Ungarn öffnet Geheimdienstakten: Bis zu 60.000 Namen öffentlich
Ungarn macht erstmals umfangreiche Akten seiner früheren Staatssicherheit öffentlich zugänglich. Seit dem 4. November können Bürger in einer Online-Datenbank nach Zehntausenden Namen suchen. Die Regierung von Ministerpräsident Péter Magyar will damit die Verstrickungen des kommunistischen Geheimdienstapparats aufarbeiten. Historiker warnen allerdings davor, jeden registrierten Menschen als Spitzel einzustufen.
Budapest. Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft in Ungarn können Bürger erstmals umfassend nach Namen ehemaliger Mitarbeiter und möglicher Informanten der Staatssicherheit suchen. Am Mittwoch, dem 4. November 2026, wurde eine öffentlich zugängliche Online-Datenbank mit schätzungsweise 50.000 bis 60.000 Namen freigeschaltet. Ministerpräsident Péter Magyar setzt damit ein Wahlversprechen seiner Regierung um, nachdem die vollständige Öffnung der Geheimdienstakten seit dem politischen Umbruch von 1989 immer wieder gescheitert war.
Die Veröffentlichung fällt auf einen geschichtsträchtigen Tag. Am 4. November 1956 schlugen sowjetische Truppen den ungarischen Volksaufstand nieder. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte die kommunistische Führung ein weitreichendes Überwachungssystem, das bis zum Ende der Diktatur Bestand hatte.
Staatssicherheit überwachte Bürger bis in die Familien
Die kommunistische Staatssicherheit kontrollierte in Ungarn weite Teile des öffentlichen und privaten Lebens. Sie nutzte hauptamtliche Mitarbeiter und ein umfangreiches Netz angeworbener Informanten, um politische Gegner zu beobachten und Kritik an der Staatsführung frühzeitig zu erkennen.
Die Überwachung beschränkte sich nicht auf oppositionelle Gruppen. Auch in Betrieben, Kirchen, Hochschulen und Familien wurden Informationen über politische Einstellungen und persönliche Kontakte gesammelt.
Menschen berichteten über Kollegen, Freunde, Nachbarn oder Angehörige. Manche arbeiteten freiwillig mit den Behörden zusammen, andere wurden unter Druck gesetzt oder mit belastenden persönlichen Informationen zur Mitarbeit bewegt.
Historiker schätzen, dass während der kommunistischen Herrschaft insgesamt etwa 150.000 bis 160.000 Menschen in den Unterlagen des Staatssicherheitsnetzes geführt wurden.
Die neue Datenbank enthält allerdings nur einen Teil dieser Namen. Viele Akten wurden bereits während des Volksaufstandes von 1956 oder kurz vor dem politischen Systemwechsel vernichtet.
Bürger können nach Namen und Decknamen suchen
Die freigegebenen Unterlagen stammen aus dem Historischen Archiv der ungarischen Staatssicherheitsdienste in Budapest.
Über eine Suchfunktion können Interessierte Namen, Geburtsdaten und ehemalige Decknamen abfragen.
Veröffentlicht wurden unter anderem Registrierungskarten, Verzeichnisse angeworbener Personen und elektronische Datenbestände aus der Zeit vor 1990.
Besonders aufschlussreich sind die sogenannten Sechser-Karteikarten. Sie enthalten persönliche Angaben sowie Informationen über die Anwerbung und die Tätigkeit einer registrierten Person.
Dazu können der Zeitpunkt der Anwerbung, die zuständige Dienststelle, der Deckname und die Dauer der Registrierung gehören.
Andere Verzeichnisse liefern dagegen nur begrenzte Informationen. Sie zeigen beispielsweise, dass eine Person von den Sicherheitsbehörden erfasst wurde, ohne näher zu erläutern, welche Rolle sie tatsächlich spielte.
Bis Februar 2027 sollen weitere Unterlagen veröffentlicht werden. Dazu gehören ausführlichere Anwerbungsakten, die Aufschluss über die Zusammenarbeit einzelner Personen mit der Staatssicherheit geben können.
Nicht jeder registrierte Name gehört einem Spitzel
Die Öffnung der Archive dürfte zahlreiche Familien vor schwierige Fragen stellen. Ein Eintrag in den Akten bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die betreffende Person tatsächlich andere Menschen ausspionierte.
Der ungarische Historiker László Eörsi verweist darauf, dass manche Menschen zwar angeworben wurden, anschließend aber keine Berichte lieferten oder sich einer Zusammenarbeit widersetzten.
Einige hätten damit erhebliche persönliche Risiken auf sich genommen.
Auch Archivdirektor Gergő Bendegúz Cseh warnt davor, die historischen Unterlagen ungeprüft als vollständige Tatsachendarstellung zu verstehen.
Die Staatssicherheit führte ihre Aufzeichnungen aus der Perspektive eines autoritären Machtapparats. Angaben können unvollständig, fehlerhaft oder bewusst verzerrt sein.
Zudem sind viele Dokumente verloren gegangen. Die vorhandenen Daten erlauben deshalb nicht in jedem Fall eine abschließende Beurteilung.
Persönliche Informationen der überwachten Menschen sollen bei der Veröffentlichung geschützt werden. Dazu gehören insbesondere sensible Angaben zu Gesundheit und Privatleben.
Jahrzehntelanger Streit über die Vergangenheit
Seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft 1989 und dem demokratischen Übergang 1990 wurde in Ungarn immer wieder darüber gestritten, wie offen mit den Unterlagen der früheren Staatssicherheit umgegangen werden sollte.
Bisher konnten vor allem Wissenschaftler, Journalisten und unmittelbar Betroffene unter bestimmten Voraussetzungen Einsicht in einzelne Dokumente erhalten.
Eine umfassende Veröffentlichung der Namen scheiterte jedoch wiederholt an politischen Widerständen.
Schon frühere Enthüllungen hatten gezeigt, dass auch bekannte Persönlichkeiten und Politiker nach dem Systemwechsel mit ihrer Tätigkeit für die kommunistische Staatssicherheit konfrontiert wurden.
Besonders bekannt wurde der Fall des früheren Ministerpräsidenten Péter Medgyessy, dessen Geheimdienstvergangenheit 2002 öffentlich wurde.
Die Regierung von Péter Magyar brachte im September 2026 schließlich eine gesetzliche Neuregelung auf den Weg, die den allgemeinen Zugang zu wesentlichen Teilen der Akten ermöglicht.
Mit der Freischaltung der Datenbank am 4. November wurde diese Reform erstmals praktisch umgesetzt.
Parallelen zur Aufarbeitung der DDR-Staatssicherheit
Die ungarische Entwicklung erinnert an die Auseinandersetzung mit der Staatssicherheit der DDR.
Auch dort war die Frage, wer andere Menschen überwacht oder Informationen an den Geheimdienst weitergegeben hatte, nach dem politischen Umbruch von großer Bedeutung.
In Deutschland wurde der Zugang zu den Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit gesetzlich geregelt. Betroffene erhielten die Möglichkeit, ihre eigene Überwachungsgeschichte nachzuvollziehen. Historiker und Journalisten konnten die Tätigkeit des Sicherheitsapparats unter bestimmten Voraussetzungen untersuchen.
Ungarn geht nun mit der öffentlichen Namenssuche einen weiteren Schritt bei der Aufarbeitung seiner kommunistischen Vergangenheit.
Anders als die DDR-Staatssicherheit war der ungarische Sicherheitsapparat eine eigenständige Organisation. Die Bezeichnung „Stasi-Akten“ wird deshalb häufig als vereinfachender Vergleich verwendet.
Ministerpräsident Magyar sieht die Veröffentlichung als überfälligen Schritt. Nach seiner Auffassung kann Ungarn die Vergangenheit nur aufarbeiten, wenn die Beteiligung von Bürgern am früheren Überwachungssystem nicht länger verborgen bleibt.
Für viele Familien könnte die öffentliche Datenbank nun erstmals Hinweise darauf liefern, welche Rolle Angehörige, Bekannte oder frühere Kollegen während der Diktatur spielten.
Ob daraus neue Erkenntnisse über das tatsächliche Ausmaß der Überwachung entstehen, wird sich erst bei der Auswertung der Unterlagen zeigen.