Im Kloster St. Marienthal bei Ostritz in der Oberlausitz arbeiten Wissenschaftler daran, ein außergewöhnliches historisches Erbe zu bewahren und zu entschlüsseln. Rund 2.700 Bände der alten Klosterbibliothek werden wissenschaftlich erschlossen. Gemeinsam untersuchen die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden und die Universitätsbibliothek Leipzig, wie die Bücher in die Sammlung gelangten und welche Verbindungen zwischen mittelalterlichen Klöstern bestanden. Einige der wertvollsten Handschriften sind rund 800 Jahre alt.

Eine historische Bibliothek aus dem Jahr 1752

Wer die Klosterbibliothek von St. Marienthal betritt, begegnet einer eindrucksvollen historischen Einrichtung.

Weiß-blaue Regale, eine umlaufende Empore und ein kunstvoll gestaltetes Deckenfresko prägen den Bibliothekssaal.

Das heutige barocke Ensemble stammt aus dem Jahr 1752.

Die darin aufbewahrten Bücher dokumentieren mehrere Jahrhunderte religiöser, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Geschichte.

Viele Werke entstanden zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert.

Doch die Geschichte der Sammlung reicht noch deutlich weiter zurück.

Gerade die mittelalterlichen Handschriften besitzen für die Forschung einen außergewöhnlichen Wert.

Freistaat Sachsen kaufte die Sammlung

Ende 2023 erwarb der Freistaat Sachsen die historische Klosterbibliothek mit Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung.

Damit sollte der Bestand als zusammenhängendes kulturelles Erbe gesichert werden.

Seitdem arbeiten Fachleute der SLUB Dresden daran, die Sammlung systematisch zu erfassen und zu katalogisieren.

Im Mittelpunkt stehen rund 2.700 Bände.

Dabei werden nicht nur Titel, Entstehungszeiten und Inhalte dokumentiert.

Die Wissenschaftler untersuchen auch die Herkunft einzelner Bücher.

Auf diese Weise wollen sie nachvollziehen, wie sich die Bibliothek über Jahrhunderte entwickelte.

Was alte Besitzvermerke verraten

Besonders aufschlussreich sind sogenannte Provenienzmerkmale.

Dazu gehören handschriftliche Einträge, Widmungen, Wappen und Exlibris.

Sie können Hinweise darauf geben, wem ein Buch ursprünglich gehörte.

Manche Werke wurden von einer Äbtissin erworben, andere gelangten durch Schenkungen oder aus aufgelösten Klöstern nach St. Marienthal.

Solche Spuren machen historische Beziehungen sichtbar.

Anhand einzelner Bücher lässt sich beispielsweise untersuchen, wie religiöse Gemeinschaften miteinander verbunden waren und auf welchen Wegen Wissen weitergegeben wurde.

Die Forschung betrachtet die Bibliothek deshalb nicht nur als Sammlung einzelner Schriften.

Sie versteht sie auch als Zeugnis eines über Jahrhunderte gewachsenen Netzwerks.

Mittelalterliche Verbindungen zwischen Sachsen und Nachbarregionen

Die Universitätsbibliothek Leipzig und die SLUB Dresden arbeiten im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojekts zusammen.

Die Förderung erfolgt durch die Carl Friedrich von Siemens Stiftung.

Untersucht werden insbesondere die Beziehungen zwischen Klöstern im mittelalterlichen Sachsen und angrenzenden Regionen.

Dabei geht es um Kontakte zwischen Männer- und Frauenklöstern, um Buchgeschenke und um die Weitergabe religiöser und wissenschaftlicher Texte.

Ein Beispiel für diese Verbindungen ist das Kapiteloffiziumsbuch des Klosters Altzelle aus dem späten 12. Jahrhundert.

Auch der reich illustrierte Marienthaler Psalter zählt zu den herausragenden Zeugnissen.

Solche Schriften dokumentieren nicht nur Glaubensvorstellungen, sondern auch künstlerische Fähigkeiten und die Entwicklung des mittelalterlichen Buchwesens.

Besonders wertvolle Handschriften werden geschützt

Nicht alle historischen Werke befinden sich heute noch im Bibliothekssaal des Klosters.

Acht mittelalterliche Handschriften werden in Leipzig aufbewahrt.

Weitere 21 frühe Drucke, sogenannte Inkunabeln, befinden sich in der SLUB Dresden.

Historische Urkunden werden im Hauptstaatsarchiv Dresden gesichert.

Grund dafür sind unter anderem die besonderen Anforderungen an die langfristige Aufbewahrung empfindlicher historischer Dokumente.

Temperatur, Luftfeuchtigkeit und sachgerechte Lagerung spielen dabei eine wichtige Rolle.

Die jüngeren Drucke bleiben dagegen überwiegend in der Bibliothek von St. Marienthal.

Damit soll auch der historische Charakter des Bibliothekssaals erhalten bleiben.

Digitalisierung macht Bücher zugänglich

Ein Teil der Bestände wird digitalisiert.

Dabei entstehen digitale Abbildungen, die wissenschaftlich ausgewertet und teilweise öffentlich zugänglich gemacht werden können.

Das erleichtert Forschern den Zugang zu historischen Quellen, ohne die empfindlichen Originale bei jeder Untersuchung erneut beanspruchen zu müssen.

Die digitale Erschließung ergänzt damit die konservatorische Sicherung der Bücher.

Sie kann außerdem Menschen außerhalb Sachsens ermöglichen, die Bestände kennenzulernen.

Ein besonderes Kulturerbe der Oberlausitz

Das Kloster St. Marienthal gehört zu den bedeutenden historischen Klosteranlagen Sachsens.

Seine Bibliothek dokumentiert die religiöse und kulturelle Entwicklung einer Region, die über Jahrhunderte mit Böhmen, Schlesien und anderen Gebieten Mitteleuropas verbunden war.

Die wissenschaftliche Untersuchung der Bücher liefert deshalb Erkenntnisse, die weit über den Klosteralltag hinausreichen.

Sie zeigt, wie Wissen im Mittelalter verbreitet wurde und welche Kontakte unterschiedliche Gemeinschaften unterhielten.

Mit der Sicherung und Erforschung des Bestands bleibt ein außergewöhnliches Zeugnis oberlausitzischer Geschichte erhalten.

Die Ergebnisse könnten künftig helfen, die kulturellen Verflechtungen zwischen den Klöstern noch genauer zu verstehen.