Jahren nahezu vervierfacht.
Dazu trugen unter anderem neue Unterhaltungs- und Gesprächsformate bei.
Die politische Positionierung des Senders wird inzwischen öffentlich mit den Ambitionen seines Eigentümers in Verbindung gebracht.
Neuer Fernsehsender geplant
Pigasse will sein Mediengeschäft noch weiter ausbauen.
Im Oktober 2026 bestätigte er Pläne für einen neuen französischen Fernsehsender.
Das Angebot soll Kultur, Musik, Unterhaltung, Humor und Politik miteinander verbinden.
Als Grundlage dienen die vorhandenen Medienmarken seines Unternehmens, darunter Radio Nova und Les Inrockuptibles.
Auch seine Beteiligungen an Musikfestivals sollen für die Programmgestaltung genutzt werden.
Der Sender soll sich nach den Vorstellungen des Unternehmers bewusst von bestehenden Nachrichten- und Unterhaltungsangeboten unterscheiden.
Hintergrund ist die Neuvergabe mehrerer französischer Fernsehfrequenzen, deren bisherige Nutzungsrechte Ende 2027 auslaufen.
Pigasses Unternehmen möchte sich um eine dieser Frequenzen bewerben.
Ob die französische Medienaufsicht Arcom dem Projekt eine Sendelizenz erteilen wird, ist noch offen.
Der Ausbau seiner Medienaktivitäten wirft zugleich Fragen zum Verhältnis zwischen wirtschaftlicher Macht, publizistischem Einfluss und politischen Ambitionen auf.
Dabei handelt es sich nicht um ein ausschließlich französisches Problem. Auch in anderen europäischen Ländern stehen große Medienunternehmen im Eigentum vermögender Unternehmer, die gesellschaftliche oder politische Positionen vertreten.
Entscheidend ist, in welchem Umfang redaktionelle Entscheidungen unabhängig von den Interessen ihrer Eigentümer getroffen werden.
Kontakte zu Sozialisten, Grünen und Kommunisten
Parallel zu seinen wirtschaftlichen Aktivitäten sucht Pigasse verstärkt das Gespräch mit führenden Vertretern der französischen Linken.
Besonders eng ist sein Kontakt zum Vorsitzenden der Sozialistischen Partei, Olivier Faure.
Die beiden Politiker kennen sich bereits aus der Zeit der Regierung Jospin.
Im Frühjahr 2026 trafen sie sich nach französischen Medienberichten innerhalb weniger Monate wiederholt zu Gesprächen über die politische Zukunft des Landes.
Auch mit Vertretern der Grünen und der Kommunistischen Partei steht Pigasse im Austausch.
Sein Ziel ist eine möglichst breite Zusammenarbeit linker Parteien vor der Präsidentschaftswahl 2027.
Dabei ist das Verhältnis zur linksgerichteten Partei La France insoumise und ihrem führenden Politiker Jean-Luc Mélenchon ein wichtiger Streitpunkt.
Pigasse vertritt in mehreren wirtschafts- und europapolitischen Fragen andere Positionen als Mélenchon.
Gleichzeitig vermeidet er es weitgehend, die Kontakte zur Partei vollständig abzubrechen.
Am 20. Oktober forderte Pigasse in einem Fernsehinterview erneut, die unterschiedlichen linken Kräfte müssten zusammenfinden, um dem Rassemblement National politisch entgegenzutreten.
Eine verbindliche Einigung der beteiligten Parteien auf eine gemeinsame Kandidatur liegt bislang nicht vor.
Will Pigasse selbst Präsident werden?
Seine persönlichen Ambitionen lässt der Unternehmer bewusst offen.
Im Juni erklärte er gegenüber französischen Medien, dass er bereit wäre, Verantwortung zu übernehmen, sollte sich daraus eine gemeinsame Lösung für die Linke ergeben.
Auch im Herbst schloss er eine eigene Kandidatur nicht aus.
Eine offizielle Bewerbung um das Präsidentenamt hat er bislang jedoch nicht erklärt.
Ebenso wenig verfügt er derzeit über eine eigene Parteiorganisation oder einen vollständig ausgearbeiteten Präsidentschaftswahlkampf.
Seine Rolle bleibt damit ungewöhnlich.
Pigasse versucht, politischen Einfluss auszuüben, ohne bislang selbst ein öffentliches Mandat anzustreben oder sich dauerhaft einer bestimmten Partei anzuschließen.
Ob daraus eine tatsächliche Kandidatur entsteht, hängt auch von den Entscheidungen der linken Parteien ab.
Widerspruch zwischen Reichtum und linker Politik
Die politische Positionierung des Unternehmers wird in Frankreich kontrovers diskutiert.
Seine Unterstützer sehen in ihm einen wirtschaftlich erfahrenen Akteur, der soziale Reformen mit Kenntnissen der internationalen Finanzmärkte verbinden könnte.
Kritiker weisen dagegen auf den Widerspruch zwischen seinen Forderungen nach einer grundlegenden Umverteilung von Vermögen und seiner eigenen Tätigkeit in der Investmentbanking-Branche hin.
Besonders seine internationalen Geschäftsbeziehungen werden kritisch betrachtet.
Pigasse war unter anderem an Beratungsprojekten zur Umstrukturierung staatlicher Schulden beteiligt.
Die Verbindung zwischen internationalen Finanzinteressen und einer linksgerichteten politischen Agenda wirft deshalb Fragen nach seiner wirtschaftspolitischen Glaubwürdigkeit auf.
Der Unternehmer weist den Gedanken zurück, dass ein großes Privatvermögen grundsätzlich mit linken politischen Überzeugungen unvereinbar sei.
Er argumentiert vielmehr, dass wirtschaftlicher Erfolg gesellschaftliche Verantwortung begründe.
Ob seine Vorstellungen bei den traditionellen Wählergruppen der französischen Linken auf Zustimmung stoßen, bleibt offen.
Frankreich steht vor einer grundlegenden politischen Neuordnung
Die Präsidentschaftswahl 2027 findet in einer Phase erheblicher politischer Spannungen statt.
Präsident Emmanuel Macron darf nach zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten nicht erneut unmittelbar kandidieren.
Damit wird die Frage seiner Nachfolge zu einem zentralen Thema der französischen Innenpolitik.
Der Rassemblement National beansprucht eine wichtige Rolle in der politischen Auseinandersetzung. Gleichzeitig ist die politische Linke in mehrere Parteien mit unterschiedlichen Vorstellungen zur Wirtschafts-, Europa- und Gesellschaftspolitik aufgeteilt.
Matthieu Pigasse sieht darin einen Anlass, über neue politische Bündnisse und ein gemeinsames Reformprogramm nachzudenken.
Ob der vermögende Investmentbanker selbst eine führende Rolle bei der Präsidentschaftswahl übernehmen wird, ist noch nicht entschieden.
Sein wachsender öffentlicher Einfluss zeigt jedoch, wie eng in Frankreich wirtschaftliche Macht, Medienbesitz und politische Ambitionen miteinander verbunden sein können.