Berlin. Ein Armreif, ein Foto und plötzlich geht es nicht mehr nur um Sozialpolitik, sondern um die Glaubwürdigkeit politischer Selbstdarstellung.
Seit Tagen wird in sozialen Netzwerken über ein Bild der Linken-Bundestagsabgeordneten Cansın Köktürk diskutiert. Einige Nutzer glauben, an ihrem Handgelenk einen Armreif aus der bekannten LOVE-Kollektion von Cartier erkannt zu haben.
Bewiesen ist das nicht.
Weder lässt sich anhand des verbreiteten Fotos zweifelsfrei feststellen, ob es sich tatsächlich um Cartier handelt, noch ist bekannt, ob der Schmuck – sollte er echt sein – gekauft, geschenkt oder auf andere Weise in ihren Besitz gelangt ist.
Fest steht lediglich: Die entsprechenden Originalmodelle gehören nicht gerade zur Kategorie Modeschmuck.
Cartier verlangt für einen kleinen LOVE-Armreif aus Weißgold derzeit rund 5.700 Euro. Das klassische Modell aus Gelbgold liegt bei rund 8.050 Euro. Ausführungen mit Diamanten können deutlich mehr kosten.
Und genau deshalb entfacht das Foto eine politische Debatte.
Köktürk kämpft gegen soziale Ungleichheit
Köktürk sitzt für Die Linke im Deutschen Bundestag und gehört dem Ausschuss für Arbeit und Soziales an. Vor ihrer Zeit im Parlament arbeitete sie als Sozialarbeiterin.
Ihre politischen Auftritte drehen sich regelmäßig um Armut, Sozialleistungen und die Lebensbedingungen von Menschen mit niedrigen Einkommen.
Noch am 11. September kritisierte sie während der Haushaltsberatungen die Sozialpolitik der Bundesregierung scharf. Köktürk erklärte im Bundestag unter anderem, viele Menschen lebten „von der Hand in den Mund“.
Dass nun ausgerechnet bei einer solchen Politikerin über ein mögliches Luxusarmband im Wert mehrerer Tausend Euro diskutiert wird, liefert ihren Kritikern eine einfache Angriffsfläche.
Ihre Unterstützer halten dagegen: Eine linke politische Überzeugung bedeute nicht, dass Politiker persönlich auf hochwertige Kleidung, Autos oder Schmuck verzichten müssten.
Und tatsächlich lässt sich aus einem privaten Besitz allein nichts über die sozialpolitischen Positionen einer Abgeordneten ableiten.
2.000 Euro Ordnungsgeld im Bundestag
Zusätzliche Brisanz bekommt die Debatte durch einen Vorfall im Bundestag.
Am 11. September verhängte Bundestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz gegen Köktürk ein Ordnungsgeld von 2.000 Euro.
Köktürk hatte innerhalb von drei Sitzungswochen drei Ordnungsrufe erhalten. Damit griff erstmals die verschärfte Regelung der Geschäftsordnung des Bundestages. Der Bundestag bestätigt sowohl die drei Ordnungsrufe als auch die Verhängung des Ordnungsgeldes.
Anlass waren Zwischenrufe während einer Rede des AfD-Abgeordneten René Springer.
Köktürk reagierte unter anderem mit dem Satz:
> „Was ist das für eine rassistische Scheiße?“
Später warf sie der Sitzungsleitung vor, „Faschisten“ zu schützen.
Für die Zwischenrufe erhielt sie weitere Ordnungsrufe und schließlich die Geldbuße.
Fast 19.000 Euro über Spendenaktion gesammelt
Anschließend startete Köktürk eine Spendenkampagne unter dem Titel „Antifaschismus heißt Menschen retten“.
Dabei ist eine Unterscheidung wichtig: Nach der öffentlich einsehbaren Beschreibung soll das gesammelte Geld nicht zur Begleichung des Ordnungsgeldes, sondern an den Verein Sea-Watch für zivile Seenotrettung gehen.
Am 22. September waren über die Kampagne rund 18.900 Euro bei mehr als 770 Spenden zusammengekommen. Das aktuelle Spendenziel liegt bei 20.000 Euro.
Köktürk schreibt dort, sie lasse sich von „kapitalistischen Geldstrafenandrohungen“ nicht einschüchtern. Das Geld werde an Sea-Watch gespendet.
Die Formulierung passt zu ihrer politischen Positionierung – und macht die Debatte über den Schmuck an ihrem Handgelenk für Kritiker erst recht interessant.
Abgeordnete erhält knapp 11.834 Euro im Monat
Finanziell gehört eine Bundestagsabgeordnete allerdings nicht zu den Menschen, über deren wirtschaftliche Not Köktürk häufig spricht.
Die steuerpflichtige Abgeordnetenentschädigung beträgt derzeit 11.833,47 Euro im Monat. Hinzu kommt eine steuerfreie Aufwandspauschale von aktuell 5.467,27 Euro, aus der allerdings mandatsbedingte Ausgaben wie Wahlkreisbüros, Zweitwohnung oder Büromaterial bestritten werden müssen.
Ein Luxusarmband im Wert von mehreren Tausend Euro wäre für eine Bundestagsabgeordnete damit grundsätzlich finanzierbar.
Die Frage ist also weniger, ob sie sich einen solchen Schmuck leisten dürfte.
Die politische Debatte dreht sich vielmehr darum, welche Symbolwirkung Luxus bei Politikern entfaltet, deren Partei sich besonders stark über soziale Gerechtigkeit, Umverteilung und Kritik an großen Vermögen definiert.
Luxus und linke Politik – tatsächlich ein Widerspruch?
Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht.
Kritiker sehen einen Gegensatz zwischen einer politischen Rhetorik gegen soziale Ungleichheit und demonstrativem Luxus.
Unterstützer argumentieren dagegen, dass politische Forderungen nach höheren Löhnen, besseren Sozialleistungen oder einer anderen Steuerpolitik nicht voraussetzen, dass deren Vertreter selbst bescheiden leben.
Auch eine wohlhabende Person kann höhere Steuern für Wohlhabende fordern. Ein teures Auto, eine hochwertige Uhr oder ein Schmuckstück verändert zunächst keine parlamentarische Abstimmung.
Andererseits lebt Politik auch von Bildern und Symbolen.
Wer häufig über Menschen spricht, die kaum ihre Miete oder Lebensmittel bezahlen können, muss damit rechnen, dass ein mögliches Luxusaccessoire öffentlich diskutiert wird.
Das größte Problem der Geschichte: Niemand weiß, ob es überhaupt Cartier ist
Genau hier sollte die Debatte allerdings auf dem Boden bleiben.
Bislang existiert keine verlässliche Bestätigung, dass Köktürk tatsächlich einen Cartier-LOVE-Armreif trägt.
Eine äußerliche Ähnlichkeit reicht dafür nicht.
Von den bekannten Cartier-Designs gibt es zahlreiche ähnliche Schmuckstücke und Nachbildungen. Auch aus einem Foto lässt sich weder die Echtheit noch der tatsächliche Kaufpreis bestimmen.
Aus einem vermeintlichen Luxusarmband eine bewiesene Geschichte über politische Doppelmoral zu machen, wäre deshalb voreilig.
Was sich dagegen zweifelsfrei beobachten lässt, ist die enorme Aufmerksamkeit, die ein einziges Schmuckstück erzeugen kann.
Am Ende geht es deshalb um mehr als Cartier.
Es geht um die alte Frage, welche Erwartungen Wähler an Politiker stellen: Müssen diejenigen, die über Armut sprechen, selbst bescheiden leben? Oder zählt allein, welche Politik sie vertreten?
Das Handgelenk einer Bundestagsabgeordneten beantwortet diese Frage nicht.
Es reicht offenbar trotzdem, um sie erneut zu stellen.