2,76 Millionen junge Menschen ohne Berufsabschluss – warum Deutschland seine Fachkräfte verliert
Deutschland sucht Fachkräfte, doch 2,76 Millionen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren besitzen keinen Berufsabschluss. Gleichzeitig fanden zuletzt so wenige gemeldete Bewerber einen Ausbildungsplatz wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Betriebe beklagen fehlenden Nachwuchs, während junge Menschen an hohen Mieten, unpassenden Arbeitszeiten und schwierigen Zugangsvoraussetzungen scheitern. Was läuft auf dem deutschen Ausbildungsmarkt falsch?
Berlin. Deutschland steht vor einem erheblichen Widerspruch auf seinem Arbeitsmarkt. Während Unternehmen über fehlende Fachkräfte klagen, bleiben Millionen junge Erwachsene ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Nach Angaben des Berufsbildungsberichts 2026 verfügen rund 2,76 Millionen Menschen im Alter zwischen 20 und 34 Jahren über keinen beruflichen Abschluss. Das entspricht nahezu jedem Fünften dieser Altersgruppe.
Die aktuelle Ausbildungsmarktbilanz der Bundesagentur für Arbeit verdeutlicht zusätzlich, wie schwierig der Übergang von der Schule in den Beruf geworden ist.
Am 30. Oktober 2026 stellte die Behörde ihre jüngsten Zahlen vor. Demnach fanden 179.000 der gemeldeten Ausbildungsbewerber eine Ausbildungsstelle. Das waren 12.000 weniger als im Vorjahr.
Der Anteil der erfolgreichen Bewerber sank auf rund 40 Prozent und erreichte damit nach Angaben von Bundesagentur-Chefin Andrea Nahles den niedrigsten Stand seit der deutschen Wiedervereinigung.
Millionen junge Erwachsene ohne Berufsqualifikation
Ein fehlender Berufsabschluss erschwert den Einstieg in eine langfristig sichere Beschäftigung erheblich.
Menschen ohne formale Qualifikation arbeiten häufiger in Tätigkeiten mit geringeren Verdienstmöglichkeiten und sind bei wirtschaftlichen Abschwüngen einem erhöhten Arbeitslosigkeitsrisiko ausgesetzt.
Besonders problematisch wird die Situation, wenn junge Menschen bereits früh mehrere erfolglose Bewerbungsphasen durchlaufen oder Ausbildungen abbrechen.
Dann kann es zunehmend schwieriger werden, einen neuen Ausbildungsbetrieb zu finden.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund warnt deshalb vor langfristigen Folgen für die Betroffenen.
Wer keinen beruflichen Abschluss erwirbt, riskiert nach Einschätzung der Gewerkschaften häufiger unterbrochene Erwerbsbiografien, unsichere Beschäftigungsverhältnisse und finanzielle Schwierigkeiten.
Für die Volkswirtschaft bedeutet das zugleich, dass ein erheblicher Teil des möglichen Fachkräftepotenzials nicht ausreichend genutzt wird.
Die genannte Zahl von 2,76 Millionen ist allerdings nicht mit der Zahl aktuell arbeitsloser Jugendlicher gleichzusetzen. Auch Menschen, die bereits einer Beschäftigung nachgehen, können keinen formalen Berufsabschluss besitzen.
Warum Ausbildungsplätze und Bewerber nicht zusammenfinden
Für das Bundesinstitut für Berufsbildung liegt ein wesentliches Problem in der mangelnden Übereinstimmung zwischen Ausbildungsangebot und Nachfrage.
In manchen Regionen und Berufen fehlen Bewerber, während andernorts zahlreiche Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden.
Hinzu kommen unterschiedliche Erwartungen.
Unternehmen suchen häufig Nachwuchskräfte mit bestimmten schulischen Voraussetzungen, sozialen Fähigkeiten und beruflichen Interessen.
Nicht alle Bewerber erfüllen diese Anforderungen bereits beim Schulabschluss.
Gleichzeitig verfügen kleinere Betriebe nicht immer über die personellen Möglichkeiten, Jugendliche mit zusätzlichem Unterstützungsbedarf intensiv zu begleiten.
Dadurch bleiben Ausbildungsplätze teilweise unbesetzt, obwohl es grundsätzlich interessierte Bewerber gibt.
Die wirtschaftliche Schwäche Deutschlands verschärft diese Situation zusätzlich.
Wenn Unternehmen unter finanziellen Belastungen stehen, prüfen sie auch ihre Ausbildungsangebote und Neueinstellungen kritischer.
Die Folge kann ein Rückgang betrieblicher Ausbildungsmöglichkeiten sein, obwohl langfristig weiterhin Fachkräfte benötigt werden.
Hohe Mieten erschweren den Berufseinstieg
Ein bislang häufig unterschätztes Problem sind die Wohnkosten.
Gerade in Großstädten und wirtschaftlich starken Regionen können sich Jugendliche mit einer Ausbildungsvergütung kaum eine eigene Wohnung leisten.
Wenn ein attraktiver Ausbildungsplatz weit vom Elternhaus entfernt liegt, scheitert der Wechsel möglicherweise schon an den finanziellen Voraussetzungen.
In großen Städten kosten selbst einfache WG-Zimmer teilweise mehr als 700 Euro monatlich.
Für Jugendliche ohne Unterstützung ihrer Eltern kann das eine kaum überwindbare Hürde darstellen.
Fachleute setzen deshalb verstärkt auf bezahlbare Wohnangebote für Auszubildende.
Ein Beispiel sind Jugendwohnheime, deren Mieten an die finanzielle Situation der Auszubildenden angepasst werden.
Solche Einrichtungen bieten teilweise zusätzlich sozialpädagogische Unterstützung.
Diese kann helfen, Schwierigkeiten in der Berufsschule zu bewältigen und Ausbildungsabbrüche zu verhindern.
Teilzeitausbildung ermöglicht neue Chancen
Ein weiterer Ansatz betrifft junge Menschen, die eine gewöhnliche Vollzeitausbildung nicht mit ihren familiären Verpflichtungen vereinbaren können.
Gerade Alleinerziehende stehen häufig vor erheblichen organisatorischen Schwierigkeiten.
Im Pflegebereich beginnen praktische Schichten teilweise früher, als Kindertagesstätten öffnen.
Für Eltern kleiner Kinder kann eine solche Ausbildung trotz vorhandener Motivation unmöglich erscheinen.
Teilzeitausbildungen können hier eine Alternative bieten.
Dabei wird die wöchentliche Ausbildungszeit reduziert und die Gesamtdauer entsprechend verlängert.
Solche Modelle existieren bereits in verschiedenen Berufen, werden aber noch nicht überall ausreichend genutzt.
Für Unternehmen können sie eine Möglichkeit darstellen, zusätzliche Bewerbergruppen anzusprechen.
Auch Menschen, die Angehörige pflegen oder aus anderen Gründen zeitlich eingeschränkt sind, können davon profitieren.
Ostdeutsche Unternehmen besonders auf Nachwuchs angewiesen
Die Entwicklung ist auch für die ostdeutschen Bundesländer von erheblicher Bedeutung.
Viele Betriebe in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern stehen vor einem Generationswechsel.
Erfahrene Beschäftigte gehen in den kommenden Jahren in Rente. Gleichzeitig müssen Unternehmen neue Fachkräfte gewinnen und vorhandenes Wissen weitergeben.
Besonders betroffen sind zahlreiche Handwerksbetriebe, kleinere Industrieunternehmen sowie Einrichtungen der Pflege und des Gesundheitswesens.
In ländlichen Regionen können zusätzliche Schwierigkeiten entstehen.
Dort sind Ausbildungsbetriebe teilweise nur mit längeren Fahrzeiten erreichbar. Wer keinen Führerschein besitzt oder auf einen schlecht ausgebauten öffentlichen Nahverkehr angewiesen ist, hat bei der Berufswahl weniger Möglichkeiten.
Auch ein fehlendes Angebot an bezahlbaren Wohnungen kann einen Ausbildungsbeginn erschweren.
Für ostdeutsche Unternehmen bedeutet das, dass sie neben einer angemessenen Vergütung zunehmend auch flexible Arbeitszeiten, Unterstützung bei der Mobilität und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten anbieten müssen.
Wie viele junge Erwachsene in den einzelnen ostdeutschen Bundesländern aktuell keinen Berufsabschluss besitzen, lässt sich aus den bundesweiten Angaben allein nicht ableiten.
Dafür wären gesonderte regionale Auswertungen erforderlich.
Ausbildungsgarantie allein reicht offenbar nicht
Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, die Zahl junger Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung zu reduzieren.
Ein Instrument ist die Ausbildungsgarantie, mit der Jugendliche beim Übergang in eine Berufsausbildung unterstützt werden sollen.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund hält die bisherigen Maßnahmen jedoch nicht für ausreichend.
Er fordert stärkere Anstrengungen, um Jugendlichen mit schwierigen Startbedingungen einen Ausbildungsplatz zu ermöglichen.
Dabei geht es nicht ausschließlich um zusätzliche staatliche Programme.
Auch Unternehmen und Bildungseinrichtungen müssen ihre Angebote besser auf unterschiedliche Lebenssituationen abstimmen.
Praktika, eine frühzeitige Berufsorientierung, individuelle Begleitung und flexible Ausbildungsmodelle können dabei helfen.
Vor allem darf der Übergang von der Schule in den Beruf nicht zu einer langjährigen Warteschleife werden.
Deutschland kann sich ungenutztes Fachkräftepotenzial kaum leisten
Die aktuellen Zahlen zeigen ein strukturelles Problem.
Deutschland benötigt qualifizierte Beschäftigte, schafft es aber nicht ausreichend, vorhandene Ausbildungsinteressenten mit geeigneten Betrieben zusammenzubringen.
Hinzu kommen wirtschaftliche Unsicherheit, hohe Wohnkosten und fehlende flexible Ausbildungsangebote.
Für die Betroffenen kann ein verpasster Berufseinstieg langfristige Folgen haben.
Für Unternehmen bedeutet jeder unbesetzte Ausbildungsplatz möglicherweise eine Fachkraft weniger in den kommenden Jahren.
Eine wirksame Ausbildungspolitik muss deshalb beide Seiten berücksichtigen: die Anforderungen der Betriebe und die tatsächlichen Lebensbedingungen junger Menschen.
Die Zahl von 2,76 Millionen jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss macht deutlich, wie groß die Aufgabe inzwischen geworden ist.
Sie ist nicht nur ein sozialpolitisches Problem, sondern auch eine wirtschaftliche Herausforderung für den Industriestandort Deutschland.