Streit zwischen Union und Sozialdemokraten

Nach Krawallen: SPD fordert Debatte über Gewaltursachen statt Täterherkunft

Nach den schweren Ausschreitungen bei den Jugendprotesten am 31. Oktober streitet die Bundesregierung über die Herkunft der Gewalttäter. SPD-Fraktionsvize Sonja Eichwede fordert harte Strafen, warnt aber vor pauschalen Zuschreibungen gegenüber Migranten. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hält an seinen Aussagen fest.

Von Sebastian Krüger 4 Min. Lesezeit

Teilen
Sonja Eichwede, MdB
Sonja Eichwede, MdB Foto: Nancy Stoffregen, Maurice Weiss, OSTKREUZ – Agentur der Fotografen GmbH

Berlin. Nach den schweren Ausschreitungen am Rande der bundesweiten Jugendproteste vom vergangenen Samstag verschärft sich der politische Streit über die Ursachen der Gewalt. Die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Sonja Eichwede fordert eine konsequente Strafverfolgung, lehnt aber eine pauschale Einordnung der Täter nach ihrer Herkunft ab. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) verteidigt unterdessen seine Aussagen über gewaltbereite Gruppen aus migrantischen Milieus.

Auslöser der Debatte sind die Ereignisse vom 31. Oktober 2026. Besonders in Frankfurt am Main kam es nach weitgehend friedlichen Demonstrationen zu schweren Ausschreitungen. Polizisten wurden angegriffen, Geschäfte beschädigt und geplündert. Die Polizei nahm zahlreiche Verdächtige fest.

SPD will Ursachen der Gewalt untersuchen

Sonja Eichwede machte in einem Interview mit der „Welt“ deutlich, dass Straftaten unabhängig von der Herkunft der Verantwortlichen verfolgt werden müssten.

Zugleich forderte die SPD-Politikerin, stärker nach den Ursachen der Ausschreitungen zu fragen. Eine Debatte, die sich vor allem auf den Migrationshintergrund einzelner Tatverdächtiger konzentriere, greife zu kurz.

Eichwede verwies darauf, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund habe. Durch pauschale Zuschreibungen könnten Menschen unter Verdacht geraten, die mit den Ausschreitungen nichts zu tun hätten.

Aus Sicht der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden führt eine solche Verallgemeinerung weder zu einer besseren Aufklärung der Straftaten noch zu einer wirksameren Bekämpfung von Gewalt.

An der Notwendigkeit strafrechtlicher Konsequenzen ließ sie keinen Zweifel. Angriffe auf Polizeibeamte, Sachbeschädigungen und Plünderungen bezeichnete sie als schwere Straftaten, gegen die der Staat entschieden vorgehen müsse.

Dobrindt verteidigt seine Aussagen zu migrantischen Gruppen

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hatte nach den Ausschreitungen von gewaltbereiten linken Gruppen und Tätern aus migrantischen Milieus gesprochen.

Diese Einordnung stieß insbesondere bei SPD, Grünen und Linken auf Kritik.

Bei einem Auftritt auf dem Bundeskongress der Gewerkschaft der Polizei am Dienstag, dem 3. November, verteidigte der CSU-Politiker seine Wortwahl. Er sehe keinen Anlass, die Beschreibung der gewalttätigen Gruppen zurückzunehmen.

Dobrindt verwies darauf, dass sich die Angriffe gegen Polizeibeamte und andere Einsatzkräfte gerichtet hätten. Für ihn stehe deshalb zunächst die konsequente Verfolgung der Täter im Vordergrund.

Unterstützung erhielt er von Teilen der Polizeigewerkschaft. Andreas Roßkopf, Vorsitzender des Bereichs Bundespolizei der Gewerkschaft der Polizei, erklärte, die Berichte der eingesetzten Beamten bestätigten die Beteiligung entsprechender Tätergruppen.

Eine abschließende statistische Auswertung zur Herkunft sämtlicher Tatverdächtiger lag jedoch zunächst nicht vor. Die Aussagen beruhen bislang vor allem auf polizeilichen Beobachtungen und ersten Erkenntnissen aus den Ermittlungen.

Auch innerhalb der Union gibt es Widerspruch

Die Debatte verläuft nicht ausschließlich entlang der Koalitionsgrenzen.

Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Norbert Röttgen (CDU), sprach sich ebenfalls gegen eine pauschale Einordnung der Gewalttäter aus.

Röttgen räumte ein, dass sich unter den Beteiligten zahlreiche Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit oder familiärer Einwanderungsgeschichte befunden hätten. Daraus lasse sich allerdings nicht ableiten, dass es sich um eine einheitliche gesellschaftliche Gruppe handele.

Auch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) kritisierte den Begriff der migrantischen Milieus.

Er verwies darauf, dass darunter sehr unterschiedliche Menschen fallen könnten – von ausländischen Staatsangehörigen bis zu Deutschen, deren Familien bereits seit mehreren Generationen in Deutschland leben.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Natalie Pawlik (SPD), forderte ebenfalls eine genauere Untersuchung der Hintergründe. Neben möglichen Integrationsproblemen müssten auch fehlende Perspektiven und Ausgrenzungserfahrungen berücksichtigt werden.

Schwere Ausschreitungen nach friedlichen Jugendprotesten

Die politische Auseinandersetzung folgt auf einen Protesttag, zu dem die Initiative „Gen Z regelt“ aufgerufen hatte.

Am 31. Oktober gingen bundesweit Zehntausende Menschen auf die Straße. Die Demonstrationen richteten sich gegen politische und gesellschaftliche Entwicklungen, die insbesondere jüngere Menschen beschäftigen.

Die überwiegende Zahl der Teilnehmer demonstrierte friedlich. In mehreren Städten kam es jedoch am Rande der Veranstaltungen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Besonders schwer waren die Krawalle in Frankfurt am Main. Dort wurden Polizeibeamte, Feuerwehrleute und Rettungskräfte mit Steinen, Flaschen und Brandsätzen angegriffen.

Außerdem beschädigten Randalierer Schaufenster und plünderten Geschäfte.

Nach den zunächst veröffentlichten Angaben wurden insgesamt 54 mutmaßliche Randalierer und Plünderer festgenommen.

Auch aus Hamburg, Berlin und Köln wurden Zusammenstöße mit der Polizei gemeldet.

Welche Personen für die einzelnen Straftaten verantwortlich sind und welche Verbindungen zwischen den Tätergruppen bestehen, ist Gegenstand laufender Ermittlungen.

Streit über politische Konsequenzen

Die Ausschreitungen haben eine grundsätzliche Debatte über den Umgang mit Jugendgewalt ausgelöst.

Während Dobrindt und Teile der Union die Herkunft bestimmter Tätergruppen ausdrücklich thematisieren, fordern Sozialdemokraten eine stärkere Beschäftigung mit gesellschaftlichen Ursachen.

Beide Ansätze schließen sich bei der Strafverfolgung nicht grundsätzlich aus. Für die Ermittlungen können persönliche Hintergründe, Gruppenzugehörigkeiten und mögliche Tatmotive relevant sein. Eine Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe belegt für sich genommen jedoch keine Beteiligung an Straftaten.

Auch die Frage, ob soziale Ausgrenzung oder Integrationsprobleme zu den Ausschreitungen beigetragen haben, lässt sich nicht allein anhand von Videoaufnahmen oder ersten Polizeiberichten beantworten.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte bereits am Montag ein konsequentes Vorgehen gegen Gewalttäter angekündigt. Zugleich äußerte er Verständnis für einzelne Anliegen der friedlichen Demonstranten.

Für die Sicherheitsbehörden steht zunächst die Aufklärung der Straftaten im Mittelpunkt. Politisch dürfte der Streit über die Ursachen der Gewalt und die Herkunft der Beteiligten weitergehen.

Themen: MigrationInnere SicherheitSPDAlexander DobrindtJugendprotesteGen Z regeltPolizeigewaltFrankfurtSonja EichwedeKrawalle

Teilen

Lesen Sie als Nächstes

Neue Wählergruppen verändern die politische Konkurrenz 39.000 Einbürgerungen in Berlin: Wie Migration die politische Landschaft verändert Berlin verzeichnet einen historischen Höchststand bei den Einbürgerungen. Allein 2025 erhielten mehr als 39.000 Menschen die deutsche Staatsangehörigkeit. Damit wächst auch die Zahl potenzieller Wähler. Studien zeigen, dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte unterschiedliche politische Präferenzen haben – mit Folgen für die Parteienlandschaft.

Ihre Meinung

Schreiben Sie uns einen Leserbrief an leserbriefe@ostdeutsche-zeitung.de. Bitte mit vollständigem Namen und Anschrift; veröffentlicht werden nur Name und Wohnort.

Meistgelesen

Politik

Alle Beiträge