Thomas Mann gehört zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Doch sein Verhältnis zu Deutschland war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von tiefem Misstrauen geprägt. Der Literaturnobelpreisträger sah die Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen keineswegs allein bei Adolf Hitler und dessen engsten Gefolgsleuten. Auch große Teile der deutschen Gesellschaft nahm er in die Pflicht.
Mehr als acht Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Diktatur wirft Manns Haltung noch immer grundlegende Fragen auf: Wie weit reicht die Verantwortung einer Gesellschaft für die Verbrechen ihrer Regierung? Und wie kann ein demokratischer Neuanfang gelingen, wenn die Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet ist?
Vom Verteidiger des Kaiserreichs zum Gegner Hitlers
Thomas Mann wurde 1875 in Lübeck geboren und erhielt 1929 den Nobelpreis für Literatur. Seine politische Entwicklung verlief keineswegs geradlinig.
Während des Ersten Weltkriegs verteidigte er noch nationalkonservative Positionen und das deutsche Kaiserreich. Erst in der Weimarer Republik entwickelte er sich zunehmend zu einem entschiedenen Befürworter der Demokratie.
Bereits 1930 warnte Mann öffentlich vor dem Aufstieg der Nationalsozialisten. In seinem Berliner „Appell an die Vernunft“ wandte er sich gegen die politische Radikalisierung und die Gefahren des Nationalsozialismus.
Als Hitler 1933 an die Macht kam, befand sich der Schriftsteller auf einer Auslandsreise. Er kehrte nicht nach Deutschland zurück.
1936 entzogen ihm die Nationalsozialisten die deutsche Staatsbürgerschaft. Zwei Jahre später übersiedelte Mann in die Vereinigten Staaten, wo er zu einer international wahrgenommenen Stimme des deutschen Exils wurde.
Seine Botschaft aus dem Exil: Die Deutschen tragen Verantwortung
Zwischen 1940 und 1945 wandte sich Thomas Mann in zahlreichen Rundfunkansprachen an die Bevölkerung des nationalsozialistischen Deutschlands.
Die BBC übertrug seine Reden unter dem Titel „Deutsche Hörer!“. Darin berichtete der Schriftsteller über den Krieg, kritisierte das NS-Regime und versuchte, seine Landsleute zum Widerstand gegen die Diktatur zu bewegen.
Besonders eindringlich sprach Mann über die nationalsozialistischen Verbrechen und die Ermordung der europäischen Juden.
Dabei beschränkte er seine Vorwürfe nicht auf die politische Führung. Er beschäftigte sich auch mit der Frage, welche Verantwortung jene Menschen trugen, die das Regime unterstützt, seine Politik hingenommen oder die Augen vor seinen Verbrechen verschlossen hatten.
Dass Deutschland sich nicht aus eigener Kraft vom Nationalsozialismus befreit hatte, verstärkte seine Enttäuschung.
Warum Thomas Mann nach 1945 nicht zurückkehren wollte
Mit der deutschen Kapitulation im Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Für Millionen Menschen begann eine Zeit der Zerstörung, Flucht, Vertreibung und existenziellen Not.
Thomas Mann betrachtete diese Katastrophe jedoch nicht losgelöst von ihrer Vorgeschichte.
Er wandte sich gegen die Vorstellung, die deutsche Bevölkerung könne sich insgesamt als Opfer einer kleinen nationalsozialistischen Führungsgruppe begreifen.
In seinem offenen Brief „Warum ich nicht nach Deutschland zurückgehe“ aus dem Jahr 1945 erläuterte er seine Entscheidung, nicht dauerhaft in seine Heimat zurückzukehren.
Seine Haltung löste erhebliche Kontroversen aus. Insbesondere Schriftsteller, die während der NS-Zeit in Deutschland geblieben waren und sich der sogenannten Inneren Emigration zurechneten, empfanden seine Kritik als ungerecht.
Sie verwiesen auf ihre eigenen Erfahrungen unter der Diktatur und widersprachen dem Eindruck, alle Deutschen seien gleichermaßen für die nationalsozialistischen Verbrechen verantwortlich.
Mann wiederum stellte die Frage, ob persönliche Distanz zum Regime ausreiche, um sich der gesellschaftlichen Verantwortung zu entziehen.
Die umstrittene Frage nach der Kollektivschuld
Im Zentrum der Auseinandersetzung stand die Frage nach der deutschen Kollektivschuld.
Thomas Mann vertrat nach Kriegsende die Auffassung, dass die nationalsozialistischen Verbrechen eine Verantwortung begründeten, die über die unmittelbar beteiligten Täter hinausging.
Dabei muss zwischen individueller strafrechtlicher Schuld und einer weiter gefassten politischen oder moralischen Verantwortung unterschieden werden.
Nicht jeder Deutsche war Nationalsozialist. Millionen Menschen lebten unter den Bedingungen einer Diktatur, einige leisteten Widerstand, andere wurden selbst verfolgt, entrechtet oder ermordet.
Gleichzeitig war die nationalsozialistische Herrschaft auf breite gesellschaftliche Unterstützung, staatliche Institutionen und die Mitwirkung zahlreicher Menschen angewiesen.
Manns Äußerungen spiegelten seine Überzeugung wider, dass Deutschland seine Zukunft nur durch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser Verantwortung gestalten könne.
Seine Position blieb umstritten, weil sie individuelle Unterschiede zwischen Tätern, Mitläufern, Gegnern und Opfern nicht immer ausreichend deutlich erscheinen ließ.
Ein Besuch in Frankfurt und Weimar im Jahr 1949
Obwohl Thomas Mann nach dem Krieg zunächst nicht zurückkehren wollte, besuchte er Deutschland im Sommer 1949 erstmals wieder.
Anlass waren die Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes.
Mann nahm Ehrungen sowohl in Frankfurt am Main als auch in Weimar entgegen. Damit setzte er zugleich ein Zeichen in einem Deutschland, das sich politisch zunehmend in zwei Staaten aufteilte.
In Frankfurt erhielt er den Goethepreis der Stadt. In Weimar wurde ihm der Goethe-Nationalpreis verliehen.
Seine Reise führte ihn somit durch die westlichen Besatzungszonen und die sowjetische Besatzungszone.
Mann wollte sich nicht ausschließlich von einer der beiden politischen Seiten vereinnahmen lassen. Dennoch wurde sein Besuch auf beiden Seiten unterschiedlich aufgenommen.
Während ihm in Westdeutschland auch heftige Kritik entgegenschlug, wurde sein Auftreten in Weimar von der politischen Führung der sowjetischen Besatzungszone als bedeutendes kulturelles Ereignis gewürdigt.
Kein dauerhafter Neuanfang in Deutschland
Trotz seiner Besuche entschied sich Thomas Mann gegen eine dauerhafte Rückkehr nach Deutschland.
Auch in den Vereinigten Staaten geriet der Schriftsteller zunehmend unter politischen Druck. Während der antikommunistischen Kampagnen der frühen 1950er-Jahre wurde er mit Verdächtigungen konfrontiert.
1952 verließ Mann die USA und ließ sich wieder in der Schweiz nieder.
Dort verbrachte er seine letzten Lebensjahre. Am 12. August 1955 starb er in Zürich.
Sein Verhältnis zu Deutschland blieb bis zuletzt von einer Spannung zwischen kultureller Verbundenheit, politischer Kritik und persönlicher Entfremdung bestimmt.
Eine Debatte, die über Thomas Mann hinausreicht
Die Auseinandersetzung über Thomas Manns Haltung berührt ein grundlegendes Problem der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Nach 1945 mussten die Deutschen nicht nur zerstörte Städte wiederaufbauen und politische Institutionen neu schaffen. Sie standen auch vor der Frage, wie sie mit ihrer Rolle während der nationalsozialistischen Diktatur umgehen sollten.
Während viele zunächst den eigenen Verlust und das erlittene Leid in den Mittelpunkt stellten, verlangten andere eine umfassendere Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Regimes.
Thomas Mann gehörte zu denjenigen, die eine solche Auseinandersetzung früh und nachdrücklich einforderten.
Seine Kritik wurde deshalb nicht nur als politische Stellungnahme wahrgenommen, sondern auch als Angriff auf das Selbstbild vieler Menschen im Nachkriegsdeutschland.
Heute lässt sich seine Haltung im historischen Zusammenhang betrachten: als Reaktion eines deutschen Exilschriftstellers auf die Verbrechen der NS-Diktatur und auf die Frage, wie viel gesellschaftliche Verantwortung nach deren Ende bestehen blieb.
Die Unterscheidung zwischen persönlicher Schuld und historischer Verantwortung ist dabei weiterhin entscheidend.