Deutscher Vatikanbotschafter Bruno Kahl fordert mehr Unterstützung von Papst Leo XIV.
Streit über Frieden und Abschreckung
Vatikanstadt. Der deutsche Botschafter beim Heiligen Stuhl, Bruno Kahl, hat deutliche Kritik an der Friedenspolitik von Papst Leo XIV. geäußert. Der frühere Präsident des Bundesnachrichtendienstes fordert, dass die katholische Kirche die europäischen Bemühungen um militärische Abschreckung und Selbstverteidigung stärker unterstützt. In einem am Donnerstag, 29. Oktober 2026, veröffentlichten Interview mit der Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ wirft Kahl dem Vatikan vor, die politische Realität von Krieg und Frieden nicht ausreichend zu berücksichtigen.
Bruno Kahl kritisiert fehlenden Realismus im Vatikan
Nach Ansicht des deutschen Botschafters konzentrieren sich die jüngsten Äußerungen des Vatikans zu stark auf die Gefahren militärischer Aufrüstung. Die Verantwortung der Staaten, ihre Bevölkerung vor Angriffen zu schützen, werde dagegen nicht ausreichend berücksichtigt.
Kahl verweist dabei auf die traditionelle katholische Lehre, die neben dem Streben nach Frieden auch das Recht zur Verteidigung gegen militärische Angriffe anerkennt.
Der 64-Jährige argumentiert, dass Kriege angesichts menschlicher Konflikte auch künftig nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden könnten. Eine verantwortungsvolle Friedenspolitik müsse deshalb auf die Möglichkeit militärischer Aggression vorbereitet sein.
In jüngeren vatikanischen Stellungnahmen vermisst Kahl diese Perspektive.
Er sieht darin eine Verschiebung gegenüber früheren kirchlichen Positionen, die sowohl die moralischen Grenzen militärischer Gewalt als auch die staatliche Pflicht zum Schutz der Bevölkerung berücksichtigt hätten.
Kritik an Papst Leo XIV. und seiner Friedensbotschaft
Kahl betont, dass Papst Leo XIV. mit seinem Einsatz für den Frieden grundsätzlich das richtige Ziel verfolge.
Entscheidend sei allerdings, wie ein solcher Frieden erreicht werde und unter welchen Bedingungen er Bestand haben könne.
Für den deutschen Diplomaten reicht ein bloßes Ende militärischer Auseinandersetzungen nicht aus. Ein Friedensschluss müsse auch gerecht sein und die Sicherheit der betroffenen Menschen gewährleisten.
Seine Kritik richtet sich insbesondere gegen die Gewichtung in der päpstlichen Enzyklika „Magnifica humanitas“.
Darin werde das legitime Recht von Staaten auf Selbstverteidigung nach Kahls Einschätzung nur am Rande behandelt. Deutlich mehr Aufmerksamkeit erhielten hingegen die Gefahren der Aufrüstung und militärischen Abschreckung.
Der Botschafter hält dieses Verhältnis für unausgewogen.
Europa soll sich gegen russische Aggression schützen können
Ein zentraler Punkt der Kritik betrifft den Krieg in der Ukraine und die europäische Sicherheitspolitik.
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 haben zahlreiche europäische Staaten ihre Verteidigungsausgaben erhöht und zusätzliche militärische Fähigkeiten aufgebaut.
Die Maßnahmen sollen einerseits die Unterstützung der Ukraine ermöglichen und andererseits mögliche Angriffe auf weitere europäische Staaten verhindern.
Kahl vertritt die Auffassung, dass diese Bemühungen auch von der katholischen Kirche stärker anerkannt werden müssten.
Militärische Abschreckung sei zwar allein kein ausreichendes Mittel zur Sicherung des Friedens. Ohne glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit könnten potenzielle Angreifer jedoch zu weiteren militärischen Schritten ermutigt werden.
Der Botschafter fordert deshalb mehr kirchliche Unterstützung für die europäischen Versuche, Russland von einer Ausweitung seiner militärischen Aggression abzuhalten.
Gleichzeitig betont er, dass militärische Vorsorge durch Diplomatie ergänzt werden müsse. Interessengegensätze müssten verhandelt und legitime Sicherheitsinteressen berücksichtigt werden.
Papst fordert Abrüstung und Verhandlungen
Die Aussagen Kahls stehen in einem Spannungsverhältnis zur jüngsten Friedensbotschaft von Papst Leo XIV.
Zum internationalen Friedenstreffen im italienischen Assisi veröffentlichte das Kirchenoberhaupt am 27. Oktober eine Videobotschaft.
Darin warnte Leo XIV. vor einer zunehmenden Akzeptanz des Krieges als Mittel internationaler Politik.
Der Papst forderte, bewaffnete Konflikte durch Verhandlungen, Verständigung und den Dialog zwischen den Völkern zu überwinden.
Seine zentrale Botschaft lautet, dass Frieden nicht allein durch die Anhäufung militärischer Macht gesichert werden könne.
Das Kirchenoberhaupt kritisierte zudem die Vorstellung, dass zusätzliche Waffen automatisch mehr Sicherheit schaffen würden.
Stattdessen setzt Leo XIV. auf eine internationale Friedensordnung, in der Diplomatie und Zusammenarbeit Vorrang vor militärischer Konfrontation erhalten.
Unterschiedliche Vorstellungen vom Weg zum Frieden
Der Streit zwischen Kahl und den jüngsten vatikanischen Positionen betrifft damit weniger das gemeinsame Ziel als die Mittel zu dessen Erreichung.
Beide Seiten sprechen sich für einen dauerhaften Frieden aus. Unterschiedlich bewerten sie jedoch die Rolle militärischer Stärke.
Während der deutsche Botschafter glaubwürdige Abschreckung als notwendige Voraussetzung für Sicherheit betrachtet, warnt der Papst davor, dass eine zunehmende Militarisierung neue Konflikte begünstigen könnte.
Diese unterschiedlichen Schwerpunkte spiegeln auch eine breitere Debatte innerhalb der katholischen Kirche wider.
Dabei geht es um die Frage, unter welchen Voraussetzungen militärische Verteidigung moralisch gerechtfertigt ist und wie sich das Recht auf Selbstverteidigung mit dem christlichen Friedensauftrag vereinbaren lässt.
Die katholische Soziallehre erkennt grundsätzlich das Recht auf legitime Verteidigung an. Gleichzeitig setzt sie der Anwendung militärischer Gewalt enge ethische Grenzen.
Früherer BND-Präsident vertritt Deutschland in Rom
Bruno Kahl ist seit 2025 deutscher Botschafter beim Heiligen Stuhl. Zuvor leitete er von 2016 bis 2025 den Bundesnachrichtendienst.
Der langjährige Sicherheitsbeamte und Diplomat verfügt damit über umfangreiche Erfahrungen in Fragen der internationalen Sicherheit und staatlichen Gefahrenabwehr.
Sein Wechsel nach Rom war auch von persönlichen Interessen geprägt.
In dem aktuellen Interview erklärte Kahl, dass ihn das Verhältnis zwischen Staat und Kirche seit seiner Studienzeit beschäftige. Als Katholik sehe er seine Tätigkeit im Zentrum der Weltkirche auch als besondere persönliche Aufgabe.
Mit seinen Äußerungen greift er nun unmittelbar in die Diskussion über die politische Verantwortung der katholischen Kirche angesichts internationaler Kriege ein.
Vatikan setzt diplomatische Friedensbemühungen fort
Ungeachtet der Kritik des deutschen Botschafters engagiert sich der Heilige Stuhl weiterhin diplomatisch und humanitär.
Papst Leo XIV. hat wiederholt zu Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Krieges aufgerufen. Der Vatikan steht dazu mit verschiedenen internationalen Akteuren in Kontakt.
Erst im Oktober führte Bundesaußenminister Johann Wadephul Gespräche mit führenden Vertretern des vatikanischen Staatssekretariats. Dabei ging es auch um Möglichkeiten, diplomatische Bemühungen zur Beendigung des Ukraine-Krieges zu unterstützen.
Zudem organisierte der Vatikan Ende Oktober eine Hilfsmission für die vom Krieg betroffene ukrainische Bevölkerung.
Die Kritik aus der deutschen Botschaft bedeutet deshalb nicht, dass der Vatikan Friedensbemühungen grundsätzlich ablehnt oder sich aus der internationalen Diplomatie zurückzieht.
Vielmehr fordert Kahl eine veränderte Gewichtung zwischen diplomatischer Vermittlung, militärischer Abschreckung und dem Recht auf Selbstverteidigung.
Ob Papst Leo XIV. oder das vatikanische Staatssekretariat auf diese Forderungen reagieren werden, ist bislang offen.