Die Universität Leipzig baut ein neues Forschungszentrum zur Geschichte der DDR und zur gesellschaftlichen Transformation nach der deutschen Wiedervereinigung auf. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt stellt dafür knapp drei Millionen Euro bereit. Das interdisziplinäre Zentrum soll bestehende Forschungsinitiativen zusammenführen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse ermöglichen und ausdrücklich auch Bürgerinnen und Bürger an der Auseinandersetzung mit der ostdeutschen Geschichte beteiligen.

Leipzig als Ausgangspunkt der Friedlichen Revolution

Leipzig spielte während der Friedlichen Revolution von 1989 eine entscheidende Rolle. Die Montagsdemonstrationen und das Engagement zahlreicher Bürger trugen wesentlich zum Ende der SED-Herrschaft bei.

Doch die gesellschaftlichen Veränderungen endeten nicht mit dem Mauerfall oder der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Für Millionen Ostdeutsche begann eine Zeit tiefgreifender wirtschaftlicher, politischer und sozialer Umbrüche.

Betriebe wurden geschlossen oder privatisiert, Berufsbiografien veränderten sich und vertraute gesellschaftliche Strukturen verschwanden. Gleichzeitig entstanden neue demokratische Institutionen und persönliche Freiheiten.

Diese unterschiedlichen Erfahrungen sollen künftig stärker wissenschaftlich untersucht und miteinander verglichen werden.

Die Universität Leipzig will dafür vorhandene Forschungsaktivitäten in einem neuen „Zentrum für vergleichende DDR- und Transformationsforschung“ bündeln.

Bund finanziert Forschungszentrum bis 2031

Das Bundesforschungsministerium hat eine Förderung von knapp drei Millionen Euro zugesagt.

Der Förderzeitraum begann am 1. Oktober 2026 und läuft bis zum 30. September 2031.

Mit dem Geld soll eine dauerhafte wissenschaftliche Struktur aufgebaut werden, die auch nach dem Ende der Bundesförderung bestehen kann.

Das Vorhaben ist fakultätsübergreifend und interdisziplinär angelegt. Historische Forschung soll dabei mit kultur- und sozialwissenschaftlichen Ansätzen verbunden werden.

Die wissenschaftliche Leitung übernehmen der Historiker Professor Dirk van Laak vom Historischen Seminar und Professorin Monika Wohlrab-Sahr vom Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig.

Beide sollen die unterschiedlichen Forschungsbereiche zusammenführen und die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und weiteren Einrichtungen stärken.

DDR und Nachwendezeit aus verschiedenen Perspektiven untersuchen

Im Mittelpunkt steht nicht allein die politische Geschichte der DDR.

Das neue Zentrum soll auch untersuchen, wie sich gesellschaftliche Strukturen während und nach der deutschen Wiedervereinigung verändert haben.

Dazu gehören Fragen nach sozialen Erfahrungen, kulturellen Prägungen und dem langfristigen Wandel ostdeutscher Lebensverhältnisse.

Die vergleichende Forschung kann dabei unterschiedliche Regionen, Generationen und gesellschaftliche Gruppen berücksichtigen.

Von besonderem Interesse ist, wie Menschen die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen erlebt haben und welche Folgen bis heute erkennbar sind.

Das betrifft beispielsweise den Umgang mit früheren Berufs- und Lebenswegen, die Entwicklung gesellschaftlicher Institutionen sowie die Bedeutung ostdeutscher Erfahrungen für die Gegenwart.

Welche einzelnen Forschungsvorhaben künftig umgesetzt werden, wird im Zuge des Aufbaus des Zentrums konkretisiert.

Bürger sollen an der Forschung beteiligt werden

Ein wichtiger Bestandteil des Projekts ist die Beteiligung der Öffentlichkeit.

Die Forschung soll nicht ausschließlich innerhalb der Universität stattfinden. Vielmehr will das Zentrum den Austausch mit Menschen fördern, die die DDR-Zeit und die gesellschaftlichen Umbrüche nach 1989 selbst erlebt haben.

„Es entsteht ein kommunikativer und kooperativer Knotenpunkt der historisch vergleichenden, kultur- und sozialwissenschaftlichen Erforschung von DDR und Transformationszeit“, erklärt Projektleiter Dirk van Laak.

Darüber hinaus sollen Bürgerinnen und Bürger an der Erhebung und Diskussion wissenschaftlicher Ergebnisse beteiligt werden.

Damit könnten persönliche Erinnerungen, individuelle Lebensgeschichten und unterschiedliche Erfahrungen der Nachwendezeit in den wissenschaftlichen Austausch einfließen.

Solche Perspektiven sind besonders für die Erforschung gesellschaftlicher Veränderungen von Bedeutung, weil politische Entscheidungen und wirtschaftliche Kennzahlen allein nicht sämtliche Auswirkungen auf das alltägliche Leben erklären.

Ostdeutsche Erfahrungen bleiben ein wichtiges Forschungsthema

Mehr als 35 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung beschäftigt die Frage nach den Folgen der Transformation weiterhin Politik, Wissenschaft und Gesellschaft.

Während die staatliche Einheit 1990 vollzogen wurde, entwickelten sich wirtschaftliche und soziale Lebensverhältnisse regional unterschiedlich.

Die Erfahrungen der Menschen in den ostdeutschen Bundesländern sind deshalb bis heute Gegenstand wissenschaftlicher und öffentlicher Debatten.

Ein Forschungszentrum, das historische Entwicklungen mit kultur- und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen verbindet, kann dazu beitragen, diese Prozesse differenzierter zu betrachten.

Dabei geht es auch darum, unterschiedliche Erinnerungen und Bewertungen nebeneinander untersuchen zu können, ohne die Vielschichtigkeit der damaligen Veränderungen aus dem Blick zu verlieren.

Forschungsstandort Leipzig wird gestärkt

Mit dem neuen Zentrum baut die Universität Leipzig ihre Rolle als Standort der DDR- und Transformationsforschung weiter aus.

In der Stadt bestehen bereits zahlreiche Initiativen und Einrichtungen, die sich mit der Friedlichen Revolution und der deutschen Zeitgeschichte beschäftigen.

Das geplante Forschungszentrum soll diese Aktivitäten wissenschaftlich vernetzen und zusätzliche Möglichkeiten zur Zusammenarbeit schaffen.

Der Aufbau wird zunächst über fünf Jahre vom Bund unterstützt. Langfristiges Ziel ist eine Forschungseinrichtung, die über diesen Zeitraum hinaus Bestand hat.

Damit erhält Leipzig eine weitere wissenschaftliche Plattform für die Untersuchung der DDR, der Friedlichen Revolution und der gesellschaftlichen Veränderungen nach 1990.