Ausstellung beleuchtet die Anfänge der NS-Diktatur

Aschersleben erinnert an die ersten Konzentrationslager: Wie 1933 der Terror der Nationalsozialisten begann

Die vergessenen Lager

Von Johanna Reinhardt 8 Min. Lesezeit

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Jüdische Männer, die in den Tagen nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 verhaftet wurden, müssen Appell stehen, November 1938.
Jüdische Männer, die in den Tagen nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 verhaftet wurden, müssen Appell stehen, November 1938. Foto: ©Internationaler Strafgerichtshof, Den Haag

Aschersleben. Lange bevor die Namen Auschwitz und Buchenwald zu Symbolen der nationalsozialistischen Verbrechen wurden, entstanden in Deutschland bereits die ersten Konzentrationslager. Schon wenige Wochen nach der Machtübernahme Adolf Hitlers im Januar 1933 begannen die Nationalsozialisten, politische Gegner systematisch zu verfolgen, einzusperren und zu misshandeln. Eine Wanderausstellung im Museum Aschersleben erinnert nun an diese frühe Phase des NS-Terrors. Unter dem Titel „Auftakt des Terrors – Frühe Konzentrationslager im Nationalsozialismus“ dokumentiert sie, wie Gewalt und Einschüchterung zur Errichtung der Diktatur beitrugen. Noch bis zum 9. November 2026 können Besucher die Ausstellung im Rahmen der Jüdischen Kulturtage besichtigen.

Der Terror begann lange vor Auschwitz

Die nationalsozialistischen Konzentrationslager werden heute vor allem mit den großen Lagerkomplexen des Zweiten Weltkriegs verbunden.

Auschwitz, Buchenwald, Sachsenhausen und andere Orte stehen für Verfolgung, Zwangsarbeit, systematische Entrechtung und millionenfachen Mord.

Doch die Grundlagen dieses Terrors wurden bereits unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten geschaffen.

Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, begann innerhalb weniger Wochen die Ausschaltung demokratischer Rechte und politischer Opposition.

Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und andere Gegner der neuen Machthaber wurden verfolgt.

Viele verloren ihre Ämter, wurden eingeschüchtert oder ohne ordentliches Gerichtsverfahren festgenommen.

Für die Inhaftierung entstanden zahlreiche provisorische Haftstätten und Konzentrationslager.

Sie befanden sich teilweise in leer stehenden Fabriken, ehemaligen Kasernen, Gefängnissen oder anderen Gebäuden.

Die Lager dienten von Anfang an dazu, politischen Widerstand zu brechen und die Bevölkerung einzuschüchtern.

Mehr als 90 frühe Konzentrationslager im Deutschen Reich

Wie weit verbreitet das System bereits 1933 war, zeigt die historische Forschung.

Innerhalb weniger Monate entstanden im Deutschen Reich zahlreiche Konzentrationslager und weitere Orte der willkürlichen Inhaftierung.

Die Wanderausstellung nimmt 15 frühe Konzentrationslager genauer in den Blick. Sie stehen stellvertretend für mehr als 90 Lager, die in der Anfangsphase der NS-Diktatur bestanden.

Anders als die späteren großen Lagerkomplexe waren viele dieser Einrichtungen zunächst improvisiert.

Einige wurden bereits nach wenigen Wochen oder Monaten wieder geschlossen.

Andere entwickelten sich zu länger bestehenden Haftanstalten oder wurden zu Vorbildern für das spätere Konzentrationslagersystem.

Ihre Bedeutung lag nicht nur in der Zahl der Gefangenen.

Sie waren ein entscheidendes Instrument zur Festigung der nationalsozialistischen Macht.

Durch Verhaftungen, Misshandlungen und öffentliche Einschüchterung wurde die politische Opposition zunehmend handlungsunfähig gemacht.

Wie die Nationalsozialisten den Rechtsstaat zerstörten

Eine wesentliche Voraussetzung für den Aufbau der frühen Lager war die sogenannte Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933.

Mit ihr wurden wichtige Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt.

Dazu gehörten unter anderem die persönliche Freiheit, das Brief- und Fernmeldegeheimnis sowie die Freiheit der Meinungsäußerung und der Presse.

Die Nationalsozialisten nutzten diese Maßnahmen, um politische Gegner ohne rechtsstaatliche Sicherungen festnehmen zu lassen.

Besonders häufig traf es Mitglieder und Funktionäre der Kommunistischen Partei und der Sozialdemokratie.

Auch Gewerkschafter, Journalisten und andere Kritiker des Regimes gerieten ins Visier.

Die Nationalsozialisten bezeichneten die willkürliche Inhaftierung vielfach als „Schutzhaft“.

Tatsächlich diente sie nicht dem Schutz der Betroffenen, sondern ihrer Entrechtung und Unterdrückung.

Gerichtsverfahren waren häufig nicht vorgesehen.

Die Gefangenen konnten über längere Zeit festgehalten werden, ohne dass eine unabhängige Justiz ihre Inhaftierung wirksam überprüfte.

Die Konzentrationslager wurden damit zu einem zentralen Werkzeug bei der Zerstörung der demokratischen Ordnung.

Gewalt wurde zum festen Bestandteil des Lagersystems

Die frühen Konzentrationslager waren keineswegs gewöhnliche Haftanstalten.

Viele Gefangene waren körperlichen Misshandlungen, Erniedrigungen und systematischer Gewalt ausgesetzt.

SA- und später SS-Angehörige schlugen und folterten Häftlinge.

Die Gefangenen mussten unter entwürdigenden Bedingungen leben.

Die Haft sollte nicht nur den Einzelnen brechen.

Sie sollte auch ein Signal an die übrige Bevölkerung senden: Wer Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft leistete, musste mit schwerwiegenden Folgen rechnen.

Diese Einschüchterung wirkte weit über die Lagermauern hinaus.

Familienangehörige, Arbeitskollegen und politische Mitstreiter erfuhren von den Verhaftungen.

Die Angst vor staatlicher Gewalt führte dazu, dass sich immer weniger Menschen offen gegen das Regime stellten.

Auf diese Weise trugen die frühen Lager entscheidend zur Absicherung der nationalsozialistischen Diktatur bei.

Auch Sachsen-Anhalt war Schauplatz früher NS-Verfolgung

Ein bedeutendes Beispiel für das frühe Konzentrationslagersystem befindet sich in Sachsen-Anhalt.

Im Schloss Lichtenburg in Prettin, heute Teil der Stadt Annaburg im Landkreis Wittenberg, richteten die Nationalsozialisten 1933 ein Konzentrationslager ein.

Die Lichtenburg zählt zu den wichtigen frühen Konzentrationslagern Deutschlands.

Zunächst wurden dort vor allem männliche politische Häftlinge festgehalten.

Später nutzte das Regime den Gebäudekomplex als Frauenkonzentrationslager.

Die Geschichte der Lichtenburg verdeutlicht, wie sich die nationalsozialistische Verfolgungspolitik im Laufe der Jahre veränderte und ausweitete.

Heute befindet sich an dem historischen Ort eine Gedenkstätte.

Sie gehört zu den Einrichtungen, die an der Wanderausstellung „Auftakt des Terrors“ mitgewirkt haben.

Damit erhält die Präsentation in Aschersleben auch einen unmittelbaren Bezug zur Geschichte Sachsen-Anhalts.

Ausstellung zeigt Schicksale von Verfolgten und Tätern

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen nicht ausschließlich politische Entscheidungen und historische Daten.

Anhand persönlicher Lebensgeschichten wird gezeigt, welche Folgen die nationalsozialistische Verfolgung für einzelne Menschen hatte.

Die Besucher erfahren, wer in die frühen Konzentrationslager eingeliefert wurde und unter welchen Bedingungen die Häftlinge leben mussten.

Auch die Rolle der Täter wird untersucht.

Die Ausstellung beschäftigt sich mit Wachmannschaften, Lagerleitungen und denjenigen, die an der Organisation der Verfolgung beteiligt waren.

Dadurch wird sichtbar, dass die Konzentrationslager nicht unabhängig von der übrigen Gesellschaft existierten.

Sie waren Teil eines Herrschaftssystems, das von staatlichen Behörden, politischen Organisationen und zahlreichen Beteiligten getragen wurde.

Die Auseinandersetzung mit einzelnen Biografien ermöglicht es, die abstrakten Strukturen des NS-Terrors anhand konkreter Lebenswege nachzuvollziehen.

Elf Themenstationen erklären die Entwicklung der Diktatur

Die Wanderausstellung besteht aus elf Themenstationen.

Sie erläutern, wie die ersten Konzentrationslager entstanden, welche Aufgaben sie erfüllten und wie sie zur Festigung der nationalsozialistischen Herrschaft beitrugen.

Auch die Unterschiede zwischen den frühen Lagern und dem später zentralisierten Konzentrationslagersystem werden deutlich gemacht.

Viele frühe Lager waren noch nicht nach einheitlichen Vorgaben organisiert.

Die Bewachung lag teilweise bei SA-Angehörigen, teilweise bei anderen staatlichen oder nationalsozialistischen Organisationen.

In den folgenden Jahren setzte eine stärkere Zentralisierung unter Führung der SS ein.

Einige frühe Lager dienten dabei als Orte, an denen spätere Strukturen und Praktiken entwickelt wurden.

Der Weg zum industriell organisierten Massenmord während des Zweiten Weltkriegs war 1933 noch nicht zwangsläufig festgelegt.

Doch die frühen Lager schufen wichtige Voraussetzungen für die weitere Radikalisierung der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik.

Gedenkstätten aus ganz Deutschland arbeiteten zusammen

Entwickelt wurde die Ausstellung von der Arbeitsgemeinschaft „Gedenkstätten an Orten früher Konzentrationslager“.

An dem Projekt beteiligten sich 17 Gedenkstätten und Erinnerungsorte aus verschiedenen Bundesländern.

Dazu gehören Einrichtungen in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Berlin und weiteren Regionen Deutschlands.

Die Wanderausstellung entstand 2023 anlässlich des 90. Jahrestages der Reichstagsbrandverordnung.

Ziel des Projekts ist es, einen Abschnitt der deutschen Geschichte stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken, der häufig im Schatten der späteren nationalsozialistischen Massenverbrechen steht.

Denn ohne die frühen Konzentrationslager lässt sich die Entstehung und Entwicklung der NS-Diktatur nur unvollständig verstehen.

Die Ausstellung wurde in mehreren Ausfertigungen produziert und kann deshalb an unterschiedlichen Orten gezeigt werden.

Aschersleben verbindet Ausstellung mit Jüdischen Kulturtagen

In Aschersleben ist die Wanderausstellung Teil der Jüdischen Kulturtage 2026.

Diese finden vom 11. Oktober bis zum 9. November statt.

Neben der Ausstellung umfasst das Programm Konzerte, Workshops, Stadtführungen, Theaterveranstaltungen und weitere Angebote zur jüdischen Geschichte und Kultur.

Die Veranstaltungsreihe soll unterschiedliche Zugänge zur Geschichte jüdischen Lebens und zur Auseinandersetzung mit Antisemitismus ermöglichen.

Dazu gehören auch Veranstaltungen, die sich ausdrücklich mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen.

Am 9. November endet die Reihe an einem historisch bedeutsamen Datum.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 organisierten die Nationalsozialisten reichsweit antisemitische Gewalttaten.

Synagogen wurden in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte zerstört und Menschen angegriffen, misshandelt oder ermordet.

Die Novemberpogrome bildeten eine weitere massive Eskalation der nationalsozialistischen Judenverfolgung.

Die zeitliche Verbindung zwischen der Ausstellung und dem Gedenken an diese Ereignisse macht die Entwicklung des NS-Terrors von seinen frühen Anfängen bis zur offenen, reichsweiten Gewalt besonders deutlich.

Führungen ermöglichen vertiefte Einblicke

Die Ausstellung ist seit dem 11. Oktober im Museum Aschersleben zu sehen.

Während des Ausstellungszeitraums bietet das Museum regelmäßig Führungen an.

Die nächsten öffentlichen Termine sind Samstag, der 31. Oktober, und Samstag, der 7. November 2026, jeweils um 14 Uhr.

Weitere Führungen können auf Anfrage vereinbart werden.

Während der Sonderausstellung ist das Museum zusätzlich montags geöffnet.

Damit erhalten auch Schulklassen, Gruppen und interessierte Besucher weitere Möglichkeiten, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Die Ausstellung richtet sich nicht ausschließlich an Menschen mit besonderen historischen Vorkenntnissen.

Durch die Verbindung von Bildern, Dokumenten, biografischen Informationen und erklärenden Texten soll ein verständlicher Zugang zur Geschichte der frühen Konzentrationslager ermöglicht werden.

Warum die Erinnerung an die ersten Lager wichtig bleibt

Mehr als 90 Jahre nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ist die Geschichte der frühen Konzentrationslager noch immer vergleichsweise wenig bekannt.

Viele Menschen verbinden die NS-Diktatur vor allem mit den Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs.

Die frühen Lager zeigen jedoch, dass die systematische Entrechtung und Verfolgung bereits unmittelbar nach der Errichtung der Diktatur begann.

Sie machen deutlich, wie schnell demokratische Rechte eingeschränkt, politische Gegner ausgeschaltet und staatliche Gewalt zum Mittel der Herrschaft werden konnten.

Die Beschäftigung mit diesen Ereignissen ist deshalb auch Teil der politischen und historischen Bildung.

Sie ermöglicht es, die Voraussetzungen und Mechanismen nationalsozialistischer Herrschaft genauer zu verstehen.

Die Ausstellung in Aschersleben leistet hierzu einen Beitrag, indem sie die frühen Opfer, die Täter und die gesellschaftlichen Zusammenhänge sichtbar macht.

Ausstellung noch bis zum 9. November geöffnet

Die Wanderausstellung „Auftakt des Terrors – Frühe Konzentrationslager im Nationalsozialismus“ ist noch bis Montag, den 9. November 2026, im Museum Aschersleben am Markt 21 zu sehen.

Sie erinnert an eine entscheidende Phase der deutschen Geschichte.

Schon 1933 wurden Konzentrationslager eingerichtet, um Menschen wegen ihrer politischen Überzeugungen und anderer vom Regime verfolgter Merkmale einzusperren und zu terrorisieren.

Was damals zunächst in zahlreichen provisorischen Lagern begann, entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem immer stärker organisierten System der Verfolgung.

Die Ausstellung macht deutlich, dass die nationalsozialistischen Verbrechen nicht erst mit dem Zweiten Weltkrieg begannen.

Die Grundlagen für die spätere Gewalt wurden bereits in den ersten Monaten der Diktatur geschaffen.

Mit der Erinnerung an diese frühen Lager rückt Aschersleben einen historischen Abschnitt in den Mittelpunkt, dessen Bedeutung weit über die Stadt und Sachsen-Anhalt hinausreicht.

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