MOSKAU/BERLIN. Die Schlagzeile lässt kaum Raum für Zwischentöne. „Selenskyj griff Moskau mit einer deutschen Drohne an“, schrieb die russische Zeitung Argumenty i Fakty bereits im Mai. Inzwischen geht das Blatt noch weiter: Anfang September fragte es, welche „deutschen Drohnen“ künftig bis tief nach Russland fliegen könnten.
Hinter dieser Wortwahl steckt eine Entwicklung, die inzwischen weit über politische Rhetorik hinausgeht: Deutschland ist zu einem wichtigen Produktionsstandort für weitreichende ukrainische Kampfdrohnen geworden.
Doch zwischen einer in Deutschland produzierten Drohne und dem Nachweis, dass tatsächlich eine solche Waffe Moskau angegriffen hat, liegt ein entscheidender Unterschied.
Für einen Einsatz der inzwischen in Deutschland produzierten Systeme gegen Moskau gibt es bislang keinen unabhängig bestätigten Nachweis.
Russische Zeitung: „Selenskyj griff Moskau mit deutscher Drohne an“
Am 18. Mai veröffentlichte Argumenty i Fakty einen Artikel über die ukrainische Drohnenserie BARS. Bereits die Überschrift bezeichnete das eingesetzte Fluggerät als „deutsch“. Das russische Medium schrieb, BARS-Drohnen seien bei Angriffen auf Moskau eingesetzt worden.
Im eigentlichen Text wird die deutsche Verbindung allerdings deutlich vorsichtiger beschrieben.
Das Blatt behauptet unter Berufung auf einen russischen Militärexperten, Deutsche seien an der Entwicklung beteiligt gewesen. Als weiteres Indiz führt der Experte an, dass entsprechende Drohnen dem deutschen Verteidigungsminister Boris Pistorius präsentiert worden seien. Daraus wird in der Überschrift schließlich eine „deutsche Drohne“.
Ein unabhängiger Beleg dafür, dass es sich bei den damaligen Angriffen auf Moskau um eine in Deutschland hergestellte Waffe gehandelt hat, wird in dem Artikel nicht geliefert.
Bemerkenswert ist auch der Hintergrund der Quelle: Argumenty i Fakty weist auf seiner eigenen Internetseite darauf hin, dass das Angebot mit finanzieller Unterstützung des russischen Ministeriums für digitale Entwicklung, Kommunikation und Massenmedien betrieben wird.
Jetzt werden tatsächlich Tausende Drohnen in Deutschland gebaut
Was im Frühjahr noch leicht als zugespitzte russische Zuschreibung erscheinen konnte, bekommt inzwischen einen realen industriellen Hintergrund.
Deutschland und die Ukraine haben ihre Zusammenarbeit bei weitreichenden unbemannten Waffensystemen erheblich ausgebaut.
Bereits im April vereinbarten beide Regierungen unter anderem die gemeinsame Produktion der Langstreckendrohne Anubis und der Mittelstreckendrohne Seth-X. Die deutsch-ukrainische Regierungserklärung führt die gemeinsame Produktion ausdrücklich als Bestandteil der strategischen Partnerschaft auf.
Anfang September begann dann im Großraum München die Serienfertigung von mehr als 5.000 Kampfdrohnen für die Ukraine.
Hinter dem Projekt stehen das deutsch-amerikanische Unternehmen Auterion und der ukrainische Hersteller Airlogix. Nach Angaben aus Industriekreisen hat der von der Bundesregierung finanzierte Auftrag ein Volumen von rund 300 Millionen Euro. Die ersten Systeme wurden bereits gefertigt, die Auslieferung des Auftrags soll bis Mitte 2027 abgeschlossen werden.
Reichweite bis zu 1.500 Kilometer
Produziert werden zwei unterschiedliche Systeme.
Besonders brisant ist die Reichweite der größeren Variante: bis zu 1.500 Kilometer.
Damit gehören die Systeme zur Kategorie der sogenannten Deep-Strike-Waffen – also Waffen, mit denen Ziele weit hinter der eigentlichen Front erreicht werden können. Auterion liefert unter anderem Software für Steuerung und autonome Navigation, Airlogix die ukrainischen Flugkörper. Die Systeme sollen auch unter Bedingungen funktionieren, in denen Satellitennavigation gestört wird.
Nach Angaben des Fachmediums Janes sollen die Drohnen außerdem für Schwarmoperationen ausgelegt werden können. Dabei können mehrere Fluggeräte koordiniert gegen unterschiedliche Ziele eingesetzt werden.
Die Bundesregierung hat die gemeinsame Produktion von Langstrecken-Angriffsdrohnen mit der Ukraine ausdrücklich vereinbart.
Zweites Werk soll nach Ostdeutschland kommen
Für Ostdeutschland bekommt das Thema eine zusätzliche Dimension.
Neben dem Standort im Raum München ist ein zweiter Produktionsstandort in Ostdeutschland geplant. Wo genau dieser entstehen soll, wurde bislang nicht öffentlich bekannt gegeben.
Damit könnten künftig weitreichende Kampfdrohnen für die ukrainischen Streitkräfte nicht nur in Bayern, sondern auch in einem ostdeutschen Werk produziert werden.
Die Dimension ist erheblich: Nach Angaben des Herstellers sollen mehrere Tausend Systeme jährlich gefertigt werden können.
Russland greift die deutsche Produktion sofort auf
In Moskau blieb der Produktionsstart nicht unbeachtet.
Nur einen Tag nach Bekanntwerden der Serienfertigung veröffentlichte Argumenty i Fakty erneut einen Artikel über die Systeme. Diesmal lautete die Frage sinngemäß: Können die deutschen Drohnen bis zum Ural fliegen?
Das russische Medium berichtete dabei ausdrücklich über die gemeinsame deutsch-ukrainische Produktion nahe München.
Damit verschiebt sich die russische Darstellung: Deutschland erscheint nicht mehr ausschließlich als Finanzier und Lieferant ukrainischer Waffen, sondern zunehmend als unmittelbarer Produktionsstandort für Systeme, die tief in russisches Gebiet reichen können.
Das ist zunächst eine Beschreibung der russischen Medienerzählung – keine Feststellung darüber, wo diese Waffen tatsächlich eingesetzt werden.
Gleichzeitig erreichen ukrainische Drohnen immer tiefere Ziele in Russland
Unabhängig von der deutschen Produktion verfügt die Ukraine mittlerweile über eigene Systeme für Angriffe weit im russischen Hinterland.
Ende April berichtete Reuters über einen ukrainischen Angriff auf eine russische Ölpumpstation in einer Entfernung von mehr als 1.500 Kilometern von der ukrainischen Grenze. Die Ukraine hat ihre eigenen Langstreckenfähigkeiten während des Krieges erheblich ausgebaut.
Auch der Großraum Moskau wird immer wieder von Drohnenangriffen getroffen.
Allein in der Nacht zum 3. September erklärte das russische Verteidigungsministerium, landesweit 416 ukrainische Drohnen abgefangen oder zerstört zu haben. Nach russischen Angaben wurden dabei auch Drohnen über der Moskauer Region bekämpft. Diese Zahlen stammen von russischen Behörden und können nicht vollständig unabhängig überprüft werden.
Welche konkreten Drohnentypen bei einzelnen Angriffen eingesetzt werden, ist von außen häufig nur schwer festzustellen.
Der entscheidende Unterschied
Deshalb muss bei der Formulierung „deutsche Drohnen gegen Moskau“ zwischen drei Dingen unterschieden werden:
• Belegt ist, dass Deutschland die Produktion weitreichender Kampfdrohnen für die Ukraine finanziert und dass solche Systeme inzwischen in Deutschland serienmäßig hergestellt werden. • Belegt ist, dass ukrainische Drohnen Ziele in und um Moskau sowie weit im russischen Hinterland angreifen. • Nicht belegt ist bislang, dass die seit September in Deutschland serienmäßig produzierten Auterion-Airlogix-Systeme bereits bei einem Angriff auf Moskau eingesetzt wurden.
Genau diese Trennung geht in Teilen der russischen Berichterstattung verloren.
Aus einer Waffenlieferung wird eine neue industrielle Verbindung
Die Entwicklung zeigt dennoch, wie stark sich Deutschlands Rolle seit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine im Februar 2022 verändert hat.
Es geht längst nicht mehr ausschließlich darum, vorhandene Waffen aus deutschen Beständen an die Ukraine abzugeben.
Deutsche und ukrainische Unternehmen entwickeln gemeinsam Systeme, ukrainische Kriegserfahrungen fließen in die Technik ein, die Bundesregierung finanziert große Stückzahlen – und die Produktion findet mittlerweile auf deutschem Boden statt.
Ein zweiter Standort soll nach Ostdeutschland kommen.
Damit dürfte auch die Frage, welche Rolle Deutschland bei ukrainischen Angriffen tief im russischen Hinterland spielt, in Moskau weiter an Bedeutung gewinnen.
Die russische Schlagzeile „deutsche Drohnen gegen Moskau“ ist derzeit weitergehender als das, was sich konkret nachweisen lässt.
Dass Russland Deutschland bei der ukrainischen Drohnenrüstung zunehmend als direkten Akteur wahrnimmt und darstellt, ist dagegen bereits Realität.
„Nicht unser Krieg“
Aus Waffenlieferungen werden gemeinsame Produktionslinien, aus Unterstützung werden Langstreckensysteme – und russische Medien sprechen bereits von „deutschen Drohnen“. Gerade im Osten wächst damit die Sorge vor einer gefährlichen Eskalationsspirale. Je weiter die militärische Verflechtung geht, desto dringender muss die Politik erklären, wo ihre Grenzen liegen.