Spremberg. Zwei aus dem Gehweg gerissene Stolpersteine, die an das Schicksal eines während der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgten Ehepaares erinnern, sind nach ihrem Diebstahl wieder an ihren ursprünglichen Platz zurückgekehrt. Am Donnerstag, 15. Oktober 2026, wurden die Gedenksteine für Nathan und Ellen Bernfeld in der Pfortenstraße in Spremberg/Grodk erneut verlegt. Zahlreiche Einwohner, darunter Grundschüler und Gymnasiasten, nahmen an der Zeremonie teil. Die Steine waren am 22. August von bislang unbekannten Tätern entwendet worden.
Für Bürgermeisterin Christine Herntier stand außer Frage, dass die Gedenksteine ersetzt werden müssen. Die jeweils zehn mal zehn Zentimeter großen Betonwürfel mit ihren Messingplatten erinnern an zwei Menschen, die während der NS-Zeit Verfolgung und Repressalien erlitten und nach Kriegsende am Wiederaufbau Sprembergs beteiligt waren.
Unbekannte rissen Stolpersteine aus dem Gehweg
Der Diebstahl im August hatte die Erinnerungsarbeit in Spremberg unmittelbar getroffen.
Unbekannte entfernten die beiden Stolpersteine aus dem Gehweg der Pfortenstraße. Dort waren sie am 4. Oktober 2023 durch den Künstler Gunter Demnig persönlich verlegt worden.
Die Steine tragen die Namen und biografischen Angaben von Nathan und Ellen Bernfeld. Sie markieren einen Ort, der eng mit der Lebensgeschichte des Ehepaares verbunden ist.
Anders als große Denkmäler befinden sich Stolpersteine unmittelbar im öffentlichen Straßenraum. Sie erinnern dort an Menschen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt, entrechtet, deportiert oder ermordet wurden.
Die Entfernung der Gedenksteine bedeutete damit auch eine sichtbare Unterbrechung dieser Erinnerung.
Mit der Neuverlegung ist der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt worden.
Schüler begleiten die feierliche Neuverlegung
An der Zeremonie beteiligten sich zahlreiche Menschen aus Spremberg.
Besonders bemerkenswert war die Anwesenheit von Grundschülern und Gymnasiasten, die die erneute Verlegung der Steine verfolgten.
Damit wurde die Veranstaltung zugleich zu einem Anlass, sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Stadt auseinanderzusetzen.
Die Initiative für die Stolpersteine in Spremberg geht maßgeblich auf die Arbeitsgemeinschaft Spurensuche der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Perle der Lausitz zurück.
Die Mitglieder beschäftigen sich mit historischen Lebensgeschichten und tragen dazu bei, die Erinnerung an Verfolgte des Nationalsozialismus im öffentlichen Raum sichtbar zu machen.
Auch Regine Branzke von der Arbeitsgemeinschaft nahm an der Neuverlegung teil.
Gemeinsam mit Bürgermeisterin Christine Herntier zeigte sie sich erfreut darüber, dass die beiden Gedenksteine wieder an ihrem ursprünglichen Standort liegen.
Damit gibt es in Spremberg nun wieder insgesamt 18 Stolpersteine.
Nathan Bernfeld prägte die Textilindustrie
Die Geschichte des Ehepaares ist eng mit der industriellen Entwicklung Sprembergs verbunden.
Nathan Bernfeld wurde am 17. Mai 1872 in Swittawka bei Brünn geboren. Seine Eltern waren Jakob und Katharina Bernfeld.
Seine berufliche Laufbahn begann mit einer Ausbildung in einer Tuchfabrik von Moses Löw-Beer.
Später wurde er in eine Fabrik desselben Unternehmers nach Sagan versetzt. Im weiteren Verlauf seiner Karriere übernahm er die Leitung der Vereinigten Märkischen Tuchfabriken in Luckenwalde.
Im Jahr 1925 zog Bernfeld nach Spremberg.
Als tschechoslowakischer Staatsbürger war er dort als Fabrikdirektor tätig, unter anderem bei der jüdischen Textilfabrik Schnabl und dem Unternehmen Michelsohn & Ascher.
Die Textilindustrie gehörte damals zu den bedeutenden Wirtschaftsbereichen der Stadt.
Bernfeld übernahm damit wichtige Aufgaben in einer Branche, die Sprembergs wirtschaftliche Entwicklung über Jahrzehnte prägte.
Nationalsozialisten zerstörten seine berufliche Existenz
Mit der nationalsozialistischen Herrschaft verschlechterte sich die Situation für Nathan Bernfeld zunehmend.
Aufgrund seiner jüdischen Herkunft war er von den antisemitischen Maßnahmen des Regimes betroffen.
In den Jahren 1937 und 1938 unternahm Bernfeld mehrere Geschäftsreisen in die Schweiz. Diese Möglichkeiten nutzte er jedoch nicht, um Deutschland dauerhaft zu verlassen.
Nach den Novemberpogromen 1938 wurde ihm der Zugang zu den Textilfabriken verwehrt.
Damit verlor er die Möglichkeit, seine bisherige berufliche Tätigkeit fortzusetzen.
Später wurde ihm auch seine tschechoslowakische Staatsangehörigkeit entzogen. Als staatenloser Jude wurde er in Spremberg zu Arbeit unter Aufsicht gezwungen.
Diese Maßnahmen waren Teil der systematischen Entrechtung und Verfolgung jüdischer Menschen durch das nationalsozialistische Regime.
Ellen Bernfeld blieb trotz Verfolgung an seiner Seite
Nathan Bernfeld hatte am 19. März 1932 Ellen Hanisch geheiratet.
Sie wurde am 16. Januar 1898 in Luckenwalde geboren und war vor ihrer Eheschließung im Geschäft ihrer Eltern tätig gewesen.
Nach der Hochzeit zog sie zu ihrem Mann nach Spremberg.
Auch für Ellen Bernfeld veränderte sich das Leben durch die nationalsozialistische Verfolgung grundlegend.
Da sie nach der rassistischen Einordnung des NS-Regimes als nichtjüdisch galt, wurde ihre Ehe mit Nathan Bernfeld von den Nationalsozialisten als sogenannte Mischehe behandelt.
Nach den Novemberpogromen 1938 war sie deshalb ebenfalls Schikanen und Benachteiligungen ausgesetzt.
Trotz des erheblichen Drucks ließ sie sich nicht von ihrem Mann scheiden.
Das Ehepaar zog schließlich in eine Wohnung des Tuchmachers Heinze in der Pfortenstraße.
An diesem Ort erinnern heute die beiden Stolpersteine an ihr gemeinsames Schicksal.
Nathan Bernfeld wurde 1945 nach Berlin verschleppt
In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs verschärfte sich die Verfolgung noch einmal.
Im Januar oder Februar 1945 wurde Nathan Bernfeld verhaftet und nach Berlin gebracht.
Dort musste er sich im Sammellager Schulstraße 78 aufhalten.
Diese Einrichtung gehörte zu den Berliner Sammellagern, in denen jüdische Menschen vor ihrer Deportation in nationalsozialistische Vernichtungslager festgehalten wurden.
Zu einer weiteren Deportation Nathan Bernfelds kam es nicht mehr.
Er überlebte die nationalsozialistische Herrschaft und konnte nach Spremberg zurückkehren.
Seine Frau Ellen wurde während seiner Verschleppung zur Zwangsarbeit verpflichtet.
Damit traf die Verfolgung beide Ehepartner unmittelbar, wenn auch unter unterschiedlichen rechtlichen und persönlichen Bedingungen.
Nach dem Krieg half Bernfeld beim Wiederaufbau
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Nathan Bernfeld in die Spremberger Textilindustrie zurück.
Er beteiligte sich maßgeblich am Aufbau des Textilwerkes Spremberg und übernahm dessen Leitung.
Bis zu seinem Tod blieb er als Werkdirektor tätig.
Nathan Bernfeld starb am 19. Januar 1950.
Seine Frau Ellen lebte weiterhin in Spremberg. Sie starb am 13. Februar 1955.
Die Lebensgeschichte des Ehepaares verbindet damit mehrere historische Entwicklungen: die Blüte der regionalen Textilindustrie, die nationalsozialistische Verfolgung und den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach dem Krieg.
Gerade diese Verbindung macht die Erinnerung an Nathan und Ellen Bernfeld für die Stadtgeschichte besonders bedeutsam.
Stolpersteine machen persönliche Schicksale sichtbar
Das europaweite Stolpersteinprojekt wurde vom Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufen.
Die kleinen Gedenksteine werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnorten von Menschen verlegt, die durch das nationalsozialistische Regime verfolgt wurden.
Sie erinnern nicht an anonyme Opferzahlen, sondern an individuelle Lebensgeschichten.
Jeder Stein trägt den Namen eines Menschen und macht damit einen Teil seiner Biografie im öffentlichen Raum sichtbar.
Die Erinnerung erfolgt bewusst an alltäglichen Orten: auf Gehwegen, vor Wohnhäusern und an Straßen, die Menschen täglich benutzen.
Auch in Spremberg ist dieses Konzept zu einem Bestandteil der lokalen Gedenkkultur geworden.
Die 18 Stolpersteine der Stadt erinnern an unterschiedliche Schicksale während der nationalsozialistischen Herrschaft.
Die erneute Verlegung für das Ehepaar Bernfeld unterstreicht, dass diese Form des Gedenkens von engagierten Bürgern, kirchlichen Initiativen und der Stadtverwaltung getragen wird.
Erinnerung soll trotz Diebstahls erhalten bleiben
Wer die Stolpersteine im August aus dem Gehweg entfernte und welches Motiv dahinterstand, geht aus der Pressemitteilung der Stadt nicht hervor.
Deshalb bleibt offen, ob der Diebstahl gezielt gegen die Erinnerung an die NS-Verfolgung gerichtet war.
Die erneute Verlegung setzt jedoch ein klares Zeichen für den Erhalt der historischen Erinnerung.
Mit der Beteiligung von Schülerinnen und Schülern erhielt die Veranstaltung zudem eine generationsübergreifende Bedeutung.
Die Lebensgeschichten von Nathan und Ellen Bernfeld zeigen, wie tief die nationalsozialistische Verfolgung in das Leben einzelner Menschen eingriff – und wie diese Menschen dennoch Teil der Geschichte ihrer Stadt blieben.
Mehr als 80 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft erinnern ihre Namen nun wieder an jenem Ort an sie, an dem das Ehepaar einst wohnte.
Die beiden Stolpersteine in der Pfortenstraße sind damit erneut sichtbarer Bestandteil der Spremberger Stadtgeschichte.