Führungswechsel bei Europas Zentralbank

EZB-Präsidentin Christine Lagarde tritt vorzeitig zurück – Nachfolgeentscheidung beginnt

Lagarde verlässt die EZB

Von Paul Berger 5 Min. Lesezeit

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EZB-Präsidentin Christine Lagarde während eines öffentlichen Auftritts. Die französische Notenbankchefin steht seit November 2019 an der Spitze der Europäischen Zentralbank.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde während eines öffentlichen Auftritts. Die französische Notenbankchefin steht seit November 2019 an der Spitze der Europäischen Zentralbank. Foto: Dirk Claus/ECB

Frankfurt am Main. Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, hat ihren vorzeitigen Rücktritt angekündigt. Die 70-jährige Französin wird ihr Amt am 7. Februar 2027 niederlegen, rund neun Monate vor dem regulären Ende ihrer achtjährigen Amtszeit. Das bestätigte die Europäische Zentralbank am Donnerstag, 29. Oktober 2026. Mit der Entscheidung beginnt die Suche nach einer neuen Führung für die wichtigste geldpolitische Institution des Euroraums.

Christine Lagarde verlässt EZB im Februar 2027

Christine Lagarde hat den EZB-Rat und den Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa, am Donnerstag über ihre Entscheidung informiert. Die Europäische Zentralbank veröffentlichte daraufhin eine offizielle Mitteilung.

Eigentlich hätte Lagardes Amtszeit erst Ende Oktober 2027 geendet. Die Französin steht seit dem 1. November 2019 an der Spitze der Notenbank in Frankfurt am Main.

Der EZB-Rat dankte seiner Präsidentin nach Angaben der Zentralbank mit lang anhaltendem Applaus für ihre Arbeit.

Eine konkrete Begründung für den vorzeitigen Rückzug nannte die EZB zunächst nicht. Auch über ihre beruflichen Pläne nach dem Ausscheiden aus dem Amt machte Lagarde keine offiziellen Angaben.

Wechsel zum Weltwirtschaftsforum im Gespräch

Bereits seit mehreren Monaten wurde über einen möglichen vorzeitigen Abschied Lagardes spekuliert. Als denkbares neues Tätigkeitsfeld gilt die Leitung des Weltwirtschaftsforums im schweizerischen Davos.

Das Weltwirtschaftsforum organisiert jährlich eines der wichtigsten internationalen Treffen von Staats- und Regierungschefs, Unternehmensvertretern und Wissenschaftlern.

Nach übereinstimmenden Medienberichten soll Anfang November über die künftige Führung der Organisation entschieden werden.

Ob Lagarde tatsächlich an deren Spitze wechseln wird, ist bislang nicht bestätigt.

Im September hatte sie in einem Interview erstmals öffentlich eingeräumt, dass sie ihr Amt bei der EZB möglicherweise einige Monate vor Ablauf ihrer regulären Amtszeit verlassen könnte.

Die nun verkündete Entscheidung beendet die Spekulationen über ihren Verbleib bei der Europäischen Zentralbank, nicht aber über ihre berufliche Zukunft.

Nachfolge soll vor der französischen Präsidentschaftswahl geklärt werden

Der Zeitpunkt des Rücktritts besitzt erhebliche politische Bedeutung.

Im Frühjahr 2027 wird in Frankreich ein neuer Präsident gewählt. Amtsinhaber Emmanuel Macron darf nach zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten nicht erneut kandidieren.

Mit Lagardes vorzeitigem Ausscheiden kann die Nachfolge an der EZB-Spitze noch unter Beteiligung der gegenwärtigen europäischen Staats- und Regierungschefs geregelt werden.

Damit bleibt auch Macron die Möglichkeit, auf die Besetzung eines der bedeutendsten europäischen Spitzenämter Einfluss zu nehmen.

EU-Ratspräsident António Costa kündigte an, das Verfahren zur Ernennung einer Nachfolgerin oder eines Nachfolgers unverzüglich einzuleiten.

Die Entscheidung liegt beim Europäischen Rat. Nach den europäischen Verträgen erfolgt die Ernennung auf Empfehlung des Rates und nach Anhörung des Europäischen Parlaments sowie des EZB-Rates.

Für die Besetzung des Präsidentenamtes ist eine qualifizierte Mehrheit erforderlich.

Bundesbankpräsident Joachim Nagel als möglicher Nachfolger

Mit dem angekündigten Rückzug rücken mögliche Nachfolger stärker in den Mittelpunkt.

Zu den diskutierten Kandidaten gehört Bundesbankpräsident Joachim Nagel. Der deutsche Notenbankchef hat bereits Interesse an der Führung der Europäischen Zentralbank erkennen lassen.

Deutschland stellte seit der Gründung der EZB im Jahr 1998 noch keinen Präsidenten der Institution.

Auch der frühere niederländische Zentralbankpräsident Klaas Knot und der Spanier Pablo Hernández de Cos, derzeit Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, werden als mögliche Nachfolger genannt.

Eine offizielle Kandidatenliste liegt bislang nicht vor.

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil erklärte, Deutschland werde als größte Volkswirtschaft des Euroraums sein Gewicht bei der Neubesetzung einbringen. Die Bundesregierung stehe dazu mit europäischen Partnern im Austausch.

Allerdings sind bei der Besetzung europäischer Spitzenpositionen regelmäßig auch nationale Interessen und institutionelle Gleichgewichte zu berücksichtigen.

Da mit Ursula von der Leyen bereits eine Deutsche die Europäische Kommission führt, könnte eine weitere deutsche Spitzenbesetzung Gegenstand politischer Verhandlungen werden.

Lagardes Amtszeit von Krisen geprägt

Christine Lagarde übernahm die EZB-Führung im November 2019 vom Italiener Mario Draghi.

Ihre Amtszeit war von außergewöhnlichen wirtschaftlichen Entwicklungen bestimmt. Dazu gehörten die Corona-Pandemie, die wirtschaftlichen Folgen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine sowie erhebliche Schwankungen der Energiepreise.

Besonders die starke Inflation stellte die Notenbank vor schwierige Entscheidungen.

Die EZB reagierte auf den Anstieg der Verbraucherpreise ab 2022 mit einer Reihe kräftiger Zinserhöhungen. Höhere Leitzinsen sollten die Nachfrage dämpfen und damit den Preisauftrieb begrenzen.

Für Unternehmen und private Haushalte verteuerten sich dadurch jedoch auch Kredite und Immobilienfinanzierungen.

Später begann die Notenbank, ihre Geldpolitik angesichts veränderter wirtschaftlicher Bedingungen wieder anzupassen.

Das zentrale Ziel der EZB blieb während Lagardes Amtszeit unverändert: mittelfristig eine Inflationsrate von zwei Prozent im Euroraum zu gewährleisten.

Führungswechsel in einer wirtschaftlich schwierigen Phase

Lagardes Rücktritt fällt in eine Zeit, in der die europäische Wirtschaft mit erneuten Preisrisiken und einer schwachen konjunkturellen Entwicklung konfrontiert ist.

Gestiegene Energiepreise und internationale Krisen erschweren die Prognosen über die weitere Entwicklung der Inflation.

Die EZB muss dabei zwischen zwei Zielen abwägen: Einerseits soll sie einen erneuten starken Preisanstieg verhindern, andererseits darf eine zu restriktive Geldpolitik die wirtschaftliche Entwicklung nicht unnötig belasten.

Am Donnerstag steht zudem eine weitere geldpolitische Entscheidung des EZB-Rates an.

Der überraschend bestätigte Führungswechsel verändert zwar nicht unmittelbar die geltenden Leitzinsen, schafft aber zusätzliche Aufmerksamkeit für den künftigen geldpolitischen Kurs der Zentralbank.

Entscheidend wird sein, welche Vorstellungen die neue Präsidentin oder der neue Präsident zur Inflationsbekämpfung, zu den Zinsen und zur wirtschaftlichen Stabilität des Euroraums vertritt.

Europas Staats- und Regierungschefs müssen entscheiden

Mit der offiziellen Rücktrittsankündigung beginnt die Suche nach einer neuen EZB-Spitze deutlich früher als ursprünglich vorgesehen.

Der Europäische Rat muss sich nun auf eine Persönlichkeit einigen, die sowohl geldpolitische Erfahrung als auch das Vertrauen der europäischen Mitgliedstaaten besitzt.

António Costa würdigte Lagardes Führung während der vergangenen Krisen und kündigte einen geordneten Übergang an.

Bis zum 7. Februar 2027 bleibt Christine Lagarde regulär im Amt und trägt weiterhin die Verantwortung für die geldpolitischen Entscheidungen der Europäischen Zentralbank.

Wer anschließend die Führung der Notenbank übernimmt, ist noch offen.

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