Merz bittet Japan um Geld und Waffen für die Ukraine – wo bleiben Deutschlands Interessen?
Ukraine-Hilfen und deutsche Wirtschaftsinteressen
Tokio. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist nach Japan gereist, um die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Beziehungen zwischen beiden Ländern zu vertiefen. Bei seinem Treffen mit Ministerpräsidentin Sanae Takaichi am 28. Oktober 2026 warb er jedoch auch ausdrücklich um zusätzliche Luftverteidigung und weitere finanzielle Unterstützung für die Ukraine. Das wirft eine grundsätzliche Frage auf: Welche Priorität räumt der deutsche Regierungschef den Interessen des eigenen Landes ein, wenn er im Ausland um neue Beiträge für einen Krieg wirbt, dessen Ende nicht absehbar ist?
Merz bittet Japan um zusätzliche Ukraine-Hilfen
Die Aussagen des Kanzlers sind im offiziellen Protokoll der Bundesregierung dokumentiert. Während einer Pressekonferenz in Tokio berichtete Merz über sein Gespräch mit der japanischen Ministerpräsidentin.
Dabei bestätigte er, Japan um eine Intensivierung seiner bisherigen Unterstützung für die ukrainische Luftverteidigung gebeten zu haben.
„Das ist im Augenblick für alle Beteiligten schwierig, weil die Vorräte ausgehen“, erklärte Merz.
Zugleich berichtete der Bundeskanzler, dass er mit Takaichi über die finanzielle Unterstützung der Ukraine im kommenden Jahr gesprochen habe. Die japanischen Haushaltsberatungen seien noch nicht abgeschlossen.
Eine konkrete Zusage über zusätzliche Geldbeträge, Flugabwehrsysteme oder Abfangraketen wurde im Anschluss an das Treffen nicht bekannt gegeben.
Die Bitte des Kanzlers ist damit belegt. Offen bleibt, ob Japan seine Unterstützung tatsächlich ausweiten wird.
Ist Merz Deutschlands Kanzler oder der Ukraine?
Die öffentliche Bitte um weitere Hilfen wirft eine politische Frage auf, die auch in Deutschland diskutiert werden muss.
Friedrich Merz ist als Bundeskanzler dem Wohl der Bundesrepublik verpflichtet. Seine Aufgabe besteht darin, die Interessen Deutschlands zu vertreten und gemeinsam mit seinen europäischen Partnern eine verantwortungsvolle Außen- und Sicherheitspolitik zu gestalten.
Die Unterstützung der Ukraine kann dabei durchaus deutschen Sicherheitsinteressen dienen. Die Bundesregierung argumentiert, dass eine erfolgreiche russische Aggression die europäische Sicherheitsordnung schwächen und weitere Konflikte begünstigen könnte.
Allerdings entbindet diese Begründung die Regierung nicht von der Pflicht, jede weitere finanzielle oder militärische Unterstützung kritisch zu prüfen.
Was kostet das Engagement langfristig? Welchen Beitrag leisten andere Staaten? Und welche konkreten Fortschritte gibt es auf dem Weg zu einem Verhandlungsfrieden?
Der Kanzler sollte diese Fragen nicht nur gegenüber ausländischen Partnern, sondern vor allem gegenüber den Bürgern und dem Bundestag beantworten.
Deutschland braucht Investitionen und wirtschaftliche Perspektiven
Japan zählt zu den technologisch führenden Industrienationen der Welt. Für Deutschland eröffnet die Zusammenarbeit mit japanischen Unternehmen erhebliche wirtschaftliche Möglichkeiten.
Die deutsche Industrie steht zugleich vor großen Herausforderungen. Hohe Energie- und Produktionskosten, internationale Konkurrenz und der technologische Wandel erhöhen den Druck auf Unternehmen.
Gerade deshalb wäre eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Japan von besonderem Interesse.
Gemeinsame Investitionen in Halbleiter, künstliche Intelligenz, Batterietechnologie, Robotik und moderne Produktionsverfahren könnten deutsche Standorte stärken.
Auch Forschungseinrichtungen und mittelständische Unternehmen könnten von einer intensiveren Partnerschaft profitieren.
Entscheidend ist jedoch, ob politische Vereinbarungen tatsächlich zu neuen Investitionen, Forschungsprojekten und Arbeitsplätzen in Deutschland führen.
Ein diplomatisches Treffen allein schafft noch keine zusätzliche industrielle Wertschöpfung.
Wirtschaft und Forschung standen ebenfalls auf der Tagesordnung
Dabei wäre es unzutreffend zu behaupten, Merz habe in Tokio ausschließlich über die Ukraine gesprochen.
Tatsächlich nahm der Kanzler am Deutsch-Japanischen Wirtschaftsgipfel teil und warb dort für Investitionen, technologische Kooperation und einen regelgebundenen internationalen Handel.
Gemeinsam mit Ministerpräsidentin Takaichi vereinbarte er mehr als 20 Maßnahmen zur Vertiefung der Zusammenarbeit. Dazu gehören Wirtschaftssicherheit, Hochtechnologie, Raumfahrt und Verteidigung.
Auch künstliche Intelligenz, Halbleiter, die nächste Mobilfunkgeneration 6G und Fusionsenergie wurden ausdrücklich genannt.
Japan nahm darüber hinaus die Einladung an, Partnerland der Hannover Messe 2028 zu werden.
Diese Ergebnisse zeigen, dass deutsche Wirtschaftsinteressen Bestandteil der Reise waren.
Die kritische Frage lautet deshalb nicht, warum Merz überhaupt über die Ukraine gesprochen hat. Sie lautet vielmehr, ob die Bundesregierung wirtschaftliche Vereinbarungen mit derselben Konsequenz verfolgt wie die Beschaffung weiterer internationaler Unterstützung für Kiew.
Wenn die Luftabwehr knapp wird, braucht es eine langfristige Strategie
Merz' Hinweis auf schwindende Vorräte ist besonders bemerkenswert.
Er verdeutlicht, dass die Lieferung moderner Flugabwehrsysteme und entsprechender Munition nicht unbegrenzt fortgesetzt werden kann.
Die westlichen Unterstützerstaaten müssen ihren eigenen Verteidigungsbedarf berücksichtigen und zugleich versuchen, die Ukraine gegen russische Luftangriffe zu schützen.
Wenn verfügbare Bestände knapper werden, verschärfen sich diese Zielkonflikte.
Eine verantwortungsvolle Politik muss deshalb erklären, wie zusätzliche Produktionskapazitäten finanziert werden sollen, welche Liefermengen realistisch sind und wie lange die derzeitige Unterstützung fortgesetzt werden kann.
Dabei darf die diplomatische Suche nach einer Beendigung des Krieges nicht in den Hintergrund treten.
Militärische Unterstützung und Friedensverhandlungen schließen einander nicht grundsätzlich aus. Allerdings muss eine Bundesregierung nachvollziehbar darlegen, auf welchem Weg ihre Politik zu mehr Sicherheit und einem dauerhaften Frieden beitragen soll.
Was kommt von der Japanreise bei den Deutschen an?
Für die Bewertung des Besuchs in Tokio sind letztlich konkrete Ergebnisse entscheidend.
Neue Kooperationen in Forschung und Industrie können Deutschland wirtschaftlich stärken. Gemeinsame Projekte zur Sicherung kritischer Rohstoffe können Lieferketten stabilisieren und Abhängigkeiten verringern.
Ebenso können außenpolitische Partnerschaften dazu beitragen, Europas Sicherheit zu verbessern.
Doch die Bundesregierung sollte offenlegen, welche Vereinbarungen über politische Absichtserklärungen hinausgehen und welche wirtschaftlichen Vorteile für Deutschland tatsächlich zu erwarten sind.
Das gilt insbesondere für die mehr als 20 angekündigten Maßnahmen zwischen Berlin und Tokio.
Welche Unternehmen profitieren? Wo entstehen Forschungsstellen und Arbeitsplätze? Wie viel Kapital wird investiert? Und wann sind erste Ergebnisse zu erwarten?
Diese Fragen verdienen ebenso viel öffentliche Aufmerksamkeit wie Merz' Bitte um zusätzliche Unterstützung für die Ukraine.
Ein Kanzler muss Prioritäten erklären
Friedrich Merz hat in Japan nicht ausschließlich um Unterstützung für die Ukraine geworben. Der Besuch umfasste auch wirtschaftliche Zusammenarbeit, technologische Entwicklung und neue gemeinsame Projekte.
Dennoch bleibt seine Bitte um weitere finanzielle und militärische Hilfe ein wichtiger politischer Bestandteil der Reise.
Der Bundeskanzler muss deshalb deutlich machen, wie er die Interessen Deutschlands, die Sicherheit Europas und die Unterstützung der Ukraine miteinander vereinbaren will.
Dazu gehört auch eine ehrliche Diskussion über Kosten, Grenzen und die politischen Ziele des deutschen Engagements.
Denn die Bundesregierung wird nicht nur daran gemessen, wie viel internationale Hilfe sie für die Ukraine mobilisieren kann. Sie muss ebenso daran gemessen werden, ob ihre Außenpolitik Deutschlands wirtschaftliche Stärke, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit verbessert.