Kanzler sucht neue Handelspartner in Asien

Merz will Chinas wirtschaftliche Macht begrenzen – doch Deutschlands Abhängigkeit bleibt groß

Harte Worte, schwierige Abhängigkeiten

Von Paul Berger 5 Min. Lesezeit

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Deutschland strebt mit China einen fairen und transparenten Wettbewerb an.
Deutschland strebt mit China einen fairen und transparenten Wettbewerb an. Foto: Bunderegierung/Guido Bergmann

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will Deutschlands wirtschaftliche Abhängigkeit von China verringern und sucht dafür neue Verbündete in Asien. Bei seiner fünftägigen Reise nach Singapur, Japan und Südkorea warb er Ende Oktober 2026 für eine internationale Handelsallianz, die gemeinsame Regeln durchsetzen und wirtschaftlichen Druck einzelner Großmächte begrenzen soll. Doch gerade die deutsche Automobilindustrie, der Maschinenbau und zahlreiche Technologieunternehmen sind weiterhin auf den chinesischen Markt und wichtige Rohstoffe aus der Volksrepublik angewiesen.

Während Merz vor unfairen Handelspraktiken warnt, muss er zugleich verhindern, dass ein verschärfter Konflikt mit Peking deutsche Unternehmen zusätzlich belastet. Besonders deutlich wird dieses Problem bei Seltenen Erden, Batterien und elektronischen Bauteilen. Ohne sie können viele Industriebetriebe ihre Produktion nicht aufrechterhalten.

Merz schlägt neue Handelsallianz vor

Zum Abschluss seiner Asienreise warb Merz am Freitag, 30. Oktober, auf der Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft in Seoul für eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Europa und asiatischen Partnerstaaten.

Der Bundeskanzler möchte ein internationales Netzwerk aufbauen, dessen Mitglieder sich zu verlässlichen Handelsregeln und einem offenen Marktzugang verpflichten.

Bereits zu Beginn seiner Reise hatte er in Singapur vorgeschlagen, die Europäische Union stärker mit den zwölf Mitgliedstaaten der Transpazifischen Partnerschaft CPTPP zu verbinden.

Zu dieser Handelsgemeinschaft gehören unter anderem Japan, Kanada, Australien und Singapur. Gemeinsam mit der Europäischen Union repräsentieren diese Staaten mehr als ein Drittel des weltweiten Handels.

Merz sieht darin eine Möglichkeit, wirtschaftliche Abhängigkeiten zu verringern und gemeinsame Interessen gegenüber großen Handelsmächten durchzusetzen.

Ein ausgehandeltes Abkommen liegt bislang nicht vor. Der Vorschlag befindet sich noch im Stadium einer politischen Initiative.

China kontrolliert wichtige Rohstoffe

Ein wesentlicher Streitpunkt sind die Seltenen Erden. Diese Metalle werden unter anderem für Elektromotoren, Windkraftanlagen, elektronische Geräte und militärische Technik benötigt.

China verfügt über eine besonders starke Stellung bei der Verarbeitung zahlreicher kritischer Rohstoffe und der Herstellung daraus gefertigter Produkte.

Die Regierung in Peking hat in den vergangenen Jahren mehrfach Exportbeschränkungen eingeführt. Besonders problematisch sind diese für Unternehmen, die kurzfristig keine alternativen Lieferanten finden können.

Auch deutsche Automobilhersteller und Maschinenbauer sind betroffen. Für viele Produkte werden spezielle Magnete und elektronische Bauteile benötigt, deren Lieferketten eng mit China verbunden sind.

Merz fordert deshalb, europäische Rohstoffreserven aufzubauen und neue Lieferbeziehungen zu erschließen.

Japan gilt dabei als mögliches Vorbild. Das Land begann bereits nach einem Handelskonflikt mit China im Jahr 2010, seine Rohstoffversorgung breiter aufzustellen und Recyclingkapazitäten auszubauen.

Deutsche Autoindustrie steht unter Druck

Für Deutschland ist der wirtschaftliche Konflikt besonders heikel, weil China über viele Jahre zu den wichtigsten Absatzmärkten deutscher Automobilhersteller gehörte.

Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz haben dort umfangreiche Produktions- und Vertriebsstrukturen aufgebaut.

Inzwischen hat sich der Wettbewerb erheblich verändert. Chinesische Hersteller gewinnen vor allem bei Elektrofahrzeugen und Batterietechnik an Bedeutung. Gleichzeitig stehen deutsche Unternehmen unter Druck, ihre Kosten zu reduzieren und neue Modelle schneller auf den Markt zu bringen.

Der Rückgang deutscher Autoexporte nach China belastet auch Zulieferer und Maschinenbauer.

Hinzu kommt der wachsende Wettbewerb auf dem europäischen Markt. Chinesische Hersteller bieten zunehmend eigene Fahrzeuge in Deutschland und anderen EU-Staaten an.

Die Bundesregierung wirft China vor, durch staatliche Subventionen und industrielle Überkapazitäten den Wettbewerb zu verzerren.

China weist pauschale Vorwürfe unfairer Handelspraktiken zurück und betont die Bedeutung stabiler Wirtschaftsbeziehungen.

Warum ein Handelskonflikt Ostdeutschland treffen könnte

Die Folgen einer verschärften Auseinandersetzung mit China wären auch in Ostdeutschland zu spüren.

Sachsen verfügt mit den Volkswagen-Standorten Zwickau und Dresden sowie zahlreichen Automobilzulieferern über wichtige industrielle Strukturen.

Hinzu kommen die Halbleiterindustrie im Raum Dresden und Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus in Chemnitz und weiteren sächsischen Städten.

Viele dieser Betriebe sind auf internationale Lieferketten angewiesen. Rohstoffengpässe, höhere Einkaufspreise oder Handelsbeschränkungen können deshalb zusätzliche Kosten verursachen.

Auch Brandenburg und Sachsen-Anhalt haben ein wirtschaftliches Interesse an verlässlichen Handelsbeziehungen. Dort entstehen beziehungsweise bestehen industrielle Kapazitäten in der Batterieproduktion, der Chemieindustrie und weiteren exportorientierten Branchen.

Eine stärkere wirtschaftliche Unabhängigkeit von China könnte langfristig Risiken reduzieren. Kurzfristig erfordert sie jedoch Investitionen, alternative Lieferanten und teilweise höhere Beschaffungskosten.

Für die Beschäftigten stellt sich damit eine konkrete Frage: Wie kann Deutschland seine Industrie unabhängiger machen, ohne bestehende Arbeitsplätze durch neue Handelskonflikte zusätzlich zu gefährden?

Peking fordert Deutschland zu Zurückhaltung auf

Die chinesische Regierung reagierte bereits während der Asienreise auf die Äußerungen des Bundeskanzlers.

Ein Sprecher des Außenministeriums in Peking forderte Deutschland und die Europäische Union auf, Handelsfragen objektiv und rational zu behandeln.

China wolle stabile internationale Lieferketten erhalten und wirtschaftliche Streitigkeiten durch Gespräche lösen.

Die Bundesregierung verfolgt dagegen das Ziel, kritische Abhängigkeiten konsequenter zu reduzieren.

Merz betont allerdings, dass Deutschland keinen vollständigen wirtschaftlichen Bruch mit China anstrebt.

Eine solche Abkopplung wäre aus seiner Sicht für beide Seiten schädlich.

Der Kanzler unterscheidet deshalb zwischen dem Abbau gefährlicher Abhängigkeiten und der grundsätzlichen Fortsetzung des Handels.

Südkorea und Japan sollen Alternativen bieten

Auf seiner Reise versuchte Merz, bestehende Partnerschaften mit wichtigen asiatischen Industrienationen auszubauen.

In Japan vereinbarte er mit Ministerpräsidentin Sanae Takaichi eine engere Zusammenarbeit bei kritischen Rohstoffen und internationalen Handelsregeln.

Auch sicherheitspolitische Fragen und eine mögliche Kooperation der Rüstungsindustrien wurden angesprochen.

In Südkorea standen insbesondere Batterietechnik, Halbleiter und künstliche Intelligenz im Mittelpunkt.

Beide Länder verfügen über bedeutende Technologieunternehmen und sind wirtschaftlich eng mit Deutschland verbunden.

Für die Bundesregierung könnten solche Partnerschaften helfen, Lieferketten breiter aufzustellen.

Allerdings lassen sich bestehende Abhängigkeiten nicht innerhalb weniger Monate beseitigen. Neue Rohstoffquellen müssen erschlossen, Produktionskapazitäten aufgebaut und langfristige Lieferverträge abgeschlossen werden.

Zwischen wirtschaftlicher Stärke und politischem Anspruch

Die Bundesregierung steht vor einem schwierigen Interessenausgleich.

Einerseits will sie verhindern, dass China seinen Einfluss auf wichtige Rohstoffe und Industriezweige als politisches Druckmittel einsetzen kann. Andererseits ist die deutsche Wirtschaft auf offene Absatzmärkte und bezahlbare Vorprodukte angewiesen.

Ein umfassender Handelskonflikt könnte deshalb gerade jene Unternehmen treffen, deren Wettbewerbsfähigkeit Merz stärken möchte.

Hinzu kommt die Frage, wie viel wirtschaftliche Eigenständigkeit Deutschland tatsächlich erreichen kann, wenn wichtige Technologien, Rohstoffe und Produktionsketten weiterhin international verflochten bleiben.

Neue Handelsabkommen können zusätzliche Möglichkeiten schaffen. Sie ersetzen jedoch keine langfristige Industrie- und Rohstoffstrategie.

Merz muss seinen Ankündigungen konkrete Maßnahmen folgen lassen

Die Asienreise des Bundeskanzlers zeigt, dass die Bundesregierung ihre wirtschaftlichen Partnerschaften breiter aufstellen möchte.

Mit Singapur, Japan und Südkorea sucht Merz Verbündete, die ebenfalls auf verlässliche Handelsbedingungen angewiesen sind und wirtschaftliche Abhängigkeiten reduzieren wollen.

Ob daraus ein wirksames Gegengewicht zu Chinas industrieller Stellung entsteht, bleibt offen.

Für deutsche Unternehmen wird entscheidend sein, ob neue Vereinbarungen tatsächlich den Zugang zu Rohstoffen verbessern, Investitionen erleichtern und zusätzliche Absatzmärkte erschließen.

Politische Forderungen allein werden die Abhängigkeit von China nicht beenden. Entscheidend sind konkrete Lieferverträge, wettbewerbsfähige Produktionsbedingungen und Investitionen, die langfristig Arbeitsplätze in Deutschland sichern.

Gerade für die Industriestandorte in Sachsen und den übrigen ostdeutschen Bundesländern steht dabei viel auf dem Spiel.

Themen: SachsenAutomobilindustrieFriedrich MerzChinaSeltene ErdenWirtschaftspolitikDeutschlandAußenhandelJapanSüdkoreaAsienreiseSingapurHandelskonflikt

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