Volkswagen prüft Montage von China-Autos in der Türkei – was bedeutet das für deutsche Werke?
China wird zum Exportstandort
Wolfsburg/Istanbul. Volkswagen prüft einen neuen Produktionsweg: Fahrzeuge aus außereuropäischen Werken könnten künftig als teilweise montierte Bausätze in die Türkei geliefert und dort fertiggestellt werden. Gemeinsam mit dem langjährigen Vertriebspartner Doğuş Otomotiv hat der Konzern eine Absichtserklärung unterzeichnet. Nach Branchenberichten könnten insbesondere Modelle aus chinesischer Entwicklung eine Rolle spielen. Für den deutschen Autobauer wäre das ein weiterer Schritt hin zu einer stärkeren internationalen Nutzung seiner Produktionskapazitäten in China.
Noch ist das Vorhaben nicht beschlossen. Volkswagen hat weder einen Produktionsstandort noch konkrete Modelle, Investitionssummen oder einen Zeitplan bekannt gegeben. Die grundsätzlichen Gespräche wurden jedoch bestätigt. Damit rückt die Türkei erneut als möglicher Fertigungsstandort des Konzerns in den Mittelpunkt.
Volkswagen und türkischer Partner unterzeichnen Absichtserklärung
Am 30. Oktober 2026 teilte Doğuş Otomotiv über die türkische Kapitalmarktplattform KAP mit, dass das Unternehmen gemeinsam mit Gesellschaften des Volkswagen-Konzerns Möglichkeiten einer Pkw-Produktion in der Türkei prüfen werde.
Doğuş ist seit mehr als drei Jahrzehnten ein wichtiger Partner des deutschen Herstellers. Das Unternehmen importiert und vertreibt Volkswagen-Fahrzeuge auf dem türkischen Markt und übernimmt weitere Vertriebsaufgaben in der Region.
Die neue Vereinbarung geht über den klassischen Fahrzeugimport hinaus.
Künftig könnten Autos in Einzelteilen oder teilweise vormontiert angeliefert und erst in der Türkei fertiggestellt werden.
Gegenüber der Fachzeitschrift „Automobil Produktion“ bestätigte eine Volkswagen-Sprecherin, dass der Export teilmontierter Fahrzeuge aus außereuropäischen Produktionsstätten in die Türkei für den dortigen Markt untersucht werde.
Die Herkunft aus China und eine mögliche spätere Weiterlieferung in zusätzliche Absatzmärkte sind dagegen bislang nicht offiziell bestätigt.
China könnte zum Ausgangspunkt einer neuen Exportstrategie werden
Die Überlegungen passen zu einem grundlegenden Wandel innerhalb des Volkswagen-Konzerns.
Lange verfolgte VW in der Volksrepublik vor allem das Prinzip „In China, for China“. Fahrzeuge sollten dort entwickelt und produziert werden, um insbesondere chinesische Kunden zu bedienen.
Inzwischen richtet sich der Blick zunehmend auf weitere internationale Märkte.
Unter dem neuen strategischen Ansatz „In China, Beyond China“ will Volkswagen Technologien und Fahrzeuge aus chinesischer Entwicklung auch außerhalb der Volksrepublik nutzen.
Dahinter stehen erhebliche Veränderungen im globalen Automobilgeschäft.
Chinesische Hersteller haben ihre Entwicklungsgeschwindigkeit erhöht und den Wettbewerb verschärft. Gleichzeitig verfügt Volkswagen in China über große Produktionsstrukturen und Gemeinschaftsunternehmen mit einheimischen Partnern.
Die Nutzung dieser Kapazitäten für zusätzliche Exportmärkte könnte helfen, bestehende Werke besser auszulasten und Entwicklungsaufwendungen auf größere Stückzahlen zu verteilen.
Eine mögliche Endmontage in der Türkei würde zu dieser Strategie passen.
Passat-Verwandter Magotan und Jetta im Gespräch
Nach Informationen mehrerer Fachmedien könnten Fahrzeuge aus dem chinesischen Gemeinschaftsunternehmen FAW-Volkswagen für das Vorhaben infrage kommen.
Genannt werden unter anderem der Magotan, eine für China entwickelte Limousine aus der Passat-Familie, sowie Modelle der Marke Jetta.
Auch Fahrzeuge aus dem Audi-Umfeld werden in Branchenberichten erwähnt.
Ein mögliches Verfahren ist die sogenannte CKD-Montage. CKD steht für „Completely Knocked Down“. Dabei werden Fahrzeugteile als Bausätze exportiert und am Bestimmungsort zusammengebaut.
Eine andere Möglichkeit ist die Lieferung bereits teilweise montierter Fahrzeuge, die anschließend fertiggestellt werden. Dieses Verfahren wird als SKD bezeichnet.
Volkswagen selbst hat bisher lediglich die Prüfung teilmontierter Fahrzeuge bestätigt.
Welche Fertigungstiefe tatsächlich vorgesehen ist und ob bestimmte Modelle in der Türkei produziert werden sollen, bleibt offen.
Auch eine Beteiligung von Elektroautos wurde bislang nicht bestätigt.
Türkei könnte zusätzliche Absatzmärkte erschließen
Die Türkei verfügt bereits über eine ausgeprägte Automobilindustrie mit Produktionsstandorten internationaler Hersteller und einer umfangreichen Zulieferstruktur.
Für Volkswagen könnte das Land deshalb mehr sein als ein zusätzlicher Absatzmarkt.
Branchenberichte bringen die mögliche Montage auch mit Exporten nach Afrika, Südamerika und Südostasien in Verbindung.
Eine solche Strategie würde China als Entwicklungs- und Produktionsstandort mit der Türkei als möglichem Montage- und Vertriebsstandort verknüpfen.
Ob Volkswagen diese Möglichkeit tatsächlich umsetzt, ist noch unklar.
Insbesondere Zollregelungen, Transportkosten, die Herkunft der Fahrzeugteile und die rechtlichen Anforderungen der jeweiligen Absatzmärkte dürften für die Wirtschaftlichkeit eine wichtige Rolle spielen.
Eine Montage in der Türkei bedeutet zudem nicht automatisch, dass die Fahrzeuge als türkische Erzeugnisse gelten oder besondere handelspolitische Vorteile erhalten.
Dafür sind die jeweiligen Ursprungsregeln entscheidend.
Schon 2019 wollte Volkswagen ein Werk in der Türkei bauen
Die aktuellen Gespräche erinnern an ein früheres Vorhaben des Konzerns.
Volkswagen plante 2019 den Bau einer Automobilfabrik im türkischen Manisa. Die Investitionssumme sollte rund 1,3 Milliarden Euro betragen. Vorgesehen war eine jährliche Produktionskapazität von bis zu 300.000 Fahrzeugen.
Das Projekt wurde 2020 aufgegeben. Volkswagen verwies damals auf die Corona-Pandemie und veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen.
Die heutigen Überlegungen unterscheiden sich jedoch wesentlich von den damaligen Plänen.
Statt sofort eine vollständig ausgestattete Automobilfabrik zu errichten, könnte der Konzern zunächst auf die Montage importierter Fahrzeugkomponenten setzen.
Ein solches Verfahren würde vorhandene Produktionskapazitäten nutzen und könnte den Kapitalbedarf gegenüber einem komplett neuen Werk begrenzen.
Eine entsprechende Wirtschaftlichkeitsrechnung oder konkrete Investitionsentscheidung liegt bislang nicht vor.
Was bedeutet der Kurswechsel für das VW-Werk in Zwickau?
Für Sachsen ist die Entwicklung besonders interessant.
Volkswagen betreibt in Zwickau einen seiner wichtigen deutschen Standorte für die Produktion von Elektrofahrzeugen. Die Zukunft des Werks ist angesichts der geplanten Neuordnung der europäischen Fertigung Gegenstand intensiver Diskussionen.
Nach dem im September vorgestellten Zukunftsplan des Konzerns bestehen in Europa Produktionskapazitäten, die über die gegenwärtige Nachfrage hinausgehen.
Volkswagen beziffert diese Überkapazität auf rund 500.000 Fahrzeuge jährlich.
Für mehrere europäische Standorte, darunter Zwickau, konnte der Konzern zuletzt noch keine dauerhaft gesicherte Fahrzeugbelegung für die Zeit ab 2031 beziehungsweise 2034 zusagen.
Bis Ende Juni 2027 soll ein Konzept für eine wettbewerbsfähige europäische Produktionsstruktur entwickelt werden.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die geplante Nutzung chinesischer Produktionskapazitäten zusätzliche Bedeutung.
Eine Montage chinesischer Volkswagen-Modelle in der Türkei bedeutet allerdings nicht automatisch, dass die dort gefertigten Fahrzeuge bislang für Zwickau vorgesehen waren.
Eine unmittelbare Verlagerung konkreter Produktionsaufträge aus Sachsen in die Türkei ist bisher nicht belegt.
Volkswagen baut in Zwickau zugleich ein neues Geschäftsfeld auf
Während der Konzern im Ausland zusätzliche Produktionsmöglichkeiten prüft, setzt er in Zwickau auch auf neue industrielle Aufgaben.
Ende Oktober nahm Volkswagen dort eine industrielle Demontagelinie in Betrieb.
Ab 2027 sollen jährlich rund 4.100 Fahrzeuge zerlegt werden, um wiederverwendbare Bauteile und Rohstoffe zurückzugewinnen.
Für die erste Ausbaustufe sind etwa 100 Beschäftigte vorgesehen.
Das Projekt ist Teil des Aufbaus einer Kreislaufwirtschaft innerhalb des Konzerns.
Es kann jedoch nicht mit der Beschäftigungswirkung einer vollständigen Automobilproduktion gleichgesetzt werden.
Für die Beschäftigten in Sachsen bleibt deshalb entscheidend, welche Fahrzeugmodelle künftig tatsächlich in Zwickau gebaut werden und wie sich die Auftragslage entwickelt.
VW steht vor weitreichendem Umbau
Die Prüfung einer Fahrzeugmontage in der Türkei fällt in eine Phase erheblicher Veränderungen innerhalb des Konzerns.
Volkswagen will sein Modellangebot langfristig deutlich verkleinern und die Produktionsstrukturen an die veränderte weltweite Nachfrage anpassen.
Der Konzern hat angekündigt, das Modellportfolio schrittweise um bis zu 50 Prozent zu reduzieren und die Komplexität der Modellvarianten erheblich zu senken.
Zugleich sollen die weltweiten Produktionskapazitäten stärker auf die tatsächliche Nachfrage ausgerichtet werden.
Die hinter dem Zukunftsplan stehende Analyse sieht einen konzernweiten Personalabbau von rund 50.000 Stellen vor.
Auch in Deutschland wächst deshalb der wirtschaftliche Druck.
Am 23. Oktober vereinbarten Volkswagen und die IG Metall, weitere Tarifverhandlungen aufzunehmen. Die erste Runde ist für den 24. November in Emden angesetzt. Am 15. Dezember sollen die Gespräche in Zwickau fortgesetzt werden.
Volkswagen will dabei über niedrigere Arbeitskosten und zusätzliche Maßnahmen zur Personalanpassung sprechen.
Die Gewerkschaft und die Arbeitnehmervertretungen stehen damit vor schwierigen Verhandlungen über die Zukunft der Beschäftigung.
China wird vom Absatzmarkt zum weltweiten Entwicklungszentrum
Die internationale Neuorientierung zeigt, wie stark sich das Kräfteverhältnis innerhalb der Automobilindustrie verändert hat.
China war für Volkswagen über viele Jahre vor allem einer der wichtigsten Absatzmärkte.
Inzwischen gewinnt das Land zusätzlich als Entwicklungs- und Produktionsstandort für andere Regionen an Bedeutung.
Der Konzern will in China entwickelte Fahrzeugplattformen und elektronische Architekturen künftig auch für Modelle außerhalb des Landes einsetzen.
Bereits jetzt werden in China produzierte Volkswagen- und Jetta-Modelle unter anderem in den Nahen Osten und nach Zentralasien exportiert.
Weitere Märkte sollen folgen.
Sollte die Türkei künftig als zusätzlicher Montageort hinzukommen, könnte Volkswagen seine internationale Produktionsstruktur weiter verändern.
Ob daraus tatsächlich ein neuer Fertigungsstandort entsteht, hängt jedoch von den laufenden Verhandlungen mit Doğuş Otomotiv ab.
Für die deutschen Beschäftigten bleibt die Frage, welchen Anteil die heimischen Werke an der künftigen Wertschöpfung des Konzerns behalten.
Volkswagen prüft neue Produktionswege in der Türkei, während in Deutschland über Kosten, Arbeitsplätze und die Zukunft einzelner Werke verhandelt wird. Noch ist keine Montage chinesischer Fahrzeuge beschlossen. Doch die strategische Richtung ist erkennbar: Der Konzern will seine Entwicklung und Fertigung stärker international vernetzen und vorhandene Kapazitäten besser nutzen.