EU-Erweiterung rückt näher: Vier Länder hoffen auf baldigen Beitritt
Die Europäische Union bereitet die Aufnahme weiterer Mitgliedstaaten vor. Beim Erweiterungsgipfel in Brüssel standen Montenegro, Albanien, Moldau und die Ukraine im Mittelpunkt. Während Montenegro bereits 2028 beitreten möchte, bremsen politische Konflikte und ungelöste Streitfragen andere Kandidaten aus.
Brüssel. Die Europäische Union könnte in den kommenden Jahren erstmals seit längerer Zeit wieder neue Mitgliedstaaten aufnehmen. Beim Erweiterungsgipfel am Dienstag, dem 3. November 2026, berieten Vertreter europäischer Staaten und mehrerer Beitrittskandidaten über die nächsten Schritte. Besonders weit sind Montenegro und Albanien. Auch Moldau und die Ukraine haben ihre Verhandlungen zuletzt vorangebracht, während andere Staaten seit Jahren kaum Fortschritte erzielen.
Der von Euronews organisierte Gipfel brachte Regierungsvertreter aus mehreren Bewerberländern mit europäischen Entscheidungsträgern zusammen. Dabei ging es nicht nur um notwendige Reformen, sondern auch um die Frage, ob die EU selbst auf eine weitere Vergrößerung vorbereitet ist.
Montenegro will 2028 EU-Mitglied werden
Montenegro befindet sich derzeit am weitesten im Beitrittsprozess. Das Land hat sämtliche 33 Verhandlungskapitel eröffnet und bis Mitte Oktober 2026 bereits 21 davon vorläufig abgeschlossen.
Die Regierung in Podgorica strebt eine Mitgliedschaft im Jahr 2028 an. Zuvor müssen allerdings weitere Reformen umgesetzt und die verbleibenden Verhandlungskapitel abgeschlossen werden.
Ein Hindernis sind offene Streitfragen mit dem EU-Mitglied Kroatien, die teilweise auf die Auflösung Jugoslawiens und die Kriege der 1990er Jahre zurückgehen.
Montenegros Europaministerin Maida Gorčević machte in Brüssel deutlich, dass ihr Land keine Mitgliedschaft mit dauerhaft eingeschränkten Rechten akzeptieren möchte.
Hintergrund sind Überlegungen der Europäischen Kommission, neue Mitgliedstaaten zunächst besonderen Schutzmechanismen zu unterwerfen. Diskutiert wird eine 15-jährige Bewährungsphase, in der bei schwerwiegenden Verstößen gegen grundlegende europäische Prinzipien sogar Stimmrechte ausgesetzt werden könnten.
Die montenegrinische Regierung zeigt sich grundsätzlich offen für zusätzliche Kontrollmechanismen, lehnt aber eine dauerhafte Benachteiligung gegenüber bisherigen Mitgliedern ab.
Albanien will Verhandlungen bis Ende 2027 abschließen
Auch Albanien gehört zu den am weitesten fortgeschrittenen Bewerberländern.
Das Land hat ebenfalls sämtliche 33 Verhandlungskapitel eröffnet. Vier davon waren bis Mitte Oktober 2026 vorläufig abgeschlossen.
Ministerpräsident Edi Rama bekräftigte beim Gipfel das Ziel, die Beitrittsverhandlungen bis Ende 2027 abzuschließen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Albanien unmittelbar danach Mitglied der Europäischen Union würde. Nach dem Abschluss der Verhandlungen muss ein Beitrittsvertrag ausgearbeitet und von allen beteiligten Staaten ratifiziert werden.
Rama forderte die europäischen Regierungen dazu auf, die Erweiterung als gemeinsames politisches Vorhaben zu betrachten. Er erinnerte dabei an die deutsche Wiedervereinigung unter Bundeskanzler Helmut Kohl.
Gleichzeitig steht Albanien vor innenpolitischen Herausforderungen. Neben Reformen der staatlichen Institutionen sorgen auch umstrittene wirtschaftliche Großprojekte für Proteste.
Moldau holt bei den Beitrittsverhandlungen auf
Besonders schnell entwickelt sich derzeit der Beitrittsprozess der Republik Moldau.
Das Land hat in den vergangenen Monaten mehrere neue Verhandlungsbereiche eröffnet und arbeitet an der Anpassung seiner Gesetze an europäische Standards.
Im Oktober begannen zusätzliche Verhandlungen über den Binnenmarkt sowie über Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Entwicklung.
Moldaus Regierung möchte den Reformprozess möglichst rasch fortsetzen. Dabei soll die Annäherung an die Europäische Union auch die wirtschaftliche und politische Stabilität des Landes stärken.
Beim Gipfel betonte Ministerpräsident Vasile Tofan, dass Moldau und die Ukraine nicht als Konkurrenten betrachtet werden sollten.
Fortschritte eines Landes könnten vielmehr auch dem jeweils anderen helfen. Beide Staaten hatten nach Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine im Jahr 2022 eine EU-Beitrittsperspektive erhalten.
Allerdings steht Moldau weiterhin vor erheblichen Herausforderungen. Dazu gehören die ungelöste Transnistrien-Frage, die wirtschaftliche Entwicklung und die Sicherheit staatlicher Einrichtungen.
Nach einem massiven Cyberangriff, bei dem nach Regierungsangaben Daten von rund 750.000 Menschen betroffen waren, konnte Tofan nicht persönlich am Gipfel teilnehmen.
Ukraine fordert faire Bedingungen für Agrarprodukte
Die Ukraine will ihre Verhandlungen trotz des anhaltenden Krieges mit Russland beschleunigen.
Bei den jüngsten Beitrittskonferenzen wurden weitere Verhandlungsbereiche eröffnet. Die Regierung in Kiew möchte in der ersten Jahreshälfte 2027 damit beginnen, einzelne Kapitel abzuschließen.
Ein besonders schwieriges Thema dürfte die Landwirtschaft werden.
Die Ukraine verfügt über große landwirtschaftliche Produktionsflächen und ist ein bedeutender Exporteur von Getreide und anderen Agrarprodukten.
Mehrere EU-Mitgliedstaaten befürchten deshalb zusätzliche Konkurrenz für ihre heimischen Landwirte.
Die Europäische Kommission hat nach Medienberichten Überlegungen angestellt, bestimmte ukrainische Agrarprodukte auch nach einem möglichen EU-Beitritt dauerhaft vom gemeinsamen Markt auszunehmen.
Die ukrainische Regierung lehnt solche dauerhaften Beschränkungen ab. Premierminister Serhii Koretskyi erklärte beim Gipfel, Übergangsregelungen seien grundsätzlich denkbar. Diese müssten jedoch klar begrenzt und regelmäßig überprüft werden.
Die Ukraine verlangt einen Beitrittsprozess, bei dem die gleichen grundlegenden Maßstäbe für alle Bewerber gelten.
Georgien und Nordmazedonien kommen kaum voran
Während Montenegro, Albanien, Moldau und die Ukraine Fortschritte erzielen, bleiben andere Beitrittskandidaten zurück.
Besonders deutlich ist dies bei Georgien. Die EU-Beitrittsbemühungen des Landes sind seit 2024 faktisch blockiert.
Hintergrund sind mehrere umstrittene Gesetze, insbesondere über ausländischen Einfluss und gesellschaftspolitische Fragen. Die Europäische Kommission sieht darin Probleme für demokratische Standards und Grundrechte.
Georgiens Ministerpräsident Irakli Kobakhidze erklärte in Brüssel, seine Regierung halte weiterhin am EU-Beitritt fest. Eine Rücknahme der kritisierten Gesetze stellte er allerdings nicht in Aussicht.
Er warf der Europäischen Union vor, unzulässigen politischen Druck auf sein Land auszuüben.
Auch Nordmazedonien kommt seit Jahren nur langsam voran. Hier steht vor allem ein Streit mit Bulgarien im Mittelpunkt.
Die Regierung in Sofia fordert Verfassungsänderungen, mit denen die bulgarische Minderheit in Nordmazedonien ausdrücklich anerkannt werden soll.
Die nordmazedonische Präsidentin Gordana Siljanovska-Davkova kritisierte beim Gipfel, dass die Beitrittsbemühungen ihres Landes durch die bulgarischen Forderungen blockiert würden.
EU diskutiert neue Regeln für künftige Mitglieder
Mit der geplanten Erweiterung steht auch die Europäische Union selbst vor Veränderungen.
Je mehr Staaten Mitglied werden, desto schwieriger könnten Entscheidungen werden, bei denen Einstimmigkeit erforderlich ist. Das betrifft beispielsweise bestimmte außenpolitische Beschlüsse und Sanktionen.
Die Europäische Kommission hat deshalb zusätzliche Schutzmechanismen für künftige Mitgliedstaaten vorgeschlagen.
Diese sollen verhindern, dass neue Mitglieder nach ihrem Beitritt demokratische Standards abbauen oder wichtige Entscheidungen der Gemeinschaft dauerhaft blockieren.
Diskutiert werden außerdem Übergangsregelungen für die Arbeitnehmerfreizügigkeit und den Agrarmarkt.
Solche Maßnahmen sind politisch umstritten, weil Bewerberländer eine Mitgliedschaft mit eingeschränkten Rechten befürchten.
Für einen Beitritt sind zudem weiterhin die Zustimmung sämtlicher Mitgliedstaaten und die Ratifizierung des Beitrittsvertrags erforderlich.
Entscheidung über weitere Schritte steht bevor
Am Mittwoch, dem 4. November 2026, will die Europäische Kommission neue Fahrpläne für Montenegro, Albanien, Moldau und die Ukraine vorstellen.
Darin soll aufgezeigt werden, welche Reformen noch notwendig sind und wie sich die Bewerberländer schrittweise stärker in europäische Strukturen einbinden lassen.
Aus Sicht der EU-Kommission ist die Erweiterung auch eine sicherheitspolitische Frage. Mit einer engeren Bindung der westlichen Balkanstaaten, der Ukraine und Moldaus möchte Brüssel die Stabilität auf dem europäischen Kontinent stärken.
Wann tatsächlich ein neues Mitglied aufgenommen wird, bleibt offen.
Montenegro strebt das Jahr 2028 an. Albanien möchte seine Verhandlungen bereits Ende 2027 abschließen. Für die Ukraine und Moldau gibt es bislang keinen verbindlichen Beitrittstermin.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob aus den politischen Absichtserklärungen konkrete Fortschritte werden.