Berlin/Magdeburg. Deutschland geht mit ungewöhnlich niedrigen Gasreserven in den Herbst. Nach aktuellen Daten sind die deutschen Gasspeicher lediglich zu 57 Prozent gefüllt. Im Durchschnitt der Jahre 2017 bis 2021 lag der Wert zu diesem Zeitpunkt rund 27 Prozentpunkte höher.

Noch ist das keine Versorgungskrise. Die Bundesnetzagentur betont, dass die Gasversorgung stabil und die Versorgungssicherheit gewährleistet sei. Deutschland kann heute wesentlich mehr Gas über Norwegen, die Niederlande, Belgien und LNG-Terminals beziehen als noch vor wenigen Jahren.

Trotzdem bleibt eine unbequeme Frage:

Was passiert, wenn der Winter kalt wird?

Speicher deutlich leerer als früher

Die deutschen Speicher können zusammen etwa 250 Terawattstunden Erdgas aufnehmen. Zum Vergleich: Deutschland verbrauchte 2024 fast 850 Terawattstunden Gas, einen großen Teil davon während der Heizperiode.

Die Speicher sind also keine Jahresreserve. Sie sollen vor allem Verbrauchsspitzen im Winter auffangen.

Gerade deshalb fällt der aktuelle Füllstand auf.

2023 waren die deutschen Speicher bereits am 25. September zu 95 Prozent gefüllt. Heute liegen sie bei lediglich 57 Prozent. Die Rahmenbedingungen haben sich inzwischen verändert, weil neue Importwege geschaffen und gesetzliche Mindestvorgaben abgesenkt wurden.

Für den 1. November gilt inzwischen grundsätzlich ein Zielwert von 80 Prozent. Einige Speicher, darunter Bad Lauchstädt in Sachsen-Anhalt, müssen lediglich 45 Prozent erreichen.

Gas ist schon jetzt deutlich teurer geworden

Problematisch ist weniger die verfügbare Menge als der Preis.

Nach aktuellen Marktdaten hat sich Erdgas seit Jahresbeginn erheblich verteuert. Die Preise liegen inzwischen etwa doppelt so hoch wie zu Beginn des Jahres. Ursache ist unter anderem die angespannte Lage auf den internationalen Energiemärkten.

Reuters warnt zudem davor, dass LNG im Winter bei niedrigen europäischen Speicherständen nochmals deutlich teurer werden könnte. Europa konkurriert dabei mit asiatischen Staaten um dieselben Tankerladungen.

Bei einem kalten Winter könnte genau dieser Wettbewerb zum Problem werden.

Mehr als 90 Prozent des deutschen LNG kommen aus den USA

Und hier beginnt die energiepolitische Ironie.

Deutschland wollte nach dem russischen Angriff auf die Ukraine seine Abhängigkeit von russischem Gas beenden.

Das ist gelungen.

Unabhängig vom Weltmarkt ist Deutschland deshalb allerdings nicht geworden.

Nach Angaben der Bundesnetzagentur stammten 2025 rund 96 Prozent der über deutsche LNG-Terminals importierten Flüssiggasmenge aus den USA. Auch aktuell bezieht Deutschland seine LNG-Lieferungen im Wesentlichen aus den Vereinigten Staaten.

Anders gesagt:

Russisches Pipelinegas wurde ersetzt – unter anderem durch amerikanisches Flüssiggas, das erst verflüssigt, über den Atlantik transportiert und anschließend wieder in Gas verwandelt werden muss.

Die Bundesnetzagentur weist selbst darauf hin, dass Deutschland dadurch stärker als früher den Schwankungen der internationalen Gasmärkte ausgesetzt ist.

Warum einfach, wenn es auch über den Atlantik geht?

Politisch lässt sich der Widerspruch kaum übersehen.

Früher floss ein großer Teil des Erdgases über Pipelines aus Russland nach Deutschland. Heute kommen LNG-Tanker über Tausende Kilometer Seeweg aus den USA.

Das Ziel dahinter ist nachvollziehbar: Deutschland sollte nicht länger von einem Lieferanten abhängig sein, der einen Krieg gegen die Ukraine führt.

Die wirtschaftliche Kehrseite lautet jedoch:

Mehr Versorgungssicherheit durch unterschiedliche Lieferwege bedeutet nicht automatisch billigere Energie.

Wenn die Speicher knapp gefüllt sind und Europa kurzfristig zusätzliche Mengen braucht, muss es auf dem Weltmarkt mitbieten.

Oder zugespitzt:

Warum billiges russisches Pipelinegas nehmen, wenn man im Krisenfall auch amerikanisches LNG zum Weltmarktpreis über den Atlantik bestellen kann?

Die Frage ist polemisch – der dahinterliegende wirtschaftliche Mechanismus allerdings real.

Russisches Gas lässt sich nicht einfach wieder aufdrehen

Dabei wäre die Vorstellung zu einfach, Deutschland könne morgen lediglich einen Hahn öffnen und wieder günstiges russisches Gas beziehen.

Die EU hat im Januar beschlossen, russische Gasimporte schrittweise vollständig zu beenden. Russisches LNG soll bereits Ende 2026 auslaufen, Pipelinegas spätestens im Herbst 2027.

Hinzu kommen zerstörte beziehungsweise nicht verfügbare frühere Lieferwege und die politischen Folgen des Ukraine-Krieges.

Und vor allem gibt es derzeit kein öffentlich belastbares Angebot, das zeigt, zu welchem Preis Russland Deutschland heute tatsächlich wieder langfristig beliefern würde.

Die Aussage „russisches Gas wäre heute garantiert billiger“ lässt sich deshalb nicht seriös belegen.

Was sich dagegen belegen lässt: Pipelinegas benötigt keine energieintensive Verflüssigung und keinen Tankertransport über den Atlantik. Und Deutschland ist heute erheblich stärker den Preisen des internationalen LNG-Marktes ausgesetzt als vor 2022.

Besonders der Osten spürt hohe Energiepreise

Für Ostdeutschland ist die Diskussion weit mehr als eine abstrakte geopolitische Frage.

In Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen sitzen zahlreiche energieintensive Unternehmen aus:

• Chemie, • Glasindustrie, • Stahl, • Papier, • Maschinenbau, • Lebensmittelindustrie.

Standorte wie Leuna, Schkopau, Bitterfeld-Wolfen oder Eisenhüttenstadt reagieren besonders empfindlich auf dauerhaft hohe Energiepreise.

Dort entscheidet der Gaspreis nicht nur darüber, wie teuer eine Wohnung beheizt wird.

Er entscheidet über Produktionskosten, Investitionen und im Extremfall darüber, ob ein Produkt überhaupt noch wettbewerbsfähig in Deutschland hergestellt werden kann.

Deutschland hat seine Lieferanten gewechselt

Ein Blick auf die Importstruktur zeigt den Wandel.

2025 kamen insgesamt 44 Prozent der deutschen Gasimporte aus Norwegen, 24 Prozent aus den Niederlanden und 21 Prozent aus Belgien. Rund 10 Prozent der gesamten deutschen Importe wurden direkt über deutsche LNG-Terminals eingeführt. Von diesem LNG wiederum stammten etwa 96 Prozent aus den USA.

Deutschland ist damit nicht vollständig vom amerikanischen Gas abhängig.

Aber gerade der flexible Teil der Versorgung, der bei Engpässen zusätzliche Mengen liefern soll, hängt stark am LNG-Markt – und dort spielen die Vereinigten Staaten eine zentrale Rolle.

Im Winter entscheidet das Wetter

Die vielleicht wichtigste Variable kann keine Regierung beeinflussen: das Wetter.

Während im Sommer teilweise nur rund zehn Terawattstunden Gas pro Woche benötigt werden, kann der Verbrauch im Winter auf mehr als 30 Terawattstunden steigen.

Ein milder Winter würde die aktuelle Situation deutlich entspannen.

Ein langer kalter Winter könnte dagegen dazu führen, dass Deutschland und andere europäische Staaten zusätzliche Mengen kurzfristig beschaffen müssen.

Reuters berichtet, dass bei einer solchen Kombination aus niedrigen Speicherständen und hoher Nachfrage die europäischen Gaspreise erheblich steigen könnten.

Dann dürfte eine Entwicklung eintreten, die Kritiker der heutigen Energiepolitik bereits jetzt zuspitzen:

Kurz vor knapp müssten zusätzliche LNG-Ladungen zu hohen Weltmarktpreisen eingekauft werden.

Und ein erheblicher Teil davon dürfte wiederum aus den USA kommen.

Unabhängigkeit hat ihren Preis

Das ist letztlich die eigentliche energiepolitische Debatte.

Deutschland hat seine frühere starke Abhängigkeit von russischem Gas reduziert.

Dafür verfügt das Land heute über mehr Lieferwege und LNG-Terminals.

Gleichzeitig bezahlt Europa diese Flexibilität mit einer stärkeren Abhängigkeit vom Weltmarkt und dessen Preisschwankungen.

Die Bundesnetzagentur formuliert es nüchtern: Ein Mengenproblem gibt es derzeit nicht. Preisausschläge auf den Weltmärkten können Deutschland jedoch unmittelbar treffen.

Die Speicher sind also nicht leer.

Aber 57 Prozent wenige Wochen vor der Heizperiode sind auch kein komfortables Polster.

Sollte der Winter kalt werden, könnte aus der derzeit beruhigenden Aussage „Die Versorgung ist gesichert“ schnell eine andere Debatte entstehen:

Nicht ob Deutschland Gas bekommt – sondern zu welchem Preis.