300.000 Industriearbeitsplätze bedroht: Gesamtmetall warnt vor weiterem Stellenabbau
Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall warnt vor dem Verlust weiterer 300.000 Arbeitsplätze in der deutschen Metall- und Elektroindustrie. Bereits seit 2019 seien rund 350.000 Stellen weggefallen. Gleichzeitig streiten Arbeitgeber und IG Metall über höhere Löhne. Auch Industriebetriebe in Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern beteiligen sich an den Warnstreiks.
Berlin. Der deutschen Metall- und Elektroindustrie droht nach Einschätzung des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall ein weiterer erheblicher Stellenabbau. In den kommenden zwei bis drei Jahren könnten bundesweit bis zu 300.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Hauptgeschäftsführer Oliver Zander verwies am Mittwoch, dem 4. November 2026, auf die geringe Auslastung vieler Unternehmen, hohe Produktionskosten und den wachsenden internationalen Wettbewerb. Die Warnung fällt mitten in die Tarifverhandlungen mit der IG Metall, die fünf Prozent mehr Lohn sowie eine stärkere Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten fordert.
Nach Angaben von Gesamtmetall hat die Branche seit 2019 bereits rund 350.000 Beschäftigte verloren. Damit verbunden sei ein jährlicher Rückgang der wirtschaftlichen Wertschöpfung um etwa 42 Milliarden Euro.
Beschäftigtenzahl könnte auf 3,4 Millionen sinken
Derzeit arbeiten in Deutschland rund 3,7 Millionen Menschen in der Metall- und Elektroindustrie. Dazu gehören unter anderem Unternehmen des Maschinenbaus, der Automobilindustrie, der Elektrotechnik und der Metallverarbeitung.
Sollten tatsächlich weitere 300.000 Arbeitsplätze wegfallen, würde die Beschäftigtenzahl auf rund 3,4 Millionen sinken.
Nach Einschätzung von Gesamtmetall wäre dies der niedrigste Stand seit der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990.
Der Verband verbindet einen solchen Beschäftigungsrückgang mit einem möglichen zusätzlichen Verlust an wirtschaftlicher Wertschöpfung von rund 35 Milliarden Euro jährlich.
Dabei handelt es sich allerdings um eine Prognose der Arbeitgeberseite und nicht um bereits beschlossene Stellenstreichungen. Wie viele Arbeitsplätze tatsächlich wegfallen, hängt unter anderem von der wirtschaftlichen Entwicklung, den Investitionen der Unternehmen und der künftigen Auftragslage ab.
Als wesentliche Belastungen nennt Gesamtmetall die Konkurrenz aus China, hohe Energie- und Arbeitskosten, bürokratische Anforderungen sowie die amerikanische Zollpolitik.
Ostdeutsche Industriestandorte besonders im Blick
Die Entwicklung ist auch für die ostdeutschen Bundesländer von Bedeutung. In Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind zahlreiche Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie angesiedelt.
Insbesondere die sächsischen Industriestandorte Chemnitz, Zwickau und Leipzig sind eng mit dem Automobilbau, der Zulieferindustrie und dem Maschinenbau verbunden.
Sinkende Aufträge oder eine Verlagerung der Produktion können dort nicht nur die großen Hersteller treffen. Auch kleinere Zulieferer, Logistikunternehmen und technische Dienstleister sind von den Aufträgen der Industrie abhängig.
In Brandenburg und Sachsen-Anhalt spielen neben dem Fahrzeugbau unter anderem die Metallverarbeitung und industrielle Ausrüstungsproduktion eine wichtige Rolle.
In Mecklenburg-Vorpommern gehören die maritime Industrie, der Anlagenbau und weitere metallverarbeitende Betriebe zu den wichtigen Arbeitgebern.
Wie viele der von Gesamtmetall genannten 300.000 gefährdeten Arbeitsplätze auf Ostdeutschland entfallen könnten, hat der Verband bislang nicht beziffert.
Eine regionale Aufteilung der prognostizierten Stellenverluste liegt nicht vor.
Warnstreiks in Berlin, Brandenburg und Sachsen
Parallel zur angespannten wirtschaftlichen Lage laufen die Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie.
Die IG Metall fordert eine Entgelterhöhung um fünf Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Außerdem möchte die Gewerkschaft Regelungen zur Beschäftigungssicherung und eine Beteiligung der Arbeitnehmer an besonders hohen Unternehmensgewinnen vereinbaren.
Nachdem die Friedenspflicht am 31. Oktober ausgelaufen war, begannen am 1. November die ersten Warnstreiks.
Auch in Berlin, Brandenburg und Sachsen legten Beschäftigte zeitweise ihre Arbeit nieder.
Nach Angaben der IG Metall beteiligten sich bundesweit in den ersten drei Tagen rund 100.000 Beschäftigte aus mehr als 500 Betrieben an den Aktionen.
Für die laufende Woche wurden Warnstreiks in insgesamt mehr als 2.000 Betrieben angekündigt.
Die Gewerkschaft will damit den Druck auf die Arbeitgeber erhöhen und ein verbessertes Tarifangebot erreichen.
Arbeitgeber bieten zunächst Einmalzahlung und 1,3 Prozent mehr Lohn
Die Arbeitgeber haben in der zweiten Verhandlungsrunde ein Angebot vorgelegt, das deutlich unter den Forderungen der Gewerkschaft liegt.
Vorgesehen ist zunächst eine Einmalzahlung im Juli 2027. Diese soll ein Prozent des durchschnittlichen tariflichen Jahresbruttoentgelts betragen.
Eine dauerhafte Entgelterhöhung von 1,3 Prozent soll erst im Juli 2028 erfolgen. Die angebotene Laufzeit reicht bis Ende 2028.
Die IG Metall lehnt das Angebot ab. Aus Sicht der Gewerkschaft würde die vorgesehene Lohnentwicklung angesichts der Preissteigerungen zu einem weiteren Kaufkraftverlust führen.
Gesamtmetall hält dagegen, dass viele Unternehmen kaum noch finanzielle Spielräume hätten.
Verbands-Hauptgeschäftsführer Zander bezeichnete die wirtschaftliche Lage als katastrophal und warnte davor, die Tarifauseinandersetzung weiter zu verschärfen.
Die Forderung nach fünf Prozent mehr Lohn hält er unter den gegenwärtigen Bedingungen für nicht vertretbar.
IG Metall sieht auch Fehler der Unternehmensführungen
Die Gewerkschaft beurteilt die wirtschaftliche Situation differenzierter.
Nach ihrer Einschätzung gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Unternehmen und Branchen.
Während insbesondere Teile der Automobilindustrie und ihrer Zulieferer unter Druck stehen, entwickeln sich andere Bereiche wie die Rüstungsindustrie, Luft- und Raumfahrt sowie bestimmte Bereiche der Energietechnik deutlich besser.
Eine Betriebsrätebefragung der IG Metall zeigt, dass 63 Prozent der befragten Arbeitnehmervertretungen die Auslastung ihrer Betriebe als gut oder sehr gut einschätzen.
Zugleich berichten Gewerkschaftsvertreter davon, dass Unternehmen auch bei einer vergleichsweise guten Geschäftslage Personal abbauen.
Die IG Metall kritisiert deshalb nicht nur die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, sondern auch Entscheidungen einzelner Unternehmensführungen.
Insbesondere in der Automobilindustrie sieht sie Managementfehler und versäumte Investitionen als weitere Ursachen der Beschäftigungsprobleme.
Die Gewerkschaft fordert, wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen stärker an der Finanzierung von Lohnerhöhungen zu beteiligen und gleichzeitig gefährdete Standorte zu sichern.
In Mecklenburg-Vorpommern Streit über Ost-West-Unterschiede
In der norddeutschen Tarifregion sorgt zusätzlich die unterschiedliche Höhe der vorgesehenen Einmalzahlungen für Kritik.
Die IG Metall Küste bemängelt, dass Beschäftigte in Mecklenburg-Vorpommern nach dem Arbeitgeberangebot eine geringere Einmalzahlung erhalten würden als Beschäftigte in westdeutschen Tarifgebieten.
Nach Angaben der Gewerkschaft würde der Unterschied gegenüber Hamburg bei 262 Euro liegen.
Die IG Metall lehnt eine solche Differenzierung ab und fordert gleiche tarifliche Perspektiven für die Beschäftigten unabhängig vom Standort.
Auch bei Unternehmen in Rostock kam es im Rahmen der Tarifauseinandersetzung zu Arbeitsniederlegungen.
Dazu gehörten Beschäftigte der Industrieunternehmen Liebherr und EEW.
Die nächste Verhandlungsrunde im Tarifgebiet Küste ist für den 6. November in Bremen vorgesehen.
Weitere Tarifgespräche stehen bevor
In mehreren Tarifgebieten sollen die Verhandlungen in den kommenden Tagen fortgesetzt werden.
Für Berlin und Brandenburg ist eine weitere Verhandlungsrunde am 6. November geplant. In Sachsen und Thüringen standen die Termine für die dritte Runde nach den zuletzt veröffentlichten Angaben noch nicht fest.
Für Sachsen-Anhalt ist eine weitere Verhandlung am 9. November vorgesehen.
Bislang liegen die Vorstellungen von Arbeitgebern und Gewerkschaft deutlich auseinander.
Während Gesamtmetall vor zusätzlichen finanziellen Belastungen für die Betriebe warnt, verlangt die IG Metall höhere Löhne und verbindliche Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung.
Die angekündigten 300.000 gefährdeten Arbeitsplätze verdeutlichen aus Sicht der Arbeitgeber den wirtschaftlichen Druck auf die Branche. Ob diese Zahl tatsächlich erreicht wird, lässt sich derzeit nicht absehen.
Für die ostdeutschen Industrieregionen wird entscheidend sein, ob Unternehmen neue Investitionen tätigen, bestehende Produktionsstandorte erhalten und ausreichend Aufträge gewinnen können.