Vor 100 Jahren: Als Heinrich Mann im Reichstag aus seinem Werk las
Am 7. November 1926 trat der Schriftsteller Heinrich Mann bei einem Dichterabend im Deutschen Reichstag auf und las aus seiner Novelle „Der Jüngling“. Genau 100 Jahre später erinnert das Ereignis an einen der bedeutendsten kritischen Autoren der Weimarer Republik, dessen Einsatz für Demokratie und geistige Freiheit ihn später ins Exil führte.
Berlin. Am Sonntag, dem 7. November 1926, war der Deutsche Reichstag Schauplatz einer literarischen Veranstaltung. Heinrich Mann, damals bereits ein bekannter Schriftsteller und scharfer Kritiker des deutschen Obrigkeitsstaates, trug bei einem Dichterabend aus seiner Novelle „Der Jüngling“ vor. Das Ereignis ist in historischen Chroniken dokumentiert und jährt sich an diesem Samstag zum 100. Mal.
Der Auftritt fällt in eine bewegte Phase der deutschen Geschichte. Die Weimarer Republik hatte die politischen und wirtschaftlichen Krisen der unmittelbaren Nachkriegszeit zunächst überwunden, doch ihre demokratischen Institutionen standen weiterhin unter Druck. Heinrich Mann gehörte zu jenen Intellektuellen, die sich öffentlich mit Fragen von Macht, gesellschaftlicher Verantwortung und politischer Freiheit beschäftigten.
Ein Schriftsteller zwischen Literatur und Politik
Heinrich Mann wurde am 27. März 1871 in Lübeck geboren. Er war der ältere Bruder des späteren Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann, entwickelte jedoch früh eine eigene literarische und politische Haltung.
Mit Romanen wie „Professor Unrat“ und „Der Untertan“ erlangte er internationale Bekanntheit.
Besonders „Der Untertan“, der erstmals 1918 als Buch erschien, gilt als eine der schärfsten literarischen Auseinandersetzungen mit dem deutschen Kaiserreich. Die Geschichte des opportunistischen Diederich Heßling beschreibt einen Menschen, der sich gegenüber Mächtigen unterwürfig verhält, während er selbst nach unten autoritär auftritt.
Heinrich Mann zeichnete damit ein Gesellschaftsbild, in dem Gehorsam, Karrierestreben und die Anpassung an bestehende Machtverhältnisse eine zentrale Rolle spielen.
Seine literarische Kritik war zugleich politisch. Mann beschäftigte sich intensiv mit der Frage, welche gesellschaftlichen Voraussetzungen eine funktionierende Demokratie benötigt.
Der Dichterabend vom 7. November 1926
Dass Heinrich Mann ausgerechnet im Reichstagsgebäude aus einem seiner Werke vortrug, erhält im historischen Rückblick eine besondere Bedeutung.
Der Reichstag war das Zentrum der parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik. Hier wurden politische Konflikte ausgetragen, Gesetze beschlossen und die wechselnden Regierungen kontrolliert.
Der Dichterabend bot einen anderen Zugang zu gesellschaftlichen Fragen. Nicht die unmittelbare politische Entscheidung, sondern Literatur und ihre Auseinandersetzung mit menschlichen Verhaltensweisen standen im Mittelpunkt.
Mann las aus „Der Jüngling“, einer bereits 1924 veröffentlichten Novelle.
Über den genauen Ablauf des Abends, die Zusammensetzung des Publikums und die unmittelbaren Reaktionen auf seine Lesung liegen in den herangezogenen Chroniken keine näheren Angaben vor. Belegt sind jedoch das Datum, der Veranstaltungsort und das vorgetragene Werk.
Ebenfalls im Oktober 1926 wurde Heinrich Mann in die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste aufgenommen. Dies unterstrich seine Stellung im deutschen Literaturleben.
Heinrich Mann verteidigte die demokratische Republik
Anders als zahlreiche konservative Schriftsteller seiner Zeit bekannte sich Heinrich Mann zur parlamentarischen Demokratie.
Seine politische Haltung war von den Ideen der Aufklärung, der Französischen Revolution und einem ausgeprägten Interesse an gesellschaftlicher Gerechtigkeit geprägt.
Er warnte vor autoritären Machtstrukturen und betrachtete die Freiheit des Denkens als wesentliche Voraussetzung einer demokratischen Gesellschaft.
Mit zunehmender Radikalisierung der politischen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik verstärkte sich sein Engagement.
1931 wurde er zum Vorsitzenden der Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste gewählt. In dieser Funktion verteidigte er die Freiheit der Kunst und setzte sich öffentlich gegen den wachsenden Nationalsozialismus ein.
Gemeinsam mit anderen bekannten Persönlichkeiten, darunter Albert Einstein und Käthe Kollwitz, unterstützte er später Aufrufe zur Zusammenarbeit demokratischer und linker Kräfte gegen die nationalsozialistische Bewegung.
Sieben Jahre später musste er Deutschland verlassen
Die politische Entwicklung nach dem Dichterabend von 1926 nahm einen dramatischen Verlauf.
Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begann die nationalsozialistische Diktatur. Heinrich Mann gehörte zu den frühen prominenten Gegnern, gegen die das neue Regime vorging.
Im Februar 1933 wurde er zum Ausscheiden aus der Preußischen Akademie der Künste gezwungen. Wenige Tage später verließ er Deutschland und floh nach Frankreich.
Im August desselben Jahres entzogen ihm die Nationalsozialisten die deutsche Staatsbürgerschaft.
Seine Bücher gehörten zu den Werken, die während der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen vernichtet wurden.
Auch im Exil setzte er seine schriftstellerische und politische Arbeit fort. Nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich floh er 1940 weiter in die Vereinigten Staaten.
Dort verbrachte er seine letzten Lebensjahre. Heinrich Mann starb im März 1950 im kalifornischen Santa Monica, bevor er eine geplante Rückkehr nach Deutschland verwirklichen konnte.
Ein Ereignis, das heute an die Freiheit des Wortes erinnert
Der Dichterabend vom 7. November 1926 ist ein kleines, aber bemerkenswertes Ereignis der deutschen Kulturgeschichte.
Er erinnert an eine Zeit, in der Schriftsteller öffentlich an den großen gesellschaftlichen Debatten teilnahmen und Literatur als Mittel politischer Auseinandersetzung verstanden wurde.
Heinrich Manns Lebensgeschichte zeigt zugleich, wie schnell sich die Bedingungen für freie Kunst und öffentliche Kritik verändern können.
1926 konnte er im Deutschen Reichstag aus seinem Werk lesen. Nur sieben Jahre später musste er vor einem Regime fliehen, das seine Bücher verbrennen ließ und ihm die Staatsbürgerschaft entzog.
Hundert Jahre nach seinem Auftritt bleibt deshalb nicht nur die Erinnerung an einen bedeutenden deutschen Schriftsteller. Das historische Ereignis steht auch für die Bedeutung einer Gesellschaft, in der Literatur, Kritik und unterschiedliche politische Überzeugungen frei geäußert werden können.