Tarifkonflikt eskaliert nach Ende der Friedenspflicht

Warnstreiks treffen die Industrie: IG Metall fordert fünf Prozent, Arbeitgeber bieten Nullrunde

Neue Arbeitskämpfe im Osten

Von Paul Berger 4 Min. Lesezeit

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Streik Fahne Tarifrunde
Streik Fahne Tarifrunde Foto: Jelca Kollatsch/IG Metall

In der deutschen Metall- und Elektroindustrie beginnt eine neue Phase des Tarifkonflikts. Seit Sonntag, 1. November 2026, sind Warnstreiks wieder möglich. Für Montag kündigt sich eine Ausweitung der Arbeitsniederlegungen an. Besonders in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt sowie Berlin und Brandenburg steht die Auseinandersetzung um höhere Löhne und sichere Arbeitsplätze im Mittelpunkt. Die IG Metall fordert fünf Prozent mehr Geld für zwölf Monate. Die Arbeitgeber haben dagegen für 2027 keine tabellenwirksame Erhöhung angeboten und wollen die Entgelte erst im Juli 2028 um 1,3 Prozent anheben.

Damit treffen zwei gegensätzliche Vorstellungen aufeinander. Während die Gewerkschaft die Kaufkraft der Beschäftigten sichern will, verweisen die Unternehmen auf die wirtschaftliche Belastung der Industrie.

Erste Warnstreiks bereits am Sonntag gestartet

Die Friedenspflicht endete mit Ablauf des 31. Oktober.

Bereits um Mitternacht begannen erste Beschäftigte in Deutschland mit Warnstreiks. Die IG Metall berichtete unter anderem über eine nächtliche Aktion beim Münchner Mobilfunk-Komponentenhersteller RF360.

In der Nacht zum Montag soll die Warnstreikwelle deutlich ausgeweitet werden.

Auch für die ostdeutschen Tarifgebiete werden Arbeitskampfmaßnahmen vorbereitet.

Welche Betriebe in Sachsen und Brandenburg tatsächlich betroffen sein werden und wie viele Beschäftigte ihre Arbeit niederlegen, muss anhand der jeweiligen Streikmeldungen bestätigt werden.

Schon jetzt steht fest, dass die Tarifverhandlungen nach der zweiten Gesprächsrunde ohne Einigung geblieben sind.

Fünf Prozent mehr Geld gegen Nullrunde

Die Gewerkschaft verlangt eine Entgelterhöhung um fünf Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten.

Außerdem fordert sie bessere Regelungen zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Produktionsstandorten.

In wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen möchte die IG Metall über eine tarifliche Gewinnbeteiligung sprechen.

Für untere Entgeltgruppen und Auszubildende sollen zusätzliche soziale Verbesserungen erreicht werden.

Das Angebot der Arbeitgeber fällt deutlich niedriger aus.

Vorgesehen ist eine Einmalzahlung, während die Tabellenentgelte 2027 unverändert bleiben sollen. Erst ab Juli 2028 ist eine dauerhafte Erhöhung um 1,3 Prozent vorgesehen.

Die Gewerkschaft lehnt diesen Vorschlag ab.

Sie argumentiert, dass steigende Preise für Lebensmittel, Wohnen und Dienstleistungen bereits erhebliche Teile der Einkommen aufzehren.

Die Arbeitgeber müssen dagegen die Kostenentwicklung und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen berücksichtigen. Gerade energieintensive und exportabhängige Industriebetriebe stehen unter wirtschaftlichem Druck.

In Berlin und Brandenburg geht es um 96.000 Beschäftigte

Allein in Berlin und Brandenburg betrifft die Tarifrunde nach Angaben der IG Metall rund 96.000 Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie.

Bezirksleiter Jan Otto kritisierte das Arbeitgeberangebot nach der Verhandlungsrunde vom 29. Oktober als unzureichend.

Besonders die geplante Nullrunde für 2027 stößt auf Widerstand.

Die Gewerkschaft argumentiert, dass eine dauerhafte Erhöhung unterhalb der Preissteigerung zu einem weiteren Verlust an Kaufkraft führen würde.

Für die Beschäftigten kommt hinzu, dass eine Einmalzahlung zwar kurzfristig Geld bringt, aber die Grundlage für künftige Entgeltsteigerungen nicht dauerhaft verbessert.

Die Arbeitgeberseite setzt dem die Notwendigkeit entgegen, Unternehmen in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage Planungssicherheit zu verschaffen.

Eine Einigung ist bislang nicht in Sicht.

Sachsens Industrie steht besonders unter Druck

Für Sachsen besitzt der Tarifkonflikt eine besondere Bedeutung.

Die Metall- und Elektroindustrie gehört zu den wichtigen Wirtschaftszweigen des Freistaats. Zu ihr zählen unter anderem der Fahrzeugbau, Maschinenbau, die Elektrotechnik sowie zahlreiche Zulieferunternehmen.

Viele dieser Betriebe sind international vernetzt.

Entscheidungen über Investitionen, Produktionsstandorte und Beschäftigung werden deshalb nicht ausschließlich in Sachsen getroffen.

Steigende Kosten, schwache Nachfrage und der technologische Wandel erhöhen den Druck auf Unternehmen und Beschäftigte gleichermaßen.

Eine Lohnerhöhung kann die Kaufkraft stärken und den Beruf für Fachkräfte attraktiver machen.

Für wirtschaftlich angeschlagene Betriebe entstehen dadurch jedoch zusätzliche Kosten.

Die Tarifparteien müssen einen Ausgleich zwischen beiden Interessen finden.

Drohen Produktionsausfälle?

Warnstreiks sind zeitlich begrenzte Arbeitsniederlegungen, mit denen eine Gewerkschaft während laufender Tarifverhandlungen Druck auf die Arbeitgeber ausübt.

Sie müssen nicht zwangsläufig einen gesamten Betrieb zum Stillstand bringen.

Je nach Beteiligung und Produktionsablauf können aber bereits wenige Stunden ohne regulären Betrieb zu Verzögerungen führen.

Besonders empfindlich reagieren Betriebe mit eng abgestimmten Lieferketten.

Ob am Montag in einzelnen Unternehmen tatsächlich größere Produktionsausfälle entstehen, hängt vom Umfang der Arbeitsniederlegungen ab.

Entsprechende Auswirkungen lassen sich vor Beginn der Aktionen nicht zuverlässig beziffern.

Der Konflikt geht über die Lohnfrage hinaus

Neben der unmittelbaren Entgelterhöhung geht es in der Tarifrunde um die Zukunft der industriellen Beschäftigung.

Viele Arbeitnehmer sorgen sich nicht nur um ihr Einkommen, sondern auch um die langfristige Sicherheit ihres Arbeitsplatzes.

Gerade in Ostdeutschland ist diese Frage angesichts früherer Strukturumbrüche von besonderer Bedeutung.

Die IG Metall fordert deshalb Regelungen, mit denen Beschäftigung und Standorte abgesichert werden sollen.

Für die Unternehmen stellt sich umgekehrt die Frage, wie sie Investitionen finanzieren und im internationalen Wettbewerb bestehen können.

Die jetzt beginnenden Warnstreiks zeigen, dass die Positionen noch weit auseinanderliegen.

Ob der Druck von den Werkstoren zu einem veränderten Arbeitgeberangebot führt, müssen die nächsten Verhandlungen zeigen.

Themen: SachsenThüringenBrandenburgSachsen-AnhaltBerlinIG MetallArbeitsplätzeLöhneMetallindustrieWarnstreikTarifrunde 2026Elektroindustrie

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