Ausschreitungen nahe Kiew

14-Jähriger in ukrainischer Militärunterkunft entdeckt – Ermittlungen nach Misshandlungsvorwürfen

In einer Militärunterkunft bei Kiew ist während heftiger Ausschreitungen ein 14-jähriger Junge entdeckt worden. Vorwürfe über Misshandlungen von Soldaten lösten Proteste aus. Nun ermittelt das ukrainische Staatliche Ermittlungsbüro.

Von Sebastian Krüger 3 Min. Lesezeit

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Nach schweren Vorwürfen gegen Angehörige der ukrainischen Nationalgarde kam es nahe Kiew zu Protesten und Auseinandersetzungen. Die Behörden haben Ermittlungen eingeleitet.
Nach schweren Vorwürfen gegen Angehörige der ukrainischen Nationalgarde kam es nahe Kiew zu Protesten und Auseinandersetzungen. Die Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Foto: Ostdeutsche Zeitung

Kiew. Ein 14-jähriger Junge ist am Montagabend, dem 2. November 2026, in einer von der ukrainischen Nationalgarde genutzten Unterkunft in Petropawliwska Borschtschahiwka nahe Kiew entdeckt worden. Zuvor hatten sich zahlreiche Menschen vor dem Gebäude versammelt, nachdem in sozialen Netzwerken schwere Vorwürfe gegen dort stationierte Militärangehörige verbreitet worden waren. Die Situation eskalierte, während sich die Behörden um eine Aufklärung der Vorwürfe bemühten.

Videoaufnahmen zeigen, wie der Jugendliche aus dem Gebäude geführt wird. Der Fall sorgt in der Ukraine für Aufmerksamkeit, weil zunächst unklar blieb, weshalb sich ein Minderjähriger in der Militärunterkunft befand.

14-Jähriger trifft auf hochrangigen Regierungsvertreter

Der Leiter des ukrainischen Präsidentenbüros, Kyrylo Budanow, erschien persönlich am Ort der Auseinandersetzungen. Dort sprach er mit dem 14-Jährigen, der sich zeitweise im Gebäude aufgehalten hatte.

Nach ukrainischen Medienberichten erklärte der Jugendliche, er sei gemeinsam mit Freunden zu dem Gelände gekommen. Budanow veranlasste, dass Angehörige verständigt wurden und den Jungen abholen konnten.

In sozialen Netzwerken verbreiteten sich gleichzeitig Behauptungen, der Minderjährige sei misshandelt worden. Einzelne Anwesende erhoben entsprechende Vorwürfe. Eine unabhängige Bestätigung dafür liegt bislang nicht vor.

Eine Recherche des ukrainischen Investigativmediums Slidstvo.Info zeichnet zudem ein anderes Bild als manche Beiträge in sozialen Netzwerken. Demnach soll der Jugendliche erst während der bereits laufenden Auseinandersetzungen über einen Zaun auf das Gelände gelangt sein. Er sei nicht zuvor gemeinsam mit Soldaten dort festgehalten worden.

Vorwürfe über Folter und rechtswidrige Festhaltung

Auslöser der Ausschreitungen waren Berichte, wonach in dem Gebäude angeblich rund 40 Männer gegen ihren Willen festgehalten und misshandelt würden. In sozialen Netzwerken war sogar von einem Todesfall die Rede.

Die Polizei widersprach der Behauptung, ein Mensch sei dort getötet worden.

Die ukrainische Nationalgarde bestätigte, dass das Gebäude militärisch genutzt wird. Nach Angaben des 1. Korps „Asow“ handelt es sich um eine vorübergehende Unterkunft der Militäreinheit 3121.

Dort seien mobilisierte Männer sowie Soldaten untergebracht gewesen, die sich zuvor unerlaubt von ihren Einheiten entfernt hatten. Sie hätten auf ihre weitere Zuweisung zu militärischen Verbänden gewartet.

Die Nationalgarde wies die Anschuldigungen zurück, in dem Gebäude würden Menschen gefoltert.

Menschenmenge greift Fahrzeuge an – Berichte über Gewalt

Die Gerüchte führten zu einer größeren Menschenansammlung vor dem Gebäude. Unter den Demonstrierenden sollen sich auch Angehörige von Soldaten befunden haben.

Im Verlauf der Auseinandersetzungen wurden Fahrzeuge der Nationalgarde beschädigt. Berichten zufolge warfen Beteiligte Steine und setzten pyrotechnische Gegenstände ein.

Auch außerhalb des Gebäudes kam es zu Gewalt. Reporter des ukrainischen Investigativmediums Slidstvo.Info berichteten von maskierten Männern in Sportkleidung, die Passanten angegriffen haben sollen.

Ein Mann schilderte gegenüber Journalisten, er sei gemeinsam mit seinem Sohn unterwegs gewesen, als beide angegriffen worden seien.

Der Kommandeur der Nationalgarde, Oleksandr Piwnenko, erklärte, dass die maskierten Männer nach seiner Einschätzung nicht zu den regulär uniformierten Kräften gehörten.

Vier Soldaten wurden nach den Ereignissen in einer medizinischen Einrichtung der Nationalgarde behandelt. Nach Angaben der Behörden soll auch untersucht werden, unter welchen Bedingungen die Militärangehörigen zuvor untergebracht waren.

Ermittlungsbüro eröffnet Strafverfahren

Am Dienstag, dem 3. November 2026, gab das ukrainische Staatliche Ermittlungsbüro (DBR) bekannt, ein Strafverfahren eingeleitet zu haben.

Ermittelt wird wegen des Verdachts der Überschreitung militärischer Amtsbefugnisse nach Artikel 426-1 Absatz 5 des ukrainischen Strafgesetzbuches.

Die Ermittler sollen feststellen, ob Militärangehörige rechtswidrig gehandelt haben und unter welchen Umständen die untergebrachten Soldaten festgehalten beziehungsweise betreut wurden.

Auch die ukrainische Militär-Ombudsstelle kündigte eine Überprüfung an.

Die Einleitung eines Strafverfahrens bedeutet noch nicht, dass die erhobenen Vorwürfe bestätigt wurden. Insbesondere bleibt offen, ob es innerhalb der Unterkunft tatsächlich zu Misshandlungen kam.

Der Fall wirft zugleich Fragen zum Umgang mit Soldaten auf, die ihre Einheiten unerlaubt verlassen haben. Die ukrainischen Behörden stehen nun vor der Aufgabe, sowohl die Vorwürfe gegen Angehörige des Militärs als auch die gewaltsamen Ausschreitungen vor dem Gebäude aufzuklären.

Für den 14-jährigen Jungen gibt es bislang keine belastbaren Hinweise darauf, dass er bereits vor Beginn der Proteste in der Unterkunft festgehalten wurde.

Themen: UkraineErmittlungenMenschenrechteMilitärKiewNationalgarde

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