Umstrittene Literaturveranstaltung zieht Tausende Besucher an

Besucheransturm auf Buchmesse „Seitenwechsel“ in Halle – lange Warteschlangen und politische Proteste

Lange Schlangen, volle Vortragssäle und politische Proteste: Die Buchmesse „Seitenwechsel“ ist am Samstag in Halle (Saale) mit großem Besucherinteresse gestartet. Mehr als 140 Autoren und Verlage präsentieren sich an diesem Wochenende. Während die Veranstalter einen Ort für Meinungsvielfalt schaffen wollen, kritisieren Gegner die Beteiligung rechtsextremer Verlage. Für Sonntag sind größere Demonstrationen angekündigt.

Von Johanna Reinhardt 4 Min. Lesezeit

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Zahlreiche Besucher warten am Samstag, dem 7. November 2026, vor dem Eingang der Buchmesse „Seitenwechsel“ in Halle (Saale). Die Veranstaltung zieht großes Interesse auf sich und wird gleichzeitig von politischen Protesten begleitet.
Zahlreiche Besucher warten am Samstag, dem 7. November 2026, vor dem Eingang der Buchmesse „Seitenwechsel“ in Halle (Saale). Die Veranstaltung zieht großes Interesse auf sich und wird gleichzeitig von politischen Protesten begleitet. Foto: © 2026 MAE Systems GmbH

Halle (Saale). Mit langen Warteschlangen vor dem Messegelände ist am Samstag, dem 7. November 2026, die zweite Ausgabe der Buchmesse „Seitenwechsel“ gestartet. Bereits am Vormittag strömten zahlreiche Besucher nach Halle-Bruckdorf, um Bücher zu entdecken, Autoren zu treffen und an politischen Diskussionen teilzunehmen. Die Veranstaltung, die sich ausdrücklich als Alternative zu den etablierten deutschen Buchmessen versteht, sorgt gleichzeitig für erhebliche politische Kontroversen.

Nach Berichten lokaler Medien reichten die Warteschlangen zeitweise bis zur nahe gelegenen S-Bahn-Station. Besucher mussten teilweise bis zu eineinhalb Stunden auf den Einlass warten. Erst nachdem die Veranstalter einen zweiten Zugang öffneten, entspannte sich die Situation.

Veranstalter rechnen mit deutlich mehr Besuchern

Die Buchmesse wurde 2025 erstmals in Halle ausgerichtet. Nach Angaben der Veranstalter kamen damals mehr als 6.000 Menschen.

Für die diesjährige Ausgabe meldete Organisatorin Susanne Dagen bereits vor Beginn einen um rund 30 Prozent gestiegenen Ticketvorverkauf gegenüber dem Vorjahr.

Eine abschließende Besucherzahl für das Wochenende liegt bislang nicht vor. Der große Andrang am ersten Veranstaltungstag deutet allerdings auf ein erhebliches Interesse hin.

Dagen betreibt seit vielen Jahren eine Buchhandlung im Dresdner Stadtteil Loschwitz und gehört der AfD-Stadtratsfraktion in Dresden an.

Die Messe versteht sich nach Angaben der Veranstalter als Plattform für unabhängige Verlage, kritische Autoren und politisch oppositionelle Positionen.

Neben politischen Sachbüchern werden auch Romane, Essays und gesellschaftskritische Veröffentlichungen präsentiert.

Mehr als 140 Autoren und Verlage vertreten

Das Programm umfasst zahlreiche Lesungen, Buchvorstellungen und Diskussionsveranstaltungen.

Zu den angekündigten Teilnehmern gehören der Journalist Harald Martenstein, der Publizist Henryk M. Broder, der frühere Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen und der Kabarettist Uwe Steimle.

Auch die AfD ist mit prominenten Politikern vertreten. Unter anderem stehen der Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Tino Chrupalla, und der sachsen-anhaltische AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider auf dem Programm.

Martenstein eröffnete am Samstag das Veranstaltungsprogramm mit einer Vorstellung seines Buches „Gelenkte Demokratie. Ein Plädoyer für die Freiheit“.

Berichten von Ausstellern und veranstaltungsnahen Medien zufolge waren mehrere Vortragsräume stark besucht. Teilweise bildeten sich auch innerhalb des Messegebäudes Warteschlangen.

Die Veranstaltung dauert noch bis Sonntag, den 8. November. An beiden Tagen sind die Messehallen von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Kritik an rechtsextremen Verlagen

Die Buchmesse wird allerdings nicht nur wegen ihres Besucherinteresses diskutiert.

Unter den Ausstellern befinden sich auch das Compact-Magazin und der Antaios-Verlag. Beide werden nach Angaben der Verfassungsschutzbehörden von Bund und Land als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.

Das Innenministerium Sachsen-Anhalts hatte bereits im Vorfeld erklärt, dass mehrere Teilnehmer dem verfassungsschutzrelevanten Spektrum der sogenannten Neuen Rechten zugeordnet würden.

Kritiker betrachten die Messe deshalb nicht als gewöhnliche Literaturveranstaltung, sondern als Möglichkeit zur politischen Vernetzung rechtsextremer Akteure.

Organisatorin Susanne Dagen weist diese Einordnung zurück. Sie erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, dass behördliche Einstufungen für ihre Entscheidung über die Teilnahme von Verlagen keine maßgebliche Rolle spielten.

Gleichzeitig betonen die Veranstalter, dass Veröffentlichungen, die Diktaturen verherrlichen oder sich gegen die freiheitliche Gesellschaft richten, nicht zugelassen werden sollen.

Die unterschiedlichen Bewertungen machen deutlich, dass die politische Auseinandersetzung über die Messe weit über einzelne Buchveröffentlichungen hinausgeht.

„Omas gegen Rechts“ demonstrieren vor dem Messegelände

Bereits am Samstag begleiteten Protestaktionen den Veranstaltungsbeginn.

Vor dem Eingang des Messegeländes versammelten sich Mitglieder der Initiative „Omas gegen Rechts“ mit Plakaten, um gegen die Veranstaltung zu demonstrieren.

Lokalen Berichten zufolge beteiligten sich etwa 15 Menschen an der Mahnwache. Vereinzelt kam es zu verbalen Auseinandersetzungen zwischen Messebesuchern und Demonstranten.

Die Polizei war mit zahlreichen Kräften vor Ort und sicherte das Gelände.

Nach den bislang vorliegenden Berichten verlief der erste Veranstaltungstag weitgehend friedlich. Schwerwiegende Zwischenfälle wurden zunächst nicht bekannt.

Parallel dazu fand in der Hallenser Innenstadt das „Wir-Festival“ statt. Die Kulturveranstaltung versteht sich als Gegenangebot zur Buchmesse und wirbt mit Literatur, Musik und weiteren Programmpunkten für demokratisches Miteinander.

Für Sonntag größere Demonstrationen angekündigt

Am zweiten Messetag rechnen die Sicherheitsbehörden mit deutlich umfangreicheren Protestaktionen.

Das Bündnis „Antifaschistischer Zeitenwechsel“ hat für Sonntag, den 8. November, zu mehreren Veranstaltungen aufgerufen.

Ab 11 Uhr ist eine Zusammenkunft am Steintor vorgesehen. Gegen 13 Uhr soll eine Fahrraddemonstration in Richtung Messegelände starten.

Für 13.30 Uhr ist eine weitere Protestkundgebung unmittelbar vor der Halle Messe angekündigt.

Die Organisatoren des Protests werfen der Buchmesse vor, extrem rechten Positionen eine öffentliche Bühne zu verschaffen und deren gesellschaftliche Verankerung zu fördern.

Die Messeveranstalter stellen dagegen den freien Austausch unterschiedlicher politischer und weltanschaulicher Positionen in den Mittelpunkt.

Buchmesse wird zum Schauplatz einer größeren gesellschaftlichen Debatte

Der starke Besucherandrang zeigt zunächst, dass die Buchmesse „Seitenwechsel“ auch bei ihrer zweiten Ausgabe ein Publikum erreicht.

Ob die Veranstaltung die Besucherzahl des Vorjahres tatsächlich übertreffen wird, lässt sich erst nach Abschluss des Wochenendes feststellen.

Die Auseinandersetzung um ihre politische Ausrichtung berührt zugleich grundsätzliche Fragen nach Meinungsfreiheit, publizistischer Verantwortung und den Grenzen politischer Auseinandersetzungen.

In einer demokratischen Gesellschaft sind auch kontroverse politische Auffassungen durch die Meinungsfreiheit geschützt. Gleichzeitig können Veranstalter, Verlage und Autoren wegen ihrer Positionen öffentlich kritisiert werden.

Die Beteiligung von Verlagen, die von Verfassungsschutzbehörden als rechtsextremistisch eingestuft werden, ist deshalb ebenso ein relevanter Gegenstand der Berichterstattung wie der große Besucherzuspruch und die friedliche Durchführung der Veranstaltung.

Mit den für Sonntag angekündigten Demonstrationen bleibt Halle auch am zweiten Veranstaltungstag Schauplatz einer intensiven politischen Auseinandersetzung.

Themen: Sachsen-AnhaltHalle SaaleMeinungsfreiheitProtesteBuchmesse SeitenwechselSusanne DagenHarald MartensteinBuchmarkt

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