Berlin. Vor genau 85 Jahren begann am Bahnhof Grunewald eines der dunkelsten Kapitel der Berliner Geschichte. Am 18. Oktober 1941 deportierten die Nationalsozialisten die ersten 1.013 jüdischen Menschen aus der Hauptstadt in das Ghetto Łódź im besetzten Polen. Am heutigen Sonntag erinnerten Vertreter aus Politik, Justiz und Gesellschaft am Mahnmal Gleis 17 an die Opfer. Die Gedenkveranstaltung wurde zugleich zu einer eindringlichen Mahnung gegen Antisemitismus in der Gegenwart.
Blumen am Ort der Deportationen
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU), Bundesverfassungsgerichtspräsident Stephan Harbarth und der israelische Botschafter Ron Prosor gehörten zu den Teilnehmern der Gedenkveranstaltung. Sie legten am historischen Bahnhof Grunewald Blumen nieder.
Harbarth erinnerte an die Verantwortung, die sich aus den nationalsozialistischen Verbrechen ergibt. Der Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Gleichgültigkeit dürfe niemals nachlassen.
Besonders eindringlich fiel seine Mahnung zur heutigen Situation jüdischer Menschen in Deutschland aus. Es dürfe nicht zur Normalität werden, dass öffentliches jüdisches Leben nur unter Polizeischutz möglich sei.
Auch Israels Botschafter Ron Prosor betonte, dass die Verantwortung Deutschlands nicht mit einer jährlichen Gedenkveranstaltung erfüllt sei. Entscheidend sei, dass jüdische Menschen dauerhaft frei, sicher und ohne Angst leben könnten.
Am 18. Oktober 1941 begann die systematische Deportation
Der erste Transport vom Bahnhof Grunewald führte 1.013 jüdische Berliner nach Łódź, das die deutschen Besatzer damals Litzmannstadt nannten. Dort wurden die Menschen unter unmenschlichen Bedingungen in einem Ghetto festgehalten.
In den folgenden Jahren wurden Zehntausende weitere Menschen aus Berlin deportiert. Die Transporte führten zunächst in Ghettos und später insbesondere in nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager.
Allein vom Bahnhof Grunewald wurden etwa 10.000 jüdische Menschen verschleppt. Weitere Deportationszüge verließen die Hauptstadt vom Güterbahnhof Moabit und vom Anhalter Bahnhof. Die meisten Deportierten überlebten die nationalsozialistische Verfolgung nicht.
Heute erinnern 186 Stahlgussplatten am Gleis 17 an die Transporte. Sie dokumentieren die Daten, Bestimmungsorte und Opferzahlen und machen damit das Ausmaß der Verbrechen sichtbar.
Antisemitismus belastet die Berliner Regierungsbildung
Das Gedenken fällt in eine politisch angespannte Zeit. Nach der Abgeordnetenhauswahl vom September verhandeln Linke, SPD und Grüne über eine mögliche gemeinsame Regierung. Dabei sorgt der Umgang mit Antisemitismus innerhalb der Berliner Linken für erhebliche Auseinandersetzungen.
Besonders im Mittelpunkt steht die Linken-Abgeordnete Vanessa Emde. Sie hatte ihre umstrittene Auffassung bekräftigt, dass Staaten kein Existenzrecht hätten, sondern nur Menschen. Ihre Aufnahme in die Linksfraktion bezeichnete sie als einen kleinen Geländegewinn gegen die Staatsräson.
Diese Äußerungen lösten Kritik aus. SPD und Grüne hatten ein eindeutiges Bekenntnis gegen Antisemitismus zur Voraussetzung ihrer Zusammenarbeit gemacht. Nachdem eine Erklärung innerhalb der Linksfraktion von einer zuvor vereinbarten Fassung abgewichen war, wurden die Sondierungsgespräche zwischenzeitlich unterbrochen.
Inzwischen haben die Parteien die Gespräche fortgesetzt und eine Verständigung über die Grundlagen weiterer Verhandlungen erzielt. Die grundsätzliche politische Auseinandersetzung ist damit allerdings nicht beendet.
Israels Botschafter Prosor äußerte sich angesichts der möglichen Berliner Regierungskoalition besorgt. Er warnte davor, dass Juden- und Israelhass gesellschaftlich akzeptabel werden könnten.
Die Linke wiederum verweist auf ihr Bekenntnis zum Schutz jüdischen Lebens und zum Kampf gegen Antisemitismus. Die Kritik an der israelischen Regierungspolitik müsse von antisemitischen Einstellungen unterschieden werden.
Erinnerung darf nicht zur bloßen Zeremonie werden
Der 85. Jahrestag verdeutlicht, weshalb die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit nicht allein eine historische Aufgabe ist.
Das Verbrechen begann nicht erst mit den Deportationszügen. Vorausgegangen waren jahrelange Entrechtung, gesellschaftliche Ausgrenzung, staatlich organisierte Diskriminierung und Gewalt. Die systematische Ermordung europäischer Juden war das Ergebnis einer Politik, die Menschen schrittweise ihrer Rechte und schließlich ihres Lebens beraubte.
Gerade deshalb reicht es nicht aus, am Jahrestag Blumen niederzulegen und die Vergangenheit zu verurteilen. Politische Verantwortung zeigt sich auch darin, wie konsequent antisemitischen Bedrohungen heute entgegengetreten wird.
Am Gleis 17 erinnert jede einzelne Stahlplatte an Menschen, die aus ihrer Heimat verschleppt wurden. Ihr Schicksal bleibt eine Verpflichtung für die Gegenwart – unabhängig von politischen Mehrheiten, Koalitionsverhandlungen oder Parteigrenzen.