Deutschlands Gründerkultur zwischen Milliardenchancen und fehlendem Risikokapital

Warum Deutschland kein Silicon Valley hat: Ein Fehler von 2014 wirkt bis heute nach

Deutschlands verpasste Technologiechancen

Von Frank Deutschländer 9 Min. Lesezeit

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Panoramablick auf das Silicon Valley in Kalifornien mit modernen Bürogebäuden, Technologieunternehmen und weitläufigen Stadtgebieten. Die Region gilt als weltweit führendes Zentrum für Innovation, Start-ups und digitale Technologien.
Panoramablick auf das Silicon Valley in Kalifornien mit modernen Bürogebäuden, Technologieunternehmen und weitläufigen Stadtgebieten. Die Region gilt als weltweit führendes Zentrum für Innovation, Start-ups und digitale Technologien. Foto: Nils Huenerfuerst

Berlin. Deutschland ist eine der größten Volkswirtschaften der Welt, verfügt über international renommierte Forschungseinrichtungen und zahlreiche hoch spezialisierte Industrieunternehmen. Doch bei den großen digitalen Technologiekonzernen dominieren die Vereinigten Staaten. Google, Amazon, Nvidia und zahlreiche weitere Unternehmen haben dort ihren Ursprung. Eine neue Debatte über die deutsche Gründerkultur richtet den Blick auf das Jahr 2014. Damals gingen mit Rocket Internet und Zalando zwei bedeutende deutsche Internetunternehmen an die Börse. Ein Unternehmer sieht darin eine verpasste historische Chance. Wirtschaftswissenschaftler widersprechen dieser einfachen Erklärung – verweisen aber auf ein grundlegendes Problem: In Deutschland entstehen innovative Unternehmen, doch häufig fehlt ihnen das Kapital, um international groß zu werden.

Das Jahr 2014 und die verpasste Milliardenchance

Im Herbst 2014 blickte die deutsche Technologieszene mit großen Erwartungen nach Frankfurt.

Innerhalb kurzer Zeit gingen zwei bekannte Internetunternehmen an die Börse: der Modehändler Zalando und die Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet.

Beide waren eng mit der Berliner Gründerszene verbunden und galten als Symbole einer neuen deutschen Internetwirtschaft.

Mit ihren Börsengängen mobilisierten sie erhebliche Summen. Die Hoffnung war, dass aus erfolgreichen Unternehmensgründungen neue Investoren, weitere Start-ups und langfristig international führende Technologiekonzerne hervorgehen würden.

Mehr als ein Jahrzehnt später fällt die Bilanz unterschiedlich aus.

Zalando hat sich zu einer bedeutenden europäischen Handelsplattform entwickelt. Rocket Internet war an zahlreichen Unternehmensgründungen beteiligt, von denen einige international erfolgreich wurden.

Eine mit dem amerikanischen Silicon Valley vergleichbare Konzentration global führender Technologieunternehmen entstand daraus allerdings nicht.

Der Jungunternehmer Nils Heck sieht hierin eine grundsätzliche Schwäche der deutschen Gründerkultur.

In einem viel diskutierten LinkedIn-Beitrag argumentiert er, Deutschland habe 2014 eine historische Gelegenheit verpasst, seine Technologiebranche auf eine neue Entwicklungsstufe zu heben.

Seine These: Während in den Vereinigten Staaten aus erfolgreichen Unternehmensverkäufen immer wieder neue technologische Großunternehmen entstanden, konzentrierte sich die deutsche Gründerszene zu stark auf bereits bewährte Geschäftsmodelle.

Der Vergleich mit PayPal und dem Aufstieg des Silicon Valley

Als Gegenbeispiel führt Heck die Geschichte des amerikanischen Zahlungsdienstleisters PayPal an.

Im Jahr 2002 übernahm eBay das Unternehmen für rund 1,5 Milliarden US-Dollar.

Mehrere Gründer und frühe Mitarbeiter erhielten dadurch erhebliches Kapital, das später teilweise in neue Unternehmen investiert wurde.

Aus diesem Umfeld gingen zahlreiche bekannte Unternehmer und Investoren hervor.

Elon Musk engagierte sich unter anderem bei Tesla und gründete SpaceX. Peter Thiel wurde Mitgründer von Palantir und investierte in weitere Technologieunternehmen.

Auch Gründer und frühe Beschäftigte später erfolgreicher Firmen wie YouTube und LinkedIn hatten Verbindungen zum sogenannten PayPal-Netzwerk.

Dieses Beispiel zeigt einen wesentlichen Mechanismus des Silicon Valley.

Erfolgreiche Unternehmer investieren ihr Kapital und ihre Erfahrungen häufig in weitere Gründungen.

Neue Unternehmen schaffen wiederum Vermögen, Fachwissen und internationale Netzwerke.

Über Jahrzehnte entsteht so ein wirtschaftliches Umfeld, in dem neue technologische Entwicklungen vergleichsweise schnell finanziert und kommerzialisiert werden können.

Deutschland verfügt ebenfalls über erfolgreiche Gründer und Investoren.

Doch nach Ansicht von Heck ist es bislang nicht gelungen, einen ähnlich starken Kreislauf aus Kapital, Unternehmensgründungen und internationalem Wachstum aufzubauen.

Kopiert Deutschland lieber, als selbst zu erfinden?

Ein zentraler Kritikpunkt richtet sich gegen die Geschäftsmodelle vieler deutscher Internetunternehmen.

Rocket Internet wurde insbesondere dadurch bekannt, erfolgreiche digitale Geschäftsmodelle aus anderen Märkten aufzugreifen und für neue Regionen anzupassen.

Dazu gehörten Unternehmen aus dem Onlinehandel, der Lebensmittelzustellung und weiteren digitalen Dienstleistungen.

Diese Strategie ermöglichte teilweise ein schnelles Wachstum.

Aus Sicht der Kritiker entstand dadurch aber zu wenig eigene technologische Grundlagenentwicklung.

Statt völlig neue Märkte zu schaffen, hätten sich viele Unternehmen auf die Verbesserung und regionale Verbreitung bereits bestehender Konzepte konzentriert.

Der Automobilexperte Philipp Raasch sieht darin Parallelen zur traditionellen deutschen Wirtschaft.

Deutschland sei besonders erfolgreich darin, bestehende Technologien technisch zu verbessern und industrielle Prozesse zu optimieren.

Bei riskanten Neuentwicklungen, deren wirtschaftlicher Erfolg zunächst ungewiss ist, seien Unternehmen und Investoren dagegen häufig zurückhaltender.

Diese Einschätzung ist allerdings umstritten.

Denn die Übernahme bestehender Ideen bedeutet nicht automatisch einen Mangel an Innovation.

Auch zahlreiche heute international führende Unternehmen haben Technologien oder Geschäftsmodelle übernommen, weiterentwickelt und dadurch neue Märkte erschlossen.

Entscheidend ist deshalb nicht allein, ob eine Idee vollständig neu ist.

Wichtiger kann sein, wie konsequent ein Unternehmen seine Technologie weiterentwickelt und international vermarktet.

Wirtschaftsforscher widerspricht der einfachen Erklärung

Der Gründungsforscher Andreas Kuckertz hält die Vorstellung eines verpassten deutschen PayPal-Moments für zu einseitig.

Nach seiner Einschätzung unterscheiden sich die Voraussetzungen von PayPal und Rocket Internet grundlegend.

PayPal verfolgte von Beginn an die Ambition, ein international nutzbares digitales Zahlungssystem zu entwickeln.

Rocket Internet konzentrierte sich dagegen auf die Gründung und Skalierung unterschiedlicher Geschäftsmodelle.

Aus diesen unterschiedlichen Unternehmensstrategien lasse sich nicht ohne Weiteres ableiten, dass Deutschland eine historische Chance verspielt habe.

Auch den Vorwurf, deutsche Gründer würden überwiegend kopieren, weist Kuckertz zurück.

Deutschland verfüge über eine vielfältige Innovationslandschaft, die weit über die bekannten Berliner Internetunternehmen hinausreiche.

Besonders im Bereich sogenannter Deep-Tech-Unternehmen würden anspruchsvolle neue Technologien entwickelt.

Dazu gehören beispielsweise künstliche Intelligenz, Robotik, Halbleitertechnologie, Biotechnologie und neue industrielle Fertigungsverfahren.

Hier liegen wichtige Stärken deutscher Forschung und Unternehmensgründungen.

Das zentrale Problem ist aus Sicht des Wissenschaftlers weniger der Mangel an Ideen als die Schwierigkeit, aus technologisch anspruchsvollen Gründungen international führende Unternehmen zu entwickeln.

Warum deutschen Start-ups häufig das Geld fehlt

Ein besonders großes Hindernis ist die Finanzierung schnell wachsender Unternehmen.

Viele Start-ups benötigen in ihrer Anfangsphase vergleichsweise wenig Kapital.

Eine kleine Entwicklungsgruppe kann mit einigen Hunderttausend Euro erste Softwareprodukte oder technische Prototypen schaffen.

Mit zunehmendem Erfolg verändert sich der Kapitalbedarf jedoch erheblich.

Unternehmen müssen Mitarbeiter einstellen, internationale Vertriebsstrukturen aufbauen, Produktionskapazitäten erweitern und neue Forschungsprojekte finanzieren.

Gerade in der Halbleiterindustrie, der Biotechnologie oder bei künstlicher Intelligenz können dafür dreistellige Millionenbeträge notwendig werden.

In den Vereinigten Staaten existiert seit Jahrzehnten ein großer Markt für solche Wachstumsfinanzierungen.

Pensionsfonds, Universitätsstiftungen, vermögende Privatinvestoren und spezialisierte Beteiligungsgesellschaften stellen erhebliche Summen bereit.

In Deutschland ist der Markt für große Wagniskapitalinvestitionen deutlich kleiner.

Nach Angaben des Digitalverbands Bitkom sammelten deutsche Start-ups im Jahr 2024 rund 7,4 Milliarden Euro ein.

Auffällig ist die Herkunft des Kapitals.

Etwa 30 Prozent des Investitionsvolumens kamen aus den Vereinigten Staaten. Deutsche Investoren stellten dagegen rund 28 Prozent bereit.

Damit ist die deutsche Gründerszene bereits erheblich von internationalem Kapital abhängig.

38 Milliarden-Start-ups – aber der internationale Durchbruch bleibt schwierig

Dass Deutschland durchaus erfolgreiche Technologieunternehmen hervorbringt, zeigen aktuelle Untersuchungen.

Nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zählt der Hurun Global Unicorn Index inzwischen 38 sogenannte Unicorns in Deutschland.

Als Unicorns werden junge, nicht börsennotierte Unternehmen bezeichnet, deren Bewertung mindestens eine Milliarde US-Dollar beträgt.

Zu diesen besonders wertvollen Gründungen gehören Unternehmen aus ganz unterschiedlichen Technologiebereichen.

Das zeigt, dass es in Deutschland durchaus Unternehmer mit großen Ideen und internationalem Wachstumspotenzial gibt.

Problematisch wird häufig die nächste Entwicklungsphase.

Nach Einschätzung von DIW-Forschern stammen in späteren Finanzierungsrunden weniger als 15 Prozent des Kapitals von deutschen Investoren.

Damit steigt die Abhängigkeit von ausländischen Kapitalgebern gerade dann, wenn Unternehmen besonders schnell wachsen wollen.

Für die deutsche Volkswirtschaft entsteht daraus ein strategisches Problem.

Neue Technologien werden teilweise in Deutschland entwickelt, während wichtige Finanzierungsentscheidungen und spätere wirtschaftliche Gewinne zunehmend von internationalen Investoren abhängen.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass Unternehmen ihren Standort verlassen.

Es kann jedoch dazu führen, dass wichtige unternehmerische Entscheidungen stärker durch internationale Kapitalmärkte beeinflusst werden.

Europas zersplitterter Binnenmarkt erschwert Wachstum

Neben dem fehlenden Kapital identifizieren Wirtschaftsforscher eine weitere strukturelle Schwäche.

Der europäische Binnenmarkt ist für junge Technologieunternehmen trotz gemeinsamer Wirtschaftsregeln noch immer weniger einheitlich als der amerikanische Markt.

Unternehmen müssen bei einer Expansion häufig unterschiedliche nationale Rechtsvorschriften, Steuersysteme und Verwaltungsverfahren berücksichtigen.

Auch sprachliche und organisatorische Unterschiede verursachen zusätzliche Kosten.

Ein amerikanisches Technologieunternehmen kann dagegen einen großen Heimatmarkt mit einer gemeinsamen Sprache und weitgehend einheitlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erschließen.

Dadurch lassen sich erfolgreiche Geschäftsmodelle oft schneller auf eine große Zahl von Kunden ausweiten.

Für europäische Unternehmen ist die internationale Expansion vielfach aufwendiger.

Die Wirtschaftsforscher Alexander Kritikos und Alexander Schiersch vom DIW sehen deshalb in den eingeschränkten Skalierungsmöglichkeiten eines der zentralen Hindernisse für große europäische Technologiekonzerne.

Es reicht nicht aus, neue Unternehmen zu gründen.

Entscheidend ist, ihnen anschließend ein ausreichend großes wirtschaftliches Umfeld für schnelles Wachstum zu bieten.

Ostdeutschland verfügt über besondere technologische Stärken

Die Diskussion ist auch für die wirtschaftliche Zukunft Ostdeutschlands von Bedeutung.

Gerade in Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt gibt es zahlreiche Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die an technologisch anspruchsvollen Produkten arbeiten.

Ein besonders wichtiges Beispiel ist die Halbleiterindustrie in Dresden.

Mit den dort angesiedelten Unternehmen, Zulieferern und Forschungseinrichtungen ist eines der bedeutendsten europäischen Zentren der Mikroelektronik entstanden.

Auch in Jena besitzt die optische Industrie eine international anerkannte Tradition.

Unternehmen wie ZEISS und Jenoptik stehen für hoch spezialisierte Technologien, die weltweit eingesetzt werden.

Hinzu kommen Forschungs- und Entwicklungsstandorte in Leipzig, Chemnitz, Magdeburg und weiteren Städten.

Die Region verfügt damit über industrielle Kompetenzen, die für Zukunftsbereiche wie künstliche Intelligenz, Robotik, Medizintechnik und automatisierte Produktion von Bedeutung sind.

Allerdings hängt der wirtschaftliche Erfolg solcher Technologien davon ab, ob neue Unternehmen auch langfristig in der Region wachsen können.

Wenn innovative Firmen mangels Finanzierung frühzeitig verkauft werden oder ihre Expansion überwiegend im Ausland stattfindet, profitieren die ursprünglichen Forschungsstandorte möglicherweise weniger stark von den wirtschaftlichen Ergebnissen.

Deutschland braucht mehr als neue Förderprogramme

Die Bundesregierung und verschiedene öffentliche Institutionen haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen zur Stärkung der Gründerszene geschaffen.

Dazu gehören Förderprogramme, öffentliche Beteiligungsfonds und Initiativen zur Mobilisierung privaten Kapitals.

Doch die entscheidende Frage bleibt, wie größere Summen für besonders wachstumsstarke Unternehmen bereitgestellt werden können.

Öffentliche Förderung kann die Entwicklung neuer Technologien unterstützen.

Sie ersetzt aber nicht den Aufbau eines leistungsfähigen privaten Kapitalmarktes.

Vor allem Unternehmen mit hohem Forschungsaufwand benötigen Investoren, die über mehrere Jahre erhebliche finanzielle Risiken tragen können.

Gleichzeitig müssen erfolgreiche Gründungen Anreize erhalten, ihre Erfahrungen und ihr Kapital in weitere Unternehmen einzubringen.

Eine langfristig erfolgreiche Technologiebranche entsteht nicht durch einzelne Förderbescheide.

Sie benötigt ein funktionierendes Zusammenspiel aus Forschung, Unternehmen, qualifizierten Beschäftigten, privaten Investoren und internationalen Märkten.

Ist Deutschlands große Chance tatsächlich vorbei?

Die These eines verpassten historischen Wendepunkts im Jahr 2014 sorgt für Aufmerksamkeit, ist aber keine abschließende Erklärung für die Schwächen der deutschen Technologiebranche.

Deutschland hat seitdem zahlreiche erfolgreiche Unternehmen hervorgebracht und wichtige technologische Entwicklungen vorangetrieben.

Zugleich sind die Probleme bei der Finanzierung großer Wachstumsphasen weiterhin deutlich erkennbar.

Die Herausforderung besteht deshalb nicht ausschließlich darin, mehr neue Unternehmen zu gründen.

Entscheidend ist, dass aus erfolgreichen Gründungen international wettbewerbsfähige Konzerne entstehen können.

Dazu braucht Deutschland ausreichend Risikokapital, unternehmerische Erfahrung, größere Wachstumsmöglichkeiten und Rahmenbedingungen, die langfristige Investitionen erleichtern.

Die Geschichte des Silicon Valley zeigt, dass technologische Führungspositionen über Jahrzehnte entstehen.

Auch dort waren nicht sämtliche Unternehmen erfolgreich. Zahlreiche Gründungen scheiterten, bevor einzelne Unternehmen weltweit führend wurden.

Der Unterschied liegt vor allem in einem Umfeld, das riskante Investitionen ermöglicht und wirtschaftliche Erfolge immer wieder für neue Unternehmensgründungen nutzbar macht.

Deutschland hat seine Möglichkeiten zur Entwicklung einer international bedeutenden Technologiebranche damit keineswegs verloren.

Doch die entscheidende wirtschaftspolitische Frage bleibt: Gelingt es künftig, aus wissenschaftlichen Ideen und jungen Unternehmen häufiger eigenständige Weltmarktführer entstehen zu lassen?

Themen: OstdeutschlandDigitalisierungWirtschaftStart-upsTechnologieunternehmenInnovationZalandoDeutschlandSilicon ValleyRocket InternetRisikokapital

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