Zwickau/Berlin. Die Krise der deutschen Automobilindustrie erreicht eine neue Stufe. Mercedes-Benz warnt inzwischen offen davor, dass zwei deutsche Werke geschlossen werden könnten, wenn es nicht gelingt, die Produktionskosten deutlich zu senken.

Produktionsvorstand Michael Schiebe machte vor Beschäftigten im Stammwerk Sindelfingen deutlich, dass nach Einschätzung des Konzerns ein deutsches Montagewerk und ein Werk für Antriebstechnik gefährdet wären, sollte die angestrebte Kostenentlastung nicht erreicht werden.

Welche Standorte gemeint sein könnten, ließ Mercedes ausdrücklich offen.

Der Konzern betont zugleich, dass das Ziel weiterhin darin bestehe, alle deutschen Standorte und Arbeitsplätze zu erhalten. Dafür brauche es allerdings Bedingungen, die eine höhere Produktivität ermöglichten. Mercedes bewertet insbesondere die hohen Arbeitskosten als Wettbewerbsnachteil gegenüber internationalen Produktionsstandorten.

Ein Satz, der Tausende Beschäftigte aufhorchen lässt

Die Warnung besitzt weit über Baden-Württemberg hinaus Bedeutung.

Denn die deutsche Autoindustrie steckt mitten in einem tiefgreifenden Umbau. Hersteller und Zulieferer kämpfen gleichzeitig mit hohen Kosten, schwacher Nachfrage in wichtigen Märkten, zunehmender Konkurrenz chinesischer Hersteller und Handelskonflikten.

Während die Vorstandsetagen Einsparungen verlangen, wächst in den Werken der Widerstand.

Erst am Montag beteiligten sich nach Angaben der IG Metall bundesweit rund 175.000 Beschäftigte an etwa 280 Aktionen gegen Stellenabbau und drohende Standortschließungen.

Auch Ostdeutschland war ein Schwerpunkt der Proteste.

Zwickau kämpft um mehr als ein Autowerk

Besonders angespannt ist die Lage in Zwickau.

Dort gingen Beschäftigte des Volkswagen-Werks gemeinsam mit Bürgern auf die Straße. Das Fahrzeugwerk in Mosel beschäftigt rund 8.000 Menschen und gehört zu den wichtigsten industriellen Arbeitgebern Westsachsens.

Die Sorge reicht deshalb weit über die Werkstore hinaus.

An Volkswagen hängen Zulieferer, Logistikunternehmen, Dienstleister und zahlreiche kleinere Firmen in der Region. Entscheidungen über die Zukunft des Werks könnten damit Auswirkungen auf wesentlich mehr Arbeitsplätze haben als nur jene direkt bei Volkswagen.

Volkswagen befindet sich selbst in einer tiefgreifenden Restrukturierung. Nach einer erneuten Gewinnwarnung will der Konzern seinen Umbau beschleunigen. Belastend wirken insbesondere die Probleme der Tochter Porsche, die schwächere Entwicklung in China und hoher Kostendruck.

Proteste auch in Chemnitz und Dresden

Die Unruhe ist längst nicht auf Zwickau beschränkt.

In Sachsen beteiligten sich Beschäftigte der VW-Standorte Chemnitz, Dresden und Zwickau, der Karosseriewerke Dresden sowie des Batterieunternehmens Accumotive in Kamenz an Protestaktionen.

Die IG Metall wirft den Unternehmen vor, bei Elektromobilität, Digitalisierung und Batterietechnik wichtige Entwicklungen zu spät aufgegriffen zu haben. Die Arbeitgeber wiederum verweisen auf Kosten, internationalen Wettbewerb und veränderte Absatzmärkte.

In Zwickau beteiligten sich nach Angaben des MDR etwa 1.500 Menschen an der zentralen Kundgebung.

Auch Brandenburg und Berlin unter Druck

Ähnliche Sorgen gibt es in Brandenburg.

Beschäftigte von ZF in Brandenburg an der Havel, Mahle in Wustermark und Mercedes-Benz in Ludwigsfelde beteiligten sich ebenfalls an den Aktionen.

In Berlin demonstrierten Mitarbeiter unter anderem bei Mercedes-Benz in Marienfelde sowie bei Unternehmen und Entwicklungsdienstleistern wie IAV, Cariad und MBition. Allein in der Hauptstadt beteiligten sich nach Gewerkschaftsangaben mehr als 1.500 Beschäftigte an den Protesten.

Damit geht es zunehmend nicht mehr um einzelne Unternehmen.

Die Frage lautet vielmehr, wie viel industrielle Wertschöpfung Deutschland in den kommenden Jahren noch halten kann.

Mercedes: Deutschland international zu teuer

Gerade die heutige Aussage von Mercedes zeigt, wie grundsätzlich die Debatte inzwischen geworden ist.

Mercedes bezeichnet seine Produktion in Deutschland im internationalen Vergleich als nicht wettbewerbsfähig, insbesondere aufgrund hoher Arbeitskosten. Gleichzeitig sagt das Unternehmen, dass es die deutschen Standorte halten wolle.

Bereits vor der aktuellen Zuspitzung hatte der Konzern ein umfangreiches Effizienzprogramm angekündigt.

Bis 2027 sollen die Produktionskosten gegenüber 2024 um rund zehn Prozent sinken. Gleichzeitig soll der Anteil der Produktion in kostengünstigeren Ländern steigen. Mercedes baut beispielsweise seine Kapazität im ungarischen Kecskemét erheblich aus.

Die Kapazität der deutschen Pkw-Werke soll insgesamt bei rund 900.000 Fahrzeugen liegen.

Dabei verdient Mercedes weiterhin Milliarden

Die Situation ist allerdings differenzierter als das Bild eines unmittelbar vor dem Zusammenbruch stehenden Unternehmens.

Mercedes erzielte im zweiten Quartal 2026 einen Umsatz von 32,1 Milliarden Euro und ein Konzern-EBIT von 1,5 Milliarden Euro. Gleichzeitig stieg der Absatz rein elektrischer Pkw gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 51 Prozent.

Seit 2019 hat Mercedes nach eigenen Angaben seine Fixkosten bereits um rund ein Viertel reduziert. Im Juni wurde die Produktivitätsoffensive noch einmal verstärkt – ausdrücklich mit besonderem Augenmerk auf die deutschen Standorte.

Der Konflikt dreht sich deshalb nicht nur darum, ob deutsche Werke grundsätzlich profitabel arbeiten.

Es geht darum, ob sie im konzerninternen Vergleich mit Fabriken in Ländern mit deutlich niedrigeren Kosten bestehen können.

Ungarn produziert deutlich günstiger

Dieser Vergleich ist für deutsche Beschäftigte besonders brisant.

Mercedes hatte bereits bei seiner langfristigen Produktionsstrategie darauf verwiesen, dass die Standortkosten im ungarischen Kecskemét deutlich niedriger liegen als in Deutschland. Die dortige Kapazität wird auf bis zu 400.000 Fahrzeuge ausgebaut.

Damit konkurrieren deutsche Werke nicht nur mit Toyota, BYD oder anderen Herstellern.

Sie konkurrieren innerhalb ihrer eigenen Konzerne um neue Modelle und Investitionen.

Genau diese Entwicklung macht die Debatte über Produktionsverlagerungen für die Beschäftigten so gefährlich.

Volkswagen kämpft gleichzeitig mit China

Auch Volkswagen trifft die Veränderung des chinesischen Marktes besonders hart.

Der Konzern erwartet für den chinesischen Pkw-Markt 2026 einen Rückgang von rund 20 Prozent. Gleichzeitig gewinnen chinesische Hersteller Marktanteile und exportieren immer stärker nach Europa.

Hinzu kommt eine Entwicklung, die inzwischen die gesamte deutsche Industrie beschäftigt.

Eine aktuelle Analyse der Europäischen Zentralbank kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland innerhalb Europas besonders stark vom industriellen Aufstieg Chinas betroffen ist, weil sich die Exportstrukturen beider Länder zunehmend überschneiden.

Maschinenbau, Fahrzeugindustrie und hochwertige Industrieprodukte – traditionelle deutsche Stärken – gehören mittlerweile genau zu den Bereichen, in denen chinesische Unternehmen international besonders stark wachsen.

Gewerkschaft fordert fünf Prozent mehr Lohn

Ausgerechnet in dieser Situation beginnt die nächste große Tarifrunde.

Die IG Metall fordert für die Metall- und Elektroindustrie in Berlin, Brandenburg und Sachsen fünf Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten.

Zusätzlich verlangt sie Vereinbarungen zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten sowie eine Beteiligung der Beschäftigten an Gewinnen wirtschaftlich erfolgreicher Unternehmen.

Auch in Thüringen sowie Sachsen-Anhalt stehen entsprechende Forderungen im Raum.

Damit treffen zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen unmittelbar aufeinander:

Die Unternehmen verlangen niedrigere Kosten und höhere Produktivität.

Die Arbeitnehmervertreter verlangen höhere Einkommen, Standortgarantien und Investitionen.

Die Tarifrunde dürfte entsprechend konfliktträchtig werden.

Für Ostdeutschland steht besonders viel auf dem Spiel

Gerade im Osten besitzt die Automobilindustrie eine Bedeutung, die weit über einzelne Fabriken hinausgeht.

In Sachsen bilden Volkswagen und zahlreiche Zulieferbetriebe einen industriellen Kern. Brandenburg verfügt über Werke und Zulieferstandorte entlang einer weit verzweigten Wertschöpfungskette. Auch Thüringen und Sachsen-Anhalt hängen stark von Metall-, Maschinenbau- und Automobilbetrieben ab.

Werden Entscheidungen über neue Modelle, Batterien, Software oder Antriebstechnik künftig häufiger zugunsten günstigerer Standorte außerhalb Deutschlands getroffen, können die Folgen deshalb ganze Regionen treffen.

Genau davor warnen die Beschäftigten derzeit.

Von der Autokrise wird zur Standortfrage

Die Auseinandersetzung bei Mercedes zeigt, wie weit sich die Debatte inzwischen verschoben hat.

Noch vor wenigen Jahren ging es vor allem darum, wie schnell die deutsche Autoindustrie vom Verbrennungsmotor auf Elektrofahrzeuge umstellt.

Heute geht es zunehmend um eine grundsätzlichere Frage:

Werden diese Fahrzeuge künftig überhaupt noch in Deutschland gebaut?

Mercedes investiert weiterhin in deutsche Werke. Erst vor wenigen Tagen startete in Rastatt die Serienproduktion des neuen GLA; auch elektrische Modelle werden dort gefertigt.

Doch gleichzeitig steht nun erstmals offen im Raum, dass deutsche Standorte geschlossen werden könnten, wenn die Kosten nicht ausreichend sinken.

Für die Beschäftigten von Zwickau bis Berlin ist das mehr als eine unternehmerische Rechenaufgabe.

Es geht um die Frage, ob Deutschland auch in zehn Jahren noch einer der großen Automobilstandorte der Welt sein wird – und welchen Platz Ostdeutschland darin einnimmt.

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