Ausstellung in Pirna erinnert an vergessene Bergarbeiterinnen

Mit Helm und Spitzhacke: Wie Frauen den Uranbergbau der DDR prägten

Frauen der Wismut

Von Johannes Falkenberg 4 Min. Lesezeit

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SDAG Wismut. Sprengarbeiten im Tagebau Lichtenberg bei Ronneburg, rechts im Hintergrund Schachtanlage Schmirchau, 1964.
SDAG Wismut. Sprengarbeiten im Tagebau Lichtenberg bei Ronneburg, rechts im Hintergrund Schachtanlage Schmirchau, 1964. Foto: Wismut GmbH

Pirna. Sie arbeiteten mit Maschinen, untersuchten Gesteinsproben, vermessen Bergwerke und standen teilweise selbst unter Tage. Dennoch sind die Frauen der Wismut aus der öffentlichen Erinnerung an den Uranbergbau der DDR weitgehend verschwunden. Eine neue Ausstellung in Pirna stellt ihre Geschichten in den Mittelpunkt. Unter dem bewusst provokanten Titel „Wismutweiber“ zeigt die Galerie Schöne Höhe ab dem 25. Oktober 2026, welchen Beitrag Frauen zu einem der bedeutendsten Industriezweige Ostdeutschlands leisteten.

Frauen im Schatten der Bergmänner

Wer an die Wismut denkt, hat häufig Bilder von Bergmännern vor Augen: schwere Arbeitskleidung, Schutzhelme, dunkle Schächte und harte körperliche Arbeit. Jahrzehntelang bestimmte dieses Bild die öffentliche Wahrnehmung des Uranbergbaus in Sachsen und Thüringen.

Dabei waren Frauen keineswegs nur Angehörige der Beschäftigten. Sie gehörten selbst zur Belegschaft und übernahmen wichtige Aufgaben im Betrieb. Nach Angaben aus dem Umfeld der Ausstellung waren etwa zehn Prozent der Wismut-Beschäftigten weiblich.

Sie arbeiteten als Sortiererinnen, Maschinistinnen, Laborantinnen oder Vermessungsingenieurinnen. Einzelne Frauen waren auch unmittelbar unter Tage tätig. Ihre Arbeit war Teil jener industriellen Leistung, mit der die DDR zu einem der weltweit größten Uranproduzenten aufstieg.

Zwischen 1946 und 1990 wurden bei der Wismut rund 231.000 Tonnen Uran gewonnen. Der Bergbau veränderte ganze Landschaften, schuf Arbeitsplätze und prägte das gesellschaftliche Leben zahlreicher Städte und Gemeinden.

Die Geschichten der Frauen blieben dabei häufig im Hintergrund.

90 Kunstwerke zeigen einen anderen Blick auf die Wismut

Die Ausstellung in der Galerie Schöne Höhe präsentiert 90 ausgewählte Werke aus der Kunstsammlung der Wismut. Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken dokumentieren den Arbeitsalltag und das gesellschaftliche Umfeld des Bergbaus.

Die Betreiberinnen der Galerie, darunter Sylvia Heilmann, ihre Tochter Sophia und ihre Nichte Sarah, beschäftigen sich insbesondere mit der Frage, wie Frauen in der Kunst dargestellt wurden.

Denn auch die bildende Kunst überlieferte häufig traditionelle Rollenbilder. Frauen erschienen als Ehefrauen, Mütter oder Begleiterinnen der Bergarbeiter, deutlich seltener jedoch als eigenständige Fachkräfte.

Ein Beispiel liefert das Gemälde „Schichtbus“ des Künstlers Lutz Ketscher aus dem Jahr 1986. Es zeigt erschöpfte Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Zwischen den männlichen Bergarbeitern sitzt auch eine Frau, deren Anwesenheit leicht übersehen werden kann.

Gerade solche Darstellungen erhalten in der Ausstellung eine neue Bedeutung. Sie machen deutlich, wie selbstverständlich Frauen zum Arbeitsalltag gehörten und wie wenig Beachtung ihnen dennoch zuteilwurde.

Von der Maschinistin zur Künstlerin unter Tage

Besonders eindrucksvoll sind die Porträts konkreter Frauen, die bei der Wismut tätig waren.

Dazu gehört die Maschinistin Charlotte Luga, die in zwei unterschiedlichen künstlerischen Arbeiten dargestellt wird. Eine Radierung von Frank Schult aus dem Jahr 1976 zeigt sie mit Arbeitsjacke und Schutzhelm.

Auch die Dresdner Künstlerin Eva Schulze-Knabe ist vertreten. Sie stellte sich selbst in Bergarbeiterkleidung dar, allerdings nicht mit Werkzeug, sondern mit einem Pinsel. Die Künstlerin hatte auch unter Tage gearbeitet, um den Bergbau aus eigener Anschauung künstlerisch festzuhalten.

Diese Bilder eröffnen einen anderen Zugang zur Industriegeschichte. Sie zeigen Frauen nicht ausschließlich als Beobachterinnen, sondern als Menschen, die sich aktiv mit ihrer Arbeitswelt auseinandersetzten.

Ergänzt wird die Ausstellung durch den Film „Das Glück da unten“. Darin berichten fünf Frauen über ihre Erfahrungen im Bergbau unter Tage.

Warum der Ausstellungstitel provozieren soll

Der Name „Wismutweiber“ wurde bewusst gewählt. Die Organisatorinnen greifen damit einen Begriff auf, der abwertend verstanden werden kann, und stellen ihn in einen neuen Zusammenhang.

Im Mittelpunkt stehen selbstbewusste Frauen, deren Leistungen lange nicht ausreichend gewürdigt wurden.

Die Ausstellung hinterfragt damit auch die Erinnerungskultur rund um die DDR. Welche Menschen gelten als prägend für die Geschichte eines Industriezweiges? Wer wird auf Bildern, in Büchern und Ausstellungen sichtbar? Und wessen Lebensleistungen geraten in Vergessenheit?

Die Geschichte der Wismut ist eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung Ostdeutschlands verbunden. Zugleich gehört sie zu den widersprüchlichsten Kapiteln der DDR-Industriegeschichte. Neben Arbeitsplätzen und technischen Leistungen stehen gesundheitliche Belastungen durch den Uranbergbau und bis heute andauernde Aufgaben der Umweltsanierung.

Die Perspektive der Frauen ergänzt dieses Geschichtsbild um einen lange vernachlässigten Teil.

Auch die Region Pirna war vom Uranbergbau geprägt

Die Ausstellung findet nicht zufällig in der Sächsischen Schweiz statt. In der Nähe von Pirna befand sich mit Königstein ein bedeutender Standort des Uranbergbaus.

Die Wismut war über Jahrzehnte nicht nur Arbeitgeber, sondern auch ein prägender gesellschaftlicher Faktor. Der Bergbau beeinflusste Familien, Wohnorte, Verkehrswege und das kulturelle Leben.

Mit der politischen Wende und dem Ende der Uranförderung begann ein tiefgreifender Strukturwandel. Viele Anlagen wurden stillgelegt, zahlreiche Beschäftigte mussten sich beruflich neu orientieren.

Heute wird die Geschichte der Wismut zunehmend aus unterschiedlichen Perspektiven aufgearbeitet. Die Ausstellung in Pirna trägt dazu bei, auch die Erfahrungen weiblicher Beschäftigter stärker in die öffentliche Erinnerung einzubeziehen.

Ausstellung bis Februar 2027 geöffnet

Die Ausstellung „Wismutweiber“ ist vom 25. Oktober 2026 bis zum 28. Februar 2027 in der Galerie Schöne Höhe, Burglehnstraße 13 in Pirna, zu sehen.

Die feierliche Eröffnung findet am 25. Oktober um 15 Uhr statt. Der Eintritt ist frei.

Zum Rahmenprogramm gehören weitere Veranstaltungen, darunter am 15. November eine Schreibwerkstatt mit Juliana Socher und am 22. November ein Vortrag über das ostdeutsche Uranimperium und weibliche Perspektiven auf seine Geschichte.

Die Ausstellung erinnert damit nicht nur an einen bedeutenden Industriezweig. Sie gibt jenen Frauen einen Platz in der ostdeutschen Geschichte zurück, deren Arbeit für viele Jahrzehnte selbstverständlich war, deren Geschichten aber viel zu selten erzählt wurden.

Themen: DDR-GeschichteIndustriekulturPirnaAusstellungWismutUranbergbauFrauen in der DDR

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