Liz Truss rechnet mit britischer Notenbank ab: Ex-Premierministerin sieht sich als Opfer mächtiger Gegner
Nur 49 Tage regierte Liz Truss Großbritannien, bevor ihre Wirtschaftspolitik eine schwere Vertrauenskrise an den Finanzmärkten auslöste. Vier Jahre später erhebt die frühere Premierministerin in ihrem neuen Buch schwere Vorwürfe gegen die Bank of England und führende Institutionen. Sie bestreitet, die Hauptverantwortung für den Zusammenbruch ihrer Regierung zu tragen.
London. Vier Jahre nach ihrem spektakulären Rücktritt als britische Premierministerin meldet sich Liz Truss mit einer neuen Abrechnung zurück. In ihrem Buch Bank Job macht die frühere konservative Regierungschefin die britische Zentralbank, das Finanzministerium und andere staatliche Institutionen für die Finanzmarktturbulenzen verantwortlich, die im Herbst 2022 das Ende ihrer Amtszeit einleiteten.
Truss hält daran fest, dass nicht ihre wirtschaftspolitischen Pläne, sondern das Verhalten mächtiger Institutionen maßgeblich zu ihrem Sturz geführt habe. Ihre Darstellung stößt auf deutlichen Widerspruch, weil die damaligen Ereignisse eng mit den von ihrer Regierung angekündigten Steuersenkungen und deren ungesicherter Finanzierung verbunden waren.
Eine Regierung, die nur 49 Tage überstand
Am 6. September 2022 übernahm Liz Truss das Amt der britischen Premierministerin. Sie folgte auf Boris Johnson und versprach einen wirtschaftspolitischen Neustart mit niedrigeren Steuern, weniger Regulierung und höherem Wachstum.
Gemeinsam mit ihrem Finanzminister Kwasi Kwarteng stellte sie am 23. September ein umfangreiches Reformpaket vor. Der sogenannte Mini-Haushalt sah erhebliche Steuersenkungen vor, ohne gleichzeitig eine nachvollziehbare Gegenfinanzierung aufzuzeigen.
Die Reaktion der Finanzmärkte war unmittelbar. Das britische Pfund geriet unter Druck, die Renditen britischer Staatsanleihen stiegen stark an und die Finanzierungskosten des Staates erhöhten sich.
Besonders problematisch wurde die Entwicklung für britische Pensionsfonds, die mit komplexen Anlagestrategien gegen langfristige Zinsrisiken abgesichert waren. Die sprunghaften Bewegungen am Anleihemarkt lösten zusätzliche Liquiditätsanforderungen aus.
Die Bank of England sah sich schließlich gezwungen, vorübergehend Staatsanleihen zu kaufen, um eine weitere Destabilisierung des Finanzsystems zu verhindern.
Am 20. Oktober 2022 kündigte Truss ihren Rücktritt an. Ihre Amtszeit von 49 Tagen ist bis heute die kürzeste eines britischen Premierministers.
Truss erhebt Vorwürfe gegen die Bank of England
In ihrem neuen Buch zeichnet Truss die damaligen Ereignisse aus einer grundsätzlich anderen Perspektive.
Nach ihrer Darstellung waren die Probleme britischer Pensionsfonds und das Vorgehen der Bank of England entscheidend für die Krise. Insbesondere wirft sie der Zentralbank vor, Risiken im Finanzsystem nicht ausreichend berücksichtigt und ihre Regierung nicht angemessen gewarnt zu haben.
Truss kritisiert außerdem die geplanten Verkäufe von Staatsanleihen durch die Zentralbank. Diese hätten aus ihrer Sicht eine ohnehin angespannte Marktsituation zusätzlich belastet.
Ihre Argumentation geht über einzelne wirtschaftspolitische Entscheidungen hinaus. Sie sieht in der Unabhängigkeit wichtiger staatlicher Institutionen ein grundsätzliches Problem für demokratisch gewählte Regierungen.
Neben der Bank of England kritisiert sie das britische Finanzministerium und das Office for Budget Responsibility, das die Auswirkungen staatlicher Haushaltsentscheidungen unabhängig bewertet.
Truss vertritt die Auffassung, dass nicht gewählte Entscheidungsträger erheblichen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik ausüben und politische Veränderungen behindern können.
Für die Behauptung eines gezielt organisierten Komplotts gegen ihre Regierung liegt allerdings kein belastbarer öffentlicher Nachweis vor.
Untersuchungen widersprechen der Darstellung von Truss
Der Ablauf der Finanzkrise von 2022 wurde inzwischen von mehreren unabhängigen Institutionen untersucht.
Der Internationale Währungsfonds kam zu dem Ergebnis, dass die Ankündigung ungedeckter Steuersenkungen im Umfang von rund 45 Milliarden Pfund erhebliche Zweifel an der Tragfähigkeit der britischen Finanzpolitik ausgelöst hatte.
Diese Zweifel führten zu Verkäufen britischer Vermögenswerte und verstärkten die Turbulenzen am Staatsanleihemarkt.
Die Probleme der Pensionsfonds verschärften die Krise zusätzlich. Untersuchungen der Bank of England und eines Ausschusses des britischen Parlaments bestätigten, dass bestimmte Anlagestrategien besonders anfällig für plötzlich steigende Anleiherenditen waren.
Die Zentralbank musste deshalb am 28. September 2022 eingreifen. Ihre zunächst geplanten Anleiheverkäufe wurden angesichts der Marktlage verschoben.
Damit lässt sich die Krise nicht allein auf die Wirtschaftspolitik von Truss reduzieren. Allerdings widersprechen die dokumentierten Ereignisse ihrer Darstellung, die Zentralbank habe durch geplante Verkäufe den Zusammenbruch ihrer Regierung verursacht.
Politisches Comeback nach der Wahlniederlage
Auch nach dem Ende ihrer Regierungszeit blieb Truss politisch aktiv. Bei der britischen Parlamentswahl im Juli 2024 verlor sie ihren Wahlkreis South West Norfolk und damit ihren Sitz im Unterhaus.
Seither versucht sie, außerhalb des Parlaments politischen Einfluss auszuüben.
Mit öffentlichen Auftritten, eigenen Medienformaten und Kontakten zu rechtskonservativen Bewegungen setzt sie sich weiterhin für Steuersenkungen, eine stärkere Kontrolle unabhängiger staatlicher Institutionen und eine grundlegende Veränderung des politischen Systems ein.
Dabei orientiert sie sich auch an politischen Strömungen in den Vereinigten Staaten, die eine stärkere Durchsetzungsmacht gewählter Regierungen gegenüber Verwaltungsinstitutionen fordern.
Im September 2026 schloss Truss eine Rückkehr ins Parlament nicht aus. Ob und unter welchen politischen Voraussetzungen sie erneut kandidieren könnte, blieb allerdings offen.
Der Streit reicht weit über Liz Truss hinaus
Die Auseinandersetzung um ihre kurze Amtszeit berührt eine grundsätzliche wirtschaftspolitische Frage: Wie weit darf eine gewählte Regierung die Finanzpolitik verändern, wenn Investoren darauf mit einem Vertrauensverlust reagieren?
Truss argumentiert, dass unabhängige Institutionen demokratisch legitimierte Reformen behindern können. Ihre Kritiker halten dagegen, dass gerade eine unabhängige Zentralbank und eine glaubwürdige Haushaltskontrolle notwendig sind, um wirtschaftliche Stabilität zu gewährleisten.
Vier Jahre nach ihrem Rücktritt bleibt der Streit über die Ursachen der britischen Finanzkrise deshalb aktuell.
Mit ihrem neuen Buch versucht Truss, die öffentliche Bewertung ihrer Regierungszeit zu verändern. Die damaligen Marktreaktionen, die Untersuchungen zur Krise und ihr politischer Rücktritt sind jedoch dokumentierte Ereignisse, die sich nicht allein durch eine andere Interpretation der Verantwortung erklären lassen.