36 Jahre Jugendarbeit in Gefahr

Letzter DDR-Jugendverein vor dem Aus: Dem „Römer“ in Thüringen fehlen 26.000 Euro

Traditionsverein kämpft ums Überleben

Von Christian Weigand 7 Min. Lesezeit

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Der Kinder- und Jugendverein „Römer“ Zeulenroda-Triebes e.V.
Der Kinder- und Jugendverein „Römer“ Zeulenroda-Triebes e.V. Foto: „Römer“ Zeulenroda-Triebes e.V.

Ein Stück ostdeutscher Vereinsgeschichte steht vor einer ungewissen Zukunft. Dem Kinder- und Jugendverein „Römer“ in Zeulenroda-Triebes im Landkreis Greiz droht bereits im November 2026 die Insolvenz. Nach Angaben der Vereinsführung fehlen rund 26.000 Euro, um die entstandene Finanzierungslücke zu schließen. Der Verein wurde noch zu DDR-Zeiten gegründet und gilt als letzter verbliebener Jugendverein dieser Art. Rund 50 Ehrenamtliche engagieren sich für Kinder und Jugendliche. Nun ist zwischen Verein, Stadt und Landkreis ein Streit darüber entstanden, wer die finanzielle Verantwortung trägt.

Nach 36 Jahren droht die Insolvenz

Seit 1990 gibt es den Kinder- und Jugendverein „Römer“ in Zeulenroda-Triebes.

Die Organisation wurde noch in den letzten Monaten der DDR gegründet und entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer wichtigen Einrichtung der offenen Kinder- und Jugendarbeit.

Heute betreibt der Verein insgesamt vier Einrichtungen und gilt als größter Jugendverein im Landkreis Greiz.

Doch seine wirtschaftliche Situation hat sich erheblich verschlechtert.

Nach Angaben der Vereinsvorsitzenden Franziska Markert-Schwertling fehlen aktuell rund 26.000 Euro.

Ohne kurzfristige finanzielle Hilfe drohe bereits im kommenden Monat die Insolvenz, erklärte sie gegenüber MDR Thüringen.

In einem öffentlichen Brandbrief macht der Verein auf die Situation aufmerksam und appelliert an die politischen Verantwortlichen.

Steigende Kosten und unerwartete Nachzahlungen

Die finanziellen Schwierigkeiten haben mehrere Ursachen.

Nach Darstellung des Vereins sind die Personal- und Betriebskosten in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen.

Hinzu kamen Nachzahlungen für Steuern und Beiträge zur Berufsgenossenschaft.

Diese zusätzlichen Verpflichtungen hätten die ohnehin angespannte Finanzlage weiter verschärft.

Die genaue Zusammensetzung der fehlenden 26.000 Euro wurde öffentlich bislang nicht vollständig aufgeschlüsselt.

Damit lässt sich nicht abschließend beurteilen, welcher Anteil auf laufende Betriebskosten und welcher auf einmalige Nachzahlungen entfällt.

Fest steht jedoch, dass die Vereinsführung die bestehenden Einnahmen nicht mehr für ausreichend hält.

Auch selbst organisierte Veranstaltungen können nach ihren Angaben die Lücke nicht schließen.

Fünf Angestellte und 50 Ehrenamtliche betroffen

Die Arbeit des „Römer“ wird von hauptamtlichen Beschäftigten und zahlreichen freiwilligen Helfern getragen.

Nach Angaben der Vorsitzenden beschäftigt der Verein derzeit fünf Angestellte und einen Bundesfreiwilligendienstleistenden.

Hinzu kommen etwa 50 Ehrenamtliche.

Sie unterstützen die Freizeitangebote, Veranstaltungen und die Betreuung junger Menschen.

Eine Insolvenz könnte deshalb nicht nur die Arbeitsplätze der Beschäftigten gefährden.

Auch die bestehenden Angebote für Kinder und Jugendliche wären betroffen.

Welche Einrichtungen im Falle einer Insolvenz schließen müssten und ob einzelne Angebote von anderen Trägern übernommen werden könnten, ist derzeit nicht geklärt.

Größter Jugendverein im Landkreis Greiz

Der „Römer“ bietet weit mehr als einen gewöhnlichen Treffpunkt.

Zum Angebot gehören Freizeitaktivitäten, Ferienprogramme und Möglichkeiten zur sportlichen und kreativen Betätigung.

Auf dem Gelände am Römer 2 gibt es unter anderem eine Mehrzweckhalle mit Kletterwand, Räume für Billard, Tischtennis und andere Freizeitangebote sowie verschiedene Sportflächen.

Dazu kommen Veranstaltungen und gemeinsame Unternehmungen.

Auch bei persönlichen Problemen können Kinder und Jugendliche Ansprechpartner finden.

Der Verein versteht sich als parteiloser und konfessionell unabhängiger Träger offener Jugendarbeit.

In seiner Satzung nennt er unter anderem Jugendbildung, Freizeitgestaltung, Beratung und die Vertretung der Interessen junger Menschen als Aufgaben.

Damit übernimmt der „Römer“ eine soziale Funktion, die über reine Freizeitangebote hinausgeht.

100.000 Euro Förderung reichen nicht mehr

Die Stadt Zeulenroda-Triebes unterstützt den Verein jährlich mit rund 100.000 Euro.

Nach Auffassung der Vereinsführung ist dieser Betrag angesichts der gestiegenen Kosten nicht mehr ausreichend.

Die parteilose Bürgermeisterin Heike Bergmann bestätigte gegenüber dem MDR, dass der „Römer“ auch im kommenden Jahr entsprechend dem geltenden Jugendförderplan etwa 100.000 Euro erhalten soll.

Eine darüber hinausgehende dauerhafte Finanzierung ist bislang jedoch nicht beschlossen.

Im kommenden Frühjahr soll sich der Stadtrat mit einem neuen Jugendförderplan beschäftigen.

Dabei wird auch über die zukünftige Unterstützung entsprechender Einrichtungen zu beraten sein.

Für die akute Finanznot könnte diese Entscheidung allerdings zu spät kommen.

Wenn dem Verein bereits im November die Insolvenz droht, benötigt er deutlich früher eine Lösung.

Bürgermeisterin verweist auf den Stadtrat

Bürgermeisterin Bergmann erklärte, dass über mögliche kurzfristige Hilfen der Stadtrat entscheiden müsse.

Eine entsprechende Zusage liegt bislang nicht vor.

Zugleich teilte sie mit, dass ihr die im Brandbrief genannten unerwarteten Nachzahlungen für Steuern und Berufsgenossenschaft nicht bekannt gewesen seien.

Damit bestehen zwischen der Darstellung der Vereinsführung und dem Kenntnisstand der Stadtverwaltung offenbar noch offene Fragen.

Für eine Entscheidung über zusätzliche öffentliche Mittel dürfte deshalb auch eine nachvollziehbare Darstellung der finanziellen Situation erforderlich sein.

Ob ein kurzfristiger Zuschuss, eine andere Form der Unterstützung oder eine Umstrukturierung infrage kommt, wurde öffentlich noch nicht entschieden.

Landkreis Greiz weist Vorwürfe zurück

Der Verein richtet seinen Appell nicht ausschließlich an die Stadt.

Auch der Landkreis Greiz soll nach Auffassung der Verantwortlichen einen Beitrag zur Finanzierung leisten.

Im Brandbrief wird die Verantwortung des Landkreises im Rahmen der öffentlichen Jugendhilfe angesprochen.

Der Landkreis weist die Kritik allerdings zurück.

Nach seiner Darstellung wurde die Finanzierung der Jugendarbeit bereits vor Jahren neu organisiert.

Seit 2007 fördere der Landkreis insbesondere mobile Sozialraumteams, die Kinder und Jugendliche an unterschiedlichen Orten betreuen.

Eine dauerhafte Finanzierung fester Personalstellen in einzelnen Jugendclubs gehöre dagegen nicht mehr zum bisherigen Fördermodell.

Auch der „Römer“ habe früher Mittel für entsprechende Angebote erhalten.

Bei einem Auswahlverfahren im Jahr 2021 konnte sich der Verein jedoch nicht erneut durchsetzen.

Streit über ausgebliebene Zusammenarbeit

Der Landkreis erhebt noch einen weiteren Einwand.

Nach seinen Angaben habe es in der Vergangenheit Gespräche über mögliche Finanzierungshilfen und entsprechende Förderverfahren gegeben.

Dabei sei eine notwendige Mitwirkung des Vereins trotz Nachfragen teilweise ausgeblieben.

Welche konkreten Unterlagen oder Schritte betroffen waren, wird aus den bislang veröffentlichten Informationen nicht vollständig ersichtlich.

Die Darstellung des Landkreises steht damit der Forderung des Vereins nach zusätzlicher Unterstützung gegenüber.

Eine abschließende Bewertung der gegenseitigen Vorwürfe ist auf Grundlage der bekannten Angaben nicht möglich.

Für die Zukunft des Jugendvereins wird entscheidend sein, ob die Beteiligten kurzfristig eine gemeinsame Lösung finden.

Ostdeutsche Vereinsgeschichte seit 1990

Die Geschichte des „Römer“ reicht in eine besondere Phase der deutschen Geschichte zurück.

Als der Verein 1990 gegründet wurde, befand sich die DDR bereits im politischen und gesellschaftlichen Umbruch.

In dieser Zeit entstanden neue Initiativen, während zahlreiche staatliche Einrichtungen ihre bisherigen Strukturen verloren.

Der „Römer“ entwickelte sich zu einem eigenständigen Verein, der sich über die folgenden Jahrzehnte behaupten konnte.

Damit gehört er zu den Beispielen einer ostdeutschen Vereinskultur, die den Übergang von der DDR zur Bundesrepublik überdauerte.

Seine Geschichte zeigt zugleich, welche Bedeutung bürgerschaftliches Engagement für die Entwicklung lokaler Angebote besitzt.

Dass ausgerechnet ein solcher Verein heute um seine Existenz kämpfen muss, verleiht dem Fall eine besondere gesellschaftliche Dimension.

Was würde eine Schließung für Jugendliche bedeuten?

Sollte der „Römer“ seine Arbeit einstellen müssen, würden bestehende Freizeit- und Betreuungsangebote wegfallen.

Gerade in kleineren Städten und ländlich geprägten Regionen können solche Einrichtungen eine wichtige Rolle spielen.

Sie bieten jungen Menschen Möglichkeiten, sich außerhalb von Schule und Familie zu treffen.

Zudem schaffen sie Raum für eigenständige Aktivitäten, sportliche Angebote und gemeinschaftliche Projekte.

Für Familien stellen Jugendclubs teilweise eine wichtige Ergänzung zu anderen Betreuungs- und Freizeitmöglichkeiten dar.

Eine Schließung könnte deshalb auch Auswirkungen auf das soziale Leben in Zeulenroda-Triebes haben.

Wie viele Kinder und Jugendliche die Einrichtungen regelmäßig nutzen, wurde in der aktuellen Berichterstattung nicht beziffert.

Herbstfest zeigt das Engagement des Vereins

Trotz der angespannten finanziellen Situation organisierte der „Römer“ für Samstag, 24. Oktober, ein öffentliches Herbstfest.

Auf dem Programm standen unter anderem Musik, Bastelangebote und Unterhaltung für Familien.

Auch eine Ballonshow sowie Angebote für Kinder waren angekündigt.

Der Eintritt sollte kostenlos sein.

Die Veranstaltung verdeutlicht, welche Rolle der Verein weiterhin im gesellschaftlichen Leben der Stadt spielen möchte.

Ob das Herbstfest zusätzliche finanzielle Mittel für den laufenden Betrieb einbringen konnte, ist bislang nicht bekannt.

An der grundsätzlichen Finanzierungslücke ändert die Veranstaltung zunächst nichts.

Wer trägt die Verantwortung für die Jugendarbeit?

Der Konflikt um den „Römer“ berührt eine grundsätzliche Frage kommunaler Sozialpolitik.

Wie sollen langfristig gewachsene Einrichtungen finanziert werden, wenn ihre Kosten steigen und öffentliche Haushalte nur begrenzte Mittel bereitstellen?

Der Verein verweist auf die Bedeutung seiner Arbeit und fordert eine verlässliche Finanzierung.

Die Stadt sichert bislang den bisherigen jährlichen Zuschuss zu, verweist bei zusätzlichen Hilfen aber auf die Entscheidung des Stadtrates.

Der Landkreis wiederum betont seine bestehende Förderstruktur und weist die Kritik an seiner Finanzierungsverantwortung zurück.

Damit ist die Situation nicht allein eine Frage fehlender Spendengelder.

Es geht auch um die zukünftige Organisation und Finanzierung offener Jugendarbeit im Landkreis Greiz.

Entscheidung könnte bereits im November fallen

Für die Beschäftigten, Ehrenamtlichen und Besucher des Vereins beginnt eine entscheidende Phase.

Die Finanzlücke von rund 26.000 Euro muss nach Angaben der Vereinsführung kurzfristig geschlossen werden, damit eine Insolvenz verhindert werden kann.

Ob zusätzliche öffentliche Mittel, Spenden oder andere Maßnahmen ausreichen könnten, ist offen.

Auch ist bislang nicht bekannt, ob bereits eine verbindliche Rettungsvereinbarung zwischen Verein und Verwaltung vorbereitet wird.

Die kommenden Wochen werden deshalb über die weitere Zukunft des „Römer“ entscheiden.

Nach 36 Jahren steht nicht nur ein einzelner Jugendclub auf dem Spiel, sondern eine gewachsene Einrichtung, die seit den letzten Monaten der DDR zum gesellschaftlichen Leben in Zeulenroda-Triebes gehört.

Ob sie erhalten bleibt, hängt nun davon ab, ob sich Verein, Stadt und Landkreis rechtzeitig auf einen tragfähigen Weg verständigen können.

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