Die traditionelle Küstenfischerei an der deutschen Ostsee steht vor einer weiteren einschneidenden Entscheidung. Die Europäische Kommission will ab 2027 eine der letzten Ausnahmeregelungen für den gezielten Heringsfang abschaffen. Zugleich sollen die erlaubten Beifangmengen für Hering und Dorsch deutlich sinken. Wissenschaftler des Rostocker Thünen-Instituts warnen, dass dadurch die wirtschaftliche Existenz kleiner Fischereibetriebe weiter gefährdet werden könnte. Naturschützer halten die Einschränkungen dagegen für notwendig, weil sich die Fischbestände in der westlichen Ostsee bislang nicht ausreichend erholt haben.
EU-Kommission will letzte Ausnahme für kleine Fischerboote streichen
Anfang kommender Woche beraten die zuständigen Minister der EU-Mitgliedstaaten über die Fangmöglichkeiten in der Ostsee für das Jahr 2027.
Im Mittelpunkt steht eine Regelung, die für zahlreiche kleine Küstenfischer von besonderer Bedeutung ist.
Bislang dürfen Boote mit einer Länge von weniger als zwölf Metern unter bestimmten Voraussetzungen weiterhin gezielt Heringe in der westlichen Ostsee fangen.
Voraussetzung ist unter anderem der Einsatz passiver Fanggeräte, beispielsweise Stellnetze.
Für größere Fangaktivitäten gelten bereits weitreichende Einschränkungen. Hering darf außerhalb der bestehenden Ausnahmen grundsätzlich nur noch als unbeabsichtigter Beifang angelandet werden.
Die EU-Kommission schlägt nun vor, auch diese verbliebene Möglichkeit des gezielten Heringsfangs für kleine Boote zu beenden.
Damit würde eine wichtige Grundlage der traditionellen Küstenfischerei entfallen.
Noch ist darüber nicht abschließend entschieden. Die Minister der Mitgliedstaaten müssen sich zunächst auf die Fangmöglichkeiten für 2027 verständigen.
Rostocker Fischereiforscher warnt vor dem Ende der Küstenfischerei
Besonders kritisch bewertet der Fischereiwissenschaftler Christopher Zimmermann die Pläne.
Zimmermann leitet das Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock und gehört dem Internationalen Rat für Meeresforschung an.
Nach seiner Einschätzung sind die noch erlaubten Fangmengen mittlerweile so gering, dass sie keinen messbaren Einfluss mehr auf die Entwicklung des Heringsbestands haben.
Trotzdem sollen die verbliebenen Ausnahmen wegfallen.
Für die kleinen Fischereibetriebe könnte dies schwerwiegende Folgen haben.
Zimmermann sieht in der Ausnahmeregelung eine der letzten wirtschaftlichen Möglichkeiten, die der traditionellen Küstenfischerei noch geblieben sind.
Seiner Ansicht nach sollte die EU die bestehenden Fangmöglichkeiten deshalb zunächst beibehalten.
Er plädiert dafür, die bisherigen Regelungen für 2027 unverändert fortzuführen, statt weitere Einschränkungen vorzunehmen.
Heringsbeifang soll fast halbiert werden
Der Vorschlag der EU-Kommission geht über die Abschaffung der Sonderregelung hinaus.
Auch die erlaubte Beifangmenge für Hering in der westlichen Ostsee soll gegenüber 2026 nahezu halbiert werden.
Beim westlichen Dorsch fällt die vorgeschlagene Reduzierung noch erheblich stärker aus.
Hier empfiehlt die Kommission, die zulässige Beifangmenge um fast 90 Prozent zu senken.
Beide Fischarten gehörten früher zu den wichtigsten wirtschaftlichen Grundlagen der deutschen Ostseefischerei.
Hering und Dorsch wurden deshalb über Generationen als sogenannte Brotfische bezeichnet.
Heute ist die gezielte Fischerei auf diese Bestände bereits weitgehend untersagt.
Insbesondere für kleinere Betriebe in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein hat sich die wirtschaftliche Situation dadurch grundlegend verändert.
Während größere Unternehmen ihre Tätigkeiten teilweise auf andere Fanggebiete oder Fischarten ausrichten können, sind viele traditionelle Küstenfischer stark an ihre regionalen Gewässer gebunden.
Nur noch ein Bruchteil der früheren Fangmengen erlaubt
Nach Angaben von Christopher Zimmermann entspricht die verbliebene Heringsquote in der westlichen Ostsee nur noch rund drei Prozent der Fangmenge aus dem Jahr 2017.
Damit ist die legale Nutzung dieses Bestands bereits erheblich eingeschränkt.
Hinzu kommt, dass die erlaubten Mengen nach Darstellung des Wissenschaftlers von den Fischereibetrieben vielfach nicht vollständig ausgeschöpft werden.
Die Gründe dafür liegen nicht ausschließlich in den Fangbeschränkungen.
Hohe Betriebskosten, schwierige Fangbedingungen und Veränderungen im Ökosystem erschweren die wirtschaftliche Nutzung.
Die zusätzliche Kürzung der Fangmengen würde deshalb eine Branche treffen, die bereits seit Jahren unter Druck steht.
Allerdings lässt sich daraus nicht automatisch ableiten, dass jeder weitere Fang für die Bestandsentwicklung bedeutungslos wäre. Diese Frage wird zwischen Fischereiwissenschaftlern und Naturschutzorganisationen unterschiedlich bewertet.
Kegelrobben, Dieselpreise und schwierige Winter belasten Betriebe
Besonders an der vorpommerschen Ostseeküste stehen Fischer vor zusätzlichen Herausforderungen.
Nach Darstellung des Thünen-Instituts nehmen Kegelrobben teilweise Heringe aus den Stellnetzen.
Für die Betriebe bedeutet dies wirtschaftliche Verluste, weil bereits gefangene Fische beschädigt oder vollständig gefressen werden können.
Gleichzeitig verursachen die Netze und Fangfahrten weiterhin Kosten.
Auch hohe Dieselpreise belasten die Fischerei.
Hinzu kamen in diesem Jahr erschwerte Bedingungen durch den Winter.
Für Betriebe, deren Einnahmen ohnehin durch geringe Fangmöglichkeiten eingeschränkt sind, können solche zusätzlichen Belastungen erheblich sein.
Die wirtschaftlichen Probleme der Küstenfischerei entstehen somit aus mehreren Faktoren, die sich gegenseitig verstärken.
Naturschutzbund unterstützt strengere Fangbeschränkungen
Der Naturschutzbund Deutschland bewertet die geplanten Einschränkungen deutlich anders.
Kim Cornelius Detloff, Leiter Meeresschutz beim Nabu-Bundesverband, verweist auf den schlechten Zustand des Heringsbestands in der westlichen Ostsee.
Nach Auffassung des Naturschutzbundes ist der Schutz der verbliebenen laichfähigen Fische besonders wichtig.
Jeder zusätzliche Hering, der sich fortpflanzen kann, könnte zur Erholung des Bestands beitragen.
Deshalb hält der Nabu auch die bisherigen Ausnahmen für die passive Heringsfischerei nicht mehr für zeitgemäß.
Aus Sicht der Naturschützer wäre es widersprüchlich, einerseits den kritischen Zustand der Bestände anzuerkennen und andererseits weiterhin gezielte Fänge zuzulassen.
Damit stehen sich zwei unterschiedliche Bewertungen gegenüber.
Während Fischereiforscher Zimmermann den wirtschaftlichen Nutzen der kleinen Fangmengen hervorhebt, betont der Naturschutzbund die Bedeutung eines möglichst weitreichenden Schutzes.
Warum sich die Fischbestände trotz Fangverboten kaum erholen
Eine zentrale Frage bleibt, weshalb sich die Bestände von Hering und Dorsch in der westlichen Ostsee trotz erheblicher Fangbeschränkungen nicht ausreichend erholen.
Ein wesentlicher Grund liegt in der früheren Überfischung.
Doch inzwischen spielen auch Veränderungen der Umweltbedingungen eine entscheidende Rolle.
Die Ostsee erwärmt sich und ist zugleich durch Nährstoffeinträge und Sauerstoffmangel belastet.
Besonders der westliche Dorsch leidet unter dieser Entwicklung.
Nach Angaben des Thünen-Instituts werden die oberen Wasserschichten im Sommer für die Tiere zunehmend zu warm.
In tieferen Bereichen fehlt dagegen teilweise ausreichend Sauerstoff.
Dadurch verschlechtern sich die Lebensbedingungen für die Fische erheblich.
Selbst eine stark eingeschränkte Fischerei kann diese ökologischen Probleme nicht unmittelbar beseitigen.
Landwirtschaft und Abgase belasten das Meer
Ein weiterer Faktor sind Nährstoffeinträge in die Ostsee.
Gelangen übermäßig viele Nährstoffe ins Wasser, kann dies das Wachstum von Algen fördern.
Wenn die Algen später abgebaut werden, verbrauchen Bakterien Sauerstoff.
In der Folge können sauerstoffarme Bereiche entstehen, die für zahlreiche Meeresorganismen problematisch sind.
Zu den Quellen solcher Belastungen gehören Einträge aus der Landwirtschaft.
Daneben gelangen Stickstoffverbindungen über die Atmosphäre in die Ostsee.
Sie entstehen unter anderem bei Verbrennungsprozessen im Verkehr, in Heizungsanlagen und in anderen technischen Einrichtungen.
Die Belastung der Fischbestände ist deshalb nicht allein auf die Fischerei zurückzuführen.
Vielmehr wirken unterschiedliche menschliche Einflüsse auf das Ökosystem ein.
Klimawandel verändert die Fortpflanzung der Heringe
Auch die Erwärmung der Ostsee erschwert die Erholung des westlichen Heringsbestands.
Besonders problematisch sind Veränderungen des zeitlichen Ablaufs der Jahreszeiten.
Warme und spät einsetzende Winter können die Entwicklung des Heringsnachwuchses beeinträchtigen.
Die Fortpflanzung der Fische ist auf bestimmte Umweltbedingungen abgestimmt.
Verändern sich Temperatur und jahreszeitliche Abläufe, können ungünstige Bedingungen für Eier, Larven und Jungfische entstehen.
Nach Erkenntnissen des Rostocker Thünen-Instituts ist deshalb nicht damit zu rechnen, dass der westliche Heringsbestand unter den veränderten Klimabedingungen wieder dieselbe Produktivität erreicht wie vor mehreren Jahrzehnten.
Zimmermann sieht darin auch ein Problem für die wissenschaftliche Bewertung nachhaltiger Fangmengen.
Streit über veraltete Maßstäbe bei der Bestandsbewertung
Der Internationale Rat für Meeresforschung, kurz ICES, erarbeitet wissenschaftliche Empfehlungen für die Fischereipolitik.
Dabei werden unter anderem Bestandsgrößen und die Möglichkeiten einer nachhaltigen Nutzung untersucht.
Christopher Zimmermann kritisiert, dass bei der Bewertung des westlichen Herings weiterhin historische Referenzwerte eine Rolle spielen, die unter den veränderten Umweltbedingungen möglicherweise nicht mehr erreichbar sind.
Er hält es deshalb für notwendig, über neue Maßstäbe nachzudenken.
Seiner Einschätzung nach könnte unter veränderten Bedingungen sogar eine begrenzte gezielte Fischerei wieder möglich sein.
Der ICES hat einer solchen Anpassung der Referenzwerte bislang nicht zugestimmt.
Dabei handelt es sich um eine fachliche Auseinandersetzung über die Bewertung und Bewirtschaftung des Bestands, nicht um einen Nachweis, dass die bestehenden Schutzvorgaben wirkungslos wären.
In der zentralen Ostsee sollen Fischer mehr Hering fangen dürfen
Während für den westlichen Hering weitere Einschränkungen vorgeschlagen werden, sieht die Situation in der zentralen Ostsee anders aus.
Dort empfiehlt die EU-Kommission, die Fangmöglichkeiten für Hering um rund 50 Prozent zu erhöhen.
Auch bei Sprotten sind höhere Fangmengen vorgesehen.
Diese Entwicklung zeigt, dass sich die einzelnen Fischbestände innerhalb der Ostsee unterschiedlich entwickeln.
Eine mögliche Erklärung liegt nach Einschätzung von Wissenschaftlern darin, dass die Erwärmung in bestimmten Regionen zeitweise günstigere Bedingungen für den Nachwuchs schaffen kann.
Ob diese Entwicklung langfristig anhält, ist jedoch ungewiss.
Für die deutsche Küstenfischerei bringt die vorgeschlagene Erhöhung in der zentralen Ostsee zudem nicht automatisch wirtschaftliche Vorteile.
Viele kleine Betriebe arbeiten traditionell in anderen Fanggebieten und verfügen nicht über dieselben Voraussetzungen wie größere Fischereifahrzeuge.
Mecklenburg-Vorpommerns Fischerei steht vor einer Richtungsentscheidung
Besonders für die Fischerei in Mecklenburg-Vorpommern dürfte die Entscheidung über die Fangquoten 2027 von Bedeutung sein.
In Küstenorten und auf den Ostseeinseln ist der Fischfang seit Jahrhunderten Bestandteil des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens.
Die kleinen Fischereibetriebe prägen vielerorts auch das Erscheinungsbild der Häfen.
Mit dem Rückgang der Fangmöglichkeiten und der zunehmenden wirtschaftlichen Belastung steht diese Tradition unter Druck.
Die Auseinandersetzung um die letzten Ausnahmen für den Heringsfang betrifft deshalb mehr als die Frage einzelner Fangquoten.
Es geht auch darum, welche Perspektive eine traditionelle Wirtschaftsform unter veränderten ökologischen Bedingungen noch besitzt.
Entscheidung über Fangquoten steht bevor
Die zuständigen EU-Minister werden Anfang kommender Woche über die Fangmöglichkeiten für 2027 beraten.
Dabei müssen sie sowohl wissenschaftliche Empfehlungen zum Schutz der Fischbestände als auch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen ihrer Entscheidungen berücksichtigen.
Noch steht nicht fest, ob die vorgeschlagene Abschaffung der Ausnahmeregelung tatsächlich beschlossen wird.
Für die kleinen Küstenfischer wäre ihr Wegfall ein weiterer schwerer Einschnitt.
Gleichzeitig bleibt die Herausforderung bestehen, die geschwächten Fischbestände wirksam zu schützen.
Die anstehenden Verhandlungen werden deshalb zeigen, wie die Europäische Union den Konflikt zwischen dem Erhalt traditioneller Küstenfischerei und dem Schutz einer ökologisch stark belasteten Ostsee lösen will.