Viele internationale Studierende können sich Thüringen als Zukunftsort vorstellen
Jena. Internationale Studierende könnten einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung in Thüringen leisten. Viele von ihnen leben bereits mehrere Jahre im Freistaat, haben soziale Kontakte aufgebaut und kennen ihr Umfeld. Ob sie nach dem Studienabschluss tatsächlich bleiben, hängt nach einer Studie der Friedrich-Schiller-Universität Jena jedoch von mehreren Faktoren ab.
Im Forschungsprojekt „ARAPiS – Analyse der Rolle und des Arbeitsmarkt-Potenzials internationaler Studierender der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Kontext Thüringens“ wurde untersucht, welche Bedingungen den Übergang vom Studium in den regionalen Arbeitsmarkt erleichtern und welche Hürden bestehen.
Zu den wichtigsten Faktoren zählen demnach gute Deutschkenntnisse, Kenntnisse über Bewerbungsprozesse, frühzeitige Kontakte zu Unternehmen und eine Unternehmenskultur, die internationale Beschäftigte tatsächlich willkommen heißt.
Rund 400 internationale Absolventen pro Jahr allein in Jena
Die Universität Jena entlässt nach eigenen Angaben jährlich rund 400 internationale Absolventinnen und Absolventen in den Arbeitsmarkt. Viele könnten sich grundsätzlich vorstellen, nach ihrem Studium in Thüringen zu bleiben.
Gerade der Übergang vom Studium in eine reguläre Beschäftigung erweist sich jedoch als entscheidende Phase.
Für die Untersuchung wurden internationale Studierende und Absolventen sowie Thüringer Unternehmen befragt. Dabei zeigte sich, dass Sprachkenntnisse, Bewerbungskompetenzen und Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern eine wichtige Rolle spielen.
Auch die Offenheit der Unternehmen gegenüber internationalen Bewerbern beeinflusst, ob der Berufseinstieg gelingt.
Gute Deutschkenntnisse bleiben entscheidend
Eine zentrale Empfehlung der Studie betrifft den Spracherwerb.
> „Als Hochschulen müssen wir internationale Studierende noch stärker dafür sensibilisieren, welche Bedeutung gute Deutschkenntnisse für ihren Einstieg in den regionalen Arbeitsmarkt haben.“
Das sagt Dr. Claudia Hillinger, Leiterin des Internationalen Büros und des Career Point der Universität Jena sowie Projektleiterin von ARAPiS.
Englischsprachige Angebote könnten den Einstieg erleichtern, langfristig blieben Deutschkenntnisse für die berufliche Integration jedoch eine wichtige Voraussetzung.
Hochschulen könnten internationale Studierende deshalb frühzeitig mit Sprachkursen, Bewerbungstrainings, individueller Beratung und Netzwerkveranstaltungen unterstützen.
Unternehmen sollen früher Kontakt aufnehmen
Die Studie sieht allerdings nicht allein die Studierenden in der Verantwortung.
Unternehmen könnten internationale Nachwuchskräfte wesentlich früher kennenlernen – beispielsweise über Praktika, Werkstudententätigkeiten, Abschlussarbeiten oder gemeinsame Netzwerkveranstaltungen.
Dadurch erhielten Studierende Einblicke in den Thüringer Arbeitsmarkt. Unternehmen könnten gleichzeitig potenzielle Fachkräfte bereits während des Studiums kennenlernen.
Die Forscher empfehlen zudem, Stellenanzeigen und Bewerbungsprozesse daraufhin zu überprüfen, ob internationale Bewerber tatsächlich angesprochen werden.
Dazu gehören verständliche Ausschreibungen, klare Angaben zu den benötigten Deutschkenntnissen und – wo möglich – ergänzende englischsprachige Informationen.
Willkommenskultur endet nicht bei der Einstellung
Die Unternehmensbefragung zeigt nach Angaben der Universität unterschiedliche Erfahrungen und Einstellungen gegenüber internationalen Fachkräften. Während einige Betriebe bereits umfangreiche Erfahrungen gesammelt haben, herrscht andernorts Zurückhaltung.
Nach Einschätzung der Forscher reicht es deshalb nicht aus, internationale Beschäftigte lediglich einzustellen.
Auch bestehende Belegschaften sollten auf die Zusammenarbeit in internationalen Teams vorbereitet werden. Interkulturelle Kompetenzen könnten gezielt geschult werden.
Darüber hinaus empfiehlt die Studie Anlaufstellen für Beschäftigte, die Diskriminierung erleben.
Eine funktionierende Willkommenskultur bedeute damit auch, Beschäftigten Möglichkeiten zur beruflichen Entwicklung und langfristigen Integration in den Betrieb zu geben.
Milliardenüberschuss für öffentliche Haushalte möglich
Die Universität verweist außerdem auf ein Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft, das im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes erstellt wurde.
Für den Jahrgang 2022 mit rund 79.000 internationalen Studienanfängern berechnete das Institut – abhängig von der späteren Bleibequote – langfristig einen positiven Effekt auf die öffentlichen Haushalte von 7,4 bis 26 Milliarden Euro.
Dabei werden die später gezahlten Steuern und Sozialabgaben der Absolventen den öffentlichen Ausgaben für Studium und staatliche Förderung gegenübergestellt.
Die Größenordnung bezieht sich auf internationale Studierende in Deutschland insgesamt und nicht ausschließlich auf Thüringen.
Vom Studienort zum Lebensmittelpunkt
Für Thüringen sieht die Universität in internationalen Studierenden ein bereits vorhandenes Potenzial.
Diese Menschen hätten sich mit ihrem Studium bereits für das Bundesland entschieden, betont Hillinger. Entscheidend sei nun, daraus möglichst häufig einen dauerhaften Arbeits- und Lebensmittelpunkt zu machen.
> „Dieses Potenzial sollten wir nicht ungenutzt lassen.“
Dafür müssten Hochschulen, Unternehmen sowie Akteure aus Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft stärker zusammenarbeiten.
Empfohlen werden unter anderem gemeinsame Beratungs- und Weiterbildungsangebote, engere Kontakte zwischen Career Services und regionalen Unternehmen sowie frühzeitige Informationen über berufliche Perspektiven in Thüringen.
Forschungsprojekt verbindet mehrere Bereiche der Universität
An ARAPiS beteiligt waren die Arbeitsgruppe Wirtschaftsgeographie um Prof. Dr. Sebastian Henn, das KomRex – Zentrum für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration – sowie die Professur für Kommunikations- und Medienpsychologie, das Internationale Büro und der Career Point der Universität Jena.
Gefördert wurde das Projekt aus Mitteln des Struktur- und Innovationsbudgets des Thüringer Ministeriums für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft.
Der Abschlussbericht enthält ausführliche Handlungsempfehlungen für Unternehmen, Hochschulen und internationale Studierende.