Berlin. Nur zwei Tage nach dem Wahlsieg der Linken wird in Berlin nicht mehr nur über Wohnungen, Mieten und mögliche Koalitionen diskutiert. Eine neue Debatte dreht sich um Clankriminalität, innere Sicherheit und die politischen Kontakte einzelner Linken-Politiker.
Im Mittelpunkt steht inzwischen der Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak.
Der Neuköllner Politiker bestätigte einen Chatkontakt mit Firas Remmo, einem Sohn von Issa Remmo. Koçak hatte darin Grüße an dessen Vater ausrichten lassen und den Gesprächspartner gebeten, ein Video aus dem Bundestag weiterzuverbreiten.
Koçak erklärte anschließend, zunächst nicht gewusst zu haben, mit wem er kommunizierte. Er bezeichnete den Kontakt als Fehler und entschuldigte sich dafür.
Am Dienstag folgte eine erste parlamentarische Konsequenz: Koçak will seine Arbeit im Innenausschuss des Deutschen Bundestages vorerst ruhen lassen. Linken-Co-Fraktionschef Sören Pellmann erklärte, es gehe darum, vollständige Transparenz herzustellen.
Ausgerechnet Mitglied im Innenausschuss
Der Vorgang ist politisch besonders sensibel, weil Koçak ordentliches Mitglied des Innenausschusses ist.
Der Ausschuss beschäftigt sich unter anderem mit innerer Sicherheit, Polizei, Migration, Katastrophenschutz und der parlamentarischen Kontrolle des Bundesinnenministeriums sowie nachgeordneter Sicherheitsbehörden.
Koçak gehört dort zu den vier ordentlichen Mitgliedern der Linksfraktion.
Die Frage nach möglichen politischen Verbindungen ins Clan-Milieu erhält dadurch eine zusätzliche Bedeutung.
Allerdings gilt ebenso: Der bekannt gewordene Chat ist kein Beleg dafür, dass Koçak Informationen aus dem Innenausschuss weitergegeben hätte oder kriminelle Aktivitäten unterstützt hätte. Dafür gibt es bislang keine öffentlich bekannten Belege.
Issa Remmo taucht bei Wahlfeier der Linken auf
Bereits zuvor hatte der Auftritt von Issa Remmo bei der Wahlparty der Linken in Neukölln Aufmerksamkeit ausgelöst.
Die Partei erklärte anschließend, Remmo sei nicht eingeladen gewesen. Seine Anwesenheit sei den Verantwortlichen zunächst nicht bekannt gewesen; politische oder persönliche Beziehungen zu ihm bestünden nach Darstellung des Bezirksverbandes nicht.
Kurz danach wurde der Chat zwischen Koçak und Firas Remmo öffentlich.
Koçaks Erklärung, er habe zunächst nicht gewusst, wer sein Gesprächspartner war, führte auch innerhalb anderer Parteien zu Kritik.
Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge forderte inzwischen weitergehende Konsequenzen. Auch der Grünen-Innenpolitiker Konstantin von Notz kritisierte Koçaks Umgang mit umstrittenen Kontakten deutlich.
Nachtigall: „Massives Sicherheitsrisiko“
In diese Debatte schaltet sich nun auch Klaus Nachtigall ein.
Nachtigall war jahrzehntelang Polizist und arbeitete beim Berliner Landeskriminalamt unter anderem im Bereich organisierte Kriminalität sowie Rocker- und Türsteherszene. ZDF führte ihn bereits 2025 als ehemaligen LKA-Ermittler und Experten für Clankriminalität.
Mit Blick auf eine mögliche Regierungsbeteiligung der Linken sagte Nachtigall:
> „Wir haben ein massives Sicherheitsrisiko, wenn die Linken hier in führende Positionen kommen.“
Er warnt insbesondere davor, dass kriminelle Netzwerke versuchen könnten, Kontakte in Sicherheitsbehörden aufzubauen oder dort Informationen zu erhalten.
Nachtigall beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Problem. Bereits 2025 berichtete er über Fälle, bei denen in größeren Ermittlungsverfahren Polizeibeamte in den Fokus geraten seien. Recherchen zu organisierten kriminellen Netzwerken haben ebenfalls Fälle beschrieben, in denen vertrauliche Informationen aus Behörden an kriminelle Strukturen gelangt sein sollen.
Keine amtliche Feststellung einer „Unterwanderung“
Allerdings muss zwischen solchen Fällen und einer generellen Behauptung unterschieden werden, die Berliner Polizei sei bereits flächendeckend von Clans „unterwandert“.
Eine solche Feststellung enthält das aktuelle offizielle Lagebild Clankriminalität Berlin 2025 nicht.
Die Berliner Polizei und die Innenverwaltung rechnen mit Stand Januar 2026 insgesamt 685 Personen dem Phänomenbereich Clankriminalität zu.
Im Jahr 2025 wurden 952 Straftaten durch 342 Tatverdächtige registriert, die diesem Phänomenbereich zugerechnet werden. Gegenüber dem Vorjahr stiegen sowohl die Zahl der erfassten Personen als auch die Zahl der Straftaten.
Schwerpunkte waren Rohheitsdelikte, Verkehrsstraftaten und Diebstähle.
Dass einzelne kriminelle Netzwerke versuchen, Kontakte in Behörden oder Sicherheitsstrukturen aufzubauen, ist damit ein reales Sicherheitsthema. Eine allgemeine institutionelle Unterwanderung der Berliner Polizei lässt sich aus dem veröffentlichten Lagebild jedoch nicht ableiten.
Clankriminalität bleibt ein erhebliches Berliner Problem
Die Zahlen zeigen gleichzeitig, dass das Thema für Berlin keineswegs theoretisch ist.
Die Zahl der Personen, die dem Phänomenbereich Clankriminalität zugerechnet werden, stieg gegenüber dem Vorjahr nach Angaben der Innenverwaltung um rund elf Prozent.
Die Zahl der registrierten Tatverdächtigen nahm um 16 Prozent, die Zahl der erfassten Straftaten um zwölf Prozent zu.
Dabei handelt es sich allerdings nicht bei jeder registrierten Straftat um organisierte Kriminalität im engeren Sinne.
Schon das Berliner Lagebild für 2024 stellte klar, dass unter dem Begriff Clankriminalität auch zahlreiche Fälle der Allgemeinkriminalität, Jugendkriminalität und Ordnungswidrigkeiten erfasst werden.
Politischer Druck auf die Linke wächst
Für die Berliner Linke kommt die Diskussion zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.
Bei der Abgeordnetenhauswahl wurde sie mit 25,7 Prozent stärkste politische Kraft. Nun versucht sie, eine neue Regierungsmehrheit mit SPD und Grünen zu bilden. Bereits vor der Koçak-Affäre hatten mögliche Koalitionspartner Aufklärung über umstrittene Positionen und Vorgänge innerhalb einzelner Parteigliederungen verlangt.
Damit wird die Frage nach innerer Sicherheit plötzlich zu einem wichtigen Bestandteil möglicher Koalitionsverhandlungen.
Dabei stehen zwei unterschiedliche Ebenen nebeneinander:
Auf der einen Seite gibt es die belegten Probleme Berlins mit organisierter Kriminalität und Clanstrukturen.
Auf der anderen Seite stehen politische Vorwürfe, wonach eine von der Linken geführte Regierung diese Probleme verschärfen könnte.
Letzteres ist bislang eine politische beziehungsweise fachliche Einschätzung von Kritikern wie Nachtigall – keine feststehende Tatsache.
Koçaks Rückzug erhöht den Druck
Der vorläufige Rückzug Koçaks aus dem Innenausschuss zeigt jedoch, dass auch seine eigene Fraktion den Vorgang nicht als belanglos betrachtet.
Koçak selbst hat eingeräumt, dass der Kontakt ein Fehler gewesen sei.
Die Linke muss nun erklären, wie sie künftig mit Kontakten zu Personen aus bekannten Clan-Familien umgehen will und welche Konsequenzen sie aus dem Fall zieht.
Gerade vor möglichen Koalitionsverhandlungen dürfte die Frage noch an Bedeutung gewinnen.
Denn wer in Berlin Regierungsverantwortung übernimmt, entscheidet nicht nur über Wohnungen, Schulen und Verkehr.
Der Senat trägt auch Verantwortung für Polizei, Verfassungsschutz und die Bekämpfung organisierter Kriminalität.
Und genau deshalb wird der Fall Koçak weit über einen privaten Chat hinaus zu einer politischen Belastungsprobe für die Berliner Linke.