Elif Eralp: Versehentliche Enthüllung offenbart Angst vor Hamas-Sympathisanten
Interne Notizen sorgen für Wirbel
Berlin. Eine versehentlich verschickte Datei bringt die Berliner Linken-Spitzenpolitikerin Elif Eralp in Erklärungsnot. In internen Anmerkungen zu einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ äußerte die Bürgermeisterkandidatin offenbar erhebliche Sorgen um die Sicherheit ihrer Familie. Hintergrund sind mutmaßliche Verbindungen eines propalästinensischen Aktivisten zur Terrororganisation Hamas, dessen Kontakte in das Umfeld der Berliner Linken seit Wochen für Diskussionen sorgen.
Versehentlich verschickte Kommentare offenbaren Sorgen
Der Vorgang begann mit einem Interview, das Eralp Anfang der Woche dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gegeben hatte. Anschließend erhielt ihr Büro den Text zur Autorisierung.
Bei der Rücksendung am Mittwoch, 28. Oktober 2026, blieb offenbar ein entscheidender Teil des Dokuments unbeabsichtigt erhalten: interne Kommentare der Politikerin und ihrer Mitarbeiter.
Diese Anmerkungen waren nicht für die Veröffentlichung bestimmt. Sie geben jedoch Einblick in Eralps persönliche Einschätzung einer politischen Auseinandersetzung, die inzwischen auch ihre Familie betrifft.
Nach Angaben des „Spiegels“ hatte die Politikerin eine Frage zu dem Aktivisten Ibrahim Ibrahim und ihre darauf gegebene Antwort streichen lassen. In einem internen Kommentar begründete sie diese Entscheidung mit Sicherheitsbedenken.
Eralp schrieb demnach, dass sie sich und ihre Familie durch eine öffentliche Stellungnahme zu konkreten Personen nicht gefährden wolle. Sie und ihr Mann hätten Angst vor dem betreffenden Umfeld.
Die unbeabsichtigte Veröffentlichung der Kommentare löste am Donnerstag eine breite Berichterstattung aus.
Ibrahim Ibrahim und die Kontakte zur Berliner Linken
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht Ibrahim Ibrahim, ein in Berlin aktiver Vertreter der palästinensischen Protestbewegung.
Nach Recherchen des „Spiegels“ soll er den getöteten Hamas-Anführer Yahya Sinwar öffentlich verherrlicht haben. Zudem werden ihm Kontakte zu Personen aus dem Umfeld der Hamas zugeschrieben.
Ibrahim nimmt nach Medienberichten eine führende Rolle im Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitee ein. Der Berliner Verfassungsschutz stuft dieses Umfeld als extremistisch ein. Berichtet wird außerdem über Verbindungen zur Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), die von der Europäischen Union als terroristische Organisation eingestuft wird.
Ibrahim bestreitet nach bisherigen Berichten, Terrorismus zu unterstützen.
Politisch brisant wurde die Angelegenheit, weil Ibrahim nach der Berliner Abgeordnetenhauswahl im September bei einer Wahlfeier der Linken in Neukölln erschien. Fotos dokumentierten außerdem Kontakte zu einzelnen Parteipolitikern.
Daraus ergeben sich Fragen zum Umgang der Berliner Linken mit Personen, denen die Verharmlosung oder Unterstützung terroristischer Gewalt vorgeworfen wird.
Ein Nachweis, dass die Partei als Organisation Kontakte zur Hamas unterhält, ist damit allerdings nicht erbracht.
Eralp verweist auf Warnungen des Landeskriminalamts
Aus den versehentlich veröffentlichten Anmerkungen geht hervor, dass Eralp ihre Zurückhaltung nicht allein politisch begründete.
Nach eigener Darstellung hatte ihr das Berliner Landeskriminalamt bereits bei früheren Auseinandersetzungen geraten, öffentlich keine konkreten Namen zu nennen.
Damals habe sich die Empfehlung auf Personen aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität bezogen. Nun betreffe ihre Sorge Menschen, denen Verbindungen zur Hamas zugeschrieben werden.
Ob die Sicherheitsbehörden im aktuellen Fall eine konkrete Gefährdung durch Ibrahim Ibrahim festgestellt haben, ist nicht bekannt.
Eralps Sprecher erklärte gegenüber dem „Spiegel“, die Politikerin sei seit Monaten regelmäßig Beleidigungen, Drohungen und Anfeindungen ausgesetzt.
Sicherheitsbehörden würden bei öffentlichen Äußerungen deshalb dazu raten, politische Probleme nicht an einzelnen Personen festzumachen, insbesondere wenn mutmaßliche Verbindungen zu kriminellen oder terroristischen Strukturen im Raum stünden.
Das Büro der Politikerin hatte darum gebeten, ihre persönlichen Sicherheitsinteressen zu berücksichtigen.
Bürgermeisterkandidatin äußert sich zu den Enthüllungen
Am Donnerstagvormittag, 29. Oktober, reagierte Elif Eralp auf die Berichterstattung.
In einem kurzen Pressestatement erklärte sie, zu den veröffentlichten privaten und internen Angaben keine Einzelheiten nennen zu wollen.
Zugleich machte sie deutlich, dass sie sich durch Drohungen oder Einschüchterungsversuche nicht von ihrer politischen Arbeit abbringen lassen wolle.
Sorgen um die eigene Sicherheit und die Familie seien menschlich nachvollziehbar. Für den Fall einer Regierungsübernahme kündigte Eralp an, konsequent gegen die Verherrlichung und Verharmlosung terroristischer Gewalt vorzugehen.
Die Linken-Politikerin versicherte außerdem, dass sie für die Sicherheit der Berliner Bevölkerung eintreten werde.
Ihre öffentliche Stellungnahme sollte damit den Eindruck zurückweisen, die persönlichen Sicherheitsbedenken könnten sie an einer entschlossenen Regierungsführung hindern.
Streit über politische Verantwortung
Die Veröffentlichung der internen Anmerkungen wirft zwei unterschiedliche Fragen auf.
Zum einen geht es um den Schutz einer Politikerin, die nach Angaben ihres Büros seit Monaten bedroht wird. Drohungen und Einschüchterungen gegen Mandatsträger sind unabhängig von deren Parteizugehörigkeit ein Angriff auf die freie politische Willensbildung.
Zum anderen stellt sich die Frage, wie eine Partei mit extremistischen Strömungen in ihrem weiteren politischen Umfeld umgeht.
Eralps Kritiker sehen in den Dokumenten einen Widerspruch zwischen ihren persönlichen Sorgen und dem öffentlichen Umgang einzelner Linken-Politiker mit umstrittenen Aktivisten.
Unterstützer der Bürgermeisterkandidatin halten dagegen, dass niemand wegen persönlicher Sicherheitsbedenken politisch diskreditiert werden dürfe.
Berlins Linken-Landesvorsitzender Maximilian Schirmer stellte sich hinter Eralp. Die Sorge um die eigene Familie sei kein Grund, sich zu schämen. Er verwies auf die fortgesetzten Anfeindungen gegen Politikerinnen und Politiker seiner Partei.
Die Linke werde sich gegen Gewalt, Terror und deren Verherrlichung einsetzen, erklärte Schirmer.
Veröffentlichung trifft Berlin in einer entscheidenden politischen Phase
Die Enthüllung kommt zu einem besonders sensiblen Zeitpunkt.
Am Donnerstag, 29. Oktober, tritt das im September neu gewählte Berliner Abgeordnetenhaus zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen.
Die Linke ist aus der Wahl als stärkste Fraktion hervorgegangen. Elif Eralp strebt das Amt der Regierenden Bürgermeisterin an und setzt dabei auf eine mögliche Koalition mit Grünen und SPD.
Bereits am Samstag steht innerhalb der Berliner Linken eine Entscheidung über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen an.
Der Streit über die veröffentlichten Kommentare dürfte deshalb auch die Gespräche zwischen den möglichen Regierungspartnern begleiten.
Dabei wird es nicht allein um Eralps persönliche Sicherheitsbedenken gehen. Politisch entscheidend ist vielmehr, wie ihre Partei künftig mit extremistischen Positionen, antisemitischen Äußerungen und der Verherrlichung terroristischer Gewalt umgeht.
Ungeklärt bleibt, ob und in welchem Umfang konkrete Bedrohungen gegen Eralp im Zusammenhang mit Ibrahim Ibrahim oder dessen Umfeld stehen.