Berlin. Erst verändert Einwanderung eine Stadt demografisch. Jahre später verändert sie auch deren Politik.

Berlin liefert dafür inzwischen ein besonders deutliches Beispiel.

Am 30. Juni 2026 lebten 3.917.196 Menschen in der Hauptstadt. 42,7 Prozent von ihnen hatten nach der Definition des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg einen Migrationshintergrund. Im Bezirk Mitte lag der Anteil sogar bei 59,6 Prozent; in einzelnen Planungsräumen überschritt er 70 Prozent.

Das bedeutet nicht, dass 42,7 Prozent der Berliner Wähler Einwanderer sind. Für die Wahl zum Abgeordnetenhaus durften ausschließlich deutsche Staatsangehörige ab 16 Jahren abstimmen, die seit mindestens drei Monaten in Berlin lebten. EU-Ausländer ohne deutschen Pass waren lediglich bei den Bezirksverordnetenversammlungen wahlberechtigt.

Doch langfristig gibt es einen Zusammenhang: Wer eingebürgert wird, erhält als deutscher Staatsbürger auch das Wahlrecht.

Und genau hier hat sich in Berlin zuletzt enorm viel verändert.

39.041 neue deutsche Staatsbürger in einem Jahr

Im Jahr 2025 wurden in Berlin 39.041 Menschen eingebürgert. Ein Jahr zuvor waren es 21.811, 2023 lediglich 9.041.

Innerhalb von zwei Jahren hat sich die jährliche Zahl der Einbürgerungen damit mehr als vervierfacht. Das Amt für Statistik führt den starken Anstieg unter anderem auf das 2024 in Kraft getretene modernisierte Staatsangehörigkeitsrecht zurück.

Die größte Gruppe der 2025 Eingebürgerten waren zuvor syrische Staatsangehörige mit 7.548 Personen. Danach folgten Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit mit 4.099 und russischer Staatsangehörigkeit mit 3.334. Im Durchschnitt lebten die Eingebürgerten bereits etwas mehr als elf Jahre in Deutschland.

Damit findet ein Prozess statt, der in der politischen Debatte über Einwanderung manchmal aus dem Blick gerät:

Migration endet politisch nicht mit der Erteilung eines Aufenthaltstitels.

Wer dauerhaft hier lebt, eingebürgert wird und die deutsche Staatsangehörigkeit erhält, ist anschließend vollwertiger deutscher Wähler – mit demselben Stimmrecht wie jeder andere Staatsbürger.

Die Parteien haben diese Entwicklung längst erkannt

Die Berliner Parteien beobachten diese Veränderungen sehr genau.

Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung hatte bei der Wahl 2026 bereits fast jeder fünfte Wahlberechtigte eine Zuwanderungsgeschichte.

Die Linke ging besonders offensiv auf diese Wähler zu. Spitzenkandidatin Elif Eralp veröffentlichte Wahlkampfflyer auf Deutsch, Türkisch, Englisch und Arabisch. In sozialen Medien rief sie unter dem Schlagwort „Migras Mobilize!“ Menschen mit Migrationsgeschichte zur Wahl auf. Auch andere Parteien nutzten fremdsprachige Kampagnen; das BSW warb beispielsweise auf Arabisch.

Die Ansprache beschränkte sich nicht auf gedruckte Flyer.

Der RBB beobachtete, dass Eralp Forderungen der Linken in sozialen Netzwerken auch auf Türkisch und Spanisch verbreitete. Die Linke erreichte mit ihren Kurzvideos im untersuchten Zeitraum mehr als eine halbe Million Aufrufe und lag bei der digitalen Reichweite weit vor vielen Konkurrenten.

Das ist politisch relevant.

Denn Parteien reagieren damit auf eine Wählerschaft, die sich durch jahrzehntelange Einwanderung und anschließende Einbürgerung verändert.

Dann gewinnt die Linke Berlin

Bei der Wahl am 20. September wurde die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Partei. Bei der Wahl 2023 hatte sie noch 12,2 Prozent erreicht. Damit hat sie ihren Stimmenanteil mehr als verdoppelt und ihr bislang bestes Berliner Ergebnis erzielt.

Es wäre allerdings sachlich falsch, diesen Erfolg einfach den eingebürgerten Migranten zuzuschreiben.

Die Linke setzte im Wahlkampf stark auf das Thema Wohnen und Mieten. Außerdem profitierte sie besonders von jüngeren Wählern und von einer erfolgreichen Social-Media-Kampagne. Der Wahlsieg hatte also mehrere Ursachen.

Eine amtliche Statistik, die das Berliner Wahlergebnis vollständig nach Migrationshintergrund aufschlüsselt, liegt nicht vor.

Man kann deshalb nicht seriös behaupten: Die Linke gewann Berlin, weil Migranten sie gewählt haben.

Aber Herkunft spielt bei Wahlpräferenzen durchaus eine Rolle

Ebenso falsch wäre allerdings die gegenteilige Behauptung, Zuwanderung habe keinerlei politische Auswirkungen.

Die Wahlforschung findet durchaus Unterschiede zwischen verschiedenen Herkunftsgruppen.

Nach einer Analyse des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung zur Bundestagswahl 2025 wählten Menschen mit Herkunftsbezug zur Türkei beziehungsweise zur MENA-Region überdurchschnittlich häufig SPD, Linke und BSW. Menschen mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion zeigten dagegen eine stärkere Neigung zu Parteien des rechten und konservativen Spektrums.

Auch die Bundeszentrale für politische Bildung weist darauf hin, dass Wahlberechtigte mit Migrationshintergrund keineswegs eine einheitliche politische Gruppe darstellen. Türkeistämmige und Menschen aus früheren Anwerbeländern tendierten historisch stärker zur SPD und inzwischen teilweise zur Linken, während Russlanddeutsche häufiger konservativ oder rechts wählen.

Das macht einen entscheidenden Unterschied.

Einwanderung verändert das Wahlvolk – sie erzeugt aber keinen einheitlichen Migranten-Wahlblock.

Trotzdem verändert sich das politische Kräftefeld

Was sich dennoch kaum bestreiten lässt: Mit jeder Einbürgerung verändert sich die Zusammensetzung der deutschen Wählerschaft.

Das ist kein Fehler des demokratischen Systems, sondern eine direkte Folge der Staatsbürgerschaft.

Wer deutscher Staatsbürger wird, darf selbstverständlich mitentscheiden, welche Parteien regieren, welche Gesetze beschlossen werden und welchen politischen Kurs eine Stadt oder ein Land einschlägt.

Die relevante politische Frage beginnt deshalb früher:

Wen lässt ein Staat dauerhaft einwandern, unter welchen Voraussetzungen erfolgt die Einbürgerung – und wie verändert das eine Gesellschaft über Jahrzehnte?

Das sind legitime migrationspolitische Fragen. Die Antworten darauf werden je nach politischer Position unterschiedlich ausfallen.

Berlin zeigt den langfristigen Effekt

Berlin liefert dafür inzwischen konkrete Zahlen.

Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund stieg allein von 41,1 Prozent Ende 2024 auf 42,3 Prozent Ende 2025 und erreichte Mitte 2026 bereits 42,7 Prozent. Das Statistische Landesamt weist darauf hin, dass ein erheblicher Teil des jüngsten Anstiegs statistisch auch dadurch entsteht, dass zuvor ausländische Einwohner nach ihrer Einbürgerung nun als Deutsche mit Migrationshintergrund geführt werden.

Gleichzeitig vervielfachte sich die Zahl der Einbürgerungen.

2016 wurden in Berlin 6.127 Menschen eingebürgert.

2023 waren es 9.041.

2024 bereits 21.811.

2025 schließlich 39.041.

Das sind keine abstrakten Zahlen.

Diese Menschen können anschließend – sofern die übrigen Voraussetzungen erfüllt sind – an Berliner, Bundestags- und Europawahlen teilnehmen.

Parteien werben um neue Wählergruppen

Dass politische Parteien darauf reagieren, ist demokratisch zunächst selbstverständlich.

Jede Partei versucht, Wähler dort anzusprechen, wo sie Stimmen gewinnen kann.

Spannend wird es allerdings bei der Frage, wie diese Ansprache erfolgt.

Wenn Parteien Wahlprogramme nicht nur sprachlich übersetzen, sondern zunehmend bestimmte Herkunftsgruppen als eigenständige politische Milieus ansprechen, entsteht eine Diskussion darüber, ob dadurch Integration gefördert oder gesellschaftliche Trennung verfestigt wird.

Befürworter mehrsprachiger Kampagnen argumentieren, damit würden Bürger erreicht, die andernfalls politisch weniger beteiligt wären.

Kritiker sehen die Gefahr einer Politik, die Menschen zunehmend nach Herkunft, Sprache oder Identität organisiert, anstatt sie unabhängig von ihrer Abstammung als Bürger eines gemeinsamen politischen Gemeinwesens anzusprechen.

Der Berliner Wahlkampf 2026 liefert Material für beide Sichtweisen.

Deutsch als gemeinsame politische Sprache?

Gerade für eine Einwanderungsgesellschaft stellt sich deshalb eine grundsätzliche Frage:

Muss politische Integration irgendwann auch bedeuten, dass demokratische Auseinandersetzungen überwiegend in einer gemeinsamen Sprache stattfinden?

Oder gehört es zu einer modernen Großstadt, dass Parteien ihre Botschaften auf Türkisch, Arabisch, Russisch, Englisch oder anderen Sprachen verbreiten?

Die Verfassung beantwortet diese gesellschaftliche Frage nicht.

Das Wahlrecht ist dagegen eindeutig: Wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt und die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt, verfügt über dieselbe Stimme – unabhängig davon, ob seine Familie seit Generationen in Berlin lebt oder er selbst erst vor einigen Jahren eingebürgert wurde.

Keine „Übernahme“ – aber ein realer Machtfaktor

Deshalb wäre das Wort „Übernahme“ analytisch zu grob.

Niemand erhält durch seine Herkunft mehr Stimmgewicht als andere Bürger. Parteien können auch migrantische Wähler nicht einfach als festen Block einplanen, wie die erheblichen Unterschiede zwischen Herkunftsgruppen zeigen.

Aber ebenso wenig lässt sich bestreiten, dass jahrzehntelange Einwanderung irgendwann politische Machtverhältnisse beeinflusst.

Demografie wird Wahlvolk.

Wahlvolk wird politische Mehrheit.

Und Parteien passen ihre Programme und Kampagnen an diese Mehrheiten an.

Berlin 2026 zeigt diesen Prozess in einer Geschwindigkeit und Sichtbarkeit wie kaum eine andere deutsche Stadt.

Die entscheidende Debatte lautet deshalb nicht, ob eingebürgerte Deutsche politische Mitbestimmung ausüben dürfen. Dieses Recht steht außer Frage.

Die Debatte lautet vielmehr, welche Einwanderungs-, Integrations- und Einbürgerungspolitik Deutschland langfristig verfolgen will – und welche Vorstellung eines gemeinsamen politischen Gemeinwesens damit verbunden sein soll.