Gewalt gegen Journalisten bei Hebron

Westjordanland: Journalist Andrey Kharzhanovsky von Siedlern angegriffen und festgenommen

Verletzter Journalist in Polizeigewahrsam

Von Sebastian Krüger 5 Min. Lesezeit

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Nächtliche Gewalt im Westjordanland: Der Journalist Andrey Kharzhanovsky soll von israelischen Siedlern angegriffen und verletzt worden sein. Anschließend nahm ihn die israelische Polizei zur Vernehmung mit.
Nächtliche Gewalt im Westjordanland: Der Journalist Andrey Kharzhanovsky soll von israelischen Siedlern angegriffen und verletzt worden sein. Anschließend nahm ihn die israelische Polizei zur Vernehmung mit. Foto: Ostdeutsche Zeitung / Instagram

Hebron. Der russischstämmige israelische Videojournalist Andrey Kharzhanovsky, bekannt unter dem Namen „Andrey X“, ist am Mittwochabend, 28. Oktober 2026, im besetzten Westjordanland von israelischen Siedlern angegriffen worden. Videoaufnahmen zeigen, wie er und ein amerikanischer Journalist mit teilweise bewaffneten Männern aneinandergeraten und körperlich attackiert werden. Nach Angaben einer Augenzeugin erlitt Kharzhanovsky eine Kopfverletzung und verlor mehrfach das Bewusstsein. Anschließend nahm die israelische Polizei die beiden angegriffenen Männer fest.

Angriff nahe dem palästinensischen Dorf Umm al-Khair

Der Vorfall ereignete sich nahe dem Dorf Umm al-Khair in den südlichen Hebron-Hügeln. Die Region gehört zum Gebiet Masafer Yatta, in dem es seit Jahren Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Bewohnern, israelischen Siedlern und Sicherheitskräften gibt.

Kharzhanovsky war dort gemeinsam mit dem amerikanischen Journalisten Jasper Nathaniel und der Aktivistin Adele Shoko unterwegs.

Alle drei dokumentieren regelmäßig Ereignisse im Westjordanland, insbesondere Angriffe auf palästinensische Bewohner und deren Eigentum.

Nach Angaben Shokos wurden sie am Mittwochabend von israelischen Siedlern angegriffen. Die Männer seien teilweise bewaffnet gewesen und hätten die Journalisten geschlagen und bedroht.

Auch persönliche Gegenstände und Ausrüstung sollen entwendet worden sein.

Die genauen Umstände, unter denen die Auseinandersetzung begann, sind bislang nicht geklärt.

Bewaffneter Siedler bedroht Journalisten

Aufnahmen, die Adele Shoko anschließend in sozialen Netzwerken veröffentlichte, zeigen eine körperliche Auseinandersetzung zwischen den Journalisten und zwei Siedlern.

Einer der Männer trägt eine Schusswaffe. Nach Angaben der israelischen Zeitung „The Times of Israel“ ist auf einem Video zu sehen, wie der Bewaffnete seine Waffe zeitweise in Richtung Kharzhanovsky hebt.

Anschließend fordert er den Journalisten auf, sich auf den Boden zu setzen und auf die Polizei zu warten.

Weitere Aufnahmen zeigen, wie Kharzhanovsky erneut zu Boden gebracht wird.

Ob die beteiligten Siedler später festgenommen oder wegen des Verdachts einer Körperverletzung vernommen wurden, geht aus den bisherigen offiziellen Angaben nicht hervor.

Die veröffentlichten Videos dokumentieren wesentliche Teile der Auseinandersetzung. Sie zeigen jedoch nicht lückenlos, was dem Konflikt vorausging.

Kharzhanovsky soll mehrfach bewusstlos gewesen sein

Besonders schwer wiegen die Angaben über den Gesundheitszustand des Journalisten.

Adele Shoko erklärte, Kharzhanovsky sei während des Angriffs erheblich am Kopf verletzt worden und habe mehrfach das Bewusstsein verloren.

Auf einer Aufnahme ist zu sehen, wie medizinisches Personal den sichtlich benommenen Mann untersucht. Er wirkt dabei kaum in der Lage, sich aufrecht zu halten.

Shoko erhebt deshalb schwere Vorwürfe gegen die israelischen Sicherheitskräfte.

Nach ihrer Darstellung wurde Kharzhanovsky trotz der Verletzungen nicht zur weiteren Behandlung in ein Krankenhaus gebracht. Stattdessen sei er in einen Krankenwagen gesetzt und anschließend zu einer Polizeiwache gefahren worden.

Die israelische Polizei bestätigte, dass der Mann von medizinischem Personal untersucht worden sei.

Ob eine Gehirnerschütterung ärztlich diagnostiziert wurde und welche weitere Behandlung erfolgte, ist bislang nicht unabhängig bestätigt.

Polizei nimmt die beiden angegriffenen Journalisten fest

Besonders umstritten ist das Vorgehen der israelischen Polizei nach dem Vorfall.

Statt ausschließlich gegen die mutmaßlichen Angreifer vorzugehen, nahm sie Andrey Kharzhanovsky und Jasper Nathaniel zur Vernehmung mit.

Die Polizei erklärte gegenüber der „Times of Israel“, Einsatzkräfte seien nach einer Meldung über einen Angriff und Steinwürfe zum Ort des Geschehens gerufen worden.

Dort hätten sie zwei Verdächtige festgenommen beziehungsweise zur weiteren Befragung auf die Polizeiwache gebracht.

Welche konkreten Handlungen den beiden Journalisten vorgeworfen werden, ist aus der bisherigen Stellungnahme nicht eindeutig ersichtlich.

Auch das israelische Militär äußerte sich zu dem Einsatz.

Nach Angaben der Armee wurden Soldaten entsandt, um die Beteiligten der Auseinandersetzung voneinander zu trennen. Anschließend hätten sie auf die Polizei gewartet.

Die Ermittlungen dauern an.

Journalist dokumentiert seit Jahren Siedlergewalt

Andrey Kharzhanovsky wurde in Russland geboren und wanderte 2022 nach Israel ein. Er besitzt die israelische Staatsangehörigkeit.

Unter dem Namen „Andrey X“ veröffentlicht er regelmäßig Videoaufnahmen von Konflikten und Übergriffen im Westjordanland.

Seine Berichterstattung konzentriert sich insbesondere auf palästinensische Gemeinden, die nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen immer wieder Angriffen extremistischer Siedler ausgesetzt sind.

Bereits Anfang Oktober geriet Kharzhanovsky selbst ins Visier mutmaßlicher Täter.

Am 7. Oktober wurde sein Fahrzeug in dem palästinensischen Dorf Deir Nidham bei Ramallah in Brand gesetzt. Israelische Medien berichteten damals, dass Siedler für den Angriff verantwortlich sein sollen.

Kharzhanovsky bestätigte den Verlust seines Autos in einem Beitrag auf X.

Am 21. Oktober wurde er außerdem während einer Aktion zur Unterstützung palästinensischer Olivenbauern von israelischen Sicherheitskräften festgenommen und später wieder freigelassen.

Auch Washington-Post-Fotografin wurde angegriffen

Der jüngste Angriff ist nicht der erste Vorfall, bei dem Journalisten während ihrer Arbeit im Westjordanland verletzt wurden.

Am 16. Oktober wurde die amerikanische Fotojournalistin Heidi Levine von der „Washington Post“ bei der Berichterstattung über die Olivenernte nahe Abu Falah angegriffen.

Nach Recherchen ihrer Zeitung schlugen vermummte Siedler mit Stöcken auf sie ein, traten sie und entwendeten persönliche Gegenstände sowie Kameraausrüstung.

Levine erlitt schwere Verletzungen und musste medizinisch behandelt werden.

Kharzhanovsky und Jasper Nathaniel dokumentierten damals die Ereignisse und halfen bei der Berichterstattung über den Angriff.

Die israelische Polizei nahm später mehrere Tatverdächtige fest. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters wurden neun von zehn zunächst inhaftierten Verdächtigen wieder aus dem Polizeigewahrsam entlassen und unter Hausarrest gestellt.

Der Fall führte zu internationaler Kritik und Forderungen nach einem wirksameren Schutz von Journalisten und palästinensischen Zivilisten.

Fragen zum Schutz der Presse bleiben offen

Der Angriff auf Andrey Kharzhanovsky wirft erneut Fragen über die Sicherheit journalistischer Arbeit im Westjordanland auf.

Dabei geht es nicht nur um die Gewalt mutmaßlicher Siedler, sondern auch um den Umgang der Sicherheitsbehörden mit verletzten Berichterstattern.

Die israelische Polizei verweist auf ihre laufenden Ermittlungen wegen des gemeldeten Angriffs und der Steinwürfe. Die beteiligten Journalisten und Aktivisten werfen den Behörden dagegen vor, die mutmaßlichen Opfer festgenommen und den Schutz vor weiterer Gewalt nicht ausreichend gewährleistet zu haben.

Ob sich die Polizeimaßnahmen als rechtmäßig erweisen und strafrechtliche Ermittlungen gegen die beteiligten Siedler eingeleitet werden, ist noch offen.

Auch der aktuelle Gesundheitszustand und der weitere rechtliche Status Kharzhanovskys waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht abschließend geklärt.

Fest steht, dass der russischstämmige Journalist nach einer dokumentierten gewaltsamen Auseinandersetzung selbst in israelischen Polizeigewahrsam geriet.

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