Fast 190.000 Unternehmen geschlossen: Deutschland verliert immer mehr Betriebe
In Deutschland haben 2025 fast 190.000 Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit eingestellt – rund zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders betroffen sind Gastronomie, Bauwirtschaft, Industrie und Arztpraxen. Die meisten Betriebe verschwinden ohne Insolvenzverfahren vom Markt. Hohe Kosten, Personalmangel und fehlende Nachfolger setzen dem Mittelstand zu.
Berlin. Deutschland verliert zunehmend Unternehmen, ohne dass deren Schließung öffentlich große Aufmerksamkeit erregt. Im Jahr 2025 stellten bundesweit 187.744 Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit ein. Das waren knapp zehn Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr. Zu diesem Ergebnis kommt eine gemeinsame Untersuchung des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim und der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Besonders auffällig ist, dass längst nicht mehr nur wirtschaftlich angeschlagene Unternehmen betroffen sind. Auch Betriebe mit guter Bonität entscheiden sich zunehmend für die Aufgabe ihres Geschäfts.
Die Entwicklung trifft zahlreiche Branchen. Neben Industrie- und Bauunternehmen schließen Restaurants, Handwerksbetriebe, Dienstleister und Arztpraxen. Dahinter stehen unterschiedliche Ursachen: hohe Energie- und Personalkosten, Fachkräftemangel, ausbleibende Investitionen oder die erfolglose Suche nach einem Nachfolger.
Nur jede achte Schließung führt über ein Insolvenzverfahren
Die Zahl der Insolvenzen allein beschreibt das Ausmaß der Unternehmensaufgaben nur unvollständig.
Nach der Untersuchung von ZEW und Creditreform entfielen 2025 lediglich rund 13 Prozent der erfassten Unternehmensschließungen auf Betriebe, die ein Insolvenzverfahren durchliefen.
Die übrigen rund 87 Prozent verschwanden auf anderen Wegen vom Markt. Dazu zählen reguläre Geschäftsaufgaben ebenso wie Unternehmen, die wirtschaftlich nicht mehr aktiv sind.
Anders als bei großen Insolvenzen kommt es dabei häufig weder zu öffentlichen Gerichtsterminen noch zu umfangreicher Berichterstattung.
Ein Unternehmen schließt seinen Standort, ein Geschäftsinhaber meldet seinen Betrieb ab oder eine Nachfolge kommt nicht zustande. Für Kunden und Beschäftigte sind die Folgen dennoch spürbar.
Dabei muss eine Geschäftsaufgabe nicht zwangsläufig auf eine wirtschaftliche Notlage zurückzuführen sein. Manche Unternehmer entscheiden sich bewusst gegen eine Fortführung, obwohl ihr Betrieb noch zahlungsfähig ist.
Gastronomie verliert rund 15.000 Unternehmen
Besonders stark stieg die Zahl der Unternehmensschließungen im Gastgewerbe.
Rund 15.000 Gastronomie- und Beherbergungsunternehmen stellten 2025 ihren Betrieb ein. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg von etwa 15 Prozent.
Für viele Wirte und Hoteliers sind insbesondere Personal- und Energiekosten zu einer erheblichen Belastung geworden. Hinzu kommen Ausgaben für Lebensmittel, Instandhaltung und andere betriebliche Leistungen.
Gleichzeitig fällt es zahlreichen Betrieben schwer, ausreichend Fachkräfte zu gewinnen.
Vor allem kleinere Restaurants und familiengeführte Gaststätten verfügen häufig nicht über die finanziellen Reserven größerer Unternehmen.
Auch Veränderungen im Konsumverhalten belasten das Geschäft. Wenn Gäste seltener auswärts essen oder bei Restaurantbesuchen sparen, sinken die Einnahmen, während ein großer Teil der Kosten weiterläuft.
Seit Januar 2026 gilt für Speisen in der Gastronomie wieder ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Ob diese Entlastung ausreicht, um zusätzliche Schließungen zu verhindern, lässt sich bislang nicht beurteilen.
Mehr als 11.000 Industriebetriebe geschlossen
Auch das verarbeitende Gewerbe bleibt von der Entwicklung nicht verschont.
Nach den Berechnungen wurden 2025 gut 11.000 Industrieunternehmen geschlossen. Das entspricht einem Anstieg von rund zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die deutsche Industrie steht seit mehreren Jahren unter erheblichem Anpassungsdruck.
Hohe Energiekosten, eine schwache Nachfrage in einzelnen Branchen, internationale Konkurrenz und Unsicherheit über künftige Investitionen erschweren die wirtschaftliche Planung.
Gerade mittelständische Zulieferer sind häufig von wenigen größeren Auftraggebern abhängig. Werden Produktionsmengen reduziert oder Aufträge ins Ausland verlagert, kann dies die wirtschaftliche Grundlage kleinerer Betriebe gefährden.
Besonders relevant ist diese Entwicklung für die ostdeutschen Industrieregionen.
In Sachsen sind unter anderem Unternehmen des Maschinenbaus, der Automobilzulieferindustrie und der Metallverarbeitung betroffen von Veränderungen der industriellen Nachfrage.
Auch in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern hängen zahlreiche Arbeitsplätze von mittelständischen Produktionsbetrieben ab.
Wie viele der bundesweit erfassten Schließungen auf die einzelnen ostdeutschen Bundesländer entfielen, lässt sich aus den veröffentlichten Hauptzahlen der Untersuchung allerdings nicht ableiten.
Bauwirtschaft und Arztpraxen besonders betroffen
Im Baugewerbe wurden 2025 rund 24.000 Unternehmen geschlossen. Das waren etwa zwölf Prozent mehr als im Jahr zuvor.
Die Branche leidet weiterhin unter hohen Baukosten und einer zurückhaltenden Investitionsbereitschaft. Insbesondere im Wohnungsbau erschweren Finanzierungskosten, Materialpreise und aufwendige Genehmigungsverfahren neue Projekte.
Für kleinere Bauunternehmen können längere Auftragslücken schnell problematisch werden.
Auffällig ist auch die Entwicklung im Gesundheitswesen.
Bundesweit stellten knapp 11.000 Unternehmen aus Gesundheitsbranchen ihre Tätigkeit ein. Das entsprach einem Anstieg von rund zwölf Prozent.
Allein bei den Arztpraxen wurden etwa 5.500 Schließungen registriert, rund 23 Prozent mehr als 2024.
Hier spielen neben wirtschaftlichen Belastungen auch Altersgründe und fehlende Nachfolger eine wichtige Rolle.
Wenn ein niedergelassener Arzt in den Ruhestand geht und niemand die Praxis übernimmt, kann dies für Patienten längere Wege und zusätzliche Wartezeiten bedeuten.
Besonders in ländlichen Regionen ist die Nachbesetzung von Arztpraxen seit Jahren schwierig.
Hunderttausenden Unternehmen fehlt eine Nachfolge
Neben den laufenden Betriebskosten wird die Unternehmensnachfolge zu einer immer größeren Herausforderung.
Nach Angaben der Bundesregierung könnten bis 2029 zwischen 456.000 und 570.000 inhabergeführte kleine und mittlere Unternehmen schließen.
Grundlage dieser Prognose sind Untersuchungen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW).
Demnach erwägen jährlich rund 114.000 Inhaber kleiner und mittlerer Unternehmen, ihren Betrieb stillzulegen.
Am häufigsten nennen sie Altersgründe. Auch fehlendes Interesse innerhalb der Familie, bürokratische Belastungen und Schwierigkeiten bei der Suche nach geeigneten Nachfolgern spielen eine wichtige Rolle.
Die Zahlen beschreiben allerdings Planungen und mögliche Entwicklungen. Sie bedeuten nicht, dass alle genannten Unternehmen tatsächlich schließen werden.
Für den Mittelstand ist die Frage dennoch von erheblicher Bedeutung.
In vielen Familienbetrieben haben die Eigentümer ihre Unternehmen über Jahrzehnte aufgebaut. Fehlt ein Nachfolger, steht häufig nicht nur die Fortführung des Geschäfts auf dem Spiel, sondern auch die Zukunft der dortigen Arbeitsplätze.
Warum die Statistik kein vollständiges Bild zeigt
Die Zahlen von ZEW und Creditreform unterscheiden sich von der Gewerbeanzeigenstatistik des Statistischen Bundesamtes.
Destatis registrierte für 2025 insgesamt rund 502.200 vollständige Gewerbeaufgaben. Diese deutlich höhere Zahl beruht auf einer anderen statistischen Abgrenzung und umfasst auch zahlreiche kleinere gewerbliche Tätigkeiten und Nebenerwerbsbetriebe.
Gleichzeitig wurden 2025 rund 640.500 Gewerbe neu gegründet.
Bei Betrieben mit größerer wirtschaftlicher Bedeutung standen rund 130.100 Neugründungen etwa 99.900 vollständigen Betriebsaufgaben gegenüber.
Auch im ersten Halbjahr 2026 gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mehr Neugründungen als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Aufgaben größerer Betriebe ging gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 sogar zurück.
Daraus ergibt sich ein differenzierteres Bild: Während bestimmte Unternehmensgruppen einen deutlichen Anstieg der Schließungen verzeichnen, entstehen gleichzeitig neue Betriebe.
Die hohe Zahl der Geschäftsaufgaben lässt sich deshalb nicht mit einem allgemeinen Rückgang sämtlicher unternehmerischer Tätigkeit gleichsetzen.
Für kleine Städte kann eine Schließung weitreichende Folgen haben
Die Auswirkungen einer Betriebsaufgabe hängen stark davon ab, welches Unternehmen betroffen ist.
Schließt ein kleiner Industriezulieferer, verlieren möglicherweise mehrere Dutzend Beschäftigte ihren Arbeitsplatz. Gibt eine Arztpraxis auf, müssen sich Patienten neue Behandlungsmöglichkeiten suchen.
Bei einem Lebensmittelgeschäft, einer Gaststätte oder einem Handwerksbetrieb betrifft die Schließung häufig auch das örtliche Versorgungsangebot.
In kleineren Städten und ländlichen Gemeinden können solche Entwicklungen besonders stark ins Gewicht fallen, weil dort weniger alternative Anbieter vorhanden sind.
Für die ostdeutschen Bundesländer kommt hinzu, dass viele mittelständische Unternehmen nach 1990 gegründet oder neu aufgebaut wurden. Ein Teil ihrer damaligen Gründer erreicht inzwischen das Rentenalter.
Ob es gelingt, diese Betriebe an eine neue Generation zu übergeben, wird deshalb auch für die wirtschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands wichtig sein.
Die aktuellen Zahlen zeigen vor allem eines: Eine Unternehmensschließung muss keine Insolvenz sein, um wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen zu haben. Gerade die vielen Geschäftsaufgaben außerhalb gerichtlicher Insolvenzverfahren verdienen deshalb mehr Aufmerksamkeit.