Nach dem Rücktritt von Bärbel Bas sucht die Partei eine neue Führung und einen politischen Kurs

SPD in der Krise: Wer kann den Sozialdemokraten wieder Wähler bringen?

Die SPD steckt in einer tiefen Krise. Nach schweren Wahlniederlagen und dem Rücktritt von Bärbel Bas steht die gesamte Parteiführung zur Neuwahl. Lars Klingbeil ist umstritten, mögliche Nachfolger winken ab. Doch die entscheidende Frage reicht über Personalien hinaus: Wofür wollen die Sozialdemokraten künftig stehen?

Von Sebastian Krüger 5 Min. Lesezeit

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Der SPD-Politiker Lars Klingbeil vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. Angesichts sinkender Umfragewerte und anhaltender innerparteilicher Debatten steht die SPD vor der Frage, wie sie verlorenes Vertrauen zurückgewinnen und sich politisch neu aufstellen kann.
Der SPD-Politiker Lars Klingbeil vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. Angesichts sinkender Umfragewerte und anhaltender innerparteilicher Debatten steht die SPD vor der Frage, wie sie verlorenes Vertrauen zurückgewinnen und sich politisch neu aufstellen kann. Foto: Selin Jasmin

Berlin. Die SPD sucht nach einem Ausweg aus ihrer politischen Krise. Nach dem Rücktritt von Bärbel Bas als Parteivorsitzende und Bundesarbeitsministerin am 12. Oktober 2026 soll im Januar die gesamte Parteiführung neu gewählt werden. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil, der die Partei derzeit allein führt, hat eine erneute Kandidatur offengelassen. Gleichzeitig wächst innerhalb der Sozialdemokratie die Forderung nach einer grundlegenden politischen Neuorientierung.

Die Probleme reichen weit über die Besetzung der Parteispitze hinaus. Die SPD hat bei mehreren Landtagswahlen erhebliche Stimmenverluste erlitten und liegt in bundesweiten Umfragen seit Monaten deutlich hinter ihren früheren Ergebnissen. Als Juniorpartner der Bundesregierung unter Friedrich Merz steht sie zudem vor der Schwierigkeit, eigene politische Erfolge sichtbar zu machen und zugleich Kompromisse mit der Union zu vertreten.

Rücktritt von Bärbel Bas verschärft die Führungsfrage

Der Rückzug von Bärbel Bas hat die ohnehin angespannte Situation innerhalb der SPD verändert. Die bisherige Parteivorsitzende begründete ihre Entscheidung vor allem mit einem schweren persönlichen Verlust. Zugleich kritisierte sie öffentliche Angriffe aus den Reihen des Koalitionspartners.

Klingbeil kündigte daraufhin an, die gesamte Parteiführung auf einem Bundesparteitag neu wählen zu lassen. Inzwischen ist dafür der 16. und 17. Januar 2027 in Bremen vorgesehen.

Der SPD-Vorsitzende will grundsätzlich an einer weiblich-männlichen Doppelspitze festhalten. Ob er selbst erneut kandidiert, hat er bislang nicht abschließend entschieden.

In der Partei wird gleichzeitig darüber diskutiert, ob Regierungsämter und Parteivorsitz künftig stärker voneinander getrennt werden sollten. Kritiker sehen in der bisherigen Doppelbelastung einen Grund dafür, dass die SPD ihre programmatische Arbeit vernachlässigt habe.

Besonders deutlich äußerte sich der Juso-Vorsitzende Philipp Türmer. Er sprach sich gegen eine weitere Amtszeit Klingbeils als Parteivorsitzender aus, sofern dieser Bundesfinanzminister und Vizekanzler bleiben wolle.

Pistorius, Schwesig und Rehlinger: Die Suche nach neuen Köpfen

In der Debatte über die künftige Parteiführung fallen immer wieder dieselben Namen.

Verteidigungsminister Boris Pistorius wird aufgrund seiner öffentlichen Bekanntheit regelmäßig als möglicher Kandidat genannt. Er hat allerdings ausdrücklich erklärt, nicht für den SPD-Vorsitz antreten zu wollen.

Auch die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger verwies auf ihre Aufgaben in der Landesregierung und zeigte bislang keine Bereitschaft, die Bundespartei zu übernehmen.

Größere Aufmerksamkeit erhält Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Sie hat sich in den vergangenen Monaten öffentlich von einzelnen Reformplänen der Bundesregierung abgegrenzt und damit auch innerhalb der SPD Unterstützung erhalten.

Schwesig verwies allerdings auf ihre Verpflichtungen in Mecklenburg-Vorpommern. Eine verbindliche Bewerbung für den Bundesvorsitz liegt nicht vor.

Als weitere mögliche Personalie gilt der frühere Bundesarbeitsminister Hubertus Heil. Auch er hat sich bislang nicht als Kandidat positioniert.

Damit steht die SPD vor einem ungewöhnlichen Problem: Obwohl die Partei eine neue Führungsdebatte eröffnet hat, ist weiterhin unklar, wer sich tatsächlich zur Wahl stellen wird.

Die SPD verliert ihre traditionellen Wählergruppen

Hinter der Personaldebatte steht eine grundsätzliche Entwicklung. Die Sozialdemokraten haben in den vergangenen Jahren einen erheblichen Teil ihrer früheren Wählerbasis verloren.

Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die SPD nur noch 16,4 Prozent der Zweitstimmen. Das war ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl seit 1949.

Besonders problematisch ist für die Partei der Rückgang ihrer Unterstützung in Teilen der Arbeitnehmerschaft und in strukturschwachen Regionen.

In Ostdeutschland konkurriert die SPD unter anderem mit der AfD, der CDU und der Linken um Wähler, die unterschiedliche Erwartungen an Sozialpolitik, Wirtschaft, Migration und staatliche Handlungsfähigkeit haben.

Während sich die Sozialdemokraten traditionell als politische Interessenvertretung von Arbeitnehmern verstanden, fällt es ihnen zunehmend schwer, daraus ein eigenständiges Profil abzuleiten.

Die Partei steht vor der Frage, wie sie Beschäftigte in Industrie und Handwerk, Menschen mit niedrigen Einkommen und eine jüngere städtische Wählerschaft gleichermaßen erreichen kann.

Dabei treffen teilweise unterschiedliche politische Erwartungen aufeinander. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik geht es um sichere Arbeitsplätze, bezahlbare Energie, Renten und die Finanzierung des Sozialstaates. Hinzu kommen Debatten über Migration, innere Sicherheit und die Folgen des wirtschaftlichen Strukturwandels.

Streit über Sozialpolitik und Regierungsverantwortung

Die Beteiligung an der Bundesregierung verschärft diese Auseinandersetzung.

Als Koalitionspartner der Union trägt die SPD politische Entscheidungen mit, die innerhalb ihrer eigenen Anhängerschaft umstritten sind. Das betrifft insbesondere Veränderungen in der Sozialversicherung, der Rentenpolitik und bei staatlichen Leistungen.

Teile der Partei verlangen, sozialdemokratische Positionen deutlicher gegenüber der Union durchzusetzen. Andere warnen davor, durch fortwährende öffentliche Konflikte die Handlungsfähigkeit der Bundesregierung infrage zu stellen.

Damit entsteht ein politischer Zielkonflikt: Die SPD muss einerseits Kompromisse eingehen, um ihre Regierungsverantwortung wahrzunehmen. Andererseits benötigt sie ein erkennbares Profil, um sich bei Wahlen von ihrem Koalitionspartner zu unterscheiden.

Auch deshalb werden die Forderungen nach einer eigenständigen programmatischen Erneuerung lauter.

Juso-Chef Türmer fordert eine politische Strategie, die über die Besetzung der Parteispitze hinausgeht. Unterstützung für einen personellen Neuanfang bedeutet aus seiner Sicht zugleich, die inhaltliche Ausrichtung der Partei neu zu diskutieren.

Kann ein Führungswechsel die SPD erneuern?

Ob eine neue Parteiführung allein die politischen Schwierigkeiten lösen kann, ist umstritten.

Befürworter eines personellen Neuanfangs argumentieren, dass neue Gesichter verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen und eine glaubwürdigere politische Ausrichtung verkörpern könnten.

Andere Sozialdemokraten halten dagegen, dass ein Wechsel an der Spitze die grundsätzlichen Probleme nicht automatisch beseitige.

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte stellte sich beispielsweise hinter Klingbeil. Er sieht keine zwingende Notwendigkeit, Parteivorsitz und Ministeramt voneinander zu trennen.

Die Diskussion macht deutlich, dass die SPD nicht nur um einzelne Personalentscheidungen ringt. Vielmehr geht es um die Frage, welche Rolle die Partei künftig innerhalb des deutschen Parteiensystems übernehmen will.

Dabei muss sie auch klären, wie sie ihren Anspruch als Partei sozialer Gerechtigkeit mit wirtschaftspolitischer Verantwortung und den Anforderungen einer Regierungskoalition verbinden möchte.

Parteitag im Januar wird zur Richtungsentscheidung

Am 16. und 17. Januar 2027 sollen die Delegierten auf dem Bundesparteitag in Bremen eine neue Führung wählen.

Bis dahin bleibt offen, welche Kandidaten tatsächlich antreten und ob sich ein gemeinsamer programmatischer Kurs herausbildet.

Für die SPD ist die anstehende Entscheidung besonders bedeutsam. Nach Jahren rückläufiger Wahlergebnisse steht sie vor der Aufgabe, ihre politische Identität neu zu bestimmen und ihre gesellschaftliche Verankerung zu stärken.

Ein neuer Parteivorsitzender oder eine neue Doppelspitze könnte diesen Prozess anstoßen. Ob daraus wieder steigende Wahlergebnisse entstehen, hängt jedoch auch davon ab, welche politischen Antworten die Partei auf die Probleme ihrer bisherigen und möglichen künftigen Wähler findet.

Die zentrale Frage lautet damit nicht nur, wer die SPD künftig führen soll. Es geht auch darum, welchen eigenständigen Grund die Sozialdemokraten den Bürgern geben können, sie wieder zu wählen.

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