Kiew vor dem fünften Kriegswinter: Klitschko unter Druck
Die Angst vor Kälte wächst: Russische Angriffe treffen Kiews Energieversorgung. Einwohner und Präsident Selenskyj kritisieren die Wintervorsorge. Bürgermeister Klitschko wehrt sich.
Russische Angriffe auf die Energieversorgung und Zweifel an der Wintervorsorge setzen Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko unter Druck. In der ukrainischen Hauptstadt wächst die Sorge vor längeren Strom-, Wasser- und Heizungsausfällen. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat inzwischen zusätzliche Unterstützung für die Stadt angekündigt.
Am 27. Oktober erklärte Selenskyj, Ministerpräsident Serhij Korezkyj solle eine Arbeitsgruppe zusammenstellen, die Kiew bei der Umsetzung seiner Notfallpläne unterstützt. Nach Einschätzung des Präsidenten liegt die Hauptstadt bei den Vorbereitungen zurück. Klitschko weist Vorwürfe mangelnder Vorsorge zurück und beklagt seinerseits fehlende Finanzmittel.
Einwohner fordern verlässliche Versorgung
Bereits am 17. Oktober hatten Menschen vor der Stadtverwaltung gegen Klitschkos Amtsführung protestiert. Ihre Kritik richtete sich unter anderem gegen unzureichende Schutzräume, intransparente Bauprojekte und die Vorbereitung auf den Winter.
Die Sorge hat einen konkreten Hintergrund: Russische Drohnen- und Raketenangriffe verursachen immer wieder Ausfälle lebenswichtiger Infrastruktur. Fällt der Strom aus, können auch Wasserpumpen und Teile der Wärmeversorgung stillstehen.
Demonstranten berichteten gegenüber der ARD von tagelangen Ausfällen während des vergangenen Winters. Zugleich kritisierten sie, dass Geld für Straßenbau ausgegeben werde, während die Absicherung der Grundversorgung unzureichend bleibe.
Klitschko verweist auf Generatoren und mobile Heizkessel
Der Bürgermeister hält dagegen. Bei einem Auftritt vor dem ukrainischen Parlament am 14. Oktober verwies er auf knapp 700 leistungsstarke Generatoren für Einrichtungen der Wärmeversorgung sowie 70 mobile Heizkessel. Auch Krankenhäuser und Schulen seien mit Notstromaggregaten ausgestattet.
Nach seinen Angaben verfügt der kommunale Wasserversorger über 103 Generatoren. Zudem gebe es eine alternative Wasserentnahmestelle. Klitschko beklagte Personalmangel, stockende Zahlungen und die ständigen Angriffe, die Bau- und Reparaturarbeiten erschwerten.
Eine zusätzliche Wärmeversorgung soll die Abhängigkeit von großen Anlagen verringern. Wesentliche Teile dieser Reserve sollen nach den von Klitschko genannten Planungen allerdings erst bis Ende Dezember fertig werden.
Beschädigte Kraftwerke verschärfen die Lage
Kiews Problem reicht über den politischen Streit hinaus. Große Heizkraftwerke wurden wiederholt getroffen. Dadurch ist die Stadt stärker auf Strom angewiesen, der aus anderen Regionen über Umspannwerke und Leitungen herangeführt wird. Auch diese Verbindungen stehen unter Beschuss.
Eine Analyse der ukrainischen Wirtschaftsredaktion Ekonomichna Pravda beschreibt deshalb ein besonderes Risiko: Selbst wenn andernorts genügend Strom erzeugt wird, können beschädigte Netze verhindern, dass er Kiew in ausreichender Menge erreicht.
Wie schwer der Winter wird, hängt damit von mehreren Faktoren ab: der Stärke weiterer Angriffe, der Wirksamkeit der Luftabwehr, dem Reparaturtempo und den Temperaturen. Zusätzliche Generatoren können wichtige Einrichtungen absichern. Eine ununterbrochene Versorgung der gesamten Hauptstadt garantieren sie nicht.