Thüringen fordert vom Bund deutlich mehr Engagement beim Ausbau des Schienenverkehrs und bei der Einführung autonomer Fahrzeuge. Auf der Verkehrsministerkonferenz am 21. und 22. Oktober 2026 in Hohenschwangau drängte Infrastrukturminister Steffen Schütz auf eine langfristige Finanzierung wichtiger Bahnprojekte und bessere Voraussetzungen für selbstfahrende Verkehrsmittel. Besonders ländliche Regionen könnten davon profitieren. Gleichzeitig warnt das Land vor möglichen Kürzungen im Regionalverkehr.
Thüringen will autonomes Fahren in den Alltag bringen
Autonom fahrende Fahrzeuge könnten nach Auffassung der Thüringer Landesregierung künftig eine wichtige Rolle im öffentlichen Personennahverkehr übernehmen. Besonders in dünn besiedelten Regionen könnten selbstfahrende Busse und andere Verkehrsmittel bestehende Angebote ergänzen.
Auf der Verkehrsministerkonferenz sprach sich Thüringen deshalb dafür aus, die Entwicklung autonomer Mobilität stärker zu fördern.
Bislang stehen vor allem einzelne Forschungs- und Pilotprojekte im Mittelpunkt. Nach den Vorstellungen des Landes soll daraus schrittweise ein regulärer, wirtschaftlich tragfähiger Betrieb entstehen.
„Autonomes Fahren bietet gerade für ländliche Regionen große Chancen. Es kann den öffentlichen Verkehr ergänzen, die Erreichbarkeit verbessern und helfen, dem zunehmenden Fahrpersonalmangel zu begegnen“, erklärte Infrastrukturminister Steffen Schütz.
Dafür müssten Bund, Länder, Kommunen und Verkehrsunternehmen enger zusammenarbeiten.
14 Millionen Euro Fördermittel reichen nach Ansicht des Landes nicht
Kritik übt Thüringen am bisherigen Förderprogramm des Bundes.
Für die Beschaffung und technische Ausrüstung autonomer Fahrzeuge sind bislang Fördermittel von bis zu 14 Millionen Euro vorgesehen.
Nach Einschätzung des Freistaats reicht dieses Volumen nicht aus, um größere Modellregionen aufzubauen und einen dauerhaften Betrieb zu ermöglichen.
Zudem konzentriere sich die Förderung zu stark auf die Fahrzeuge selbst.
Für einen funktionierenden autonomen Nahverkehr werden jedoch zusätzliche technische und organisatorische Voraussetzungen benötigt.
Dazu gehören digitale Infrastruktur, Leitstellen, technische Überwachungssysteme und die Einbindung selbstfahrender Fahrzeuge in bestehende Verkehrsangebote.
Auch die ersten Betriebsphasen müssten finanziell abgesichert werden.
Thüringen fordert deshalb eine längerfristige Finanzierungsperspektive und einen regelmäßigen Austausch zwischen Bund und Ländern.
Der Freistaat arbeitet bereits gemeinsam mit Partnern an einer eigenen Modellregion für autonomes und vernetztes Fahren.
Dabei sollen Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Verkehrsbetreiber und Infrastrukturprojekte miteinander verbunden werden.
Nur 30 Prozent des Thüringer Schienennetzes elektrifiziert
Neben der Zukunft autonomer Fahrzeuge steht insbesondere der Zustand des Schienennetzes im Mittelpunkt der Forderungen.
Thüringen sieht bei der Modernisierung seiner Bahnstrecken erheblichen Nachholbedarf.
Nach Angaben des Infrastrukturministeriums sind lediglich rund 30 Prozent des Schienennetzes im Freistaat elektrifiziert.
Damit ist Thüringen bei der Umstellung des Bahnverkehrs auf elektrische Antriebe weiterhin auf zahlreiche nicht elektrifizierte Strecken angewiesen.
Auch beim Zustand der Personenbahnhöfe besteht erheblicher Verbesserungsbedarf.
Im bundesweiten Vergleich liegt Thüringen nach Darstellung des Ministeriums bei der Qualität seiner Bahnhöfe auf dem vorletzten Platz.
Aus Sicht der Landesregierung müssen deshalb nicht nur große Fernverkehrsprojekte, sondern auch regionale Bahnstrecken und Bahnhöfe stärker berücksichtigt werden.
Wichtige Bahnstrecken sollen modernisiert werden
Besondere Bedeutung misst Thüringen mehreren konkreten Infrastrukturvorhaben bei.
Dazu gehört die Mitte-Deutschland-Verbindung, die für die überregionale Bahnanbindung des Freistaats eine wichtige Rolle spielt.
Auch die Strecke zwischen Erfurt und Nordhausen soll weiterentwickelt werden.
Darüber hinaus setzt sich das Land für die Elektrifizierung der Verbindung Gerstungen–Heimboldshausen und die Modernisierung der Bahnknoten Erfurt und Altenburg ein.
Weitere wichtige Projekte betreffen die Verbindung Gera–Zeitz–Leipzig sowie den Ausbau und die Elektrifizierung der Strecke Gotha–Leinefelde.
Auch die Bahnverbindung Eisenach–Meiningen soll langfristig gesichert werden.
Damit betreffen die Forderungen nicht nur Thüringen selbst, sondern auch wichtige Verkehrsverbindungen nach Sachsen und Sachsen-Anhalt.
Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken bleibt Thema
Neben dem Ausbau bestehender Verbindungen will Thüringen auch die mögliche Wiederinbetriebnahme stillgelegter Bahnstrecken prüfen.
Genannt werden insbesondere die Ohratalbahn und die Werrabahn.
Solche Projekte könnten dazu beitragen, bislang schlechter angebundene Regionen wieder besser in das Schienennetz einzubinden.
Ob und wann entsprechende Strecken tatsächlich reaktiviert werden können, hängt allerdings von weiteren Untersuchungen, der Finanzierung und den notwendigen Genehmigungsverfahren ab.
Die Landesregierung fordert, solche Vorhaben bei der langfristigen Bundesplanung stärker zu berücksichtigen.
Auch die Modernisierung und Barrierefreiheit bestehender Bahnhöfe soll fortgesetzt werden.
Zielnetz 2035: Freistaat kritisiert fehlende Finanzierung
Ein weiterer Schwerpunkt der Verkehrsministerkonferenz war die Weiterentwicklung des sogenannten Zielnetzes 2035.
Dabei geht es um die langfristige Planung und Modernisierung der deutschen Schieneninfrastruktur.
Thüringen kritisiert, dass die bislang vorgelegten Maßnahmen nicht ausreichen und eine nachvollziehbare Finanzierungsperspektive fehlt.
Aus Sicht des Freistaats muss der Bund deutlicher festlegen, welche Infrastrukturziele bis 2035 erreicht werden sollen und welche finanziellen Mittel dafür zur Verfügung stehen.
Dabei dürfe sich die Planung nicht ausschließlich auf große und besonders öffentlichkeitswirksame Bauprojekte konzentrieren.
„Wir brauchen deshalb eine Planung, die nicht nur einzelne Großprojekte betrachtet, sondern das gesamte Netz, die Bahnhöfe und die Anbindung unserer Regionen in den Blick nimmt“, erklärte Schütz.
Die Finanzierung der bundeseigenen Schieneninfrastruktur könne nicht allein den Ländern überlassen werden.
Länder warnen vor Kürzungen im Regionalverkehr
Besonders dringlich ist nach Ansicht der Verkehrsminister die Finanzierung des Schienenpersonennahverkehrs.
Die Bundesländer erhalten vom Bund sogenannte Regionalisierungsmittel, mit denen sie unter anderem Zugverbindungen im Regionalverkehr bestellen und finanzieren.
Allerdings sind die Kosten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.
Zu den Gründen gehören höhere Trassenpreise, die Inflation und zusätzliche Betriebsausgaben.
Thüringen und die anderen Bundesländer kritisieren, dass die bislang vorgesehenen Finanzmittel nicht ausreichen.
Sollte sich daran nichts ändern, könnten einzelne Zugangebote reduziert oder vollständig abbestellt werden.
Für Fahrgäste wäre dies besonders in ländlichen Regionen problematisch, in denen öffentliche Verkehrsverbindungen ohnehin häufig begrenzt sind.
Infrastrukturminister Schütz fordert deshalb eine verlässliche finanzielle Ausstattung des Regionalverkehrs.
„Wenn auf sanierten Strecken keine Züge mehr fahren können, wäre das sinnbefreit“, erklärte er.
Verkehrsminister fordert langfristige Zusagen vom Bund
Mit seinen Forderungen verfolgt Thüringen zwei Ziele: Einerseits sollen neue Technologien wie autonomes Fahren schneller in den öffentlichen Verkehr integriert werden. Andererseits müssen bestehende Bahnverbindungen erhalten und modernisiert werden.
Gerade für ländliche Regionen sieht die Landesregierung darin eine Voraussetzung für gleichwertige Lebensverhältnisse und wirtschaftliche Entwicklung.
Die Verkehrsministerkonferenz hat die entsprechenden Fragen auf die Tagesordnung gesetzt. Konkrete Finanzierungszusagen für die von Thüringen genannten Bahnprojekte ergeben sich daraus jedoch noch nicht.
Entscheidend wird deshalb sein, ob der Bund in den kommenden Haushalts- und Infrastrukturplanungen zusätzliche Mittel bereitstellt.
Für Thüringens Bahnreisende und die Menschen in kleineren Städten und Gemeinden geht es dabei um eine grundlegende Frage: Wie zuverlässig und erreichbar wird der öffentliche Verkehr in den kommenden Jahren sein?