Sachsen. Bayern gilt als Deutschlands Bierland – zumindest nach Klischee, Brauhauskultur und Oktoberfest. Beim Einkauf im Supermarkt ergibt sich allerdings ein völlig anderes Bild.

Eine Auswertung des Einkaufs- und Marktdatenanbieters marktguru von knapp zwei Millionen Kassenbons zeigt: In Sachsen wird im Lebensmitteleinzelhandel 51 Prozent häufiger Bier gekauft als in Bayern.

Während in Sachsen bei fast jedem elften erfassten Einkauf Bier im Wagen landet, ist das in Bayern lediglich bei ungefähr jedem siebzehnten Einkauf der Fall.

Damit landet Bayern im bundesweiten Vergleich überraschend nur auf Platz 14 von 16 Bundesländern.

Wichtig dabei: Die Daten zeigen das Einkaufsverhalten im Lebensmitteleinzelhandel, nicht den tatsächlichen Bierkonsum. Gastronomie, Biergärten, Volksfeste oder Restaurants sind darin nicht enthalten.

Die ersten fünf Plätze gehen in den Osten

Besonders auffällig ist die Verteilung an der Spitze.

Die fünf Bundesländer mit der höchsten Kaufhäufigkeit liegen allesamt in Ostdeutschland:

1. Sachsen 2. Thüringen 3. Sachsen-Anhalt 4. Brandenburg 5. Mecklenburg-Vorpommern

Damit liegen sämtliche ostdeutschen Flächenländer im Ranking vor Bayern.

Der Unterschied entsteht laut Auswertung weniger dadurch, dass im Osten wesentlich mehr Menschen überhaupt Bier kaufen. Die Käuferquote unterscheidet sich demnach um 19 Prozent.

Deutlich größer ist die Differenz bei der Kauffrequenz.

Menschen, die Bier kaufen, greifen in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern laut marktguru im Durchschnitt 80 Prozent häufiger zu als Käufer in Bayern.

Biergarten könnte Bayern-Ranking erklären

Eine mögliche Erklärung liefert ausgerechnet die bayerische Bierkultur selbst.

Wer sein Bier häufig im Biergarten, Wirtshaus oder auf Volksfesten trinkt, benötigt möglicherweise weniger davon aus dem Supermarkt.

marktguru weist selbst darauf hin, dass die ausgeprägte Gastronomie- und Biergartenkultur Bayerns das Ergebnis beeinflussen könnte.

Belegt wird durch die Kassenbondaten zunächst aber nur eines:

Im Lebensmitteleinzelhandel kaufen die ostdeutschen Länder deutlich häufiger Bier als Bayern.

In Sachsen landet Ur-Krostitzer vorne

Auch bei den Marken zeigt sich, wie stark der Biermarkt regional geprägt ist.

In Sachsen landet bei 10,2 Prozent der ausgewerteten markenzugeordneten Bierkäufe Ur-Krostitzer im Einkaufswagen.

Damit behauptet sich eine sächsische Traditionsmarke gegen zahlreiche bundesweit angebotene Biere.

Ähnliche regionale Muster gibt es in anderen Bundesländern.

In Rheinland-Pfalz erreicht Bitburger einen Anteil von 23,4 Prozent, im Saarland 19 Prozent. Dort spielen außerdem Karlsberg mit 14,1 Prozent und MiXery mit 10,2 Prozent eine bedeutende Rolle.

Hamburg greift besonders häufig zu Holsten, Bremen zu Beck's und Berlin zu Berliner Kindl.

Nur eine Marke schafft es beinahe überall in die Spitzengruppe: Krombacher gehört in 14 Bundesländern zu den drei meistgekauften Marken.

Heimatgefühl im Einkaufswagen

marktguru-Geschäftsführer Patrick Dainese sieht darin eine bemerkenswerte Markentreue.

Auch bei schwieriger wirtschaftlicher Lage und wechselnden Angeboten blieben viele Käufer regionalen Biermarken verbunden.

Gerade beim Bier zeige sich ein ausgeprägtes „Heimatgefühl im Einkaufswagen“.

Das passt besonders gut zu Ostdeutschland, wo zahlreiche regionale Brauereien trotz jahrzehntelanger Veränderungen auf dem Getränkemarkt weiterhin starke Positionen besitzen.

Neben Ur-Krostitzer gehören dazu je nach Region beispielsweise Radeberger, Köstritzer, Hasseröder, Lübzer oder verschiedene kleinere lokale Brauereien.

Welche dieser Marken nach den marktguru-Daten in den einzelnen ostdeutschen Ländern genau vorne liegen, geht aus der vorliegenden Auswertung allerdings nicht vollständig hervor.

München bleibt Augustiner treu

Auch innerhalb Bayerns gibt es deutliche Unterschiede.

In München dominiert erwartungsgemäß Augustiner. Fast jedes vierte dort erfasste Markenbier entfällt laut Auswertung auf die Münchner Traditionsbrauerei – konkret 23,5 Prozent.

Paulaner folgt mit 15,2 Prozent.

Überraschend auf Platz drei liegt das österreichische Gösser mit 6,2 Prozent.

Betrachtet man dagegen ganz Bayern, verschiebt sich das Bild.

Dort liegen Mönchshof mit 9,1 Prozent, Augustiner mit 8,9 Prozent und Paulaner mit 8,7 Prozent nahezu gleichauf.

Eine eindeutige bayerische Nummer eins gibt es damit nicht.

Stammkunden wechseln trotzdem die Marke

Selbst regelmäßige Bierkäufer bleiben nicht ausschließlich einer Marke treu.

Bayerische Haushalte, die mindestens zehnmal pro Jahr Bier kaufen, greifen laut Auswertung durchschnittlich zu 5,5 verschiedenen Marken.

Bei weniger als zwei Prozent der erfassten Bierkäufe entschieden sich Käufer ausschließlich für eine einzige Marke.

Angebote und Verfügbarkeit beeinflussen den Einkauf damit offenbar erheblich.

Selbst während des Oktoberfests ändert sich daran kaum etwas.

Die Zahl der Marken je Einkauf bleibt zur Wiesn nahezu konstant.

Zur Wiesn mehr Kartoffeln, weniger Wein

Interessant ist dagegen, was gleichzeitig mit dem Bier im Einkaufswagen landet.

Während der Münchner Wiesn steigt auf den ausgewerteten Bons von Bierkäufern der Anteil von Kartoffelgerichten wie Pommes, Kartoffelsalat oder Knödeln um 49 Prozent.

Wein wird zur selben Zeit in Bayern dagegen zwölf Prozent seltener gekauft.

Mehr Geld für Bier geben die Münchner während des Oktoberfests nach den Daten nicht aus. Die gesamten Einkäufe werden größer, der Anteil des Biers daran bleibt jedoch weitgehend stabil.

Alkoholfreies Bier bekommt mehr Platz

Ein weiterer Trend betrifft alkoholfreie Alternativen.

In den von marktguru ausgewerteten Werbeprospekten stieg der Anteil beworbener alkoholfreier Biere von 8,2 auf 14,2 Prozent.

Damit wächst die Sichtbarkeit alkoholfreier Sorten im Handel deutlich.

Beim Wein verdoppelte sich der entsprechende Anteil zwar von 1,4 auf 2,8 Prozent, liegt damit aber weiterhin weit hinter dem Bier.

Der Handel räumt alkoholfreien Bierprodukten damit zunehmend mehr Platz in seiner Werbung ein.

Sachsen vor Bayern – aber nicht beim Verbrauch gemessen

Die ungewöhnliche Rangliste dürfte dennoch für Diskussionen sorgen.

Denn die Schlagzeile „Sachsen trinkt mehr Bier als Bayern“ wäre aus den Daten nicht ableitbar.

Gemessen wurde nicht der tatsächliche Konsum, sondern das Kaufverhalten anhand von Kassenbons im Einzelhandel.

Die Untersuchung zeigt also nicht, wer am meisten Bier trinkt.

Sie zeigt, wo Bier beim Lebensmitteleinkauf besonders häufig im Warenkorb landet.

Und dort fällt das Ergebnis eindeutig aus:

Sachsen liegt vorne – Bayern nur auf Platz 14.

Für das Selbstbild des Freistaats als deutsche Bierhochburg ist das zumindest ein kleiner Kratzer im Maßkrug.