Neue Hoffnung für die Industrie in der Oberlausitz

Niesky nach dem Ende des Waggonbaus: Was bleibt vom traditionsreichen Industriestandort?

Neustart nach Werksschließung

Von Christian Richter 7 Min. Lesezeit

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Nach der Schließung im Jahr 2023 wird das traditionsreiche Industriegelände inzwischen teilweise wieder für Arbeiten an Schienenfahrzeugen genutzt.
Nach der Schließung im Jahr 2023 wird das traditionsreiche Industriegelände inzwischen teilweise wieder für Arbeiten an Schienenfahrzeugen genutzt. Foto: ELH Waggonbau Niesky GmbH

Niesky. Mehr als 100 Jahre lang gehörte der Waggonbau zur Identität der ostsächsischen Stadt Niesky. Generationen von Beschäftigten fertigten hier Schienenfahrzeuge, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus zum Einsatz kamen. Als das traditionsreiche Werk im August 2023 endgültig geschlossen wurde, verlor die Oberlausitz einen bedeutenden Industriestandort. Rund 200 Beschäftigte waren zuletzt von der wirtschaftlichen Krise betroffen. Doch drei Jahre später gibt es neue Hoffnung: Ein Unternehmer aus der Region hat das Werksgelände übernommen, und sogar der internationale Schienenfahrzeughersteller Alstom nutzt wieder Teile der früheren Produktionsanlagen. Ein vollständiger Neustart des einstigen Waggonbaus ist das allerdings nicht.

Ein Jahrhundert Industriegeschichte ging zu Ende

Die Geschichte des Schienenfahrzeugbaus in Niesky reicht bis ins Jahr 1917 zurück. Damals begann die industrielle Fertigung von Eisenbahnwagen. Später entwickelte sich der Betrieb zu einem wichtigen Hersteller von Güterwagen, Kesselwagen und Drehgestellen.

Besonders während der DDR-Zeit gehörte der Waggonbau zu den prägenden Arbeitgebern der Region. Der Betrieb bot nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Ausbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten für zahlreiche Familien.

Mit der deutschen Wiedervereinigung begann eine wechselvolle Unternehmensgeschichte. Das Werk wurde Teil der Deutschen Waggonbau AG, gehörte später zum kanadischen Bombardier-Konzern und gelangte schließlich in den Besitz weiterer Investoren.

Mehrere Eigentümerwechsel, wirtschaftliche Schwierigkeiten und Insolvenzen bestimmten die folgenden Jahrzehnte.

2018 übernahm der slowakische Schienenfahrzeughersteller Tatravagónka das Werk. Die Beschäftigten hofften auf eine langfristige Perspektive innerhalb eines international tätigen Unternehmens.

Doch die erhoffte Stabilisierung blieb aus.

Im Mai 2023 meldete die ELH Waggonbau Niesky GmbH erneut Insolvenz an. Trotz der Bemühungen der Beschäftigten und des Insolvenzverwalters gelang es nicht, eine dauerhafte Fortführung der Produktion zu sichern.

Im August desselben Jahres wurde das Werk stillgelegt.

Für Niesky bedeutete die Schließung das Ende einer mehr als hundertjährigen Tradition industrieller Schienenfahrzeugfertigung.

Beschäftigte kämpften bis zuletzt um ihren Betrieb

Das Ende des Waggonbaus kam nicht überraschend. Schon zuvor hatten Beschäftigte und Betriebsrat immer wieder auf die schwierige wirtschaftliche Lage aufmerksam gemacht.

Fehlende Aufträge, Unsicherheiten über die Unternehmensstrategie und die Sorge um ausbleibende Investitionen bestimmten den Arbeitsalltag.

Vor dem Werkstor fanden zahlreiche Mahnwachen statt. Die Beschäftigten forderten eine verlässliche Perspektive für ihren Standort und wollten verhindern, dass jahrzehntelang aufgebaute industrielle Fähigkeiten verloren gehen.

Besonders bitter war für viele Beteiligte, dass die Schließung ausgerechnet in einer Zeit erfolgte, in der Politik und Wirtschaft über eine stärkere Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene diskutierten.

Niesky verfügte über erfahrene Fachkräfte und Spezialwissen im Bau von Güterwagen und Eisenbahnkomponenten.

Mit der Stilllegung gingen nicht nur Arbeitsplätze verloren. Auch ein Teil dieses Wissens und der gewachsenen industriellen Strukturen verschwand aus der Stadt.

Nach der Schließung wurden Produktionsanlagen abgebaut und teilweise in die Slowakei verlagert.

Eine einfache Wiederaufnahme der früheren Güterwagenfertigung ist damit nicht möglich.

Neuer Eigentümer aus der Oberlausitz übernimmt das Gelände

Im September 2025 wurde bekannt, dass das ehemalige Waggonbaugelände einen neuen Eigentümer gefunden hatte.

Zunächst hielt die Stadtverwaltung den Namen des Käufers zurück. Bekannt war lediglich, dass es sich um einen Unternehmer aus der regionalen Metallbaubranche handeln sollte.

Beim Neujahrsempfang der Stadt im Januar 2026 wurde schließlich bekannt gegeben, wer hinter dem Erwerb steht: der Oberlausitzer Unternehmer Tino Frindt.

Frindt ist mit mehreren Unternehmen der regionalen Metallverarbeitung verbunden, darunter die Gebrüder Frindt GmbH und die Amboss Metallteile GmbH.

Oberbürgermeisterin Kathrin Uhlemann und Landrat Stephan Meyer verbanden mit dem Eigentümerwechsel die Hoffnung auf eine Wiederbelebung des traditionsreichen Industrieareals.

Insbesondere die Schaffung neuer Arbeitsplätze steht dabei im Mittelpunkt.

Welche konkreten Produktionsbereiche der neue Eigentümer langfristig aufbauen möchte, war zum Zeitpunkt der Bekanntgabe allerdings noch offen.

Auch eine verbindliche Zahl neuer Beschäftigter oder ein fester Termin für den Beginn einer dauerhaften Produktion wurden zunächst nicht genannt.

Die Übernahme ist dennoch ein wichtiger Schritt: Das Gelände hat wieder einen Eigentümer mit wirtschaftlichen Verbindungen in die Region.

Alstom bringt Schienenfahrzeuge nach Niesky zurück

Eine besonders bemerkenswerte Entwicklung wurde im Februar 2026 bekannt.

Der internationale Schienenfahrzeughersteller Alstom hat Teile des ehemaligen Waggonbauwerks angemietet und dort eine gewerbliche Tätigkeit angemeldet.

Hintergrund ist die hohe Auslastung des Alstom-Werks in Bautzen.

Weil dort die vorhandenen Flächen für die anstehenden Arbeiten nicht ausreichen, nutzt der Konzern Niesky als zusätzlichen Standort für die Fertigstellung von Schienenfahrzeugen.

Damit kehrt ein Stück Eisenbahnindustrie an den traditionsreichen Produktionsstandort zurück.

Allerdings handelt es sich nicht um eine Wiedergründung des früheren Waggonbauunternehmens.

Nach den im Februar bekannt gewordenen Plänen sollen Beschäftigte aus dem Alstom-Werk Bautzen in Niesky tätig werden.

Es geht zunächst um eine ergänzende Nutzung der vorhandenen Hallen, nicht um den Aufbau einer neuen, eigenständigen Güterwagenproduktion.

Die Auslastung bei Alstom war nach Unternehmensangaben so hoch, dass zusätzliche Kapazitäten mindestens bis 2027 benötigt werden könnten.

Für Niesky zeigt diese Entwicklung, dass die früheren Industrieflächen weiterhin für moderne Fertigungsprozesse geeignet sind.

Ob daraus langfristig neue Arbeitsplätze unmittelbar am Standort entstehen, bleibt jedoch abzuwarten.

Zwischen Denkmalschutz und neuer industrieller Nutzung

Die Wiederbelebung des früheren Waggonbaugeländes ist mit mehreren Herausforderungen verbunden.

Teile der historischen Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Das industrielle Erbe soll erhalten bleiben, gleichzeitig müssen die vorhandenen Anlagen an die Anforderungen moderner Produktionsunternehmen angepasst werden.

Hinzu kommen mögliche Fragen zur Altlastensituation und zu erforderlichen Genehmigungen.

Der Landkreis Görlitz hat bereits signalisiert, notwendige Verwaltungsverfahren im Rahmen seiner Möglichkeiten unterstützen zu wollen.

Für Investoren bietet das Areal dennoch wichtige Voraussetzungen. Niesky verfügt über eine lange Tradition im Metall- und Stahlbau, erschlossene Gewerbeflächen und eine industrielle Infrastruktur.

Auch die Möglichkeit einer Bahnanbindung macht die vorhandenen Flächen für Unternehmen interessant, die große Bauteile oder schwere Produkte transportieren müssen.

Der entscheidende Vorteil liegt jedoch in der industriellen Erfahrung der Region.

Niesky ist kein Standort, an dem eine Fertigungstradition erst geschaffen werden muss. Über Generationen hinweg wurden hier Menschen in technischen und handwerklichen Berufen ausgebildet.

Ein Teil dieser Kompetenzen ist weiterhin in der regionalen Wirtschaft vorhanden.

Niesky bleibt eine Stadt mit industriellen Wurzeln

Der Waggonbau war zwar eines der bekanntesten Unternehmen der Stadt, aber keineswegs ihr einziger Industriebetrieb.

Bis heute gibt es in Niesky unter anderem den Stahl- und Brückenbau, die Möbelproduktion und weitere mittelständische Unternehmen.

Besonders die Metallverarbeitung prägt weiterhin den Wirtschaftsstandort.

Auch die Möbelwerke Niesky haben eine schwierige Phase durchlaufen. Nach der Insolvenz der bisherigen Unternehmensgruppe gelang im August 2025 eine Übernahme durch neue Investoren.

Damit konnte ein weiterer traditionsreicher Industriebetrieb mit knapp 70 Beschäftigten erhalten werden.

Die Entwicklung zeigt, wie stark die wirtschaftliche Zukunft kleinerer ostdeutscher Städte von der Stabilität einzelner Unternehmen abhängen kann.

Anders als große Wirtschaftszentren verfügen Städte wie Niesky nur über eine begrenzte Zahl industrieller Arbeitgeber.

Die Schließung eines größeren Betriebes hat deshalb Auswirkungen, die weit über die unmittelbar betroffenen Beschäftigten hinausreichen.

Verlorene Ausbildungsplätze, geringere Kaufkraft und die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte können die wirtschaftliche Entwicklung über Jahre beeinflussen.

Ein historischer Güterwagen erinnert an die Vergangenheit

Dass der Waggonbau für Niesky mehr bedeutet als nur eine ehemalige Produktionsstätte, zeigt ein historisches Fahrzeug an der Muskauer Straße.

Im April 2024 ließ die Stadt einen Güterwagen aus dem Jahr 1919 an einen neuen Standort versetzen.

Das Fahrzeug wurde auf einem historischen Gleis aus dem Jahr 1894 aufgestellt und erinnert heute an die lange Geschichte des Schienenfahrzeugbaus.

Für ehemalige Beschäftigte ist der Wagen ein sichtbares Zeichen ihrer beruflichen Lebensleistung.

Er erinnert an die Menschen, die in den Werkhallen ausgebildet wurden, jahrzehntelang arbeiteten und mit ihren Produkten die Industriegeschichte der Oberlausitz prägten.

Der Erhalt solcher Zeugnisse ist auch deshalb von Bedeutung, weil nach der Schließung des Werks zahlreiche Produktionsanlagen verschwanden.

Die Erinnerung an den Waggonbau bleibt damit Teil des Stadtbildes.

Wird aus dem ehemaligen Waggonbau wieder ein bedeutender Arbeitgeber?

Drei Jahre nach der Schließung zeichnet sich zumindest eine neue Perspektive für das Industrieareal ab.

Mit dem regionalen Unternehmer Tino Frindt gibt es einen Eigentümer, der eine wirtschaftliche Nachnutzung ermöglichen könnte.

Die zeitweise Nutzung durch Alstom zeigt zudem, dass die vorhandenen Hallen weiterhin für Arbeiten an Schienenfahrzeugen infrage kommen.

Dennoch sind wichtige Fragen offen.

Wie viele dauerhafte Arbeitsplätze entstehen tatsächlich? Welche Produktionszweige werden langfristig auf dem Gelände angesiedelt? Und können ehemalige Beschäftigte oder junge Fachkräfte aus Niesky von einem industriellen Neustart profitieren?

Bisher gibt es keine bestätigte Perspektive, wonach die frühere Güterwagenproduktion in ihrer ursprünglichen Form wiederaufgenommen werden soll.

Die Entwicklung des Standorts wird deshalb nicht allein daran zu messen sein, ob erneut Maschinen in den Hallen laufen.

Entscheidend ist, ob daraus eine langfristig tragfähige wirtschaftliche Struktur entsteht.

Die Zukunft des Industriestandorts ist noch nicht entschieden

Niesky steht beispielhaft für viele kleinere Industriestädte Ostdeutschlands, in denen traditionsreiche Betriebe nach der Wiedervereinigung mehrfach verkauft, umstrukturiert oder geschlossen wurden.

Die wirtschaftliche Vergangenheit lässt sich nicht einfach zurückholen. Doch vorhandene Industrieflächen, regionale Unternehmer und qualifizierte Fachkräfte können die Grundlage für neue Entwicklungen bilden.

Der ehemalige Waggonbau ist dafür ein besonders sichtbares Beispiel.

Was einst ein großer Produktionsstandort für Güterwagen war, könnte sich künftig zu einem vielseitig genutzten Industrieareal entwickeln.

Ob dieser Wandel gelingt, hängt von tragfähigen Investitionen, dauerhaften Aufträgen und neuen Beschäftigungsmöglichkeiten ab.

Die Geschichte des Waggonbaus Niesky ist damit nicht einfach abgeschlossen. Zwar gehört die frühere Güterwagenfertigung der Vergangenheit an. Doch auf dem traditionsreichen Gelände entscheidet sich weiterhin ein Stück der industriellen Zukunft der Oberlausitz.

Themen: StrukturwandelOberlausitzArbeitsplätzeIndustriegeschichteNieskyAlstomWaggonbauTino FrindtSchienenfahrzeugbau

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