Tanzpremiere in Schwerin

Goethes Faust als Ballett: Mecklenburgisches Staatstheater feiert Premiere von „Walpurgisnacht: Das Erwachen“

Goethes Faust neu interpretiert

Von Pressemitteilung 6 Min. Lesezeit

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Das Ballett-Ensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters bei einer Inszenierung. Am 30. Oktober 2026 feiert „Walpurgisnacht: Das Erwachen“ von Ana Isabel Casquilho im Theaterzelt am Küchengarten in Schwerin Premiere.
Das Ballett-Ensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters bei einer Inszenierung. Am 30. Oktober 2026 feiert „Walpurgisnacht: Das Erwachen“ von Ana Isabel Casquilho im Theaterzelt am Küchengarten in Schwerin Premiere. Foto: Silke Winkler

Goethes „Faust“ gehört zu den bedeutendsten Werken der deutschen Literatur. Jetzt bringt das Mecklenburgische Staatstheater den berühmten Stoff in einer ungewöhnlichen Form auf die Bühne. Am Freitag, 30. Oktober 2026, feiert das Ballett „Walpurgisnacht: Das Erwachen“ im Theaterzelt am Küchengarten in Schwerin Premiere. Die portugiesische Choreografin Ana Isabel Casquilho verbindet klassische Musik von Charles Gounod mit neuen Kompositionen von David Nigro. Im Mittelpunkt steht ein Faust, der unter dem Leistungsdruck der modernen Gesellschaft zunehmend den Kontakt zu sich selbst verliert.

Goethes Faust wird zur modernen Tanzgeschichte

Johann Wolfgang von Goethes „Faust“ beschäftigt sich mit grundlegenden Fragen des menschlichen Lebens.

Was treibt Menschen an? Wo liegen die Grenzen des eigenen Strebens? Und welchen Preis hat der Versuch, immer mehr erreichen zu wollen?

Diese Fragen stehen auch im Mittelpunkt der neuen Ballettproduktion des Mecklenburgischen Staatstheaters.

Choreografin Ana Isabel Casquilho hat sich vorgenommen, den literarischen Stoff in eine zeitgenössische Bewegungssprache zu übertragen.

Anders als bei einer klassischen Schauspielinszenierung werden die Konflikte der Figuren nicht hauptsächlich durch gesprochene Dialoge dargestellt.

Körperliche Bewegung, Musik, Licht und Bühnenbilder übernehmen die Aufgabe, innere Zustände und zwischenmenschliche Beziehungen sichtbar zu machen.

Damit entsteht eine Interpretation, die Goethes Geschichte aus der Perspektive des modernen Menschen betrachtet.

Faust zwischen Leistungsdruck und innerer Leere

Im Zentrum der Handlung steht ein Mensch, der von den Anforderungen seiner Umgebung bestimmt wird.

Casquilhos Faust lebt in einer Welt, die immer schneller werden soll.

Produktivität, Effizienz und ständige Leistungsbereitschaft prägen seinen Alltag.

Obwohl er nach außen funktioniert, verliert er zunehmend das Gefühl für seine eigenen Bedürfnisse.

Die neue Inszenierung stellt damit Fragen, die weit über den literarischen Ursprung hinausreichen.

Wie viel Leistung kann ein Mensch dauerhaft erbringen? Was geschieht, wenn persönliche Beziehungen hinter beruflichen und gesellschaftlichen Erwartungen zurücktreten?

Und wie lässt sich in einer von Geschwindigkeit bestimmten Welt noch Raum für Nähe und Selbstbestimmung finden?

Das Ballett übersetzt diese Konflikte in körperliche Bewegungen und choreografische Abläufe.

Eine Reise in die eigene Gedankenwelt

Die Inszenierung führt Faust auf eine psychologische Reise.

Dabei gerät die Hauptfigur zunehmend in eine traumartige Welt.

Die Walpurgisnacht erscheint nicht nur als Versammlung fantastischer Gestalten, sondern als Ausdruck innerer Konflikte.

Identitäten beginnen zu verschwimmen.

Kontrolle und klare Regeln verlieren ihre Bedeutung.

Stattdessen treten Instinkte und unbewusste Wünsche in den Vordergrund.

Die Menschen um Faust bewegen sich wie Zahnräder eines großen Systems.

Ihre Bewegungen stehen sinnbildlich für eine Gesellschaft, in der individuelle Bedürfnisse hinter vorgegebenen Abläufen zurücktreten.

Auf diese Weise verbindet Casquilho die literarische Vorlage mit einer zeitgenössischen Betrachtung von Entfremdung und Selbstverlust.

Margarete bringt die Zeit zum Stillstand

Eine besondere Bedeutung erhält die Figur der Margarete.

Während Faust in seiner Umgebung immer stärker unter Druck gerät, verändert ihr Erscheinen die Atmosphäre.

Die Bewegungen werden ruhiger.

Das hohe Tempo der vorherigen Szenen weicht Momenten menschlicher Nähe.

Margarete steht in dieser Interpretation für die Möglichkeit, aus dem Kreislauf ständiger Anforderungen auszubrechen.

Sie eröffnet Faust eine andere Perspektive auf sein Leben.

Statt Leistung und äußerem Erfolg rücken persönliche Begegnungen und emotionale Verbundenheit in den Mittelpunkt.

Doch diese Entwicklung bleibt nicht ohne Widerstand.

Mephisto greift in das Geschehen ein und bringt neue Konflikte hervor.

Damit bleibt die grundlegende Spannung zwischen menschlichen Sehnsüchten und zerstörerischen Versuchungen erhalten.

Musik von Charles Gounod und David Nigro

Auch musikalisch verbindet die Produktion historische Vorbilder mit neuen Ausdrucksformen.

Eine wichtige Grundlage bildet die Musik des französischen Komponisten Charles Gounod.

Seine Oper „Faust“ wurde 1859 in Paris uraufgeführt und gehört zu den bekanntesten musikalischen Bearbeitungen des Goethe-Stoffes.

Casquilhos Ballett greift diese musikalische Tradition auf.

Ergänzt wird sie durch eigene Kompositionen von David Nigro.

Die Verbindung unterschiedlicher musikalischer Epochen soll die Spannung zwischen der historischen Vorlage und ihrer modernen Interpretation unterstützen.

Während Gounods Musik auf die lange Rezeptionsgeschichte des Faust-Stoffes verweist, eröffnet die neue Komposition zusätzliche Möglichkeiten für die choreografische Gestaltung.

Ana Isabel Casquilho verantwortet auch Bühne und Licht

Die künstlerische Gestaltung liegt in wesentlichen Bereichen bei Ana Isabel Casquilho.

Neben der Choreografie übernimmt sie auch das Bühnen- und Lichtkonzept.

Dadurch können Bewegung, Raum und Beleuchtung eng aufeinander abgestimmt werden.

Gerade bei einer Inszenierung, die weitgehend ohne gesprochene Sprache arbeitet, erhalten diese Elemente eine besondere Bedeutung.

Licht kann Stimmungen verändern, Räume öffnen oder begrenzen und den Blick auf einzelne Figuren lenken.

Auch die Bühnenanordnung unterstützt die Darstellung der psychologischen Entwicklung Fausts.

Für die Kostüme ist Willem Houck verantwortlich.

Die choreografische Assistenz übernimmt Matteo Andrioli.

Internationales Ensemble auf der Bühne

An der neuen Produktion ist das Ballett-Ensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters beteiligt.

Zur angekündigten Besetzung gehören Matteo Thiele, Inés Esteve, David Cristobal Serrano Castillo, Julia Acedo Nikolas, Raùl Fereira Fernàndez, Romane Foussard, Larissa Gomes, Alina Gross, Eiya Ishikawa, Eliza Kalcheva, Klaudie Lakomá, Julio Morel und D. Guido Sarnataro.

Die Tänzerinnen und Tänzer übernehmen die Aufgabe, Goethes literarische Figuren und die inneren Konflikte der Handlung allein durch ihre körperliche Ausdruckskraft darzustellen.

Dabei spielt das Zusammenspiel des gesamten Ensembles eine wichtige Rolle.

Besonders die Szenen der Walpurgisnacht verlangen nach einer choreografischen Gestaltung, bei der individuelle Bewegungen und kollektive Abläufe ineinandergreifen.

Warum Goethes Faust bis heute aktuell ist

Goethes „Faust“ entstand über einen langen Zeitraum und beschäftigt sich mit Fragen, die bis heute ihre Bedeutung behalten haben.

Die Hauptfigur strebt nach Wissen, Erfahrung und einem Leben ohne Grenzen.

Doch ihre Suche führt sie immer wieder in moralische Konflikte.

In der neuen Schweriner Inszenierung wird dieses Streben auf die moderne Leistungsgesellschaft übertragen.

Der Wunsch nach immer größerer Produktivität ersetzt dabei teilweise die klassische Suche nach Erkenntnis und Erfüllung.

Die Frage nach dem Sinn menschlichen Handelns bleibt jedoch bestehen.

Gerade darin liegt der Ansatz der neuen Produktion.

Sie soll zeigen, dass ein mehr als 200 Jahre alter Stoff auch ohne seine ursprüngliche Sprache unmittelbar verständliche Themen behandeln kann.

Ballett erzählt Geschichten ohne Worte

Das Mecklenburgische Staatstheater setzt mit „Walpurgisnacht: Das Erwachen“ auf die besondere Ausdruckskraft des Tanzes.

Während Literatur Gedanken durch Worte vermittelt, muss eine Ballettproduktion Gefühle und Konflikte in Bewegung übersetzen.

Diese Form der Darstellung kann sprachliche Grenzen überwinden.

Die Zuschauer müssen nicht jede einzelne literarische Anspielung erkennen, um die grundlegenden Spannungen zwischen Leistungsdruck, Sehnsucht und persönlicher Freiheit nachvollziehen zu können.

Zugleich eröffnet die Inszenierung Menschen, die Goethes „Faust“ bereits kennen, eine neue Perspektive auf das Werk.

Die choreografische Bearbeitung versteht sich damit nicht als bloße Illustration der Vorlage, sondern als eigenständige künstlerische Interpretation.

Premiere am 30. Oktober im Theaterzelt

Die Premiere von „Walpurgisnacht: Das Erwachen“ findet am Freitag, 30. Oktober 2026, statt.

Beginn ist um 19 Uhr im Theaterzelt am Küchengarten in Schwerin.

Das Mecklenburgische Staatstheater präsentiert damit eine neue Ballettproduktion, die klassische deutsche Literatur, französische Opernmusik und zeitgenössischen Tanz miteinander verbindet.

Mit Ana Isabel Casquilhos Interpretation erhält Goethes „Faust“ eine moderne Perspektive auf die Frage, wie Menschen unter den Erwartungen ihrer Umgebung leben und welche Bedeutung persönliche Freiheit und menschliche Nähe besitzen.

Die Schweriner Premiere soll zeigen, wie sich diese Themen allein durch Tanz, Musik und Bewegung erzählen lassen.

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