39.000 Einbürgerungen in Berlin: Wie Migration die politische Landschaft verändert
Berlin verzeichnet einen historischen Höchststand bei den Einbürgerungen. Allein 2025 erhielten mehr als 39.000 Menschen die deutsche Staatsangehörigkeit. Damit wächst auch die Zahl potenzieller Wähler. Studien zeigen, dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte unterschiedliche politische Präferenzen haben – mit Folgen für die Parteienlandschaft.
Berlin. Die Zahl der Einbürgerungen in der Hauptstadt hat einen historischen Höchststand erreicht. Im Jahr 2025 erhielten 39.041 Menschen die deutsche Staatsangehörigkeit. Das waren fast 80 Prozent mehr als im Vorjahr. Mit dem deutschen Pass erwerben volljährige Eingebürgerte unter den gesetzlichen Voraussetzungen auch das Wahlrecht bei Bundestags- und Landtagswahlen. Damit verändert sich schrittweise die Zusammensetzung der Wählerschaft – und für die politischen Parteien entsteht eine neue Ausgangslage.
Die Entwicklung wirft Fragen auf, die über das Staatsangehörigkeitsrecht hinausgehen. Welche Parteien sprechen neu eingebürgerte Menschen an? Welche Rolle spielen Herkunft, gesellschaftliche Erfahrungen und politische Einstellungen? Und profitieren davon tatsächlich vor allem Parteien am linken und rechten Rand?
Berlin verzeichnet einen historischen Einbürgerungsrekord
Die Zahlen des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg verdeutlichen die Entwicklung. Während 2023 noch 9.041 Menschen in Berlin eingebürgert wurden, waren es 2024 bereits 21.811. Ein Jahr später stieg die Zahl auf 39.041.
Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Zahl der jährlichen Einbürgerungen damit mehr als vervierfacht.
Eine wesentliche Ursache ist die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts, die im Juni 2024 in Kraft trat. Sie verkürzte die regulär erforderliche Aufenthaltsdauer für eine Einbürgerung auf fünf Jahre und ermöglichte grundsätzlich die Beibehaltung einer weiteren Staatsangehörigkeit.
Hinzu kommt die Neuorganisation der Berliner Einbürgerungsverwaltung. Seit Januar 2024 werden entsprechende Anträge zentral beim Landesamt für Einwanderung bearbeitet. Die Digitalisierung der Verfahren sollte die Bearbeitung beschleunigen und bestehende Rückstände abbauen.
Der deutliche Anstieg lässt sich deshalb nicht allein mit der Zuwanderung der vergangenen Jahre erklären. Er ist auch das Ergebnis gesetzlicher und organisatorischer Veränderungen.
Syrer stellen die größte Gruppe der Eingebürgerten
Ein Blick auf die bisherigen Staatsangehörigkeiten zeigt, wie unterschiedlich die Menschen sind, die 2025 einen deutschen Pass erhalten haben.
Mit 7.548 Personen stellten syrische Staatsangehörige die größte Gruppe. Es folgten Menschen mit bisher türkischer Staatsangehörigkeit mit 4.099 und russischer Staatsangehörigkeit mit 3.334 Einbürgerungen.
Weitere 1.786 Menschen besaßen zuvor die ukrainische und 1.619 die iranische Staatsangehörigkeit.
Die Eingebürgerten lebten nach Angaben des Statistischen Landesamtes durchschnittlich bereits 11,2 Jahre in Deutschland. Ihr Durchschnittsalter lag bei 32,4 Jahren.
Die Zahlen zeigen damit auch, dass die Einbürgerung häufig erst nach einem längeren Aufenthalt erfolgt. Viele der Betroffenen leben seit Jahren in Deutschland, gehen hier einer Beschäftigung nach oder haben Familien gegründet.
Mit der Staatsangehörigkeit verändert sich jedoch ihre politische Stellung. Aus Einwohnern ohne Wahlrecht bei Bundestagswahlen können wahlberechtigte deutsche Staatsbürger werden.
Neue Wähler verändern die politische Konkurrenz
Bei Bundestagswahlen dürfen grundsätzlich deutsche Staatsangehörige ab 18 Jahren abstimmen, sofern sie die weiteren gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen.
Eine Einbürgerung bedeutet allerdings nicht automatisch, dass eine zusätzliche Stimme bei der nächsten Wahl abgegeben wird. Minderjährige sind zunächst nicht wahlberechtigt, und auch unter den erwachsenen Eingebürgerten nehmen nicht alle an Wahlen teil.
Dennoch wächst durch Einbürgerungen die potenzielle Wählerschaft. Damit gewinnen Menschen mit Einwanderungsgeschichte auch für die strategische Ausrichtung der Parteien an Bedeutung.
Die politische Wirkung lässt sich allerdings nicht unmittelbar aus den Einbürgerungszahlen ableiten. Entscheidend ist, ob die neuen Wahlberechtigten tatsächlich wählen und für welche Partei sie sich entscheiden.
Linke und AfD erreichen unterschiedliche Wählergruppen
Untersuchungen des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) zeigen, dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte keineswegs einheitlich wählen.
Bei der Bundestagswahl 2025 stimmten Wahlberechtigte mit familiären Wurzeln im Nahen Osten, in Nordafrika oder in der Türkei überdurchschnittlich häufig für SPD, Linke und Bündnis Sahra Wagenknecht.
Unter Wahlberechtigten mit Bezügen zu Russland und anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion zeigte sich dagegen eine stärkere Neigung zu konservativen Parteien und zur AfD.
Bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte aus EU-Staaten waren die Unterschiede gegenüber Wahlberechtigten ohne Migrationshintergrund wesentlich geringer.
Damit können unterschiedliche Parteien von einer wachsenden Zahl eingebürgerter Menschen angesprochen werden. Welche Partei tatsächlich zusätzliche Stimmen gewinnt, hängt jedoch von zahlreichen weiteren Faktoren ab.
Dazu gehören wirtschaftliche Interessen, politische Überzeugungen, persönliche Erfahrungen und die Bewertung einzelner Parteien.
Die Ergebnisse der DeZIM-Befragungen lassen sich zudem nicht unmittelbar auf sämtliche 2025 in Berlin eingebürgerten Menschen übertragen. Die Studien untersuchen Wahlberechtigte mit Einwanderungsgeschichte, nicht ausschließlich neu Eingebürgerte in der Hauptstadt.
Auch die klassischen Volksparteien stehen vor Veränderungen
Für SPD und CDU stellt sich die Frage, wie sie Menschen mit unterschiedlichen Einwanderungsgeschichten dauerhaft ansprechen können.
Die SPD verfügte traditionell über vergleichsweise starke Bindungen zu Teilen der Bevölkerung mit türkischer Einwanderungsgeschichte. Inzwischen sind die politischen Präferenzen vielfältiger geworden.
Auch die Union kann nicht davon ausgehen, dass Menschen mit konservativen gesellschaftlichen Einstellungen automatisch CDU oder CSU wählen.
Eine im August 2026 veröffentlichte DeZIM-Studie stellte fest, dass die grundsätzliche Bereitschaft, bestimmte Parteien zu wählen, unter Menschen mit Einwanderungsgeschichte teilweise zurückgegangen ist.
Besonders auffällig war diese Entwicklung bei Befragten mit familiären Wurzeln im Nahen Osten, in Nordafrika und in der Türkei.
Die Untersuchung zeigte zugleich, dass Alter, Einkommen und Geschlecht für die politische Orientierung teilweise ebenso wichtig oder sogar wichtiger sind als die Herkunftsregion.
Einbürgerung als politisches Machtinstrument?
Mit steigenden Einbürgerungszahlen gewinnt auch die Diskussion über mögliche parteipolitische Auswirkungen der Staatsangehörigkeitspolitik an Bedeutung.
Dabei muss zwischen dem rechtlichen Zweck der Einbürgerung und möglichen politischen Folgen unterschieden werden.
Das Staatsangehörigkeitsrecht legt fest, unter welchen Voraussetzungen Menschen deutsche Staatsbürger werden können. Dass damit auch politische Teilhaberechte verbunden sind, gehört zum Wesen der Staatsangehörigkeit.
Die Frage, ob bestimmte Parteien von einer Reform profitieren, ist dagegen eine empirische Frage. Sie lässt sich nur anhand belastbarer Daten über Wahlbeteiligung und Wahlentscheidungen untersuchen.
Aus den Berliner Einbürgerungszahlen allein ergibt sich kein Nachweis dafür, dass eine bestimmte Partei die Verfahren gezielt zur Vergrößerung ihrer Wählerschaft einsetzt.
Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass neue Staatsbürger zwangsläufig Parteien an den politischen Rändern unterstützen.
Berlin wird politisch vielfältiger
Die demografische Entwicklung der Hauptstadt verdeutlicht, warum diese Debatte künftig an Bedeutung gewinnen dürfte.
Ende Juni 2025 hatten nach Angaben des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg rund 41,7 Prozent der Berliner Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Der Anteil deutscher Staatsangehöriger mit Migrationshintergrund lag bei 16,9 Prozent.
Besonders hoch war der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in den Bezirken Mitte, Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg.
Daraus lässt sich allerdings keine einheitliche politische Orientierung dieser Bezirke ableiten. Die Zusammensetzung der Bevölkerung und die tatsächliche Wahlentscheidung hängen von weiteren Faktoren ab.
Die Entwicklung zeigt vor allem, dass die Wählerschaft in Berlin vielfältiger wird. Für die politischen Parteien entsteht damit die Herausforderung, Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, wirtschaftlichen Interessen und gesellschaftlichen Vorstellungen anzusprechen.
Die steigenden Einbürgerungszahlen verändern somit langfristig die Voraussetzungen politischer Mehrheiten. Welche Parteien davon profitieren, wird nicht durch die Zahl der ausgestellten Staatsangehörigkeitsurkunden entschieden, sondern durch die tatsächlichen Stimmen der Wahlberechtigten.